sofa die ennomane

20. Oktober 2015

Er ist ja kein Nazi, aber…

tl;dr: Manchen Leuten ist es sehr wichtig, dass bestimmte AfDler, Pegidioten und Volkspfosten nicht „Nazi“ genannt werden.

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Gerade geistert dieser wahrscheinlich gut gemeinte Artikel aus der „Zeit“ herum. Er warnt davor, AfD-Frontmann Höcke als Nazi zu bezeichnen, denn das sei irgendwie gefährlich. Wer sich die Mühe macht, den Artikel zu Ende zu lesen, erfährt, dass er eher der „Neuen Rechten“ zuzuordnen sei, und was aber auch böse sei.

Solche Artikel sind durchaus gefährlich – insbesondere für die flüchtigen Leser (das sind die meisten) ihre Überschriften. Sie suggerieren vor allem, dass jemand „kein Nazi“ sei. Vielleicht ist er irgendwas anderes, vielleicht auch was schlimmes, aber immerhin, kein Nazi, da kann man ja schonmal beruhigt aufatmen. Dabei ist es genau das völkische Denken des 19. Jahrhunderts, das direkten Weges zum Nationalsozialismus geführt hat. Völkisches Denken vor 1933, völkisches Denken heute und der Nationalsozialismus sind nicht getrennt voneinander zu denken. Vielleicht richtet es sich statt gegen Juden heute eher gegen Muslime. Sicherlich wird nicht mehr von „fremden Rassen“ gesprochen sondern von „nicht integrierbaren Kulturen“. Die Soße bleibt die gleiche. Dass sie so harmlos und bürgerlich wirken, macht sie umso gefährlicher. Deshalb ist es so wichtig, auch diese Menschen als das zu bezeichnen, was sie sind: Nazis.

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Im Text finden sich dann auch allerlei Perlen wie: „Schon habituell lässt Höcke, Gymnasiallehrer, vier Kinder, Anzug und Krawatte, den Nazi-Vorwurf an sich abgleiten. Er drückt sich viel zu distinguiert aus, jedenfalls wenn er in einem Fernsehstudio sitzt.“ Als ob Göbbels keine Schar von Kindern gehabt (und umgebracht) hätte. Als ob Hitler und seine Spielgesellen damals ausgesehen hätten wie heute Nazi-Skins. Als ob es reicht, sich einen Anzug anzuziehen und etwas gepflegter auszudrücken und: Schwups! Kein Nazi mehr.

Was mich wundert und verstört: Die vielen sonst eher unverdächtigen oder ihrer eigenen Meinung nach nicht rechts stehenden Menschen, die offenbar ein großes Bedürfnis haben, irgendwelche braunen Brandstifter vor dem Nazi-Vorwurf verteidigen zu müssen. Sie sind diejenigen, die helfen „ich bin ja kein Nazi, aber…“ salonfähig zu machen. Die es mit ihrer Verharmlosung den Nazis ermöglichen, dass Nazi-Denken – hübsch verklausuliert und modernisiert – in die Mitte der Gesellschaft getragen werden kann.

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Update: Lest dazu bitte auch diesen Blogpost von Thomas Stadler: „Wer ist eigentlich das Volk?“

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Kommentare

  1. Comment von Sarina | 21. Okt. 2015 um 10:32:22

    Danke sehr! Genau meine Gedanken beim Lesen des Staud-Artikels. Allein schon der Gymnasiallehrer-Satz löste fassungsloses Facepalming aus. Und warum es so wichtig sein soll, dasselbe Gedankengut mit einem anderen Namen zu versehen, machte mir auch der restliche Artikel nicht argumentativ klar (außer: „Die wollen das nicht.“).
    Diese Debatte zu führen, mag in zehn bis zwanzig Jahren im Elfenbeinturm (soll heißen mit zeitlicher und personeller Distanz) eine Berechtigung haben.

  2. Comment von bernd | 21. Okt. 2015 um 10:50:42

    Die vielen sonst eher unverdächtigen oder ihrer eigenen Meinung nach nicht rechts stehenden Menschen, die offenbar ein großes Bedürfnis haben, irgendwelche braunen Brandstifter vor dem Nazi-Vorwurf verteidigen zu müssen. Sie sind diejenigen, die helfen „ich bin ja kein Nazi, aber…“ salonfähig zu machen.

    das ist typische links-rethorik und rabulistik: jetzt, wo sie gemerkt haben, das sie den begriff „nazi“ durch inflationären gebrauch völlig verwaschen haben und dieser keine wirkung mehr erzielt, suchen sie die schuld dafür natürlich bei anderen.

  3. Comment von ClaudiaBerlin | 21. Okt. 2015 um 12:18:35

    Den ZEIT-Artikel zu Höcke hab‘ ich auch geteilt. Aber nicht, weil ich zum Verharmlosen von Höcke et al beitragen wollte, sondern weil ich es wichtig finde, sich mit den Strukturen, Erscheinungsformen und Ideologien der Rechten und Rechtsradikalen auseinander zu setzen.

    Man muss denen auch geistig Paroli bieten – und dazu reicht es nicht, einfach das Nazi-Label drauf zu pappen und für Repression auf allen Ebenen einzutreten. Bloß weil wir eine Geschichte im Umgang mit „Nazitum“ haben, heißt das nicht, dass alle Heutigen diese Geschichte verinnerlicht oder auch nur präsent haben!

    Der verlinkte Artikel „Wer ist eigentlich das Volk?“ klingt von der Überschrift her, als würde eine inhaltliche Auseinandersetzung mit diesem Begriff folgen. Leider ist dem nicht so, darauf wird gar nicht eingegangen.

    Ich denke, es ist unverzichtbar, die rechten „Buzzwords“ alle erneut zu dekonstruieren – in jeder Generation wieder! Von selber tradiert sich da nichts, bzw. oft nur in Form von „linken Tabus“: man sagt nicht Volk, sondern Bevölkerung etc.

  4. […] oder weniger prominenten Radikalrechten Nazis sind oder nicht, der Artikel wurde sehr oft geteilt. Bei der Ennomane kann man eine Gegenposition lesen, der Zeit-Artikel, um den es geht, ist dort ebenf…. Der in den Texten gemeinte Björn Höcke spielt auch eine Rolle in diesem Kommentar in der […]

  5. Comment von Dominik | 10. Nov. 2015 um 13:38:49

    Ja, wie ich in meinem Blogeintrag herausarbeite, sind aus meiner Sicht die Nazis eher vor der eigenen Angst vor ihrer
    Homosexualität geprägt, während das Ziel der konservativen eher die Unterdrückung der Sexualität der Frau war. Entsprechend finde ich es witzig, dass die neuen Konservativen, die ja eigentlich Rechte sind, zur „Rettung“ der weiblichen Muslima auf die Straße ziehen. Das ist wohl das Ende der Logik.


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