sofa die ennomane

24. August 2015

Nazis beschimpfen

tl;dr: Nazis sind nicht dumm, fett, psychopathisch, behindert oder autistisch sondern Nazis.

nazikacke

In meiner Timeline auf Facebook und Twitter macht sich Wut breit – Wut auf Nazis, Fremdenfeinde und geistige Brandstifter. Das ist gut. Dabei kommt auch eine bisweilen lustige Ansammlung von Schimpfwörtern zusammen. Das ist aber nur auf den ersten Blick amüsant, denn…

Nazis sind nicht „dumm“. Wahrscheinlich sind viele Nazis wirklich „dumm“, aber die Definition von IQ ist, dass die Hälfte der Menschheit weniger schlau ist als der Durchschnitt. Dafür kann sie nichts. Es gibt auch ausgesprochen intelligente Nazis, genauso wie es sehr viele „dumme“ Menschen gibt, die die Gutmütigkeit selbst sind. „Dumm“ zu nennen, was eigentlich „bösartig“ ist, verharmlost Nazis und macht sie zu ein paar unschuldigen Jungs, die halt „Dummheiten“ begehen.

Nazis sind nicht fett. Kann sein, dass Nazis überdurchschnittlich dick sind – manche Bilder lassen das vermuten – allerdings essen dicke Menschen zuviel, treiben zu wenig Sport, haben eine Essstörung oder einfach nur eine ungünstige genetische Veranlagung. Jedenfalls: auch sie können wenig bis nichts dafür.

Nazis sind nicht psychopathisch. Natürlich habe ich keine Zahlen. Vielleicht ist eine psychische Störung bei einigen Voraussetzung dafür, das nötige Gespinst aus Verschwörungstheorien und Menschenfeindlichkeit zu entwickeln, um Nazi zu sein, aber psychische Störungen sind einfach nur eine Krankheit. Den Begriff ihrer Krankheit als Schimpfwort zu verwenden, hilft nicht gegen Nazis, trägt aber dazu bei, kranke Menschen zu stigmatisieren. (Gegenprobe: Einfach mal schauen, wie das klingt, Nazis als „Diabetiker“, „MS-Patienten“, „Grippale“ oder „Krebskranke“ berschimpfen. Funktioniert nicht? Bingo!)

Nazis sind nicht autistisch. Autismus hat nämlich nichts mit Empathielosigkeit und Menschenfeindlichkeit zu tun. Autisten haben eine Störung in der Reizverarbeitung ihres Gehirns, die unter anderem dazu führt, dass sie oft Schwierigkeiten haben, die Emotionen ihrer Mitmenschen intuitiv zu lesen. Sie zünden aber deshalb keine Flüchtlingsunterkünfte an, unter anderem, weil sie sehr wohl zu Empathie fähig sind und sich dabei auch größte Mühe geben.

Nazis sind auch keine „Spasten“. Spastiker sind Menschen mit neurologisch bedingten Lähmungen oder Störungen, was zu Fehlhaltung, eingeschränkter Beweglichkeit und Problemen unter anderem bei der Artikulation führt. Hat nebenbei übrigens gar nichts mit Intelligenz zu tun. Spastiker gehören zu den Behinderten, die selber gerne von Nazis verjagt werden.

(Übrigens sind Nazis auch keine Sachsen. „Sachse“ wird seit Ulbricht zwar auch ganz gerne benutzt, um sich über andere Menschen lustig zu machen, und sicher haben wir eine prägnante Häufung in Sachsen, was Rechtsradikalismus betrifft, allerdings leben sehr viele Leute in Sachsen, die angesichts der Situation in ihrem Bundesland schier verzweifeln. Für die ist es sicherlich ganz besonders hilfreich, jetzt mit all den Nazis in einen Topf geworfen zu werden.)

Warum ich das schreibe? Zwei Gründe:

All diese Schimpfwörter machen Schubladen auf: Sie bezeichnen Randgruppen, die im Ansehen der Gesellschaft so niedrig stehen, dass es offenbar okay zu gehen scheint, sie als Schimpfwort zu benutzen. Darin liegt schon der Keim des Denkens, sich besser als andere zu fühlen. Und genau das ist schon der erste Schritt in Richtung Nazi: Sie sind Möchtegern-Übermenschen. Sie haben das Ideal des schönen, blonden, nordischen Ariers und ihr Lieblingshobby ist, aggressiv alle anderen scheiße zu finden, die nicht diesem Ideal entsprechen und sie das möglichst auch körperlich fühlen zu lassen – zum Beispiel unter Anwendung von Baseballschlägern. Menschen, die behindert sind, krank, zu dick, insgesamt nicht leistungsfähig oder sonst wie nicht ihren Idealen entprechen, nennen sie „Volksschädlinge“ und wenn sie könnten, würden sie sie gerne vergasen oder wenigstens in Lager sperren. Natürlich ist es lustig, anzusehen, wie wenig der jämmerliche, grölende Haufen mit diesem Ideal des „Herrenmenschen“ gemein hat genauso wie es „lustig“ ist sich anzusehen, wie wenig „arisch“ Hitler und seine Spießgesellen aussahen – trotzdem ist niemand auf die Idee gekommen, sie zum Beispiel als jüdisch zu beschimpfen. Aus Gründen.

Das andere ist: Wer Nazis als „dumm“, „Autist“, „Psychopath“, „fett“ oder „Spast“ beschimpft, stigmatisiert nicht eine Reihe von Menschen, die von gesellschaftlichen Idealen abweichen, sondern verharmlost, dass Nazis vor allem eins sind: Empathiefreie Arschlöcher, Unmenschen, gewalttätige Menschenhasser, sich selbst als Opfer stilisierende Großtuer, Popelgourmets die ihren Mitmenschen nicht das Schwarze unter den Fingernägeln gönnen, respektlose Kleingeister, intolerante Gartenzwergzüchter, für die alle Menschen genau so leben müssen, wie sie selber es für richtig halten, sture, argumentresistente Schwadronierer, von denen wir gar nicht wissen, ob sie zuhören können, weil sie deutlich zeigen, dass sie nicht zuhören wollen, dreiste Wortverdreher, die sich buttersanft „besorgte“ Bürger nennen und ihre Ansichten mit „Ich bin ja kein, Nazis, aber…“ kaschieren, weil sie eben ganz genau wissen, dass sie eigentlich antisoziale Arschlöcher sind – oder eben ganz einfach: Nazis.

Das sind doch viel schönere Schimpfwörter, oder?

Update: Einige stören sich an den Begriff „Unmensch“. Ich würde damit den Nazis die Menschlichkeit absprechen.Vielleicht gibt es verschiedene Auffassungen dieses Begriffs. Abgesehen davon, dass ich seltsam finde, dass Leute ausgerechnet dann solche Feinheitheiten hervorkramen, wenn es um Nazis geht, verweise ich auf den Duden und möchte mich auch so verstanden wissen: „grausam gegen Menschen oder Tiere, ohne (bei einem Menschen zu erwartendes) Mitgefühl“.

Update: Einigen fehlt hier „besorgte Bürger“. Das ist allerdings kein Schimpfwort, obwohl es auf dem besten Wege ist, sich dorthin zu entwickeln.

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Kommentare

  1. Comment von Christof | 24. Aug. 2015 um 13:34:21

    Moment, es gibt auch Arschlöcher, die keine Nazis sind (Nur um mal deine Argumente aufzugreifen!)

  2. Comment von Alma Redzic | 24. Aug. 2015 um 14:00:54

    Grossartiger Artikel. Ausser am Schluss die Nazis als Unmenschen zu betiteln, da tust du genau das, was sie tun, nämlich andere Menschen zu Unmenschen degradieren. Damit bin ich nie einverstanden, egal wie seeeeeeeeehr gewisse Menschen Arschlöcher sind.

  3. Comment von Thomas Pfeiffer | 24. Aug. 2015 um 15:41:04

    Ich habe bei „Unmensch“ auch erstmal gestockt, habe mir dann aber nochmal die Bedeutung des Wortes vergegenwärtigt (über die Verwandtschaft mit „unmenschlich“) und dann wurde klar, was du damit meinst.
    Ich vermute mal, dass das vor allem deshalb erstmal extrem wirkt, weil es so sehr nach dem bei den Nazis so beliebten „Untermensch“ klingt, und das meinte ja nun tatsächlich etwas völlig anderes.

    Was mich persönlich aber stört ist „Gartenzwergzüchter“. Ich weiß nicht, ob die Korrelation zwischen „Nazi“ und „Sachse“ kleiner ist als die Korrelation zwischen „Nazi“ und „Gartenzwergzüchter“. Somit ist das eine ein genauso unsinniger Schluss wie das andere.
    Also ja, viele Menschen, die viele Gartenzwerge besitzen, mögen Kleingeister sein, aber vom bloßen Ausüben eines harmlosen Hobbies auf Nazitum zu schließen, ist dennoch harsch.

  4. Comment von Christine | 24. Aug. 2015 um 16:13:11

    Zentrales Problem an der Sache ist in meinen Augen, dass ein Nazi sich in den seltensten Fällen selbst als solcher bezeichnen würde. Deshalb wird er sich die ganzen „Nazis sind Arschlöcher“-Schuhe gar nicht anziehen wollen.

  5. Comment von Enno | 24. Aug. 2015 um 16:16:13

    @Thomas Ich denke, für kleinbürgerliche Brandstifter, die zustimmend nicken, wenn Nazis ihre Ansichten in praktischen Taten ausführen, taugt die Metapher ganz gut. Ich arbeite aber schon an einem noch längeren Blogpost mit ausführlicher Nonpology an alle gutwilligen Gartenzwergfreunde. ;)

  6. Comment von Michael | 24. Aug. 2015 um 16:22:19

    Also ich mag mein Arschloch. Es leistet mir seit jeher treue Dienste. Nur weil es einen vermeintlich dreckigen Job hat, möchte ich es nicht im Zusammenhang mit kriminellen Terroristen gebracht sehen. Und auch meine Exkremente stehen in Gehalt und Nützlichkeit weit über allem, was ein Nazi je sein könnte.
    Nur mal so…

  7. Comment von formschub | 24. Aug. 2015 um 17:06:46

    Und noch etwas Wortklauberei: ich bin nicht der Meinung, dass das Prädikat »dumm« gleichzusetzen ist mit einem Mangel an Intelligenz. Es gibt z.B. jedes Jahr etliche Abiturienten, die sich oder Anderen an ihrer Schule durch »dumme« Streiche Schaden zufügen. Dumm kann auch leichtsinnig, unbedacht, töricht oder übermütig sein, obwohl der Handelnde kein unintelligenter Mensch ist. Der Unwille vieler rechter Sympathisanten, sich mit Fakten auseinanderzusetzen und wissenschaftliche Erkenntnisse anzuerkennen, die eindeutig für Zuwanderung und gegen Fremdenhass sprechen ist nicht gleichzusetzen mit intellektuellem Unvermögen. Er ist eine ideologisch motivierte Weigerung – und die ist m.E. ziemlich dumm.

  8. Comment von Mela | 24. Aug. 2015 um 17:34:09

    Gartenzwerge haben übrigens einen phrygischen Migrationshintergrund.

  9. Comment von jeany | 24. Aug. 2015 um 18:15:14

    Eine Kategorie die man noch erwähnen könnte: Negativ gesehene Äußerlichkeiten.

    Viele beschimpfen Nazis nicht nur mit den genannten Kategorien, sondern noch mit Attributen dazu. Da ist er plötzlich „hässlich“, das fällt in die gleiche Schublade wie dumm.
    Hässlichkeit ist nicht objektiv messbar, die meisten Vorwürfe würden bei einem neutralem Test mit Foto und ohne Geschwätz wahrscheinlich nicht standhalten und selbst wenn wäre es nichts wofür man jemanden verurteilen sollte.

    Und auch Beschimpfungen wie „Hast nen Kurzen (Schwanz)“, „unterfickt“, „dich will keine“, „Versager im Bett“ sind oberflächlich, sicherlich häufig falsch und vor allem keine Beschimpfungen die man nutzen sollte.
    Man muss sich nur einfach mal vorstellen, jemand sagt z.B. einem Behinderten „Dich will keine, weil du im Bett nix leisten kannst, du Versager, klar dass du unterfickt bist“. Da würde man zu Recht protestieren, dass das alles keine Dinge sind, die man jemandem vorwerfen darf. Denn es ist ja ein Nachteil der einem Leid tun sollte, wenn der Behinderte es offensichtlich schwer hat Sex zu haben.
    Wenn dem so ist, gehört das ganze in die Schublade von bösartigen Beleidigungen, die nicht sachlich sind. Und damit auch nicht Nazis vorgeworfen.

    Gerade bei dem Thema fällt mir auf, letztens noch den Slogan „Kein Sex mit Nazis“ gelesen zu haben. Der ist aus einem anderem Grund völlig daneben. Erstens wird Sex als Machtmittel eingesetzt. Kein Sex mit Nazis? Ist Sex eine Belohnung, eine Mittel zur Bestechung oder wird für Erpressung genutzt, oder wie ist der Slogan zu verstehen?
    Aber vor allem rückt der Gedanke in den Hintergrund „Gar nichts mit Nazis!“, es wird also ein Argument gegen eine Beziehung, ja auch gegen Freundschaften auf „Kein Sex“ reduziert. Damit reduziert die Person selber sich auf Sex, denn anscheinend ist ihr Statement ja „Was ich zu bieten habe ist Sex, und den biete ich Nazis nicht“.
    Das ist ein falsches Zeichen. In dem Sinne: Kein Umgang mit Nazis. Bleibt mir fern!

  10. Comment von Enno | 24. Aug. 2015 um 18:19:12

    @formschub Ja, sicherlich hat „dumm“ auch diese Konnotationen. Wenn es nicht nur so elend verharmlosend wäre, „dumm“ zu nennen, was „bösartig“ ist. Da werden die Nazis ganz schnell zu ein paar unschuldigen Jungs, die halt „Dummheiten“ begehen.

  11. Comment von Thomas Pfeiffer | 24. Aug. 2015 um 18:46:53

    @Enno: Ich bin gespannt :)

  12. Comment von T. R. Brandt | 24. Aug. 2015 um 19:04:28

    Erfreulich, vernünftige Gedanken zu dem Thema zu lesen.

    Störe mich aber ebenfalls an ›Unmensch‹. Grund: Das Wort funktioniert analog nationalsozialistem Vokabular, das auf apodiktische Aus- & Abgrenzung zielt – per Präfix ›un‹. Vgl. ›undeutsch‹, ›unvölkisch‹ etc., aber auch: ›nicht-arisch‹ etc.
    Dieses abgrenzende Sprachmuster ist im Wortsinne diskriminierend. Der Gestus des Diskriminierens & Diskreditierens in toto ist nun wiederum totalitär. Das Totalitäre ist die Mutter aller Schubladen :)

  13. Bob
    Comment von Bob | 24. Aug. 2015 um 19:14:46

    Die gleiche Argumentation, die du auf „Dumme“ anwendest (sie können nichts dafür), greift auch für Nazis: Sie sind aufgrund bestimmter Umstände zu dem geworden, was sie sind. Oder sind sie vom Himmel gefallen?

    Sich von ihnen abzugrenzen durch Schimpfworte oder Null-Kontakt ist nicht zielführend in Richtung „bessere“ Welt, denn dadurch wird keine Veränderung des Nazi erreicht, im Gegenteil manifestiert er sich eher. Ich denke, Zuneigung, Liebe, Konzentration auf seine positiven Eigenschaften, über die er zweifelsohne verfügt, könnte aus ihm schneller als geglaubt einen Ex-Nazi machen.

  14. Comment von T. R. Brandt | 24. Aug. 2015 um 19:30:10

    Vergessen: ›empathiefrei‹ – daran störe ich mich immer wieder. Grund: Man mag streiten, ob etwa Autisten ›empathiefrei‹ sind oder anders empathisch als andere. Aber: Ich muss keine Empathie haben, um Mensch zu sein. Ich sollte aber vernünftig sein, um ethisch vertretbar zu handeln. Übrigens kann man auch sehr empathisch & Serienkiller sein … Ich glaube, was mich hieran stört, ist der Geschmack von … einer Art materialem Wert. Dergleichen lässt sich ja nicht rational begründen. Und mit ›Empathie‹ als positivem Wert – kommt man schnell in die Nähe einer ›Empfindungsmoral‹. Empfindungen haben auch Nazis; sehr starke sogar … Darum sollten in dieser Richtung keine Wert-Vor-Urteile zu stehen kommen.

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