sofa die ennomane

3. April 2015

Tanzverbot, die Eintausenddrölfzigste

tl;dr: Karfreitag ist ein Gedenktag für Nicht-Christen

karfreitag

Am Karfreitag über das Tanzverbot zu meckern, ist mittlerweile ein Ritual, das viele Menschen nervt. Claudia Häßy hat das auf ihre ganz besonders charmante Art zusammengefasst. Allerdings gibt es da wohl ein paar Missverständnisse:

Missverständnis Nummer 1: Nein, natürlich habe ich heute nicht vor, tanzen zu gehen. Darum geht es auch gar nicht. Es geht darum, dass eine religiöse Gruppe (je nach Lesart eine knappe Mehrheit oder große Minderheit) es schafft, dem Rest der Gesellschaft ihre Regeln aufzudrängen. Der Karfreitag ist per Gesetz zu einer Art Volkstrauertag erklärt worden, und alle müssen sich dran halten, egal wie sie zum Christentum stehen. Wie groß wäre der Aufschrei, wenn wir plötzlich irgendwas nicht mehr tun dürften, weil – sagen wir – ein islamischer Feiertag es verbietet? Natürlich ist das Tanzverbot an Karfreitag eine Lappalie. Es ist aber eine Metapher, die für mehr steht. Für konfessionelle Schulen, die nichtchristliche Migrantenkinder ausgrenzen; für ein Spezialarbeitsrecht, das es kirchlichen Trägern erlaubt, ihre Mitarbeiter auf eine Weise auszubeuten, von der andere Arbeitgeber nur träumen können;  für allerlei kirchliche Einrichtungen bis hin zu Bischofsgehältern, die nicht von der Kirche und auch nicht aus der Kirchensteuer sondern vom Staat bezahlt werden; usw. usw. usw. Es geht darum, dass die beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland Privilegien genießen, die ungerecht gegenüber all denjenigen sind, die damit nichts zu tun haben (wollen).

Missverständnis Nummer 2: Mit Atheismus hat das ganze nur am Rande zu tun. Es ist egal, ob du Atheist bist, Jude, Moslem, Buddhist, Anhänger einer Freikirche, Mormone, Neuheide oder Pantheist: Dein Glaube ist Privatsache und ob die Ausübung deiner Religion zu deinen Arbeitszeiten oder irgendwelchen Gesetzen passt, interessiert (zu recht) kein Schwein. Außer du bist zufällig evangelischer oder katholischer Christ. Der Karfreitag mit seinem Tanzverbotsbeschimpfungsritual ist ungewollt zu einem Gedenktag dafür geworden, dass Deutschland kein säkularer Staat ist – und einer vor dem nicht alle gleich sind.

Eine faire Regelung wäre: Abschaffung all dieser Privilegien und Feiertage. Gebt den Leuten stattdessen ein paar Urlaubstage mehr und das verbriefte Recht, an den Feiertagen ihrer Religion freizunehmen, auch wenn dem Arbeitgeber das nicht passt. Wer’s nicht braucht, hat halt im Sommer ne Woche mehr auf Malle. Ich bin mir sicher, dass eine solche Regelung nicht nur arbeitnehmer- sondern auch arbeitgeberfreundlich wäre, wenn Leute an bestimmten Tagen fehlen, während sie dafür sicher gerne freiwillig an Tagen arbeiten, an denen Christen die Geburt, den Tod oder die Auferstehung Jesu mit Fressorgien und „Die Hard 17“ auf Sat.1 feiern wollen.

P.S.: Menschen für die Inhalte ihrer Religion auszulachen, ist im Rahmen dieser Debatte eher so mittel erfolgversprechend.

P.P.S.: Ach und über den Sonntag reden wir besser ein andermal.

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Kommentare

  1. Comment von evante | 03. Apr. 2015 um 14:41:11

    Danke! Insbesondere das „Urlaubstage“ Thema spiegelt einen genialen Lösungsansatz wider!


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