Oertels Augenbrauen

tl;dr: Lookism ist scheiße, egal wer angegriffen wird.

rasierer

Einer der größten Schenkelklopfer im Netz ist derzeit ein Schminktipp-Video, das Pegida-Frontfrau Kathrin Oertel verhöhnt. Im wesentlichen geht es um tätowierte Augenbrauen. Ich finde sowas zwar auch ästhetisch fragwürdig, wenn frau nicht gerade Marlene Dietrich heißt, mag aber trotzdem nicht in das Gelächter einstimmen. Die Oertel kann nämlich herumlaufen wie sie will. Punkt. Es ist einfach billig, jemanden für sein oder ihr Aussehen auszulachen. Das ist ungefähr so heldenhaft, wie auf dem Schulhof die kleinen Kinder zu verhauen.

Neulich ging es um „fette Nazis“ und ich fragte mich, warum es ausgerechnet unter selbst ernannten Linken plötzlich ok geht, „dick sein“ als Schimpfwort zu benutzen. Auf dem Chaos-Communication-Congress kam Bierzeltathmosphäre im Publikum auf, als beim Thema Biometrie eine Nahaufnahme von Angela Merkels Augenfalten gezeigt wurde, während ich mich fremdschämte: Das ist also die die klugen Köpfe mit ihrer Hacker-Ethik, die angeblich Menschen nur nach dem beurteilen wollen, was sie tun? Etwas besseres fällt denen nicht ein?

Man* kann Nazis dafür auslachen oder bekämpfen, dass sie Nazis sind. Man* kann Kathrin Oertel dafür auslachen, dass sie anscheinend selbst nicht so genau weiß, was Pegida eigentlich will. Man* kann über Merkel sagen, dass sie eine alles aussitzende politische Nullnummer mit Spießer-Wohlfühlfaktor ist. Wer aber anfängt, Menschen dafür auszulachen, dass sie alt sind, Falten haben, übergewichtig sind oder tätowierte Augenbrauen haben, zeigt ganz schnell, wie sozial eingestellt er oder sie wirklich ist. Wieweit das wirklich geht mit dem Respekt für alle, so ganz banal im Alltag.

Nachdenklich macht mich auch der Punkt, dass in allen drei Fällen, die mich veranlassen, diesen Blogpost zu schreiben, Frauen die Zielscheibe des Spottes waren. Es war das Foto einer dicken Nazi-Mitläuferin, über das sich vor einigen Wochen alles lustig machten, es war Angela Merkel, und jetzt ist es Kathrin Oertel. Ich würde am liebsten eine Messreihe starten, wie häufig jeweils Frauen und Männer in solchen Situationen betroffen sind, aber ich ahne die Antwort.

Was aber richtig, richtig bescheuert ist: Die so angegriffenen können sich zurücklehnen. Ich werde für mein Aussehen ausgelacht? Wer mich so angreift, will keinen Diskurs, so jemanden muss ich doch gar nicht ernst nehmen. Zumindestens rhetorisch können sich Nazis, Halbnazis und sonstige Versager moralisch über ihre Gegner stellen, wenn sie auf diese Weise angegriffen werden.

„Fett“ oder „hässlich“ sind keine Schimpfwörter. „Nazi“ ist ein Schimpfwort. Und die Meinung „das sind halt Nazis, mit denen kann man das machen“ zieht nicht, weil es eben nicht darum geht, Nazis oder Bekloppte vor Spott zu schützen, sondern die Menschen, die anders aussehen, sich anders anziehen oder andere Dinge schön finden. Die, die keinen Bock mehr haben, sich als wandelndes Schimpfwort zu fühlen, wenn sie vor die Tür gehen.

Bitte nennt also in Zukunft Nazis, Arschlöcher und Bekloppte einfach Nazis, Arschlöcher und Bekloppte und hört auf, dick, alt oder beliebiges Aussehen, das nicht euren Schönheitsidealen entspricht, zum Schimpfwort zu machen und zum Anlass, sich über andere Menschen lustig zu machen. Sonst werden sich die so beschimpften am Ende bei den Nazis, Arschlöchern und Bekloppten wohler fühlen als bei euch.

Ich glaube, ungefähr so ist auch Pegida entstanden.

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