sofa die ennomane

30. Juni 2013

Gehörlose, das Cochlea-Implantat und ein Genozid

tl;dr: Gehörlose haben eine ganz eigene Sicht auf das Cochlea-Implantat. Das ist mehr als verständlich, von einem „Genozid“ kann aber nicht einmal entfernt die Rede sein.

genozid

Wenn es um das Cochlea-Implantat geht, drehen die Gehörlosen gerne am Rad: Das Implantat sei „technischer Genozid“, und dieses Zitat hat sich Julia Probst nicht einmal selber ausgedacht: Das Wort macht schon länger unter Gehörlosen die Runde – international. Bleibt die Frage: Warum nur? Wer ein wenig die Geschichte der Gehörlosen in Europa kennt und die ganze Angelegenheit aus einer anderen Perspektive betrachtet, wird schnell verstehen.

Auf dem Mailänder Kongress von 1880 wurden pädagogische Leitlinien beschlossen, die dann über 100 Jahre lang in Deutschland und anderen europäischen Ländern galten. Da traf sich die die Zunft der Pädagogen und dachte sich Maßnahmen zur Bildung Gehörloser aus, die von völliger Ignoranz gegenüber ihrer Zielgruppe gekennzeichnet waren. Die These: Gehörlose sollen in einer hörenden, lautsprachlichen Welt klarkommen, weshalb man sie dazu erziehen wollte, selber sprechen zu lernen und per Lippenlesen zu verstehen, was gesprochen wird. In der deutschen Sprache sind aber nur etwa 15% der Wörter einwandfrei anhand des Mundbildes zu identifizieren. Lippenlesen, wie der Laie sich das vorstellt, gibt es nicht. Das Vorhaben war von Anfang an zum Scheitern verurteilt, auch wenn intelligente Gehörlose mit viel Gespür, Kontext und Gewitztheit da sehr weit mit kommen. So konnte ich die Tagesschau mit Dagmar Berghoff weitgehend auch ohne Ton verstehen, solange keine Einspieler kamen.

Die Gebärdensprache war bis in jüngste Vergangenheit von den meisten Linguisten und Fachleuten als primitive Zeichensprache abgetan. Kindern in Internaten für Gehörlosen drohte regelmäßig durchaus die Prügelstrafe, wenn sie beim Gebärden erwischt wurden. Wirklich unfassbar ist, dass sich diese Zustände bis Ende der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts hielten. Wissensvermittlung in einer Sprache, die die Kinder mühelos verstehen, war völlig nachrangig. Gebärdensprache gehört oft bis heute nicht zur Qualifikation eines Gehörlosenlehrers.

Die Herangehensweise hatte zwar auch gute Seiten: Die allermeisten Gehörlosen können heute mehr oder weniger verständlich sprechen und das Wort „taubstumm“ gilt heute als verpönt, weil Gehörlose in aller Regel eben nicht stumm sind. Trotzdem hatte diese Art der Pädagogik fatale Auswirkungen. Gehörlose Kinder schlossen die Gehörlosenschulen mit einem Bildungsniveau ab, das oft kaum ihrer Intelligenz entsprach. Schlimmer: Sie waren bereits in ihrer Kindheit traumatisiert: Von ihnen wird verlangt, was selbst unter großen Anstrengungen nie ganz befriedigend zu leisten ist: In einer hörenden Welt ohne weitere Hilfen klarzukommen, während ihnen klargemacht wurde, dass ihre eigenen Kommunikationsmittel – die Gebärdensprache – gesellschaftlich unerwünscht war.

Der weitere Lebensweg ist für die meisten vorgezeichnet: Sehr schlechte Bildungsmöglichkeiten – wer beispielsweise studieren wollte, musste um jede kleine Hilfe kämpfen – in meinem Studium beispielsweise an der Uni Lüneburg gab es in den Nullerjahren durchaus noch Professoren, die sich einfach weigerten, ein Mikrofon zu tragen, damit ich – an Gehörlosigkeit grenzend schwerhörig – sie besser verstehen konnte. Meist standen oft nur die klassischen Gehörlosenberufe offen, oft weil viele Gehörlose sich kommunikativere Berufe sich selbst nicht zutrauen, schlimmer aber: Sie ihnen auch nicht von Ämtern, Bildungseinrichtungen und Arbeitgebern zugetraut wurden. Wer nichts hört, gilt auch heute noch oft als „doof“. Das hat sich tief in den Mindset gehörloser und schwerhöriger Menschen eingegraben.

Im Schatten dieser Zustände entwickelte sich eine Parallelkultur, die stark von der umgebenden Gesellschaft abgeschottet ist. Etwa 80.000 Menschen in Deutschland, ein Promille der Bevölkerung, spricht die Gebärdensprache. Sie haben ihre eigenen Treffs, ihre eigenen Sportvereine, ihre eigenen kulturellen Codes. Eine eigene Kultur hat sich herausgebildet, die durchaus reichhaltig ist, so gibt es zum Beispiel poetische Gebärdensprache und gebärdete Poetry-Slams, deren Witz und Poesie nur erahnt, wer wenigstens ein paar Einheiten Gebärdensprache gelernt hat. Dennoch ist die Gehörlosenkultur eng mit dem Mainstream verzahnt, schon sprachlich: Das Mundbild deutscher Wörter ist integraler Bestandteil der Gebärdensprache.

Diese Gehörlosenkultur hat aber einen wesentlichen Unterschied zu anderen Subkulturen: Sie ist fast hermetisch abgeriegelt. Ein Migrant in Deutschland kann mit etwas Mühe Deutsch lernen und sich damit verständigen und integrieren, ein Gehörloser kann das aus naheliegenden Gründen nicht, schließlich hört er nichts und ist auf Gebärden- oder Schriftsprache angewiesen. Umgekehrt lernt kaum jemand ohne besonderen Anlass die Gebärdensprache. Integration und Inklusion gestalten sich also mehr als schwierig. Vollkommen verständlich, dass Gehörlose ihre ganz eigene Sicht der Dinge haben und oft feindselig auf eine Gesellschaft reagieren, die sich ihnen gegenüber verschlossen und feindselig, ja unterdrückend gezeigt hat.

Vor etwas mehr als 30 Jahren kamen die ersten Cochlea-Implante auf den Markt. Verglichen mit den heutigen Implantaten und Sprachprozessoren waren sie sehr primitiv. So primitiv, dass man sie nur gehörlosen Menschen einpflanzte – wer noch ein wenig Restgehör hatte, galt noch weit in die 90er Jahre mit einem Hörgerät als wesentlich besser versorgt. Ein erwachsener Gehörloser kann mit diesen Implantaten zwar hören, aber verstehen wird er trotzdem nicht viel. Dem Gehirn fehlt ein entwickeltes Hörzentrum. In den ersten Lebensmonaten und Jahren formt sich das Gehirn aus anhand des Inputs, den es bekommt. Wer in diesen Jahren nicht hören gelernt hat, wird das auch später nicht mehr tun. Was bleiben, sind Geräusche. Das ist mehr als nichts, aber eben nicht ausreichend für ein hinreichendes Sprachverständnis.

Jeder Gehörlose kann also entweder selber eine Geschichte davon erzählen, wie schlecht und enttäuschend diese Implantate sind, oder kennt jemand, der das kann. Das Implantat wird zu einem weiteren Unterdrückungsinstrument, die Fortsetzung der Mailänder Pädagogik mit technischen Mitteln. Damit wird auch verständlich, warum viele Gehörlose so empfindlich reagieren, wenn es um die Frage geht, das Cochlea-Implantat Kindern einzupflanzen: Welch eine Quälerei muss das sein, kleinste Kinder mit diesem Folterinstrument zu malträtieren!

Dabei ist das fatale, dass das Cochlea-Implantat Kleinkindern tatsächlich hilft, zu einem „normalen“ Gehör zu gelangen. Die Erfahrungen in der Berliner Charité sind dahingehend, dass etwa die Hälfte der Kinder mit Implantat später die Regelschule besuchen und in Sprachverständnistest nahezu 100% erreichen. Von einer „Kindheit beim Logopäden“ kann dabei nicht die Rede sein: Die wöchentlichen, später 14tätigen Besuche dort enden meistens im Alter von 3-4 Jahren. Und die andere Hälfte? Die ist auf vielfältige Weise mehrfach behindert, meistens auch geistig, mit mehrfachem Therapiebedarf. Hier versuchen Ärzte und Eltern oft zu retten, was zu retten ist, was durchaus in unnötige Quälerei ausarten kann und sehr kritisch zu sehen ist.

Rechnet man diese Fälle heraus, sind die Erfahrungen mit dem Cochlea-Implantat überwältigend positiv. Genau das wiederum macht den Gehörlosen angst: Wenn wir Kindern die Gehörlosigkeit austreiben, bedeutet das ein Versiegen von „Nachschub“ für die Gehörlosenkultur. Man könnte meinen, die stirbt dann aus. Die Polemiker der Gehörlosenverbände mit ihrer Genozidrhetorik hinterlassen hier verbrannte Erde. Vor allem aber begehen sie einen logischen Kurzschluss, denn entweder, das Cochlea-Implantat funktioniert nicht gut genug: Dann wäre aber auch die Gehörlosenkultur gar nicht in Gefahr. Oder aber es funktioniert, aber dann spricht wenig gegen eine Implantation im Kindesalter.

Mit dem Wissen um den Reichtum der Gehörlosenkultur kann ich diese Angst nur bedingt nachvollziehen. Weder von Genozid noch von Ethnozid kann die Rede sein, wenn gehörlose Kinder hören können. Viele werden nämlich in hörende Familien hineingeboren, die bis dato mit der Gehörlosenkultur nichts am Hut hatten. Anders herum werden oft hörende Kinder in gehörlose Familien geboren. Die führen ein normales Leben, kennen aber eben auch die Gebärdensprache und die Gehörlosenkultur. Daran müsste sich nichts ändern. Mich erinnert diese Haltung an Arbeiterfamilien vergangener Jahrzehnte, die der Meinung waren, der Sprössling müsse nicht aufs Gymnasium: Volksschule und Lehre wie bei Papa seien gut genug. Dahinter steht einfach nur Angst um die eigene Identität und der Wunsch, seine Kinder im Käfig der eigenen Lebensweise aufwachsen zu lassen – ein Phänomen, das freilich durch alle Schichten und Subkulturen stark verbreitet ist. Genau das Gegenteil von gesellschaftlicher Inklusion.

Die Gehörlosen nennen meine Haltung – dass hören wünschenswert ist, insbesondere wenn es um den Lebensweg von Kindern geht, gerne „Audismus“ und benutzen das als Schimpfwort – aus einer quasi-nationalistischen Haltung zur Gehörlosenkultur heraus. Auf die Zustände nach dem Mailänder Kongress bezogen ja auch äußerst berechtigt. Auf das Cochlea-Implantat bezogen ist dieses Denken schlicht Minimierung von Lebenschancen und Freiheitsgraden.

Fazit: Das Cochlea-Implantat hilft nicht jedem Gehörlosen. Speziell für taub geborene, erwachsene Gehörlose ist es irgendwas zwischen Quälerei oder der Möglichkeit, wenigstens Geräusche wahrnehmen zu können. Insbesondere können wir keinesfalls Inklusionsleistungen mit dem Hinweis aufs Cochlea-Implantat zurückfahren. Den Gebärdensprachedolmetscher zu verweigern mit dem Hinweis, man könne sich ja operieren lassen, ist ein No-Go, aber offenbar verbreitete Praxis in Ämtern. Die Entscheidung für oder gegen ein Implantat muss immer der Gehörlose frei und ohne Druck treffen können.

Kinder können das allerdings nicht. Für geistig und körperlich normal entwickelte Kleinstkinder ist das Cochlea-Implantat die sehr hohe Chance auf ein hörendes Leben. Es ihnen vorenthalten zu wollen ist meiner Meinung nach grob fahrlässig und ein Ausschluss von Bildungschancen im späteren Lebensweg. Entscheiden können das freilich nur die Eltern und niemand sonst, und eine Entscheidung gegen das CI müssen wir respektieren, ohne das Kind zu benachteiligen, auch wenn ich eine solche Entscheidung in den meisten Fällen nicht gutheißen mag. Am Ende bleibt: Jeder Mensch, jeder Fall, jeder Lebensweg ist individuell und wer am lautesten schreit, ist selten in der Position, eine individuelle Entscheidung wirklich beurteilen zu können.

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Kommentare

  1. Comment von boxi | 30. Jun. 2013 um 18:10:33

    hallo, erstmal danke für deinen eintrag.

    nur 2 anmerkungen…
    1. „Die Gehörlosen nennen meine Haltung“ -das ist mir ja dann doch etwas zu viel verallgemeinert. :(
    2. ich weiß gar nicht genau warum, vermutlich war es sogar nichtmal so beabsichtigt. aber es klingt ein wenig wie wenn weiße, alte männer über den bauch der frau entscheiden wollen. vielleicht wirkt der ton mir nur etwas zu sehr besserwisserisch. vielleicht aber auch mein fehler :/
    3. ich halte eine kritik am begriff genozid definitiv für angebracht und hätte mir diesbezüglich mehr gewünscht, warum der begriff problematisch ist, anstatt zu schreiben, wie man auf die sache „besser“ sehen sollte.

    „trotzdem“ danke.
    boxi

  2. Comment von Enno | 30. Jun. 2013 um 19:45:32

    @boxi „Audismus“ ist stark vereinfacht der Vorwurf, Hören zum Maß aller Dinge zu machen. Der Vorwurf ist angesichts 100 Jahren verkorkster Pädagogik zwar sehr berechtigt, aber eben nicht angesichts des CI. Hören können ist immer eine Bereicherung gegenüber nicht hören können, das ist sehr ähnlich wie bei Bildung. Den Vergleich mit den „weißen Männern“ finde ich ziemlich daneben, schließlich bin ich als Teenie ertaubt (mit Restgehör, wie es auch die allermeisten Gehörlosen haben) und somit betroffener, der beides kennt, auch wenn ich mit der GL-Kultur nie warm geworden bin, was vor allem daran lag, das sie im Alltag keine Relevanz hatte: Ich kannte schlicht viel zu wenig Leute, mit denen ich regelmäßig die DGS hätte nutzen können. Völlig daneben finde ich es aber, weil ich mir eben *nicht* anmaße, Eltern gehörloser Kinder etwas vorschreiben zu wollen, genauso wie ich mir nicht anmaßen würde, einer Mutter Vorwürfe zu machen, die abtreibt. Das ändert nichts daran, dass ich der Meinung bin, dass wir Kindern die Chance auf ein hörendes Leben nicht nehmen sollten, wenn die Aussichten gut sind und ich an die Eltern appelliere, sich da nicht in der GL-Kultur zu verschanzen. Sorry, wenn ich „besserwisserisch“ rüberkomme, aber ich weiß, dass genau die beschriebenen Zusammenhänge und geschichtlichen Hintergründe den meisten Leuten eben nicht klar sind. Die wundern sich nur über den Streit ums CI, verstehen ihn nicht und bekommen allzu oft gesagt „Das kannst du als Außenstehender gar nicht beurteilen.“ Das Muster kehrt so häufig wieder, dass dieser Blogpost dringend überfällig war. Ich habe allerdings damit gewartet und mit Leuten gesprochen, die wirklich mit frühimplantierten Kindern arbeiten. Deren Aussagen haben ich hier nach bestem Wissen und Gewissen wiedergegeben.

  3. Comment von Lena | 30. Jun. 2013 um 20:02:57

    Sehr gut geschrieben!!! Ich finde zudem nicht dass Gebärden und Cochlea Implantat sich ausschließen. Warum auch? In Situationen mit viel Störlärm verwende ich – obwohl ich beiseitig implantiert bin_ die Gebärdensprache, dennoch kann ich mich in ruhigerem Raum fließend über das Hören mit den CI’s unterhalten – auch sehr lange! Beide Seiten schließen sich nicht aus. Ich nehme an Gebärdenkultur UND Hörendenkultur teil, kann ins Kino und in den Deaf-Slam. Und ich kann mir einen Vortrag anhören, danach bin ich platt. Es ist halt anstrengend mit den CI’s so lange wissenschaftliche Sprache konzentriert zu hören, ohne nachfragen zu können. Dennoch habe ich alles verstanden. Zuhause nehme ich dann die CI’s ab und kommuniziere fließend in Gebärdensprache. So kann ich machen was ich möchte und mich danach entspannen. Verstehen kann ich aber die Ablehnung vieler Gehörloser. Aufgrund der Bildung ohne Gebärden ist eben auch wenig Wissen vorhanden und kaum eine Möglichkeit sie noch zu erlangen – wenig Angebote. Da kann ich wohl froh sein erst als Erwachsene gehörlos geworden zu sein…

  4. Comment von Enno | 30. Jun. 2013 um 20:12:12

    Noch eine Anmerkung: Sollte jemand zahlen oder Erfahrungswerte haben, die obigem widersprechen, bitte mitteilen, ich bin wirklich sehr an einem differenzierten Bild interessiert. Zitate von Frau Kestner lasse ich allerdings nicht gelten, die ist bekannt für ihre Panikmache.

  5. Max
    Comment von Max | 30. Jun. 2013 um 20:13:08

    Ich fand den Text wirklich gut. Ich hatte bisher nur wenig Informationen zu der CI und dessen Vor- und Nachteile.

    Da wir bei uns im Kindergarten einige Gehörlose Kinder haben helfen die Informationen die Bedürfnisse, Wünsche und Argumente deren Eltern besser zu verstehen.

  6. Comment von Enno | 30. Jun. 2013 um 20:13:34

    @Lena Ich würde die DGS sehr gerne so gut wie du können, leider bin ich mangels passendem Freundes- und Bekanntenkreis hier immer in den Anfängen stecken geblieben.

  7. Comment von Ben Maya | 01. Jul. 2013 um 00:32:24

    Vielen Dank für den sachlichen Artikel. Nach den Tweets von @einaugenschmaus war ich verzweifelt über die Gleichsetzung von Genozid und Holocaust mit dem Clochlea-Implantat. Das war maßlos, durch Ihren Beitrag sind diese unsäglichen Äußerungen besser einordenbar – allerdings sind die Aussagen von @einaugenschmaus für mich nach wie vor nicht akzeptabel.

  8. Comment von A.S. | 01. Jul. 2013 um 06:14:29

    Ich finde es spannend und wichtig, dass du dich angesichts der unsäglichen Rhetorik von Julia (die ja auch nicht in der Gehörlosenkultur im hier relevanten SInne aufgewachsen ist) endlich an die schweren Fragen machst und mir gefällt, wie sorgfältig du dabei die verschiedenen Seiten und den historischen Hintergrund mit einbeziehst. Die Frage, ob die Entscheidung über ein Implantat tatsächlich allein den Eltern überlassen werden kann, kann m.E. derzeit kaum sinnvoll diskutiert werden, denn da derzeit ein breiter gesellschaftlicher Konsens darüber besteht, dass Eltern generell sehr weitreichende und tiefgreifende Entscheidungen für ihre Kinder treffen dürfen, gebe ich dir recht, dass das auch für das CI gelten muss. Der Konsens an sich sollte aber grundsätzlich diskutiert werden (nicht nur hier, sondern auch an anderen Stellen). Ich sehe natürlich in der DGS und der Gehörlosenkultur eine große Bereicherung, aber ich habe bisher noch nicht verstanden, inwiefern die Gehörlosigkeit an sich als eine solche zu betrachten ist. Der Kommentar von Lena ist für mich in diesem Zusammenhang interessant, da er meinem (vielleicht naiven) Verständnis entspricht, dass eine gleichzeitige Teilhabe an der Gehörlosen- und der Hörendenkultur nicht nur möglich, sondern auch wünschenswert ist (ebenso, wie ich der Meinung bin, dass Migrant/innen zwar das Recht haben, relativ abgeschlossene Subkulturen zu bilden, dass es aber bereichernder für alle ist, wenn sie sich zwischen Sprachen und Subkulturen hin und her bewegen können).

  9. Comment von David Siems | 01. Jul. 2013 um 09:52:56

    Die Sicht eines Hörenden mag neutraler sein, als die eines Gehörlosen. Aber gerade diese Neutralität, die nicht vorhandene Betroffenheit führt wohl dazu, dass wir Hörenden nie wirklich nachvollziehen können werden, welche Diskriminierung die gebärdenden Gehörlosen erleiden mussten und immer noch müssen.

    Und: So unsachlich ist der Ausdruck „Genozid“ in diesem Zusammenhang gar nicht. Beim Völkermord geht es nicht zwingend darum, jemanden zu töten, sondern um die Beseitigung oder Verkleinerung einer Kultur. Das steht auch ausdrücklich so in der UN-Konvention gegen Völkermord. Dass das Cochlea-Implantat die Zahl der Gebärdenden und somit die Bedeutung der Gebärdensprache verkleinert, lässt sich ja kaum bestreiten. Aber natürlich ist Twitter, wo sich das nicht so ausführlich ausführen lässt, sicher kein geigneter Kanal für solche Aussagen.

  10. Comment von Enno | 01. Jul. 2013 um 10:39:48

    @David Ich bin selbst betroffen, war 22 Jahre lang gehörlos mit Restgehör. Genozid bleibt eine unsägliche, polemische, ja widerliche Behauptung. Darin liegt die Unterstellung, eine Kultur ausrotten zu wollen. Dabei wird das CI benutzt, um Kindern zum Hören zu verhelfen. Mit den „Mailänder Zuständen“ und einem „Genozid“ hat das ganze schon deshalb nichts zu tun, weil heute die betroffenen Kinder sogar *ermuntert* werden, die DGS zu benutzen, weil sie so eine breitere Palette an Kommunikationsmöglichkeiten haben. Das Gerede vom Genozid ist freundlich gesagt Polemik. Hetzte wäre allerdings das bessere Wort.

    @Anatol Ich weiß, was du meinst und ich bin persönlich auch durchaus deiner Meinung, allerdings tue ich mich sehr schwer damit, das in eine politische Forderung umzusetzen. Ein staatlicher Zwang kann sehr leicht in falsche Bahnen laufen, unerwünschte Nebeneffekte haben oder individuell sinnvoll abweichende Entscheidungen unmöglich machen. Das allein den Eltern zu überlassen, halte ich für den momentan einzig gangbaren Weg. Wichtig ist, dass sie gut beraten werden.

  11. Comment von Mamu | 01. Jul. 2013 um 10:51:36

    Sie will wohl einfach nicht verstehen, dass nicht ihre kritische Haltung zum Cochlea Implantat unter Kritik steht, sondern ihre Gleichsetzung mit Genozid. Diese finde ich einfach – wie Du, Enno, schon sagst: widerlich.

  12. Comment von bengie | 01. Jul. 2013 um 11:18:39

    In vielen Punkten sehr gut geschrieben worden! Manche Punkte sind meiner Meinung nach nicht korrekt. Zum Thema Stumm-sein: Man ist stumm, wenn man sich in keiner Sprache ausdrücken kann. Die Menschen, die nur die Gebärdensprache sprechen, sind nicht stumm. Der Verb Sprechen gilt sowohl Lautsprache als auch Gebärdensprache. Stumm-sein bezieht sich darauf, sich in keiner Sprache ausdrücken zu können.

    Du hast geschrieben, daß gute Hörfähigkeit automatisch bessere Lebensqualität heißt. Nach wissenschaftlicher Audismustheorie hast du tatsächlich eine audistische Einstellung ;) Diese Diskussion beiseite möchte ich auf das Thema Lebensqualität eingehen: Die gute Hörfahigkeit heißt nicht automatisch bessere Lebensqualität. Das CI verschlechtert die Lebensqualität sogar öfter. Durch die Entscheidung für das CI und die Hörerziehung bleibt vielen Kinder und Jugendlichen vorenthalten, irgendeine Sprache vollkommen zu erlernen. Ein taubes Kind hat mit seinen voll funktionsfähigen Augen sehr gute Möglichkeit, die Gebärdensprache vollkommen und auf natürlicherer Weise – ohne Therapien – zu erlernen. Es soll sich mit „kaputten Ohren“ auf die Lautsprache konzentrieren? Sich mit Halbverstehen durch das Leben bewegen?

    Die Voraussetzung für das Erlernen der Gebärdensprache ist Existenz einer Gebärdensprachgemeinschaft. Ohne Sprachgemeinschaft ist eine Sprache nicht überlebensfähig. Falls jedes taube Kind in die hörende Gesellschaft integriert wird, wird für sie später keine Möglichkeit mehr geben, irgendeine Sprache überhaupt vollkommen zu erlernen. Heute noch besteht noch die gute Möglichkeit für jeden tauben und schwerhörigen Mensch, die Gebärdensprache später zu erlernen und an der Taubengemeinschaft teilzunehmen. Siehe Dokumentationsfilm Louisa.

    Dass bessere Hörfähigkeit bessere Lebensqualität bedeutet, ist nicht wissenschaftlich erwiesen. Es gibt keine Studie, die das bestätigt. Jeder darf natürlich frei aus eigenen Erfahrungen sprechen. Man muss dabei beachten, dass die tauben Menschen und die ertaubten Menschen, die dank dem CI wieder zurück zu vorheriger Lebensqualität kehren können, nicht miteinander beachtet werden sollen.

    Durch die Gebärdensprache sind viele Menschen erfolgreich geworden. Einer ist Professor an der Hamburger Universität geworden. Einer tauber Chemiker erhält unzählige Preise für eigene Chemiearbeit. Eine taube Schauspielerin erhielt vor fast dreizig Jahren einen Oscar für eigene Schauspielleistung. Viele sind Unternehmer geworden.

    Wie willst du Lebensqualität auch definieren?

    Mir ist kein einziges Individum mit CI bekannt, welches nicht zur Gruppe ertaubter Menschen gehört und großes in eigenem Leben schafft. Die Sprachkompetenz ist die Voraussetzung für eine gute Lebensqualität. Die Chance, die Gebärdensprache vollkommen zu erwerben, ist bei tauben und schwerhörigen Menschen, weit viel höher, als die Lautsprache. Mit Gebärdensprache stehen alle Türen einem tauben Kind offen. Die Möglichkeiten mit dem CI sind – auf meinen Erfahrungen basierend – eingeschränkter.

    Beim Punkt Abriegelung der Gehörlosenkultur schlage ich folgendes vor: Die Gebärdensprachgemeinschaft wird sich öffnen, wenn jeder hörender Mensch an jeder Schule die Grundlage der Gebärdensprache erlernt. Das heißt dann Inklusion, wenn die Gesellschaft sich ein wenig an Bedürfnissen verschiedener Menschen anpasst.

    Zum Schluss schlage ich dir vor, dich genauer mit dem Genozidbegriff auseinander zu setzen. Vertraut dich nicht allein auf die typische deutsche Definition. Aus historischen Gründen beschränkt sich die deutsche Definition auf das Morden allein.

  13. Comment von Kein Wunder | 01. Jul. 2013 um 11:20:49

    Man muss sich nicht wundern, warum Julia auf Popcornpiraten gelandet ist.

    http://popcornpiraten.de/technologischer-genozid-an-gehorlosen/

  14. Comment von Enno | 01. Jul. 2013 um 11:48:20

    @bengie Zwei Punkte: 1. Bei Frühimplantation geht es eben nicht darum, sich mit „halb verstehen“ durchs Leben zu schlagen, da solche Kinder, wie oben dargelegt, ein quasi-natürlich Gehör entwickeln. 2. Zur Messung der Lebensqualität läuft derzeit eine psychologische Studie an der Charité im Rahmen einer Doktorarbeit. Die Ergebnisse werden noch auf sich warten lassen, aber der Trend geht eindeutig in die Richtung, dass sich die Lebensqualität steigert, sogar bei den „Problemfällen“, die nicht wie ich an die 100%-Marke herankommen. Mit Kindern kann man solche Tests freilich nicht machen, für sie gibt es kein „Vorher/Nachher“. Ich bin aber der Überzeugung, dass es grundsätzlich gut für alle Kinder ist, so breit wie möglich gefördert zu werden, um möglichst viele Freiheitsgrade in der Gestaltung ihres eigenen Lebens zu haben.

    Ein wichtiger Punkt bleibt: Wir müssen unsere Anstrengungen in Richtung Inklusion und Barrierefreiheit drastisch steigern. Dennoch wird es unmöglich sein, hier einen 100%igen Ausgleich zu schaffen: Irgendwann sind die Kosten schlicht zu hoch und wir können den Menschen auch nicht ihr Alltagsverhalten vorschreiben. Die größte Barriere sitzt in diesem Fall am Behinderten selbst und kann durch eine Prothese stark gesenkt werden werden. Ein Gewinn für alle Beteiligten.

  15. Comment von Chris | 01. Jul. 2013 um 11:52:02

    Interessante Diskussion. Hier ein ebenfalls interessanter Beitrag dazu:

    http://www.psychologie-aktuell.com/news/aktuelle-news-psychologie/news-lesen/article/2013/06/04/1370328496-hoergeschaedigte-kinder-mit-cochlea-implantat-durch-irrlehren-zusaetzlich-belastet.html

    Ich kann übrigens nachvollziehen, dass das Thema CI für viele Gehörlose ein Tabuthema ist. Ich habe auf der Schule noch Mitschüler und -Innen gehabt, die die erste Generation Implantate verpasst bekam – mit eingepflanztem Stecker am Kopf, der oftmals viele Probleme bereitet hat. Die Generation, die das erlebt hat, wird CIs kaum objektiv beurteilen können. Auch heute noch kenne ich Fälle, wo hörgeschädigte Kinder als Experimentiergut missbraucht werden – in der Facebook-Gruppe „Schwerhörig, na und?“ wird seit langem eine Mutter von drei Kindern hörgeschädigten supportet, die von einem Professor eine Art „Eigenbau-CI“ bekommen haben und die damit eine unfassbare Leidensstory erleben mussten.

    Ich habe selbst schon beeindruckende Ergebnisse mit CIs mitbekommen – das ist eine fantastische Sache. Was mir bei der ganzen Diskussion aber fehlt (und was letztendlich auch mich davon abhält, auf ein CI umzuschwenken) ist die Tatsache, dass die Klinken an CIs sehr gut verdienen und jeder ärztliche Rat pro CI damit auch eine wirtschaftliche Entscheidung ist, die dem Krankenhaus Geld einbringt. Eine Hörgeräteversorgung ist im Vergleich dazu deutlich schwieriger – und weniger lukrativ. Deshalb drängt sich die Vermutung auf, dass CIs nicht immer aus gesundheitlichen Gründen empfohlen werden. Auch aus diesem Grund stehen viele Hörgeschädigte dieser Entwicklung kritisch gegenüber.

    Es ist ein schwieriges Thema. Ich kann beide Seiten verstehen – es ist keine gute Lösung, einem Kind die Möglichkeit vorzuenthalten, hörend aufzuwachsen. Auf der anderen Seite kämpfen die Gehörlosen schon immer für die Anerkennung ihrer Kultur und wehren sich dagegen, dass ein Leben ohne Gehör als weniger lebenswert bewertet wird.

  16. Comment von Enno | 01. Jul. 2013 um 12:00:18

    @Chris Ja, das CI ist ein Geschäft. Wie Hörgeräte auch oder auch Barrierefreiheit, beispielsweise verdient Julia Probst ihr Geld ja in einer Firma, die entsprechende Lösungen anbietet. Ich denke, dieser Punkt ist auszublenden und sachlich auf die Indikation zu schauen. Deshalb ist es mir auch so wichtig, dass wir diese Diskussion führen und uns nicht nur auf Experten verlassen sondern selber ein Bild machen. Mich würde deine Hörbiographie interessieren, dann könnte ich ggf. einschätzen, ob sich ein CI für dich lohnen würde, ohne dir irgendwas aufschwatzen zu wollen. Meine Hemmschwelle war auch mal sehr hoch und kurioserweise hat u.a. Julia mich ermuntert, den Schritt zu tun. Ich denke, wenn eine Chance auf Verbesserung besteht, sollte die Frage, wer daran verdient, im Hintergrund stehen. Zumal das CI übrigens auch „Notwehr“ für Schwerhörige darstellt: Die Kassenversorgung ist eine Zumutung und ich möchte nicht alle 5 Jahre mehrere 1000 Euro für Hörgeräte ausgeben müssen.

  17. Comment von Buttermilch | 01. Jul. 2013 um 13:41:09

    „… Es ihnen vorenthalten zu wollen ist meiner Meinung nach grob fahrlässig und ein Ausschluss von Bildungschancen im späteren Lebensweg.“

    Es ist genauso grob fahrlässig, wenn man Ihnen die Gebärdensprache vorenthaltet! Das passiert in vielen Fällen…

    Wenn ich mir vorstelle… Meine arme Kinder… OP, Schmerz, langjährige REHA, wenig vom wahren Leben, zum Austausch/Ersetzen eines CIs nochmals operieren lassen, Sprechen üben…
    Ich kenne einen, die sich zwei CIs implantieren ließ und im Jugendalter durch ein „Wunder“ nichts mehr hören konnte. Ein neues Implantat hat nichts geholfen… Sie sagte mir aber, dass sie soo froh ist, dass sie die Gebärdensprache noch gelernt hat. Was ist mit den anderen, die die GS nicht gelernt haben?
    Ein gefährliches Loch im Leben.

    Da ist mir ein stocktaubes Kind viel lieber, das viel vom Leben hat.

  18. Comment von Enno | 01. Jul. 2013 um 13:49:50

    @buttermilch Die Kinder werden ja nicht mehr davon abgehalten, die DGS zu lernen, während sie früher sogar ohne CI davon abgehalten wurden. Die Schmerzen sind nicht schlimmer als sagen wir eine mehrtägige Mittelohrentzüngung, Re-Implantationen finden in Abständen von mehreren Jahrzehnten statt, Sprechen lernen gehörlose Kinder sowieso (und es wird dann *viel* schwerer). Entlarvend ist aber der letzte Satz: DIR ist ein stocktaubes Kind lieber. Denkst du auch daran, ob das Kind „stocktaub“ sein möchte?

  19. Comment von Buttermilch | 01. Jul. 2013 um 14:44:06

    @Enno: „DIR ist ein stocktaubes Kind lieber. Denkst du auch daran, ob das Kind “stocktaub” sein möchte?“
    Als ob das „Hören“ was besonderes/besseres ist…
    Ja, ich bin mir sicher, dass das Kind lieber stocktaub sein will und nicht mit „Hören“ und „Sprechen“ kämpfen muss oder über sein „Gehör“ sorgen muss.
    Letzteres wird das Kind nicht kennen, was „Hören“ bedeutet.

    Zu selten passiert sowas, dass Ärzte oder wer auch immer den Eltern neben dem CI empfiehlt, dass die DGS auch gibt bzw. die Weitergabe deren Infos.
    DGS ist/wird größtenteils gesellschaftlich, politisch und medizinisch noch als „schlecht“ betrachtet. Das beweist die schleppende Umsetzung/Informationsweitergabe in Sache DGS.

  20. Comment von Enno | 01. Jul. 2013 um 14:53:33

    @Buttermilch Mit dem gleichen Argument könnten wir die Schulen schließen. „Kämpfen“ ist für Frühimplantierte, gesunde, gehörlose Kinder das falsche Wort. Sie kämpfen nicht. Sie lernen einfach hören, wie hörend geborene Kinder auch. Schwierig wird es erst, wenn mehrere Behinderungen zusammenkommen. Worauf ich auch im Artikel eingegangen bin. Ich behaupte an keiner Stelle, dass DGS etwas schlechtes sei. Die Welt wird nur sehr klein, wenn man nur auf DGS angewiesen ist. Ich möchte, dass gehörlose Kinder die gleichen Lebenschancen haben wie hörende. Nur mit Inklusion kriegen wir das nicht gebacken, da können wir Gesetze erlassen, bis wir grün werden. Die GL-Community ist dafür einfach zu klein.

  21. Comment von Orley | 01. Jul. 2013 um 21:26:23

    @Enno:

    Ebenso würde ich mich fragen, ob jedes Kind mit dem CI zufrieden ist?

    Ich stimme weitgehend die Aussage von bengie zu. Er trifft ganz genau die Problematik der Gesellschaft.
    Wir müssen mal auf andere Ländern schauen wie sie mit einem Erfolg verbuchen können.
    Siehe mehrere Beispiele aus verschiedenen Ländern:
    – USA (mit der Einführung der Bilingualismus und der Anerkennung der Gebärdensprache ist dieses Land 100 Jahren weit voraus .. Inzwischen ist die Gebärdensprache dort längst etabliert und in fast allen Schulen als Fremdsprache angeboten. Dadurch ist solche Auswirkung entstanden, dass die Amerikaner offener und lockerer mit der GL-Community umgehen und sie überhaupt Respekt vor denen haben)

    – Neuseeland (2006: Als erstes Land weltweit wurde die Gebärdensprache neben Englisch und Maori als dritte Amtssprache deklatiert. Die Folge, die Anerkennung und Unterstützung der Gebärdensprache ist in den letzten 7 Jahren exponentiell gestiegen. Inzwischen wird die Gebärdensprache in fast jede 2. Schule als Fremdsprache angeboten und die Zusammenarbeit zwischen Hörenden und Tauben hat sich viel vereinfacht und verbessert.)

    – Island, Schweden, Finnland, Norwegen (durch die Aufklärung und Gebärdensprache als Fremdsprache-Angebot an allen Schulen zeigen eine starke Wende in der Gesellschaft.)

    Damit will ich sagen, mit diesem Schritt können wir den Wandel in der Gesellschaft führen und die Tauben können dann mit der Gebärdensprache genauso wie die Hörenden mit einer Lautsprache im Leben ganz teilnehmen.

    Außerdem bin ich immer noch davon überzeugt, dass es einen „kulturellen Genozid“ durch die Massenproduktion und Druck der CIs an der Taubenkultur gibt. Das ist menschenverachtend und unwürdig einem Kind CI-Operation durchzuführen, als könnte ich mit einer Zwangssterilisation vergleichen.

    Jedes Kind hat das Recht auf eigene Entscheidung. Meiner Meinung nach müsste das Kind entscheiden, wie es mit seinem Körper machen will. (Auch in Sache Religion, Körperumwandlung, Transplantionen, etc.)

  22. Comment von Orley | 01. Jul. 2013 um 21:34:50

    Ich habe einen Kommentar auf der anderen Homepage gefunden:

    Viele Hörenden glauben, dass durch CI gleich 100% hören wieder herstellt wird, dies ist nur möglich bei Ertaubten (durch Krankheit, Unfall etc.), da vorher die Sprache gehört haben. Diesen Menschen haben diesen Chancen. Aber bei Baby, welche taub geboren sind, werden diese Hoffung mit CI gleichgesetzt wie bei Ertaubten. Taubgeborene, CI-Kinder, haben nur 30% gut funktionierte Hörkanal. Die restlichen 70% der CI-Kinder können trotz CI ihre Sprache nicht vollständig entwickeln. Grob gesagt ihre Denkentwicklung wurde nicht vollständig entwickelt besteht die Gefahr auf Intelligenzentwicklung. Auf Rat von einer renommierte Sprachwissenschaftler Gisela Szagun müsse dem taubgeborene Kinder mittels Gebärdensprache fördern um ihre Sprachentwicklung vollständig entwickeln zu können. Leider bis heute von vielen verschiedene Fachleuten Ärzte, Pädagogen, etc. beraten den frischgebackene Eltern bewusst nicht über die Gebärdensprache oder raten sogar die Gebärdensprache ab. Die meistens gehörlosen Kinder von gehörlosen Eltern beherrschen ihre Sprache (sprechen, Schriftsprache, motorisch) besser als die gehörlose Kinder von nicht gebärdensprachliche Eltern! Da sie von klein auf die Gebärdensprache erworben haben. Heute viele von ihnen taub geborene mit Hörgeräte oder CI welche nur von klein auf nur lautsprachliche erzogen haben litten heute immer noch an Sprache verstehen. Weil die Hörenden wollen nicht, dass gehörlose Kinder mit anderen gebärdensprachliche Kinder oder Gebärdensprachgemeinschaft gehören. Es ist besser sicher in beiden Welten zu leben können als gar keine. Um sicher beide Welten zu leben können brauchen gehörlose/ hörbehinderte Kinder Gebärdensprache und Lautsprache. .

    (Quelle: http://popcornpiraten.de/technologischer-genozid-an-gehorlosen/)

    Da muss man ja sich über das Thema „CI“ zwischen Ertaubten und Neugeborenen auseinandersetzen.

  23. Comment von Enno | 02. Jul. 2013 um 08:28:07

    @Orley Die Erfahrungen an der Charité sprechen eine völlig andere Sprache als die genannten 30%/70%. Ich zweifele den verlinkten Beitrag schon deshalb an, weil ich nach längerer Recherche weiß, dass es in diesem Bereich quasi keine harten Zahlen gibt, nur Erfahrungswerte, die ich oben wiedergegeben habe. Und eine Prothese mit einer Zwangssterilisation vergleichen? Seriously? Jedes Kind hat ein Recht auf ein Gehör, die angeblich „freie Entscheidung“ im Erwachsenenalter ist keine, da es dann zu spät ist.

  24. Comment von Buttermilch | 02. Jul. 2013 um 09:07:55

    @Enno: Das behaupte ich auch nicht. :-) Ich finde es toll, dass du die DGS erwähnt hast.

    Charité hat Studien zum CI betrieben, setzt aber selbst bei Menschen Implantate ein. Kein Wunder, dass die Zahlen so „gut“ sind. Denn wenn sie alles preisgeben, wirklich alle Nebenwirkungen, gewinnen sie dadurch weniger Patienten und das wollen sie ja vermeiden…

    „…Die GL-Community ist dafür einfach zu klein.“ Deswegen ein Grund, die DGS nicht voll umzusetzen?

    Tatsachen ist: Es gibt gehörlose/taube Menschen die auf das DGS angewiesen sind! Es ist einfach unbegreiflich, warum viele es nicht verstehen.
    Kostenfrage? Nur eine Ausrede.

  25. Comment von Mamu | 02. Jul. 2013 um 09:11:49

    Bis zu einem gewissen Alter entscheiden immer die Eltern, was für ihr Kind das Beste ist. Wenn es gut läuft, dann werden möglichst wenige Entscheidungen getroffen, die lebenslange Folgen haben. Schon ohne Implantierung eines CI ist die Aufrechterhaltung einer späteren Wahlfreiheit schwer genug.

    Wird ein gehörloses Kind nicht bis zu einem bestimmten Alter implantiert, dann schließt sich das Hörfenster – so wie ich es verstanden habe – für immer. Das Kind hat später nicht mehr die Wahlfreiheit zwischen Hören und Nicht-Hören. Erhält ein gehörloses Kind ein CI und wird ihm gleichzeitig die Gebärdensprache verweigert, dann kann es diese noch später lernen, ihm wird jedoch in einer wichtigen Entwicklungsphase ein wichtiger Teil der Gehörlosenkultur verweigert.

    Eine (spätere) Wahlfreiheit für das Kind ist meiner Meinung nach nur gegeben, wenn beides vorhanden ist: ein CI und die Gebärdensprache / Gehörlosenkultur. Diejenigen, die jeweils das andere durch welche Maßnahmen auch immer verweigern, spielen Kulturen gegeneinander aus und haben – so sehe ich das – mehr miteinander gemein, als ihnen lieb sein dürfte.

    Und Genozid, Zwangssterilisation…An sich würde ich fragen: was kommt als nächstes? Nur. Da kann ja nichts mehr kommen. Man könnte nun sagen: Der Godwin des Tages geht an…Aber auch das würde den Milliarden Opfern von Genoziden und und echten Zwangssterilisationen nicht gerecht.

  26. Comment von Enno | 02. Jul. 2013 um 09:15:37

    @buttermilch Nein, die Kostenfrage ist keine Ausrede. Ich habe z.B. versucht, das für Parteitage der Piraten zu organisieren. DGS-Dolmetscher waren für uns auf kleineren Parteitagen schlicht nicht bezahlbar. Ich vergleiche das gerne mit dem Versuch, die Türme des Kölner Doms rollstuhlgerecht ausbauen zu wollen: Es findet alles seine Grenzen am Machbaren. Zu glauben, dass die Menschen massenhaft DGS lernen, halte ich ebenso für naiv, auch noch angesichts der Fortschritte z.B. in den USA. Selbstverständlich bin ich aber der Auffassung, dass die DGS an allen Ecken und Enden gefördert werden muss, z.B. mit Kursen in den Regelschule usw. und DGS-Dolmetscher müssen wesentlich einfacher und flächendeckender zur Verfügung stehen, wenn es z.B. um Unterricht oder Amtsbesuche usw. geht. Das stelle ich alles nicht in Abrede, im Gegenteil, ich fordere das selbst. Ändert aber nichts daran, dass die schlichte Tatsache, hören zu können, die Freiheitsgrade individuell dramatisch erhöht und die Chance ergriffen werden sollte, wo sie eine reelle Chance ist.

  27. Comment von Enno | 02. Jul. 2013 um 09:16:58

    @Mamu Danke

  28. Comment von Buttermilch | 02. Jul. 2013 um 09:34:21

    @Enno & Mamu: Genau, was den Informationen angeht, soll umfangreich angesprochen werden: DGS, Hörgeräte und CI.

    Zu Kostenfrage: Das hören wir seit Jahren… Ist nichts neues.
    Der Staat hat dafür zu sorgen, dass DGS in vollem Umfang (Dolmetscher, Unterricht etc.) zur Verfügung stellt und er verpennt leider immer wieder…
    Kosten sind hoch, keine Frage. Durch Innovationen und gesellschaftliche Entwicklung können die Kosten deutlich reduziert werden, da bin ich mir sicher. Der Staat kann selbst von den Menschen, die auf DGS angewiesen sind, profitieren!
    Ist wie beim Handy. Am Anfang waren sie wahnsinnig teuer und in der heutige Zeit gibt es billige Handys.

    Bitte nicht mit Apfel und Birne vergleichen. :-)
    Der Kölner Dom ist 765 Jahre alt und damals waren ganz viele Menschen nicht freundlich gegenüber Behinderten.
    Wenn ein Gebäude für eine Behörde gebaut werden muss, müssen sie Richtlinien folgen. Z.b.: Rollstuhlgerecht. Ist doch was?

  29. Comment von Enno | 02. Jul. 2013 um 11:04:51

    @buttermilch Mein Reden: Der Staat muss da viel viel mehr tun. Es geht beim Vergleich mit dem Kölner Dom aber eben nicht um Neubauten sondern um die 1000 Ritzen und Ecken in unserer Gesellschaft, die sich nicht mal eben mit 5 Gesetzesänderungen in barrierefreie Paradise verwandeln lassen. Diese Diskussion führt aber zu nichts: Kinder haben ein Recht auf Hören. Nehmt es ihnen bitte nicht.

  30. Comment von Orley | 02. Jul. 2013 um 13:22:11

    @ Enno & Mamu:

    „Jedes Kind hat ein Recht auf ein Gehör.“
    bzw. „Kinder haben ein Recht auf Hören!“
    Wer entscheidet das? Also behaupte nicht, dass die ganze Welt behauptet, dass jedes Kind ein Recht auf ein Gehör hat.

    Ich könnte auch so behaupten:
    „Jedes Kind hat ein Recht auf ein taubes Ohr.“
    bzw. „Kinder haben ein Recht auf visuelle Kommunikation!“
    Nehmt es ihnen bitte nicht.

    Also respektiere auch die Eltern, die eine andere Meinung haben, dass nicht jedes Kind ein Recht auf ein Gehör hat.

    Deswegen sollte ihr beide Seiten respektieren und auch akzeptieren, dass solche Gruppe, die die CI-Operation befürworten und andere Gruppe, die gegen CI-Operation sind.

    Jedes Kind kommt zur Welt und es muss frei von technischem (und religiösem, etc.) Eingriff leben.
    Fang auch die Natur zu respektieren, wenn Kinder taub zur Welt kommen. Sie haben die eine vollkommen natürliche Sprache – die Gebärdensprache – und mit ihr kann man problemlos umgehen.

    Ihr ignoriert jede Realitäten in den einigen Ländern, die dazu führen, dass die Tauben im gleichen Niveau wie Hörenden leben und kommunizieren können.

    In England, Dänemark und in einigen Ländern wurden die Gehörlosenschulen geschlossen und die CI-Methodik stark auf fas 100%ig gefördert. Was es dazu führt, dass die Taubenbewegung schließlich langsam untergehen wird. Es gibt immer weniger Anzeichen von deren Aktivitäten.
    Eine regionale Kultur wurde durch die CI-Problematik ausgelöscht.
    Traurig, aber das nehmt ihr sowieso ja nicht ernst.

    Stell Euch mal in der Gegenseite vor, wenn die REgierung eines Tages beschließt, die CI-Schulen zu schließen und ihr alle CI’s entfernen müssten. Ihr müsstet fortan die Gebärdensprache lernen und den Rest des Lebens mit tauben Ohren leben.
    (ein schlechtes Beispiel, ich weiß, aber immerhin könnt ihr eventuell Tauben verstehen, wie sie sich fühlen!)

    Orley.

    P.S. Übrigens Charité ist bekannt dafür, dass sie viel von der CI-Lobby gefördert wird. Und falls diese Studie zum Ergebnis kommt, reicht es nicht aus, von einer Studie zu überzeugen. Man braucht mehrere ! „unabhängigen“ ! Studien.
    Sie gibt aber schon in den USA, im Neuseeland, etc., aber typisch Deutsch, dass sie lieber „deutsche“ Studien in die Hände bekommen wollen.

  31. Comment von Enno | 02. Jul. 2013 um 14:02:45

    @Orley Der hörende Mensch kann durchaus Teil der Gehörlosenkultur werden. Umgekehrt sieht das schon anders aus. Inklusion sieht anders aus… Zu den Studien: Ich bitte um Links.

  32. Comment von Mamu | 02. Jul. 2013 um 14:50:36

    @ Orley

    Eine einfache Frage: Möchtest Du, dass Kinder die Wahlfreiheit zwischen Hören und Gehörlos haben oder sollen sie diese nicht haben?

  33. Comment von Mamu | 02. Jul. 2013 um 14:57:56

    und natürlich ist richtet sich diese Frage auch an Julia Probst, die sicher hier mitliest: Wahlfreiheit – ja oder nein?

  34. Comment von Liesel | 02. Jul. 2013 um 16:01:15

    Vielen Dank für den sehr interessanten Beitrag, Enno!!! Da mein ausfühlicher Kommentar irgendwie untergegangen zu sein scheint, nur noch kurz dies:

    „Zumal das CI übrigens auch “Notwehr” für Schwerhörige darstellt: Die Kassenversorgung ist eine Zumutung und ich möchte nicht alle 5 Jahre mehrere 1000 Euro für Hörgeräte ausgeben müssen.“

    Ganz sicher ist das CI für meine Ohren keine gute Alternative, weil Hörgeräte nicht bezahlt werden und somit zu teuer sind!!!! Das kann und darf es auch nicht aus solchen Gründen sein!

    Dennoch vielen Dank und bitte weiter solch interessante Beiträge, die für einen Austausch offen sind!!

  35. Comment von Michael Gärtner | 02. Jul. 2013 um 17:30:32

    Ich finde diese Art der Berichterstattung wesentlich besser als es Julia Probst zumeist tut, denn gerade diese Berichterstattung von Julia Probst finde ich eher zu aggressiv und klingt als hätte Sie selbst null Plan von dem was Sie erzählt.

  36. Comment von Stella | 02. Jul. 2013 um 17:30:47

    Warum lernen viele hörende Menschen unsere Sprache die Gebärdensprache, weil für sie ist exotische und faszinierte Sprache ist. Sie ist aber für uns rein und gar nicht exotische Sprache, sondern für uns ist es ein gleichwertiges, vollwertiges, lebensnotwendiges Sprache für unsere Leben, wenn die tauben von klein auf die Gebärdensprache erworben haben, und in der Schule weiterhin im Unterricht Bilingual (Gebärdensprache und Lautsprache) bekommen, können sie auch endlich höhere Fachschule bzw. Universität besuchen können. Was bislang nicht der Fall ist! Es gab und gibt Bilingual-Projekte in der Schulen für tauben, hörgeschädigte, schwerhörigen Kinder mit hörenden Kindern in der Klasse und Ergebnisse zeigten auch dass für hörende Kinder von grossen Vorteile bringen. Dem hörenden Kindern werden visuelle Wahrnehmung und motorisch Fähigkeiten ebenfalls gefördert. Was die Experten überraschten!

    Historisch: Wir alle tauben haben die Gebärdensprache nur durch andere gehörlose gebärdensprachliche Kinder erworben, aber in der Schule die Lehrer und die Eltern könnten nie die Gebärdensprache beherrschen. Wir beherrschen immer noch mit grosser Mühe unsere Lautsprache und Deutsch. Weil wir von klein auf nur Lautsprache (auditiv mit Hörgeräte und CI) gezielt geschult worden und jeden Tag hör- und Ablese Training gehabt haben. Das deswegen wollen wir nicht, die tauben Kinder das gleiche Erleben müssen wie wir. Sie haben auch Recht auf ihre visuellen Sprache die Gebärdensprache, damit sie bessere Lebensqualität haben als wir. Deshalb schreiben wir hier aus unseren Erfahrungen.
    Es ist ein MUSS, dass unsere taube Kinder Bilingualität bekommen (Gebärdensprache und Lautsprache inklusiv hören (egal wie gut es hört und ob CI oder Hörgeräte!), wichtig ist es stärkt Sprachkompetenz, stärkt weiter dann Kommunikationskompetenz und am Schluss stärkt an Sozialkompetenz. Heutigen Gesellschaft streben und fördern wir alle unsere Fähigkeiten aus, also haben wir auch das Recht, dass tauben Kinder ihre alle Fähigkeiten (deren Ressourcen: visuell, auditiv und motorisch) auch gefördert werden. Wer bewusst dem tauben Kind Gebärdensprache vorenthalten wird dem Kind Schaden zufügen fürs ganzes Leben! (Intelligenzentwicklung – Schaden!) Die Gebärdensprache schadet niemand ist sogar eine wertvolle Bereicherung für jeder Menschen und deren Fähigkeiten in allen Richtungen visuelle Wahrnehmung, motorisch, körperlich gefördert. Für die tauben und hörgeschädigte Kinder ist es nur möglich wenn sie Gebärdensprache als Sprachbasis haben, können dann Lautsprache darauf besser aufbauen und beherrschen dann Lautsprache noch besser und sprechen locker! Das ist die Realität und Wahrheit! Traurig ist nur, dass viele Hörenden (ihr Besserwisser) über uns regieren und manipulieren! Wollt ihr wirklich, dass taube Kinder mit/ohne CI Zukunft „dumm“ bleiben!?!

  37. Comment von Orley | 02. Jul. 2013 um 17:37:35

    @ Enno:
    „Der hörende Mensch kann durchaus Teil der Gehörlosenkultur werden. Umgekehrt sieht das schon anders aus. Inklusion sieht anders aus.“ Das ist deine Meinung.
    Inklusion heißt nicht, dass die Kinder deswegen CI bekommen um es zu inklusionieren.
    Sondern dem Bedürfnis eines Kindes in Wunsch erfüllen und versuchen das Beste möglichst daraus zu machen, dass jeder gleich ist und ein Leben führen kann wie es möchte, unabhängig von Behinderung, Religionszugehörigkeit, etc.

    Den Links kenne ich zwar nicht, aber du kannst gerne IDGS – Bibliohek in Hamburg besuchen und dort solche Studien finden.

    @ Mamu:
    Ich finde deine Frage ziemlich lächerlich, peinlich und abartig um es dagegen zu argumentieren.

    Du vergisst es wieder.

    Wenn das Kind taub zur Welt gekommen ist, soll man einfach akzeptieren, dass es taub ist und die technikfreie Methode verwenden, in diesem Fall rede ich von der Gebärdensprache.
    Das ist ethnisch vertretbar, weil es von der Natur her ist.

    Natürlich ist es schwierig, ab wann das Kind die Wahlfreiheit bekommen soll. Ob man mit 1 Jahr schon entscheiden kann oder erst mit 12 oder mit Volljährigkeit.
    Die Entscheidung überlasse ich der Gesellschaft. Im Moment fordern einige Parteien das Kinderrecht im Grundgesetz, das man die Würde eines Kindes beachten soll. (Wobei ich es befürworte!)

    Immerhin es geht diesmal um das Kind. Mit welchem Recht hat man das Kind „umzuoperieren“ ohne ihm danach zu fragen, obwohl es „so“ zur Welt gekommen ist.
    Das ist menschenverachtend und inhuman!

    Eine Anmerkung: Ich sehe Tauben für nicht behindert. Daher möchte ich sicher betonen, dass die Tauben sich sehr von anderen Behindertengruppen unterscheiden. Ihr wisst schon, welche ich damit meine!

  38. Comment von Orley | 02. Jul. 2013 um 17:41:05

    @ Stella: Vielen Dank für Deinen Kommentar! Ist ziemlich bestens gelungen!

  39. Comment von Enno | 02. Jul. 2013 um 18:23:51

    @Orley Du findest eine dir nicht genehme Meinung „abartig“? Dir ist aber schon klar, was „abartig“ bedeutet? Du vergreifst dich im Ton. Bitte unterlasse das.

  40. Comment von hewritesilent | 02. Jul. 2013 um 18:50:22

    „Zumal das CI übrigens auch “Notwehr” für Schwerhörige darstellt: Die Kassenversorgung ist eine Zumutung und ich möchte nicht alle 5 Jahre mehrere 1000 Euro für Hörgeräte ausgeben müssen.“

    Klar!

    Wenn ich Präsident der Krankenkasse wäre, würde ich am liebsten speziell die Richtlinien für Kostenübernahme ändern und die wäre OP-Kosten wird komplett übernommen und den CI-Gerät übernimmt Ihr anteilig selbst. Oder die Hörgeräte (für Schwerhörige wo es damals kein CI gab wurde damals Krankenkasse und Sozialamt Hörgeräte und Batterien für das Hörgerät immer übernommen) muss wie CI komplett übernommen werden. Damit wäre die Welt nun gerechter!

    Wie finden, Eltern oder Betroffene sollten sich nicht an der Hochglanz-Werbung von rein Profit orientierten Cochlear-Implantat-Herstellern und dem karrieredenkende Leuten, sondern an der Realität orientieren.

  41. Comment von hewritesilent | 02. Jul. 2013 um 19:11:33

    Blöd dass man hier nicht editieren kann. Entdecke gerade Fehler. :/

  42. Comment von Orley | 02. Jul. 2013 um 19:52:53

    @ Enno: Du hast Recht. Entschuldige mich für diese Wortwohl. Da ich den Kommentar nicht editieren kann, bitte ich Dich um Entfernung dieses Wortes.

  43. Comment von Lisette | 04. Jul. 2013 um 11:43:40

    Beim Lesen der Kommentare juckte es mir schwer in den Fingern, bis ich bei Mamu ankam – vielen Dank für Deine Worte, die kann ich (zugegeben als „Laie“ in diesem Thema) nur unterstreichen.
    Für mich wiegt bei taubgeborenen Kindern das Vorenthalten der DGS genauso schwer wie das Vorenthalten eines CI – beides schränkt seine Möglichkeiten zur Entwicklung ein. Und wenn ich als Mutter eines für mein Kind möchte, dann doch, dass ihm möglichst viele Türen im Leben offen stehen.

  44. Comment von David Siems | 05. Jul. 2013 um 17:00:03

    @Enno: Verzeihung, da hab ich wirklich nicht aufgepasst. Anders gesagt: Für jemanden, der (aus welchen Gründen auch immer) kein Teil dieser Gebärdenkultur ist, ist diese (sicherlich nicht zielführende) Genozid-Panik nicht nachvollziehbar. Und ich vermute mal, dass für jemanden, der in dieser Gemeinschaft gut aufgehoben ist, das Bedürfnis zu hören und sich anzupassen, ebenso wenig nachvollziehbar ist. Es ist einfach sehr schade, dass die Gehörlosen dadurch so gespalten werden. Und wenn ich da an die Phoenix-Debatte denke, zeigt sich auch, wie gut man die beiden Gruppen dadurch gegen einander ausspielen kann.

  45. Comment von cheshire_kitten | 06. Jul. 2013 um 11:33:03

    Großartiger Artikel.
    Ich habe mich erst letzte Woche mit meiner besten Freundin, die Förderschullehrerin wird (unter anderem) über meine Erfahrungen in meinem DGS-Kurs gemacht. Unsere Lehrerin ist ähnlich wie du in ihrer Jugend ertaubt, trägt aber beidseitig CI; die Implantate haben ihr aus ihrer Depression geholfen und ihr Leben – mit ihren hörenden Kindern und ihrem hörenden Mann – bereichert, wie sie selbst sagt. Ihr neuer Partner ist gehörlos geboren und war, zusammen mit einem Kollegen einer Kursteilnehmerin der ebenfalls taub geboren ist, im Kurs zu besuch. Beim ersten Mal sah man, wie wir uns gegenseitig bemühten aber nicht wirklich miteinander warm werden konnten – wir verstanden einfach viel zu wenig – sowohl an Gebärden als auch an Kultur.
    Es hat mich sehr an mein Studium im Ausland erinnert als ich Wochen brauchte, um mich daran zu gewöhnen wie anders die Kultur meiner Kommilitonen ist.
    Nach der Eingewöhnungsphase war dann allerdings alles faszinierend und hat mich absolut in den Bann gezogen. Sowohl hier die GL-Kultur als damals die Kultur der fremden Länder.
    Das größte Problem hier in Deutschland sehe ich in der ignoranz auf beiden Seiten. Eine Großzahl der Hörenden versteht nicht einmal, dass Gehörlose eine eigene Kultur haben, dass DGS kein „Hilfsmittel“ ist sondern eine eigene Sprache – und viele Gehörlose sehen nicht, dass sich die Situation zumindest zum Teil geändert hat; dass nicht alle Hörenden ihre Kultur auslöschen wollen. Letzteres kann ich allerdings besser verstehen als die Ignoranz „meiner“ Seite; es ist zu wenig und (hoffentlich noch nicht zu) spät. In Deutschland muss sich noch vieles Ändern, bevor Gehörlose und Hörende nicht nur aufeinander zugehen sondern Seite an Seite stehen.

  46. Uwe
    Comment von Uwe | 06. Jul. 2013 um 18:31:51

    Alles in allem stösst mir unangenehm auf, dass es die Angst um die „Gehörlosenkultur“ ist, die sozusagen auf dem Rücken des Kindes ausgetragen wird.
    Das Kind kennt zunächst weder die eine noch die andere Kultur, es sollte jedenfalls sozialen Anschluß im Leben erfahren. Und da beide Kulturen „leben“, ist es unerheblich, ob mit oder ohne ABI/CI.

    Um mit dem Kindeswohl zu argumentieren, sollte die Debatte ganz schnell weg von irgendwelchen Kulturzugehörigkeiten. Denn das gibt es mit schlechten Beispielen auch in Afrika, wo Kinder für den Kampf kultureller Gruppierungen mißbraucht werden – auch mit brutaler Waffengewalt. Aber wenn es der Kultur dient …?

  47. Comment von eyeit | 07. Jul. 2013 um 01:12:13

    Hallo,
    Ich bin Schweizer, seit Geburt gehörlos (hochgradig hörgschädigt) und vor 1980 geboren – hatte damals erstmal Hörgeräte bis 1999 und 2008, in diesen Jahren wurde mir jeweils ein CI implantiert. Ich sage das, weil ich praktisch eine normale verbale Sprache entwickelt habe, was in meinem Alter selten ist.

    Ich bin vollkommen auf Deiner Linie, Enno. Mir wurde schon vor etwa 7 Jahren vorgeworfen, dass ich einen „kulturellen und lingustischen Genozid“ betreibe. Als ich den Vorwurf zum ersten Mal hörte, bin ich wirklich erschrocken und habe mich dann in diesen juristischen Begriff eingelesen. Den kulturellen und linguistischen Genozid gibt es tatsächlich, aber ich glaube nicht, dass man diesen Begriff so auf das CI oder auf das Hörgerät anweden kann. Bei einem kulturellen und linguistischen Genozid geht es darum, Kulturen und Sprachen zu unterdrücken. Das Motiv für solche Massnahmen ist jeweils, die Herrschaft einer anderen Gruppe zu stärken.
    Bei den Gehörlosen beziehungsweise bei den Hörenden geht es meiner Meinung nach nicht darum, sondern es geht ihnen darum, den Betroffenen mehr Möglichkeiten, ja mehr Freiheiten zu geben. Die Schulung zur Lautsprache ist eine Schule, es bereitet den Gehörlosen genauso auf die Welt vor, wie es die normale Schule tut. Immerhin kann nur der kleinste Anteil der Gesellschaft die Gebärdensprache, somit kann die Lautsprache nur ein Vorteil sein.

    Studien zeigen, dass die Reifung der Hörrinde in den ersten Lebensjahren (bis ca. 3-4 Jahren) geschieht, daher kann von einer „freien Entscheidung“ keine Rede sein. Will man dem Kind ermöglichen, dass es jemals die gesprochene Sprache versteht, ist man faktisch gezwungen, das so früh wie möglich zu tun.

    Trotzdem glaube ich nicht, dass das Verbieten oder das Unterdrücken der Gebärdensprache der richtige Weg ist. Ich bin der Meinung, die Gebärdensprache kann die Lautsprache sogar ergänzen und diese Unterstützen. Allerdings sehe ich auch, dass es für viele Eltern und Fachleute sehr schwer ist, einen guten Mittelweg zu finden, damit keine der beiden Sprachen dominiert. Es ist wie bei Ausländern, die vorwiegend in ihrer eigenen Gruppe leben und dann eben halt noch in die Schule und „leider“ auch noch die deutsche Sprache lernen müssen – diese Gruppen lernen dann oft auch kein richtiges Deutsch. Wie dieses Problem aber dann gelöst werden kann, wenn die Gebärdensprache und die Sub-Kultur der Gehörlosen so stark ist, weiss ich nicht. Ich kann es selber nicht beurteilen, da ich die Gebärdensprache nie wirklich gelernt habe.

    Enno, ich danke Dir für den differenzierten und sehr eloquenten Beitrag, ich wünschte ich hätte das genauso vor einigen Jahren veröffentlichen können.

  48. Comment von Mamu | 07. Jul. 2013 um 11:13:29

    Dieses Ethnien-Argument scheint ja öfter mal zu kommen, wenn man sich so durch die Foren liest. Angenommen, angeborene Gehörlosigkeit sei ein ethnisches Merkmal, wie oben argumentiert wurde und wie offenbar auch Julia Probst es sieht, wie darf man sich das dann eigentlich praktisch vorstellen? Imo hätte das weitreichende Konsequenzen: Die UN-Behindertenrechtskonvention würde ebenso greifen wie Behindertengleichstellungsgesetze. Es müssten also alle mit genetisch (ethnisch) bedingter Gehörlosigkeit ihre Schwerbehindertenausweise abgeben, da dann Gesetze und Konventionen zur Gleichberechtigung ethnischer Minderheiten greifen. Da die meisten Rechte, die sich daraus ergeben würden, an ein Gebiet gekoppelt sind, würden wohl nur noch kostenlose Gebärdensprachdolmetscher im Rahmen von Gerichtsverfahren usw. übrig bleiben. Alle anderen sogenannten Nachteilsausgleiche müssten fallen, da es ja ein ethnisches Merkmal und kein Nachteil ist. Sofern trotzdem gehörlose Eltern ihren gehörlosen Kindern ein CI implantieren lassen möchten, müsste das bei genetisch bedingter Gehörlosigkeit ebenso aus eigener Tasche bezahlt werden, wie Hörgeräte. Nun habe ich aber gelesen, dass 90% aller Kinder von Gehörlosen nicht gehörlos geboren werden. Gehören die dann zur Ethnie dazu, zumindest, wenn sie eine genetische Veranlagung haben oder nicht?

    Ehrlich: mich gruselt’s, wenn man das Ethnienargument so in der praktischen Konsequenz durchdenkt und noch nicht mal wegen des CI.

  49. Comment von Mamu | 07. Jul. 2013 um 11:14:52

    Es muss natürlich heißen:

    Die UN-Behindertenrechtskonvention würde ebenso _wenig_ greifen wie Behindertengleichstellungsgesetze.

  50. Pingback von Linkgebliebenes 26 « kult|prok | 11. Jul. 2013 um 20:20:25

    […] Gehörlose, das Cochlea-Implantat und ein Genozid […]

  51. […] Gehör­lose, das Cochlea-Implantat und ein Geno­zid Enno Park setzt sich mit dem Vor­wurf aus­ein­an­der, Implan­tate für Gehör­lose wären ein Geno­zid. Län­ge­rer Text, sehr objek­tiv, obwohl Enno selbst ein Cochlea-Implantat trägt. […]

  52. Comment von Jürgen Hammelmann | 14. Jul. 2013 um 22:56:26

    Hallo Enno! Du hast meine vollste Zustimmung! Den Begriff des „Genozid“ sollte man hierzulande eher vermeiden, er ist wegen der deutschen Vergangenheit einfach zu sehr belastet!
    Gehörlosigkeit/Hörschädigung ist die einzige Behinderung, die die Kommunikation zwischen Menschen zerstört, eine eigene Sprache (DSB) und somit eine eigene Subkultur schafft!
    Wie wird diese Diskussion erst werden, wenn die Stammzellentherapie marktreif wird?! Auch diese werden mit OP’s und somit Risiken verbunden sein und erwachsenen Gehörlosen (da Hörfenster geschlossen) nicht helfen können… Aber was ist die Alternative für bessere Lebenschancen, wenn DSB und LBG bei 99,9% mehr oder weniger Hörenden im Alltag keine Relevanz haben? Da ändern Inklusion und Integration nichts dran!

  53. Comment von Tami | 23. Aug. 2013 um 12:28:48

    Hallo,

    eine spannende und aufschlussreife Disskusion. Möchte hier nur kurz erlebte Erfahrungen bei steuern. Gerade weil auch das Implantieren von Kindern mit in die Disskusion eingeflosssen ist.

    Meine Kleine 2 Jahre 9 Monate Ci Anpassung vor 1 Jahr 2 Monaten
    @Buttermilch : KEINE endlose Qual , KEIN endloses Sprechen üben
    Ja, die erste Rehazeit ( 1 mal Woche 80 km / eine Strecke fahren ) war hart, aber mehr für uns Eltern als für die Maus. Nun fahren wir schon nur noch ein mal im Monat und für unsere Kleine ist immer ein besonderer Tag.
    Wir sprechen mit unserer Kleinen genauso viel, wie wie es bei unserem großen Kind gemacht haben. Wir singen, reimen, tanzen, lachen, blödeln —- wie man es bei jedem Kind machen sollte, was jeder Sprachentwicklung zugute kommen würde.
    Unsere Kleine kann die Babyzeichen, welche sich aber langsam verlieren. Sie nutzt diese nur noch, wenn sie das Gefühl hat, nicht verstanden zu werden. Gerne würden wir ( hörend und im Reich der Gl total unerfahren ) ihr die Möglichkeit geben Gebärdensprache auch zu lernen und zu nutzen — Aber find da mal einen Weg.
    Also kurz Abschließend: Unser Kind hat mit Spass und Freude Hören gelernt und lernt so auch sprechen. Sie hat Spass an Geräuschen und Sprache. Sie wäre in unserer Ecke der Welt, wenn sie nur Gebärden könnte, aufgeschmissen.

    Den oft genanntem Druck der Krankenhäuser ect. haben wir uns nicht gebeugt. Unsere Entscheidung dauerte 1,5 Jahre und wurde gründlichst überlegt.

  54. […] die richtige sein, DGS – die Deutsche Gebärdensprache.Vor ein paar Wochen las ich den Text Gehörlose, das Cochlea-Implantat und ein Genozid im Blog die ennomane. Darin schrieb der Autor […]

  55. […] mehr entfernt und sechs Millionen Dollar müssen wir auch nicht mehr dafür ausgeben. Das – teilweise umstrittene – Cochlea-Implantat gehört heute durchaus zu den Standards bei der Behandlung gehörloser […]


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