sofa die ennomane

20. Juni 2013

Eine Fernbedienung für mein Gehör

tl;dr: Die Fernbedienung des Nukleus N5 von Cochlear ist ein schlechter Witz

fernbedienung

Zu den angenehmen Dingen des Cyborg-Daseins gehört eine handliche Fernbedienung für mein Gehör. Damit kann ich Programme umschalten. Also jetzt nicht ARD, ZDF, RTL und SAT.1 sondern Einstellung des Implantates wechseln, wie man das auch von vielen digitalen Hörgeräten kennt. Ich hatte mich 2011 für Cochlear statt für Med-El entschieden, weil ich den Eindruck hatte, mein Gehör breiter manipulieren zu können. (Heute würde ich Med-El wählen, zu den Gründen aber ein Andermal mehr.) Der Nutzen der vier Programme liegt darin, mein Gehör an verschiedene Situationen anzupassen. Wie bei einem Equalizer könnte ich z.B. ein Programm mit extra viel oder extra wenig Bass verwenden. Verschiedene Parameter können eingestellt werden, unter anderem Kompression. Vereinfacht gesagt: Laute Geräusche werden automatisch in Sekundenbruchteil auf ein angenehmes Maß heruntergepegelt.

Bei mir sieht das so aus, dass auf Programm 1 das vom Audiologen ermittelte Profil mit leichter Kompression geschaltet ist. Dieses Programm sollte die Standard-Einstellung für den Alltag sein, ich benutze es jedoch selten. Programm 2 ist aus Programm 1 abgeleitet, hat keinerlei Kompression und ist insgesamt etwas lauter. Das nehme ich in ruhiger Umgebung, bei Meetings, zum Telefonieren, im Büro usw. Programm 3 hat eine starke Kompression mit Fokussierung und hilft gewaltig, auch in lauter Umgebung meinen Gesprächspartner zuhören zu können. Das funktioniert unterschiedlich gut. In mittellauter Kneipenatmosphäre, die nicht laut genug ist, damit Leute ihre Stimme heben, habe ich gelegentlich Schwierigkeiten, die sich aber fast immer mit einem einfachen „Wie bitte?“ beheben lassen. In einem Club mit sehr lauter Musik, wo man sich gegenseitig ins Ohr brüllt, kann es gut sein, dass ich mehr verstehe als du. Programm 4 ist die „reine Lehre“: Alles völlig ungefiltert, keinerlei Kompression, voller Dynamik-Umfang. Dieses Programm nutze ich, um Filme anzusehen und Musik zu hören. Es klingt am angenehmsten und oft behalte ich es auch in anderen Alltagssituationen bei, allerdings verstehe ich Sprache damit mess- und merkbar schlechter.

Um diese Programm umzuschalten, benötige ich die Fernbedienung, mit der ich auch lauter/leiser machen kann, die Mikrofonempfindlichkeit einstellen sowie die FM-Spule (auch bekannt als Telefonspule) aktivieren. Also könnte ich theoretisch. In der Praxis ist diese Fernbedienung leider vollkommen unpraktikabel. Das fängt schon damit an, dass ich sie immer dabei haben muss und ein weiterer Gegenstand in meiner Tasche herumfliegt. Leider ist die Fernbedienung auch noch sehr unzuverlässig: Häufig wird nur ein Ohr umgeschaltet, sodass ich mehrfach drücken muss.

Das wäre nicht so schlimm, wenn Fernbedinung und Sprachprozessor nicht so laaaangsam wären. Wenn ich eine Taste drücke, schaltet sich das CI für etwa eine Sekunde ab. Immer wenn ich umschalte, bekomme ich als akustisches Feedback ein „Pling!“ in mein Gehör. „Pling! Pling! Pling!“ heißt dann, dass ich gerade in Programm 3 gewechselt bin. Das Umschalten kann also Gespräche empfindlich unterbrechen, ich verpasse Teile des Gesagten und bei Vorträgen, Filmen usw. ist ein kleines Stück unwiederholbar verloren.

Einfacher ist es, die Programm direkt am Ohr umzuschalten. Dazu muss ich die Leiser-Taste am Sprachprozessor hinter meinem Ohr ca. eine Sekunde lang drücken, damit das Gerät ein Programm weiterschaltet. Möchte ich von Programm 4 in Programm 3 wechseln, ist dieser Vorgang dreimal zu wiederholen. Das klingt zwar nervig, ist aber immer noch praktischer, als mit der Fernbedienung zu hantieren, zumal ich meine Ohren nacheinander umschalten kann, sodass ich immer noch mit dem jeweils anderen Ohr höre, was gerade passiert. Wer schonmal mit mir in der Kneipe saß, kennt auch diese „Sekunde, ich muss mal umschalten, damit ich dir besser zuhören kann“-Momente.

Das olle Stück Plastik mit einem Display, das aussieht, als hätte man es aus einem antiken Siemens-Mobiltelefon ausgebaut, verstaubt also bei mir in einer Schublade. Mein einziger richtiger Einsatzzweck war, sie neulich bei einem Vortrag ins Publikum zu geben mit dem Hinweis „Knöppe drücken erlaubt“ und „Wer es schafft, mein Gehör auszuschalten, kriegt einen Snickers.“ Das geht nämlich aus Gründen damit nicht. Aber vielleicht findet sich ja auf der SIGINT jemand, der das hinkriegt. Das Angebot steht.

Hausaufgaben an Cochlear: Bitte baut eine bessere Fernbedienung, die sicher funktioniert und kriegt diese elende Umschalte-Latenz weg! Oder nein, baut lieber eine eine Smartphone-App. Das Telefon habe ich sowieso immer dabei. Das ginge über Bluetooth oder Funk-Adapter für den Dock-Connector/USB-Anschluss. Eine solche Remote-App zu bauen, wäre ein wunderschönes Projekt für die Cyborg Society. Dafür müsste ich aber den technischen Aufbau und die Funkstandards der Fernbedienung erst einmal kennen. Vielleicht findet sich ja ein Hacker, der etwas Lust auf Tüftlei hat und die per Remote Engineering herausbekommt.

Last not least sehe ich nur bedingt ein, warum ich nur zwischen 4 Programm wechseln kann. Ich würde den „Equalizer“ gerne selber mal anpassen und mit einem wenig genutzten Programm meines CI experimentieren. Derlei „Self-Tuning“ geht natürlich auch nicht. Die nötigen Adapter zum PC und die Windows-Software ist für Normalsterbliche nicht erhältlich. Da sich das Gehör monatelang an das CI gewöhnen muss, ist es auch keine gute Idee, wenn frisch Implantierte mit den Einstellungen herumspielen. Ich will das aber können.

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Kommentare

  1. Comment von not quite like beethoven | 20. Jun. 2013 um 21:41:01

    Ich will das auch können!

  2. Comment von Enno | 21. Jun. 2013 um 11:14:31

    Hilf mit, es zu realisieren!

  3. Comment von Felicitia | 24. Jun. 2013 um 08:36:15

    Schalt doch an der Fernbedienung die Signaltöne ab, dann piept es nicht mehr beim umschalten. Das ist viel schneller.
    Ansonsten fänd ich es furchtbar wenn wir CI-Träger selbst an dem „Equalizer“ rumschalten könnten. Das regelt wieviel Strom in mein Gehirn fließt – brrr… – Das will ich echt nicht selbst machen… :)

  4. Comment von Susanne | 24. Jun. 2013 um 09:29:19

    Ohh man ist das eine tolle Erfindung!

    Bin auch Hörgeräteträger und für mich wäre das echt eine erleichterung, manche laute Töne sind manchmal echt unerträglich..

  5. Comment von Enno | 24. Jun. 2013 um 12:32:51

    @Felicta Die Signaltöne sind ein sehr gutes und praktisches Feedback. „Strom ins Gehirn“ ist ein wenig zu krass: Es werden die Nervenenden im Innenohr mit sehr leichten Stromstößen stimuliert. Also halb so wild.

    @Susanne: Gibt es doch längst für (digitale) Hörgeräte, allerdings da auch seltenst frei programmierbar. Was du beschreibst, ist ein Hinweis auf ein evtl. schlecht eingestelltes Hörgerät.

  6. Comment von thaumu | 25. Jun. 2013 um 20:14:26

    Schönes Posting, nur ein kleiner Hinweis, die vormals bekannte „Telefonspule“ funktioniert induktiv, das hat mit „FM“ erst mal nichts zu tun. „FM“ bedeutet Frequency Modulation und ist ein Verfahren der Funkübertragung mit Ultrakurzwellen (UKW).
    Ich testete Widex-Geräte … die haben auch eine Fernbedienung. Darin ist eine Induktionsspule integriert (zum Telefonieren, falls die Induktion des Telefons stark genug ist), der Ton wird dann über UKW (FM) an die Hörgeräte übertragen.
    Bei Handys funktioniert die Fernbedienung als Bluetooth-Freisprecheinrichtung. Die Kopplung mit dem Handy funktioniert über die Bluetooth-Schnittstelle, während an die Hörgeräte wiederum per UKW (FM) übertragen wird.

    Lachhaft finde ich sogenannte „Fernbedienungen“, die man mit einem Kabel um den Hals hängen muss (z.B. Phonak). Das ist ein Rückschritt in die Zeit der Hörgeräte in Zigarettenschachtelgröße, die man ebenso vor dem Hals hängen hatte.
    Meines Erachtens ist das Knowhow in den Firmen wesentlich besser, um tragfähige Lösungen zu entwickeln.

    Noch ein Tipp: Ein Hacker findet etwas per „Reverse Engineering“ heraus ;-)

  7. Comment von eyeit | 09. Jul. 2013 um 00:22:53

    Danke, Enno, Du sprichst mir aus der Seele – ich benutze die Fernbedienung ebenfalls nie.

    Was mich am CP-810 am meisten nervt, ist, wie langsam die Umschaltung der Programme funktioniert. Man kann den Zeitintervall leider nicht einstellen, man kann nicht einmal sagen, dass man einen anderen Ton, statt zwei Töne für ein neues Programm, will. Da verliert man oft sehr viel Zeit.

    Cochlear könnte durchaus auch erfahrenen Power-User wie uns eine Software zur Verfügung stellen, mit der wir spielen könnten, innerhalb der Sicherheitseinstellungen. Das wäre leicht realisierbar, denn man kann ja die Obergrenzen auch so festlegen. Mit einer solchen Software könnte man zum Beispiel sich auch spontan für eine entsprechende Situation einstellen. Warum nicht mal eine Einstellung bei sich auf dem Computer abspeichern, damit man die richtige Einstellung für ein Konzert oder für den Kinobesuch hochladen kann? Müsste doch auch so gehen, falls die Speicherkapazität wirklich Probleme macht. Oder das etwas weiter gedacht, könnte man auch die Einstellungen auf der Fernbedienung abspeichern, damit hätte das wieder einen Nutzen.

    Auch ich träume schon seit langem von einer Smartphone-App…

  8. Comment von eyeit | 09. Jul. 2013 um 00:28:17

    Was ich auch wünsche: Ein Headset: Hörende haben im-Ohr Headsets (v.a. bei iPhone), die also wie einfache Kopfhörer aussehen, aber ein Mikrofon besitzen, in das man hineinsprechen kann. Am Computer verwende ich so was in der Art: Es gibt ein Kopfhörer, mit dem man den Computer direkt an das CP-810 anschliessen kann. Dazu verwende ich noch einen handelsüblichen USB-Headset, den ich aber nur für das Mikro nutze. Das Headset lege ich mir um den Hals (ist viel bequemer) und in den Windows-Einstellungen bestimme ich, die Lautsprecher des Headsets nicht zu benutzen, sondern das des Audioausgangs (3.5mm Jack). Eine so gute Tonqualität möchte ich aber auch am Handy haben…

  9. Comment von eyeit | 09. Jul. 2013 um 22:27:40

    Weitere Ergänzung:
    Mit dem Freedom-Prozessor konnte man 3 Batterien im Gehäuse nutzen, mit dem CP-810 aber leider nur noch 2. Ein Batteriefach mit 3 Batterien gibt es leider nicht mehr. Das hatte nicht nur den Vorteil der längeren Ausdauer, sondern auch der höheren Spannung. Eine höhere Spannung kann zum Beispiel bei hohen Pulsraten und bei vielen gleichzeigien Reizung verschiedener Elektroden von Vorteil sein, aber auch, wenn man einen sehr hohen C-Level (Comfortable-Level) hat.


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