Roboroach, das Cyborg-Haustier

tl;dr: Biohacking und eine Schabe fernsteuern geht nicht nur ok, sondern ist eine ziemlich spannende Sache.

roboroach

Heute machte eine Meldung die Runde, dass Backyard Brains einen Bausatz anbietet, mit dem eine Schabe via Smartphone ferngesteuert werden kann. Sofort wurden „ethische Bedenken“ angemeldet: Tierquälerei. Zugegeben: So etwas klingt zunächst einmal gruselig und ekelig. Dennoch sollte man dieses Experiment einer nüchternen Betrachtung unterziehen.

Zunächst einmal ist wichtig zu verstehen, was bei Roboroach eigentlich passiert. Ein Empfänger wird an der Schabe befestigt, der jederzeit abgenommen werden kann. Schaben orientieren sich mit Hilfe ihrer Fühler. Ertasten diese ein Hindernis, wechselt die Schabe die Richtung. Diesen Mechanismus macht man sich zu nutze: Der Fühler wird mittels einer Elektrode stimuliert: Die Schabe wechselt ihre Richtung und kann somit ferngelenkt werden. Die Steuerung erfolgt mittels einer Smartphone-App, die ihre Befehle via Bluetooth an den Empfänger auf dem Rücken der Schabe überträgt. Dabei geht es nicht um starke Stromstöße sondern darum, einen feinen Impuls in die Nerven des Tieres abzusetzen – ganz ähnlich wie bei meinem Cochlea-Implantat. Das ganze ist vergleichbar mit dem Zaumzeug eines Pferdes.

Ein weiterer Einwand lautet, dass es trotzdem Tierquälerei sei, gegen ihren Willen so mit der Schabe umzugehen. Ich will jetzt nicht weiter darauf eingehen, ob eine Schabe einen Willen besitzt, Gefühle hat oder beseelt ist. Ich frage mich nur, ob diese Leute die toten Fliegen an ihrer Windschutzscheibe zählen. Die Frage, ab wann ein biologisches System oder ein Organismus unantastbar ist, ist eine philosophische bis religiöse und wer dieses auch für ein Insekt bejaht, dürfte mehr Lebenslügen über das eigene Leben und die Konsequenzen des eigenen Handelns angehäuft haben, als sich in einer Therapie üblicher Länge aufdröseln ließe.

Spielerei aus Jux ist das ganze jedenfalls nicht – dafür bräuchte man auch keinen Bausatz, da genügt ein Frosch und ein Strohhalm.  Genau wie Garagenfirmen, die in den 70er Jahren Computerbausätze an die ersten Nerds verkauft haben, verkauft Backyard Brains Biohacking-Bausätze. Das solche Bausätze keine Spielerei ist, zeigt schon die Auswahl an Experimenten, die Backyard Brains auf ihrer Webseite zur Verfügung stellt. Das kann man geschmacklos finden, allerdings bin ich überzeugt, dass aus Biohacking mit der Zeit ähnlich großartige Dinge entstehen werden wie aus den Aktivitäten der ersten Computernerds. Das Internet ermöglicht es immer mehr Menschen, an Informationen zu gelangen, die sie interessieren – Foschung findet nicht mehr nur noch in geschlossenen Laboren statt. Daraus wurden und werden Ideen und Karrieren inner- und außerhalb der Universitäten: Hobbyforschung ist mittlerweile durchaus ernst zu nehmen, viele Wissenschaftler verstehen das und begrüßen Hacker als willkomene Ergänzung zu ihrer Arbeit. Mir schwant allerdings, die Medien werden auch Biohacking als dubiose bis gefährliche Tätigkeit sinistrer Jungkrimineller darstellen. Wenn es um den Computer geht, tun sie es schließlich bis heute noch.

P.S.: Ich habe in den Kommentaren noch eine umfassende Ergänzung geschrieben. Bitte dort weiterlesen.

25 Antworten auf „Roboroach, das Cyborg-Haustier“

  1. Ich finde, es geht völlig ok, Menschen, die es ok finden, dass jeder Laie sich einen Bausatz kaufen kann, um Insekten die Fühler anzuschneiden und dort Kabel mit Sekundenkleber reinzuimplantieren (ich habe das Video dazu gesehen, das ist alles andere als „wieder entfernbar“), Elektrokabel in die beiden Hoden zu implantieren und sie mit einer App lustig herumzappeln zu lassen, wenn man ihnen einen entsprechenden Impuls reinjagt.

    Wer jetzt ethische Bedenken hat: Das, was diese abgestumpften Typen für sich selbst „Schmerz“ nennen, ist nur eine ganz natürliche Reaktion, die jedem menschlichen Körper mitteilt, dass da kurzzeitig was nicht stimmt. Bleibende Schäden verursacht das nicht und ich glaube sowieso nicht, dass solche Leute wirklich zu höheren Empfindungen in der Lage sind. Den Empfänger und die Drähte kleben wir dabei auch mit heißem Superkleber fest, ist wir wollen ja nicht, dass sie sich das Zeug selbst wieder abnehmen.

    Ich biete dafür Bausätze auf meiner Webseite an, so kann sich jedes Kind einen lustig hüpfenden Nerd bauen :).

  2. Ich glaube, ich muss auf ein paar Dinge detaillierter eingehen:

    1. Hacking: Offenbar ist das Bild pubertierender Jungs, die sich mit dem Bausatz einen Spaß machen, zu tief verankert. Biohacking ist wie jedes andere Hacking auch nichts anderes als Forschung. Beim Hacken geht es darum, ein System zu erkunden, dessen Funktionsweise zu verstehen und die gewonnenen Erkenntnisse er Allgemeinheit zugute kommen zu lassen. Der einzige Unterschied zur Forschung an Universitäten ist, dass Hacken anarchistisch, oft ungerichtet und (teilweise) außerhalb des akademischen Betriebes stattfindet. Das hat Vor- und Nachteile. Häufig liefern Hacker wertvolle Impulse, manchmal gibt es kriminelle Black-Hat-Hacker. Dass deren Treiben nicht tolerabel ist, müssen wir an dieser Stelle gar nicht diskutieren. Hacking-Werkzeuge unter Verschluss zu halten, ist keine gute Idee, weil ernsthaft Kriminelle im Zweifel in der Lage sein werden, trotzdem daran zu kommen, während die allgemeine Verbreitung von Wissen gesamtgesellschaftlich hilft, sich vor Black-Hat-Hackern zu schützen. Das Argument, es könne nicht sein, dass jeder Laie mit XXX herumspielen kann, zieht einfach nicht.

    2. Lebewesen und Biologie: Viele sehen darin einen Unterschied, dass mit Lebewesen gearbeitet wird. Das ist jedoch nichts neues. Ganz ohne die moderne Biologie und Gentechnologie tut der Mensch seit vielen Jahrtausenden nichts anderes. Er züchtet Pflanzen und Tiere nach seinen Bedürfnissen, er tötet sie aus ökonomischen Gründen und aus Spaß. Ein Lebewesen kann alles sein – von einer Mikrobe über den Kaktus auf der Fensterbank, die Spinne, die wir mit dem Staubsauger entsorgen über unsere Hauskatze bis hin zum Menschen. Wir bewerten diese Lebensformen höchst unterschiedlich und zwar aus weitgehend emotionalen und weniger aus rationalen Gründen. Umweltschutzgesetze sind nicht drauf gerichtet, Individuen vor Schmerzen zu bewahren, sondern dienen Arterhalt und Schutz von Biotopen. Tierschutzgesetze sind höchst unzulänglich – sie verhindern bisher nicht, dass wir Tiere massenhaft auf widerwärtigste Art und Weise in industrieller Massentierhaltung ausbeuten. Dabei handelt es sich in der Regel nicht um Insekten, sondern um höhere Wirbeltiere, von denen wir wissen, dass ihr Schmerzempfinden dem unseren vergleichbar ist und dass sie über Emotionen verfügen. Dass Menschen sich vor diesem Hintergrund über Experimente mit Schaben aufregen, zeigt wie verschoben und emotional geprägt unsere Werte sind. Gerade auch beim Thema Schmerzempfinden von Insekten gelangen wir an den Punkt, wo eine komplette Neubewertung unserer Haltung gegenüber der Natur notwendig wird. Ich bin mir jetzt nicht sicher, ob das in die Esoterik-Ecke gehört, meine aber, mal etwas über das Schmerzempfinen von Pflanzen gelesen zu haben. Vielleicht weiß hier jemand etwas näheres?

    3. Nützlichkeit: Das Leid von Tieren wird in Kauf genommen, wenn es einen gewissen Nutzen hat. Jedoch ist unsere ganze Ziviliation durchsetzt mit tötenden Mechanismen, was schon bei der Rohstoffgewinnung beginnt. Bisher teilen wir den Gebrauch unserer umweltschädlichen Techniken nicht nach Nützlichkeit ein. Autos sind wichtig, weil wir Dinge und Menschen transportieren müssen. Niemand regt sich über 20 tote Fliegen an der Windschutzscheibe eines BMW auf, mit dem der Dorfjugendsprössling 20 km in die nächste Disko gefahren ist. Ich behaupte: Hacken ist nützlich, selbst wenn es in dieser spielerisch anmutenden Form daher kommt. Oder gerade weil.

    4. Religiöse Argumente und Respekt vor der Schöpfung: Zumindest bei den monotheistischen Religionen ein äußerst seltsames Argument, machen wir uns doch die Erde untertan, ganz nach den Geboten eines Gottes, der hin und wieder ein Opfer fordert. Respekt vor der Schöpfung ist allenfalls außerhalb religiöser Beweggründe sinnvoll, aber hoch problematisch. Dinge die wir dann tabu wären: Geburtenregelung, Antibiotika, Insektizide, Straßenbau, die Heilung angeborener Krankheiten, Züchtung, Ackerbau bis hin zur Monokultur… die Liste ließe sich noch sehr lange fortsetzen.

    5. Dystopie: „In 5 Jahren steuert man dann Katzen fern und in 10 Jahren Menschen.“ sagt @mspro. Ein typisches „Wir werden alle sterben“-Argument. Vermutlich wird es Black-Hat-Hacker geben, die irgendwelche schlimmen Dinge anstellen, so wie es sie schon heute gibt. Mein Gehör kann man heute schon fernsteuern, wenn man es schafft, die Fernbedingung nachzubauen und auf den richtigen Kanal einzustellen. Muss ich genauso mit leben wie damit, dass ein Übelmensch mich mit einem Messer überfällt oder in meine Wohnung einbricht. Passiert, aber nicht allzu oft. Nennt man Kriminalität und dagegen gibt es Polizei und Strafverfolgung. Über die Fernsteuerung ganzer Menschen würde ich mir noch die wenigsten Sorgen machen: Ein ganzes Heer von „Arbeitssklaven“, die unter unmenschlichen Bedingungen irgendwelche fremdbestimmten Tätigkeiten erledigen, totaler Kontrolle unterworfen sind und kaum das nötigste zum Leben haben, gibt es heute schon, ganz ohne Technologie: Sie nähen in Bangladesh unsere Kleider und bauen in China unsere Smartphones.

  3. Erkenntnisgewinn ist auch ohne Eingriff und das Inkaufnehmen eventueller Schmerzen und möglicher dauerhafter Veränderungen am zu manipulierenden biologischen System möglich.

    Beine ausreißen oder bestehende biologische Formen mit Energie zu manipulieren? Kann doch jeder..;)

  4. Noch eine Ergänzung: Über Twitter kommt allerlei zum Schmerzempfinden von Pflanzen herein. Das scheint eine Sache zu sein, die Ron Hubbart in die Welt gesetzt hat, ist also Scientology-Kack.

  5. 1. Ja. Und woher kommt das Klischee? Aus der Realität. Hier ist das erste YouTube-Video von einem kleinen Mädchen, dass ganz viel Spaß dabei hat, mit einer Roboterschabe zu spielen: https://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=fZ41wZc3pp8

    Zum Thema „Hacking“: Du kannst gerne in Deiner Welt den Begriff für alles Mögliche verwenden, die Durchführung von Tierversuchen lässt sich aber nicht mit derartigen Euphemismen rechtfertigen, sorry. Sonst ist „Hacking“ nämlich auch, wenn ich jemandem eins über den Schädel ziehe, um seine psychologischen und physiologischen Reaktionen zu erforschen. Kann man so sehen, wenn man scheußliche Dinge positiv besetzen will. Ist alles Hacking.

    Das Argument, dass nicht jeder Laie Tierversuche durchführen können sollte, „zieht einfach nicht“? Ich frage mich ernsthaft, was in jemandem schiefläuft, der so eine Aussage trifft. Ich empfinde das als tiefzynische Verachtung von Leben. Man kann nicht einfach alles „demokratisieren“ und alles wird gut, zb. auch nicht Waffen. Sieht man in Amerika ganz gut.

    2. Doch, Gesetze gegen Tierquälerei sind genau dazu da: Um Menschen davon abzuhalten, aus lustiger Hacking-Laune heraus Tieren Kabel reinzupflanzen oder sie sonstwie zu foltern.Das Restargument („Die halbe Menschheit quält doch Tiere!“) ist keines: Grausamkeiten sind keine Legitimationsbasis für weitere Grausamkeiten.

    3. Erklär mir doch mal den „Nutzen“ davon, wenn sich Leute verdrahtete Insekten zum Fernsteuern bestellen, ich bin ganz Ohr. Oder sollen sie etwa selbst ein bisschen mit Stromstärke und anderen Verkabelungen rumspielen, bis einer von einer Million Leuten zufällig auf irgendetwas stößt? Dr. Mengele lässt grüßen, um den obligatorischen Nazivergleich unterzubringen. Anonsten kann ich Dir aber genau sagen, was passieren wird: „Hier, guckt mal: Lustige Instagrambilder von meiner hübschen Roboterschabe!“ Man wird nicht direkt zum Neurophysiker, wenn man eine Smartphone-App und eine verdrahtete Schabe hat.

    4. Respekt vor der Natur hat wenig mit Religion zu tun. In vielerlei Hinsicht ist es sogar das Gegenteil, wie Du mit den Bibelzitaten selbst sagst. Es ist manipulativ, das in dieser Weise in einen „Eso-Topf“ zu werfen, um es zu diskreditieren. Der Rest: Es gibt einen ziemlich klaren Unterschied zwischen einer Atombombe und einem Krankenhaus, ich hoffe, das ist klar.

    5. Klassischer Fatalismus bzw. Technikgläubigkeit. Einfach alles passieren lassen, die Zukunft macht das schon. Hört man in der Form von jedem zweiten Twitterer bezüglich jeder Technologie, ist aber deswegen trotzdem kein Argument.

  6. @Raventhird Ok, hier ein Video von einem jungen Mädchen, das einen Regenwurm isst: http://www.youtube.com/watch?v=sSM6y_bFXmo Wir sind uns sicher einig, dass wir in beiden Fällen dem Kind sagen werden: Tu das bitte nicht.

    Ich stelle das Religionsargument nicht in die Eso-Ecke sondern, erläutere, warum es meiner Meinung nach nicht zieht, weil es in sich unlogisch ist oder konsequent angewendet in einer riesigen Lebenslüge endet. Ich sage auch nicht, dass etwas ok ist, weil wir zig andere schlimme Sachen machen, sondern ich behaupte, wenn wir DAS schlimm finden, müssen wir auch über zig andere Dinge reden und diese neu bewerten.

    Tierversuche sind für die Forschung notwendig. Viele Heilmethoden gäbe es nicht ohne Tierversuche. Ja, ich messe als Humanist dem Menschen einen Wert zu, der ihm das gestattet. Dafür braucht der Mensch nicht mal eine Sonderrolle, solange die Natur nach dem Muster Fressen und Gefressen werden funktioniert.

    Hacking hat in der Vergangenheit viele positive Ergebnisse gehabt. Das Internet gäbe es in dieser Form nicht ohne Hacking oder sähe so aus wie damals BTX. Ich sehe einen Wert darin, wenn Schulkinder Frösche sezieren oder Hacker mit der Roboroach arbeiten, auch wenn der unmittelbare Sinn nicht auf der Hand liegt. Die Roboraoch mit Waffen zu vergleichen, ist polemisch. Waffen dienen einzig und allein dazu, Menschen zu töten und zu verletzen. Ich bin der Überzeugung, dass die Forschungsfreiheit nicht nur für Universitäten gilt sondern überhaupt für alle, die sich mit einem Thema auseinander setzen wollen. Mir Technikgläubigkeit zu unterstellen ist ebenso polemisch, wie dir Technikfeindlichkeit zu unterstellen.

    An dieser Stelle entschuldige ich mich noch einmal in aller Form, dass ich nicht in der Lage bin, einer Schabe die gleiche Empathie entgegen zu bringen wie einem höheren Wirbeltier.

  7. „An dieser Stelle entschuldige ich mich noch einmal in aller Form, dass ich nicht in der Lage bin, einer Schabe die gleiche Empathie entgegen zu bringen wie einem höheren Wirbeltier.“

    Das scheint mir die Hauptgrundlage Deiner Herleitungen zu sein. Sicherlich gibt es ein Wort mit -zentrismus oder -normativität am Ende dafür, die verwendest Du doch sonst auch sehr gerne, wenn auch in anderen Kontexten.

  8. @Raventhird Du willst allen ernstes die Themen Rassismus, Feminismus und Inklusion und die grundsätzliche Gleichbehandlung aller Menschen mit der Frage gleichsetzen, ob man mit einer Küchenschabe experimentieren darf? O_o

  9. @Enno: Und „man“ ist an der Stelle unpassend. Ich stelle nicht die wissenschaftliche Forschung am Tier grundsätzlich in Frage, absolut nicht. Ich stelle in Frage, dass man „Lustige Tierexperimente für jedermann mit einer App“ verkaufen sollte/darf.

  10. @Raventhird Nein, das Konzept ist mir durchaus nicht fremd, die Frage muss aber erlaubt sein, ab welcher Größe eines Organismus wir von Tieren reden, die Rechte haben. Auf der Skala bis runter zur Mikrobe ist nämlich dummerweise keine Grenze feststellbar. Ich wiederhole: Ich mache einen Unterschied zwischen einer Schabe und einer Kuh.

    Am Rande noch: In diesem Zusammenhang den Blutsäufern Mengele mit seinen grausamen Menschenexperimenten zu vergleichen, hinter denen zum großen Teil purer Sadismus steckte, könnte man durchaus als Verharmlosung der Naziverbrechen auffassen. Da du einen Godwin gepullt hast, wenn auch ohne den Namen „Hitler“ zu erwähnen, betrachte ich die Diskussion an dieser Stelle als beendet.

  11. Hallo Enno,

    Du kannst Dich natürlich dafür entschuldigen, dass Du einer Schabe nicht die gleiche Empathie entgegenbringen kannst wie einem Wirbeltier. Nur annehmen muss das keiner.

    Du bemühst das deutsche Tierschutzgesetz und polemisierst gegen landwirtschaftliche Tierhaltung. Die ist nicht perfekt (bei Kaninchen und partiell auch Geflügel ist noch viel Luft). Insgesamt ist das Bild aber deutlich differenzierter. Landwirte sind keine geborenen Tierquäler.

    Biohacking an sich finde ich auch sehr spannend, aber das Forschen an Tieren ist doch eine andere Dimension und zwar völlig unabhängig vom Tier. Jetzt gibt es unter Biohackern ja nicht nur interessierte Laien, sondern auch Fachleute. Wenn überhaupt sollte so ein Experiment nur unter professionellen Bedingungen durchgeführt werden. Irgendwo auf dem Küchentisch ist ein absoluter Fail.

  12. @Sören Ich behaupte keinesfalls, dass jeder Landwirt ein Tierquäler ist, ich ernähre mich ja selber u.a. von Fleisch, Milch und Eiern. Von artgerechter Haltung bis hin zu Legebatterien und industrieller Tierhaltung gibt es aber eine ziemlich große Spannbreite und nach allem, was ich darüber mitbekommen habe, dürfte da einies im Argen sein.

  13. Offensichtlich hast Du nicht viel mitbekommen oder eben nur das, was man so mitbekommt im allgemeinen Medien-Rummel. Darfst Dich gern bei mir im Blog umschauen und nachfragen.

  14. Freut mich. Wie gesagt: nachfragen ist ganz wichtig, ich bin im Thema und erkenne beim Schreiben nicht immer, was für Laien möglicherweise schwer zu verstehen ist ;)

  15. Ich würde mir die Roboroach nicht holen. Ich sehe das ähnlich wie Sören: Experimente mit Tieren sollten auf die professionelle Forschung beschränkt bleiben und einem klar erkennbaren Zweck dienen. In der Wissenschaft werden solche Experimente sorgfältig geplant, von Ethikkommissionen überprüft und vom Tierschutz überwacht.

    Letztendlich ist das eine Frage, die jede/r für sich entscheiden muss, wo die Grenze beim Biohacking ist. Mit Bakterien können Laien gerne herumforschen, das rechtfertigt der Erkenntnisgewinn: aber ich persönlich hätte ein Problem damit, lebende Tiere als Gimmick zu kaufen. Da kann und will ich aber keine Regeln für andere draus ableiten.

  16. Wäre es ausschließlich ein wissenschaftliches Experiment, das grundsätzliche oder in die Zukunft gerichtete Einblicke erwarten lässt, könnte ich dieses Biohacking problemlos akzeptieren. In dem konkreten Fall sieht es jedoch so aus, als ob weniger der Erkenntnisgewinn als viel mehr der Unterhaltungsfaktor eine Rolle spielt. Und da ist der Spaß vorbei. Und wir sind wieder beim Frosch und dem Strohhalm angelangt. Die Fliegen an der Windschutzscheibe meines Autos „produziere“ ich nicht, weil ich Spaß daran habe, Fliegen zu meucheln. Und nach Mücken schlage ich, weil mir ihre Stiche konkrete gesundheitliche Nachteile bescheren.

    Tieren, egal ob Schabe, Frosch oder Kuh, etwas anzutun, weil ich gerade Lust dazu habe, ist verwerflich. Und das religiöse Argument (so es die abrahamitischen Varianten betrifft) zieht eben doch: Denn ausgerechnet das zitierte „Untertan Machen“ verlangt das Schützen und Bewahren, nicht das Zerstören und Vernichten.

  17. Ich stelle fest, dass es zwei fundamentale Wertunterschiede gibt: Zum einen das Hacking – es wird von vielen als pure Unterhaltung gesehen. Dass der spielerische Umgang mit Systemen zu einer Offenheit und zu einem langfristigen Gewinn nicht nur für die Hacker sondern die gesamte Gesellschaft führt, verstehen wohl nur Leute, die tief genug in eine Hacking-Community eingetaucht sind. Das andere ist der Umgang mit Lebewesen. Während Experimente mit Bakterien z.B. als völlig unproblematisch angesehen werden, sind wir uns alle einig darin, dass wir einen solchen Bausatz wohl nicht unserer Katze einpflanzen würden. Hier scheint es unterschiedliche Mentalitäten zu geben, ab wo eigentlich die Verwerflichkeit beginnt.

    @Lars und @Sören Tierversuche müssen von einer Ethikkommission genehmigt werden, aber nur bei höheren Organismen. Ein Krake scheint darunter zu fallen, eine Drosophilia (Stubenfliege) nicht. Mich würde interessieren, wo da eigentlich die Grenzen sind und ob Tierversuche mit Kakerlaken genehmigungspflichtig sind.

    Last not least: Ich habe gestern Abend nochmal lange über den religiösen Aspekt nachgedacht und den Wert des Lebens an sich. Auf Diskussionen über brahmitische Religionen lasse ich mich nicht ein, genauso gut könnten wir das ganze in den Kontext des fliegenden Spaghettimonsters setzen. Interessant finde ich aber das Gaia-Konzept, das die Welt als Gesamtorganismus/Wesenheit/Gottheit begreift. Aus dem Gaia-Konzept kann ich aber kein Schutz von Individuen ableiten. Im Gegenteil: Wenn Gaia als Gesamtsystem zu sehen wäre, dann müssten auch chirurgische Eingriffe AKA Tötungen zur Rettung des Gesamtsystems adäquat sein. Diese Sichtweise beunruhigt mich zutiefst. Sie erinnert mich an völkisches Denken und Sozialdarwinismus. Ich bleibe also dem Humanismus verhaftet und verwende die Kriterien: Hat ein Lebewesen einen freien Willen? Ist es zu Schmerzempfinden und Emotionen fähig? Ich halte diese Herangehensweise für essenziell, da sonst auch Mikroben- und Plfanzenindividuen unseren Schutz genießen müssten. Die Schwelle zu höheren Organismen ist fließend, aber ich denke, hier ist anzusetzen. Mit meinem bescheidenen Wissen bin ich weiterhin der Ansicht, dass Kakerlaken hier kein Problem darstellen, lasse mich aber gerne vom Gegenteil überzeugen. Anders gesagt: Ich mag das nicht als schlimmer einstufen als z.B. Kinder, die Regenwürmer essen.

  18. Nutztierhaltung ist für fast alle Menschen, ausser für extreme Veganer und Tierschützer, völlig okay. Ebenso Reiten, Delphinarien, das Verkappen von Falken, Vogelhaltung in der Wohnung, Aquarien oder Terrarien. Also der Gebrauch oder Verbrauch von Tieren.

    Ich glaube es ist tatsächlich die Cyborg-Komponente, die hier Empfindlichkeiten weckt und das ist sowohl spannend, als auch bedenklich.

  19. Die Rechtfertigung von Tierversuche (und sonstiger Tiernutzung) ist seit Descartes immer wieder Thema der Philosophie gewesen. Wir sind uns mittlerweile einig (zumindest unter Dosenöffnern), dass „Tiere“ so allgemein gesagt genau keine seelenlosen Automaten sind, wie Descartes konstatierte.
    Da die Spezies so unterschiedlich sind, dass wir die „Seele“ – also die Tatsache, dass sie eine Ich-Wahrnehmung besitzen – vielleicht noch gar nicht verstehen, hat sich die Tierrechtsbewegung halbwegs auf die Formel geeignet: Kann es leiden? Dann muss ich es in Ruhe lassen.
    Was dann zu ziemlich dussligen Experimenten führte. Leid wird bei Tieren (oft) nur als körperlicher Schmerz gesehen. Dass Leid auch auf einer Art Metaebene ohne physischen Schmerz möglich ist, wird ignoriert.
    So wurden z.B. Bienen Teile der Flügel abgeschnitten und aus der Tatsache, dass sie mit den Stummeln noch flatterten und keine Schmerzempfindung zeigten, abgeleitet, dass Bienen keinen Schmerz, damit kein Leid empfinden könnten.
    Tatsächlich sind die Flügel aber nicht mit Nerven und Blutgefäßen versorgte Chitinflächen, die im kurzen Leben der Biene (irgendwas um die 40 Tage) verschleißen. Die meisten Bienen sterben wohl daran, dass sie mit den verschlissenen Flügeln nicht mehr fliegen können und nicht mehr zu ihrem Volk zurück kommen.
    Das Experiment hätte angesichts der Physiologie des Bienenflügels also auch an Menschen durchgeführt werden können: Wir schnitten der Versuchsperson Haare und Fingernägel und sie zeigte keine Schmerzreaktion.
    Dass das Nicht-Fliegen-Können auch ein Leidenserlebnis ist, kann ich genauso wenig icht beweisen, wie andere es widerlegen können. Dass faktisch alle frei beweglichen Tiere aber Schmerz, Angst und Flucht kennen, legt für mich nahe, dass sie Leiden können. Insofern bin ich bei Tierversuchen in der Forschung gespalten – solange Erkenntnisgewinn das Ziel ist, steh ich da zähneknirschend und sag „wenns sein muss“, aber wenn nur das siebenunddrölfzigste Mal die längst mehrfach dokumentierte und unstrittig vorhersagbare Reaktion eines Affenhirns auf Elektroschocks an einem bestimmten Nerv nachvollzogen wird, bin ich dagegen.
    Wenn es um solche Kits für den Privatgebrauch geht, wette ich, dass die in Deutschland verboten werden (bzw schon sind). Unser Tierschutzgesetz schützt alle Tiere vom Regenwurm bis zum Primaten. In der Nutztierhaltung ist es zwar nahezu wirkungslos – wo Ausnahmereglen fehlen, fehlt die Klagebereitschaft von Amtsveterinären und Staatsanwälten – aber bei derartigem „Spielzeug“ werden die Tierschutzvereine & Co Amok laufen, bis der Import und Verkauf gestoppt sind.

  20. Selbst heute noch sehe ich in entsetzte Gesichter, wenn ich von meinen Selbstversuchen in den Neunzigern mit Cranialer Elektrostimulation erzähle.
    Biohacking ist bei dem technischen Stand, auf dem wir uns befinden, wichtig.
    Und ja. Wenn dann so eine Kakerlakenfernbedienung dabei herauskommt, lässt es mich lachen, erschrecken und kopfschütteln.
    Ich wiederhole es gerne noch einmal. Quäle nie ein Tier zum Scherz.
    Aber wir sollten schon ein Auge darauf haben, was von unseren Ängsten aufgebauscht wird.
    Unser technisches Wissen greift in das Nervensystem ein. Ganz praktisch. Mit den verschiedensten Zielen. Erforschung, Heilung, Reparatur, Verbesserung, Manipulation.
    Die Ethik muß jeder Mensch für sich selbst finden. Verantwortung ist da, glaub ich, ein guter Einstieg.

  21. Ich glaube, die Diskussion dreht sich vor allem um die Ethik. Ethik ist kein absoluter, sondern ein sehr relativer Wert.

    Ich stimme Klaas grösstenteils zu. Als wissenschaftliches Experiment im Dienste der Erkenntnisgewinnung bin ich ebenfalls für das Biohacking. Grundsätzlich aber halte ich die Manipulation eines Wesens für verwerflich, wenn ein Tier ohne Nutzen, getötet oder gequält wird.

    Es stellt sich hierbei die ethische Frage: Wo sind die Grenzen? Reicht die Unterhaltung an sich als Nutzen bereits aus? Und als Gegensatz: Wie wissenschaftlich muss das Experiment sein? Kann es auch zum persönlichen Erkenntnisgewinn, ohne Spizenwissenschaft zu betreiben, dienen? Was ist beim kommerziellen Einsatz, also bei einem Erweb bzw. Verkauf eines solchen Bausatzes?

    Man kann es so und so sehen.

    Muss ich selber dafür Position beziehen: Ich für Biohacking, aber mit Grenzen. Man muss sich bewusst sein, unabhängig davon, ob das Hacking an einem „niederen Tier“ oder an einem „höheren Tier“ betreibt, Schaden zufügen kann, die auch irreparabel sein können. Meiner Ansicht nach sollte man, wie zum Beispiel bei DIY Biotech (vlg. http://blog.ted.com/2013/01/15/ellen-jorgensen-on-what-you-can-do-in-a-diy-biotech-lab/) auch, einen klaren Codex zur Ethik erstellen. Das könnte eine Aufgabe für die Cyborg Society sein.

    Ich muss aber Enno teilweise Recht geben. Es ist eigentlich absurd, sich so viel Gedanken über eine Schabe oder eine Fliege zu machen, wenn wir ohne unsere Wimpern zu zucken, diese Tiere in unserer Küche mit einer Fliegenklatsche (o.ä.) töten würden. Da widerspricht es jedwelcher Konsequenz, solche Experimente zu verbieten wollen.

    In diesem Sinne möchte ich das Biohacking an der Schabe und auch an der Fliege zustimmen, solange das nicht dazu dient, sich damit zu unterhalten. Es muss das Ziel sein, sich verantwortungsvoll damit zu auseinanderzusetzen, auch in Bezug auf die dystopischen Gefahren, die solche Experimente in Bezug auf die Gesellschaft mit sich bringen können. Ich behaupte, die wenigsten werden sich einen solchen Bausatz kaufen, um sich nur über das ferngesteuerte Tier erfreuen zu können, dafür ist es eher zu teuer, der Nutzen zu gering. Und sich ernsthaft darüber ergötzen kann man sich, glaube ich, wohl eher nicht.

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