Call for Cyborgs

tl;dr: Booting the German Cyborg Society

klinke

Ich glaube, es war Not Quite Like Beethoven, der sich wegen seiner Cochlea-Implante scherzhaft einen Cyborg nannte. Das ist alles andere als abwegig. Wir CI-Träger sind fest mit einem Stück Technik verbunden, das unser Nervensystem elektronisch stimuliert, und welches das menschliche Gehör zwar nicht perfekt ersetzen kann, aber durchaus ansatzweise Sinne und Fähigkeiten gegenüber dem natürlichen Gehör erweitert. Seitdem ich 2011 selbst Cochlea-Implantate bekam, fasziniert mich der Gedanke. Es ist ein weiteres Beispiel, dass wir an der Schwelle eines Zeitalters stehen, in der vieles aus der Science Fiction zur Realität und zum Alltag wird.

Nachdem ich 2012 wegen eines Übermaßes an politischer Aktivität das Thema in den Hinterkopf verbannte, nahm ich zum Jahreswechsel 2013 den Faden wieder auf. Was zunächst als mögliches Buchprojekt geplant war, wurde bei meinen Recherchen immer größer und größer. Es gibt bereits viele Cyborgs auf der Welt und nicht alle sind Behinderte, die mit Prothesen versorgt werden. In den USA existiert der Ansatz einer Hacker-Szene. Mit der Technologie zu spielen, ist so naheliegend wie schwierig. Und viel einfacher, wenn irgend eine Form von Organisation existiert.

Zugleich stellen sich mit dem Cyborgism viele ethische und gesellschaftliche Fragen, die bisher nur in Form von Science-Fiction-Romanen spekulativ behandelt wurden. Spätestens mit Google Glass wird es eine breite Debatte über das Thema geben. Und die darf nicht nur von den üblichen Cassandren geführt werden. Technik ist Teil meines Körpers und verbessert mein Leben. Sie ist zu einem Teil von mir geworden. Diese zugegeben strange klingende Erfahrung werden noch viele Menschen machen.

Ich habe die letzten Wochen und Monate mit vielen Menschen gesprochen und mich immer weiter vernetzt. Auf der re-publica 2013 sprach ich erstmals einen größeren Kreis von Menschen an. (Am Rande der Veranstaltung, nicht als Session.) Heute, am Towelday 2013, beginnt die Reise. Ich habe eine kleine Webseite mit dem vorläufigen Titel german-cyborg-society.de aufgesetzt. Da steht noch nicht viel. Kommt aber bald. Es gibt unheimlich viel zu tun und selbstverständlich soll es um weit mehr als nur das Cochlea-Implantat gehen. Wer dabei sein will, meldet sich bitte unter hello(ät)german-cyborg-society.de. Und wer eine schönere Grafik hat als die auf der Webseite, bitte auch. Aber nichts mit chromglänzenden Killermaschinen. Cyborgs sind Menschen.

15 Antworten auf „Call for Cyborgs“

  1. @elektrobier Das ist sehr cool. So eine Art Projekt- und Ideendatenbank will ich auch noch einrichten. Wenn es sowas wie ein Wiki gibt, würdest du es dann dort einpflegen?

  2. ach, und wo ich gerade dein blog zuspamme: das thema kenne ich seit asimov, der zweihundert jahre mann. dort versucht ein roboter die anerkennung als mensch zu bekommen, indem er vielen menschen implantate einbaut. ich denke das mit deinen hörhilfen ist ne coole sache. genauso wie das projekt in australien, wo sie künstliche augen basteln. bei cyborgs denkt ja jeder gleich an schwarzenegger, aber gegenüber prothesen herrscht allgemein glaube ich eine sehr positive einstellung. das ist doch eine sehr nützliche und menschliche anwendung von high tech. und wenn du dir gedanken machst, ob du irgendwann den turing test noch bestehst, also ich glaube bis dahin wird es noch eine weile dauern. der entscheidende punkt ist da diese grenze, wo leute ihr gehirn in ein künstliches computergebilde übertragen wollen. da kann man dann wirklich fragen, ist das noch ein mensch oder nur eine simulation. das ist dann die uralte frage nach dem sitz der seele. nach einer sehr engen definition ist es natürlich cyborg, wenn du künstliche körperteile benutzt. dann müsste man allerdings fragen, ob nicht schon der gebrauch eines feuersteins eine erweiterung des menschlichen fühlen und denkens war (was es im engen sinne war). zwischen den beiden extremen liegt ein weites feld. ich würde die grenze aber im sinne der science fiktion erst da ziehen, wo ein soldat in einem künstlichem skelett mit einem elektronischen helm und automatisch feuernden waffen auf seine gegner losgeht. und auch nur dann, wenn diese dinge fest mit seinem körper verbunden sind, er also nicht das ganze zeug einfach ablegen kann. wenn die technologischen erweiterungen also über den reinen ersatz des menschlichen hinausgehen. unterhalb dieser grenze würde ich bei dem ganz profanen wort prothese bleiben. hört sich weniger hip an, ist aber meiner meinung nach der geeignetere begriff. und zwar im sinne dessen, was der normale mensch davon für eine vorstellung hat. ein cyborg ist in meiner vorstellung ein zur waffe oder zum werkzeug umgebauter mensch. eine prothese dient dem menschen.

  3. Hallo Rik, schön, das kam schnell. Lassen wir mal das ganze Braindump-Thema, KI usw. beiseite. Du hast da eine andere Definition von „Cyborg“, wie Hollywood sie popularisiert hat. Meine Definition ist das Eingehen einer Verbindung mit einem Gerät, welches in Permanenz mit dem Menschen verbunden ist. Hinzu kommt die Erweiterung der Sinne und Fähigkeiten. Ein Soldat in High-Tech-Rüstung bleibt ein Soldat in Hightech-Rüstung. Er wird diese eher nicht Tragen, wenn er Heimaturlaub hat und seine Familie besucht. Die Passiv-Konstruktion „umgebaut werden“ gefällt mir auch nicht besonders. Das klingt nach dem verrückten Wissenschaftler oder fiesen Diktator, der Menschen versklavt und umbaut. Wir erleben gerade einen qualitativ neuen Schritt aus der Beziehung von Mensch und Werkzeug – der Mensch schafft sich nicht nur ein Werkzeug, er integriert dieses in seinen Körper oder empfindet es zumindest als Teil von ihm. Es gibt bereits heute viele Leute, die das freiwillig – ohne den Druck einer Behinderung – machen oder mit dem Gedanken spielen. Um die Kirche im Dorf zu lassen: Wir stehen hier im Dorf und haben einen Kirche gefunden. Wir haben das Gefühl, das Dorf könnte recht bald zu einer Metropole anwachsen. Ich empfehle folgenden Vortrag: http://www.youtube.com/watch?v=6hUg48vf0QI

  4. Die Frage nach der Definitionsgrenze ist aber wirklich nicht trivial. Ist man erst Cyborg wenn Software beteiligt ist, oder auch mit reiner Hardware wie meinem künstlichen Hüftgelenk. Ist man erst Cyborg wenn es Zusatzfunktionen gibt, bzw. vorhandene verbessert oder auch schon bei einem reinen replacement?
    Gibt es hier Versuche einer genaueren Definition?

  5. @Frank es gibt eine Reihe von Definitionen. U.a. darüber werde ich demnächst ausführlicher bloggen. Stay tuned, da kommt noch viel.

  6. Was ich mich schon lange frage – gibt es für Cochlea-Implante eigentlich so was wie eine Firmware, die man dann evtl. sogar selbst anpassen kann?
    Ich denke da so in die Richtung „CI ist nicht immer was für mich, aber bei selbst definierten Geräuschen (Martinshorn, direkte Ansprache, …) möchte ich ein ‚Signal‘ bekommen.“
    Ein Extrem wär‘ dann sicher eine Anbindung ans Internet…. so ungefähr wie hier mit der Pebble Armbanduhr: http://t.co/RfOrYDNHnr

  7. @Robert Ja, eine solche Firmware gibt es auf 2 Ebenen. Zum einen: Nur das Implantat mit seinen Dioden ist fix. Die Ansteuerung der Dioden hoch variabel. Der äußerlich getragene Teil enthält die eigentliche Intelligenz und kann ausgetausch werden. Vereinfacht gesagt: Modifizierte Hörgeräte-Technik mit Schnittstelle zum Implantat statt einem Lautsprecher. Der Prozessor selber ist wiederum eine universelle Maschine und kann mit allem möglichen programmiert werden. Es gibt tatsächlich so etwas wie eine Firmware und wenn man Wartungstermine hat, wird da auch schonmal eine neue Version eingespielt. Wenn alles gut läuft, ist der Klang dann verbessert z.B. indem eine neue Ansteuerungslogik verwendet wird. Ich „forsche“ noch an den Details. Blogpost to come.

  8. Ich wage mal zu behauten, es wird keine schlüssige scharfe Trennlinie zwischen Cyborg und Mensch geben, egal an welcher Seite wir sie ziehen wollen — Software+Hardware vs nur Hardware, Impantiert oder nicht, permanent oder bei Bedarf, Enhancing oder Ersatzfunktion (generisch vs medizinisch) usw.; überall dort wird es Graubereiche und Weiterentwicklungen geben.

    Ich denke wir müssen das Thema als kontinuierliche Evolution begreifen mit der einzigen (diskreten) Besonderheit, dass wir in einem Gewissen Sinne die Abstammungsgemeinschaft innerhalb der Eukaryoten verlassen, da sich Lebewesen, die Cyborgs sind, nicht mehr nach ihrer DNA-Sequenzen systematisch analysieren lassen.

    Mein Wunsch an eine solche Form von Gesellschaft/Organisation/Verein wäre daher, den Dialog anzuregen vielleicht auch zu moderieren, denn es scheint Unkenntnis, viele Vorurteile und noch mehr Missverständnisse zu geben. (Auch ich würde selbstverständlich erst mal nicht davon ausgehen frei davon zu sein — sprich wir müssten auch intern zunächst Arbeit diesbezüglich leisten.)

    Ich habe mal meine Interessen an dem Thema verbloggt.

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