sofa die ennomane

18. Mai 2013

Kann jedem Gehörlosen mit dem Cochlea-Implantat geholfen werden?

tldr: Nein.

ciherz

Bald ist es zwei Jahre her, dass mir das erste Cochlea-Implantat eingepflanzt wurde. Wer mich kennt, kennt meine Begeisterung, weil ich sich die Freiheitsgrade in meinem Leben in ungeahntem Maße vermehrt haben. Dazu demnächst  mehr. Für manche entsteht da der Eindruck, man könne ein kaputtes oder nicht vorhandenes Gehör einfach reparieren. Das ist natürlich nicht so.

Sehr viel hängt davon ab, dass das Gehirn in den ersten Lebensmonaten und -jahren passende Strukturen herausbildet. Vereinfacht gesagt: Wer als Kleinkind nicht hören lernt, wird das auch im Erwachsenenalter nicht mehr tun. Zwar gibt es auch da einzelne Erfolgsgeschichten, aber unter Gehörlosen überwiegt der Frust. Sie hören, aber ihr Gehirn kann mit dem Gehörten wenig einfangen. Auch nach langem Training ist Hören oft mühsam und Sprache wird kaum verstanden.

Manche Gehörlose finden sich damit ab und freuen sich einfach, dass sie wenigstens in der Lage sind, Geräusche zu hören und zuordnen zu können, was das Alltagsleben ja durchaus erleichtert. Andere sind tief verunsichert: Sie haben sich einer Operation unterzogen, eine lange Reha gemacht, sich wirklich viel Mühe gegeben – aber sie können immer noch nicht mithalten. Nicht mal ansatzweise. Sie suchen den Fehler bei sich selbst, verzweifeln, hören auf, das Cochlea-Implantat zu tragen und ziehen sich erst recht in die Gehörlosenkultur zurück. Wer würde es ihnen verübeln?

Das wichtigste ist, das Cochlea-Implantat als so etwas ähnliches wie einen Rollstuhl zu begreifen. Es gibt gute und schlechte Rollstühle. Es gibt Menschen, die im Rollstuhl Behindertensport machen und andere, die sich nur damit fortbewegen können, wenn ein Joystick daran angebracht ist.

Das Cochlea-Implantat ist eine Reparatur. Eigentlich ein negatives Wort, schwingt doch die Angst mit: Wo man Menschen „repariert“, optimiert man sie für die Erfordernisse der Gesellschaft oder gar Ökonomie. Selbstverständlich ist es ein Skandal, wenn Teenagern der Gebärdensprachedolmetscher verweigert wird mit dem Hinweis, sie sollten sich halt operieren lassen. Ich kenne solche Fälle nur vom Hörensagen und vermute, dass hier gar nicht mal ignorante Sachbearbeiter am Werk sind, sondern eine Ebene höher auf politischer Ebene anzusetzen ist.

Wer – wie ich – das Gehör verliert, der vermisst etwas. Dessen Körper funktioniert nicht mehr so, wie er sollte. Wenn das passiert, gehe ich zum Arzt und lasse mich „reparieren“. Mit „Normal-Sein“ hat das wenig zu tun. Viele Menschen empfinden mich durchaus als nicht normal, als Freak. Manchmal sind Nerds begeistert und leicht neidisch, weil sie auch Cyborgs sein wollen, manchmal ernte ich komische Blicke, was ich da für Gerätschaften trage. Laute abfällige Bemerkungen habe ich allerdings schon seit den 80er oder 90er Jahren nicht mehr gehört. Und da trug ich noch – ebenso sichtbar – Hörgeräte.

Wer gehörlos geboren ist und eingebettet in die Gehörlosenkultur lebt, dem fehlt natürlich nichts. An ihm gibt es nichts zu „reparieren“. Und selbstverständlich müssen wir akzeptieren, wenn die Menschen so leben wollen und ihnen als Gesellschaft das Leben nicht unnötig erschweren. Ich greife nur ein Beispiel heraus: Untertitel. Die helfen ja so viel mehr Menschen, als nur Gehörlosen, zum Beispiel Migranten beim Spracherwerb. Oder die elektronischen Anzeigetafeln, die in der Tram die nächsten Haltestellen zeigen und für alle praktisch sind. Barrierefreiheit ist ein viel größeres Thema.

Für spätertaubte und stark schwerhörige Menschen ist das Cochlea-Implantat eine großartige Hilfe. Ich erziele im Sprachtest mittlweile 100% unter Laborbedingungen, mein Audiologe sagt mir aber auch, dass ich damit zur Spitzengruppe gehöre. Mein Gehirn hat auf das CI reagiert wie ein vernachlässigter Hund, der endlich wieder apportieren darf, aber es gibt auch Leute, die mit dem CI trotz guter Disposition einfach nicht klarkommen – wie bei Hörgeräten übrigens auch und so ziemlich allen Medikamenten und Prothesen, die bisher so entwickelt wurden.

Gehörlose, schwerhörige und überhaupt behinderte Menschen brauchen mehr Barrierefreiheit. Das Cochlea-Implantat ist die Chance, eine Barriere direkt am Individuum selbst zu senken. Es ist aber ganz sicher keine Ausrede dafür, an anderen Stellen nicht mehr auf Barrierefreiheit zu achten. Und es ist keine Rechtfertigung, Druck aufzubauen, sich operieren zu lassen. Das muss man schon selber wollen.

Man stelle sich einen Forscher vor, der fließend Englisch spricht. Die Sprache ist essenziell für seine Arbeit und sein Leben. Dann kommt eine böse Fee und nimmt ihm diese Fähigkeit weg. Er muss sein Leben umstellen. Ihm fehlt etwas bedeutendes, er muss sich völlig anders arrangieren und ist unglücklich. Und wenn dann die gute Fee kommt, um ihm seine Englisch zurückschenkt, wird er dankbar und glücklich sein. Jemand anderes hasste Englisch schon in der Schule, wird die Sprache in diesem Leben sowieso nicht mehr richtig lernen und will das auch gar nicht. Den sollten wir nicht mit Englisch-Unterricht quälen, sondern ihm die Chance geben, eine Nische im Leben zu finden, mit der er glücklich und zufrieden sein kann.

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Kommentare

  1. Comment von Jens | 21. Mai. 2013 um 15:55:01

    Interessanter Beitrag!
    Konnte überhauptnicht aufhören weiterzulesen!
    Schön wären noch 1-2 mehr Bilder gewesen zur Veranschaulichung, da es nun echt nicht einfach zu begreifen ist.

    Was die Technik nicht alles Leistet =) Klasse
    Und es wird immer mehr Erfunden, einfach super
    Respekt vor allen Wissenschaftlern

    toller blog ! :)

  2. Comment von Katharina | 22. Mai. 2013 um 01:11:41

    Danke für diesen schönen Beitrag!

    Wenn man sich im Netz so umsieht, dann findet man viele, viele, viele Berichte von Menschen, die ein oder zwei CI bekommen haben, weil sie auf beiden Ohren schlecht hören.
    Da fühle ich mich manchmal mit meinem Keinenohr und meinem Halbenohr wie der Einäugige unter der Blinden und frage mich häufig, ob es mir überhaupt so schlecht gehen darf – anderen geht es ja wohl schlechter.

    Dein Beitrag rückt das aber Gerade – wenn man etwas kennt, und es dann verschwindet, dann vermisst man es.

    Dein Hörerfolg ermutigt mich ganz schön :)
    Darf ich denn noch fragen, ob du die 100% auch im Störgeräusch im Freifeld schaffst?

    Ganz, ganz lieben Gruß,
    Katharina

  3. Comment von Enno | 22. Mai. 2013 um 20:03:35

    Hallo Katharina,

    Freifeld mit Störgeräuschen ist schlechter. Ich habe gearde keine Zahlen, aber bald einen Überprüfungstermin. Dann werde ich sie nachreichen. Ich glaube mittlerweile, dass alles, was wie ein Hörgerät hinter dem Ohr getragen wird, bestimmten technischen Limits unterliegt, ganz besonders Freifeld hören mit Störgeräuschen.

    Lieben Gruß, Enno

  4. Pingback von die ennomane » Blog Archive » Mein Cochlea-Implantat wird zwei | 31. Mai. 2013 um 12:01:28

    […] Zuletzt haben wir noch den HSM Satztest gemacht, bei dem zufällig zusammengewürfelte, meist unsinnige Sätze nachgesprochen werden müssen. Der produziert ein handliches Ergebnis mit Prozentwerten. Ich kam auf 98,1%. Mit Störschall noch 78,3% (15 dB Rauschabstand). Das sind Werte, von denen ich als fast tauber Hörgeräteträger nur träumen konnte und das erreicht leider auch längst nicht jeder CI-Träger. […]

  5. […] Das Cochlea-Implantat hilft nicht jedem Gehörlosen. Speziell für taub geborene, erwachsene Gehörlose ist es irgendwas […]

  6. Comment von Jan Fischer | 02. Jul. 2013 um 11:31:39

    Hallo Ich bin Schwerhöring und werde 75 Jahre alt .Kann ich das bekommen? Gruss Jan

  7. Comment von Enno | 02. Jul. 2013 um 12:20:09

    Hallo Jan, ich freue mich, dass du fragst, gerade ältere Menschen können sich mit dem Gedanken an Hörgeräte oder CI oft nicht anfreunden, dabei ist Hören doch so wichtig! Implantationen werden auch in deinem Alter noch durchgeführt. Ob du das bekommen kannst, hängt von einer Reihe von Bedingungen ab, die du nur ärztlich klären lassen kannst. Am Anfang steht der Besuch beim HNO-Arzt, es folgen Untersuchungen in der Klinik, wo festgestellt wird, ob du verschiedene medizinische Bedingungen erfüllst (Art der Schwerhörigkeit, Zustand des Innenohres usw.) Empfohlen wird eine Implantation, wenn das Sprachverständnis unter 40% sinkt – das wird auch getestet. Altersbedingt kann es sein, dass es dir schwerer fällt, dich an das neue Hören mit CI zu gewöhnen. Da ich nicht weiß, wo du wohnst, hier eine Liste mit Kliniken, die dir weitere Informationen geben können: http://www.schwerhoerigen-netz.de/MAIN/ratg.asp?inhalt=COCHLEA/05_2 Wie sowas abläuft, kannst du hier der Reihe nach durchlesen: http://www.ennomane.de/das-elektrische-ohr/

  8. Comment von frauke | 12. Jul. 2013 um 13:21:39

    Hallo Enno,

    als selbst (fast) Ertaubte, aber schon immer Schwerhörige frage ich mich vor allem folgendes: Ist es (technisch) tatsächlich so, dass es Menschen gibt, die mit CI besser hören als mit Hörgeräten? Und wenn ja: wieso funktioniert das? Meines Wissens sind es doch immer noch recht wenige Elektroden, die letztlich mit dem Hörnerv verbunden werden. Wieso ist es dann möglich, dass Du z.B. Gitarre nach Gehör stimmen kannst (wie es in einem Artikel über Dich hieß)? Beim Sprachverständnis kommt ja viel auf Kontext, Wortschatz, Tagesform etc. an, von daher finde ich diese Tests und Zahlen immer nicht soo aussagekräftig.
    Und wieso ist es andererseits aber nicht möglich, Erfolge der Implantation wirklich vorauszusagen, selbst wenn man sich auf Spätertaubte beschränkt?
    Viele Grüße
    frauke

  9. Comment von Enno | 17. Jul. 2013 um 14:29:45

    @frauke Ja, das ist tatsächlich so. Der Grund liegt darin, dass ein Hörgerät verstärken muss. Der Punkt, ab wo du das leiseste Geräusch hören kannst, liegt also viel höher. Der Punkt des lautesten Geräusches bleibt aber gleich oder liegt sogar niedriger. Das führt dazu, dass du eine wesentlich geringere Dynamik hast – je stärker der Hörschaden, desto geringer die Dynamik. Bei mir war es ein Unterschied wie Tag und Nacht.

    Die Tests mögen problematisch sein, aber wenn man in Abständen mehrere Tests macht, ergibt sich ein Gesamtbild. Die Tests sind immer kontextlos, Vokabular kann natürlich eine Rolle spielen. Derzeit wird das CI empfohlen, wenn du mit Hörgäreten im Sprachverständnis unterhalb von 40% liegst. Bei Spätertaubten ohne geistige Einschränkungen kannst du davon ausgehen, mit dem CI irgendwas zwischen 75% und 100% zu erzielen. Die Erfolgsquote ist bei Spätertaubten äußerst hoch. Die Zahl der Dioden reicht bei mir und Bekannten von mir nach 1 Jahr Gewöhnung aus, um vernünftig Musik zu hören. Eingeschränkt wird der Erfolg oft durch die Dauer der Gehörlosigkeit, durch das Alter und durch kognitive Einschränkungen. Man kann den Erfolg tatsächlich ganz gut vorraussagen: Wenn die medizinische Indikation und eine passende Hörbiographie vorliegen (also ein normales Gehör in der Kindheit) ist die Erfolgsquote nahe 100%.

  10. Comment von soor | 17. Jul. 2013 um 16:08:22

    Dieser Herr Gibt folgendes von sich:

    Durch Cochlea-Implantate ist es in vielen Fällen möglich, eine Schwerhörigkeit mehr oder weniger zu heilen. Ein Kind mit „CI“ hört oft normal und benötigt weder das Lippenlesen noch die Zeichensprache. Eltern schwerhöriger Kinder und diese Kinder selbst, die mit einem Cochlea-Implantat versorgt sind, würden jeden, der das CI als „den Willen des Kindes brechen“ und „Geradebiegen“ bezeichnet, für verrückt erklären.

    Ich gehe soweit und behaupte nun, die ABA-Autismustherapie ist das Cochlea-Implantat des frühkindlichen Autismus. Denn ABA ermöglicht Menschen, die dies ohne ABA nicht erreicht hätten, eine Teilhabe an der Gesellschaft und am Arbeitsleben.

    http://verhalten.wordpress.com/2013/03/12/schadliche-autismustherapien/

    es scheint ihm unbegreiflich zu sein das menschen die anders geboren wurden nicht „hingebogen und normalisiert werden wollen“.

    grüsse soor vom aspies.de chat

  11. Comment von soor | 17. Jul. 2013 um 16:09:15

    hallo enomane bitte schalte meine kommentare NICHT frei
    ich wollte dich nur informieren
    Danke :)

  12. Comment von Korbinian | 07. Okt. 2013 um 23:49:33

    Trage auch einseitig CI und bin ebenfalls restlos begeistert. Ich bereue nichts.

  13. Comment von Henny Toepfer | 20. Feb. 2014 um 12:14:31

    Henny
    das ist ja eine positiv gemeinte Schilderung über das Cochlea.
    Da ich mich mit dieser Thematik auch beschäftige, habe ich eine Frage, inwiefern ich Aussichten habe, wieder auf dem linken Ohr zu hören. Ich bin 74 Jahre alt, durch drei Hörstürze auf dem linken Ohr seit 5 Jahren fast taub, höre und verstehe auf dem rechten Ohr mit einem Hörgerät
    Welche Aussichten haben ich mit einem CI auf dem linken Ohr?

  14. Comment von Enno | 20. Feb. 2014 um 12:25:59

    Hallo Henny,

    das ist keine leicht zu beantwortende Frage. Zunächst mal hast du sehr gute Voraussetzungen, wenn du dein Leben lang auf dem Ohr hören konntest, deine Gehirnstrukturen also prinzipiell ans Hören gewöhnt sind. Dennoch gibt es zwei Gründe, warum das CI scheitern kann: Das Hören mit CI ist anders und dein Gehirn muss sich ungewöhnen. Es kann sein, dass dir diese Umgewöhnung schwerer fällt als jüngeren Menschen. Das zweite: Das CI klingt künstlich/elektronisch. Ich nehme das nicht war, da ich sowieso fast taub bin und auf beiden Seiten nur mit CI höre. Du wirst aber u.U. den Unterschied hören, da dein anderes Ohr ja gut funktioniert. Kann sein, dass der Unterschied für dich keine Rolle spielt, weil du froh bist, wieder zu hören und dich gut gewöhnst, kann auch sein, dass du das neue Hören wegen des Vergleichs mit dem anderen Ohr einfach nicht akzeptierst und es als unangenehm empfindest. Es gibt also leider keine klare Antwort auf deine Frage. Meine vorsichtige Einschätzung, ohne deinen „Fall“ jetzt genau zu kennen: Wenn die Ärzte zu einer OP raten und die Krankenkasse grünes Licht gibt, gibt es wenig Gründe, es nicht einfach zu probieren, wenn du mental in der Lage bist, einen Fehlschlag wegzustecken. Wichtig wäre noch der Aspekt, dass die OP drei Stunden dauert, du also körperlich fit genug sein solltest, damit du dich nicht unnötigen Risiken aussetzt. Wieder etwas, was nur deine Ärzte beurteilen können. Ich hoffe, diese Antwort hilft dir trotzdem ein klein wenig weiter. Best, Enno


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