sofa die ennomane

11. Mai 2013

#Drosselkom oder: Wie der Telekom Inklusion und Barrierefreiheit scheißegal sein müssen

tl;dr: Die Drosselungspläne der Telekom machen Behinderten das Leben schwer.

stream

Gestern habe ich  mir den Stream zum Bundesparteitag der Piraten angeschaut. Sowas läuft auf keinem TV-Sender und interessiert mich weiterhin sehr. Irgendwann gegen Ende kam die Durchsage, dass der Stream mittlerweile ein Datenvolumen von 75 Gigabyte erreicht habe – laut aktuellen Plänen der Telekom hätte ich also ab da den Stream nicht weiter verfolgen können. Das ist durchaus kein Luxusproblem.

Für gehörlose und schwerhörige Menschen ist es nämlich wesentlich einfacher, das Geschehen zu verfolgen, wenn nicht nur Ton sondern auch ein Bild vorhanden ist. Das gilt besonders, wenn Gebärdensprachedolmetscher eingeblendet werden. Die sind bei einem 160-Pixel-Stream im Briefmarkenformat, der auch angeboten wurde, völlig witzlos. Nur weil ich meinen Hörschaden mit Hilfe des Cochlea-Implantates ganz gut reparieren konnte, heißt das noch lange nicht, dass dies für alle Gehörlosen eine Lösung sei – schon aus medizinischen Gründen nicht, völlig unabhängig von der Frage, ob ein Mensch überhaupt ein Implantat eingepflanzt bekommen möchte.

Und es geht ja bei weitem nicht nur um Gehörlose, sondern überhaupt um alle Behinderten, für die eine Reise nach Neumarkt teurer und schwierig und teuer ist – übernachtet mal als Rollifahrer in einer Turnhalle mit hunderten anderer Schlafsacktouristen, nachdem ihr versucht habt, in einem völlig überfüllten ICE unterzukommen. Was sollen solche Menschen tun? Hoffen, dass so ein Parteitag einer Kleinpartei bei T-Entertain übertragen wird? Und denkt mal aus der Gruppe der Behinderten raus an alle Menschen, die aus welchen Gründen auch immer nicht anreisen können. Familien mit Kindern, Alg2-Bezieher, whatever.

Mich ärgert das maßlos, weil ich noch sehr gut weiß, damals in den 90ern, als das Internet mir damals an Taubheit grenzend Schwerhörigem einen neuen Lebensraum eröffnete, der mir gesellschaftliche Teilhabe ermöglichte und mein soziales Umfeld – durch eine Kommunikationsbehinderung stark eingeschränkt – traumhaft erweiterte. Gerade das machte mich zum Netzbewohner.

Die Drosselungspläne sind nichts weiter als eine massive und vollkommen unnötige Einschränkung von Inklusion und Barrierefreiheit in Deutschland und gerade zu ein Schlag ins Gesicht aller Menschen, die durch das Internet ein kleines Bisschen weniger abgehängt sind.

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Kommentare

  1. Pingback von Froschs Blog » Blog Archive » Im Netz aufgefischt #110 | 12. Mai. 2013 um 15:58:57

    […] Ennomane: #Drosselkom oder: Wie der Telekom Inklusion und Barrierefreiheit scheißegal sein müssen (via […]

  2. Comment von Aimo Beder | 12. Mai. 2013 um 19:38:11

    Tja, dann suche Dir doch einen anderen Internetserviceprovider der nicht drosseln tut und nur noch Volumenpakete verkauft, denn was geht die Politik private Unternehmensentscheidungen und Geschäftsmodelle an (Geschäfts- und Unternehmensfreiheit)?
    Sind wir jetzt bald wieder im Sozialismus mit Staatsbetrieben angekommen?

    Ich meine, das ist doch eine der fundamentalen Grundlagen in der Marktwirtschaft, die Trennung von Wirtschaft und Staat; welche sicherlich bei den sogenannten Bankenrettungen der letzten Jahre bis heute ebendsowenig beachtet wird (Lobbyarbeit!).

    Denn in aller Regel gibt es in den Regionen, in denen eine Breitbandversorgung vorhanden ist und die diesen Namen auch verdient, meistens weitere Anbieter und Wettbewerber der Deutschen Telekom, die ebend keine Drosselungen vornehmen und nur(!) Volumenpakete im Angebot haben.
    Das nennt man auch freie Marktwirtschaft und Vertragsfreiheit des Kunden (oder auch „Abstimmung mit den Füßen“).

    Übrigens haben viele andere große Mitbewerber der Deutschen Telekom schon seit Jahren solche Volumenpakete mit entsprechenden Drosselungen nach dem Verbrauch derselbigen im Angebot (z.B. 1&1, Arcor/Vodafone, Alice/O²) und die Fernsehkabelnetzbetreiber, allen voran Kabel Deutschland, drosseln täglich jeden Abend/Nacht(!) bis zu einem Drittel des Tages ganz erheblich ihre vielgepriesenen ach so schnellen und alternativlosen Fernseh- und Multimedakabelnetze, einschließlich kompletter willkürlicher Sperrungen ganzer IP-Adress- und Portbereiche.
    Wo war und ist denn da der Aufschrei und die Empörung in der Öffentlichkeit, der Politik und Medien über die willkürlichen Zugangs- und Netzsperren bzw. deren manipulierenden erheblichen Einschränkungen?

    Und wenn jetzt auch gleich wieder der Einwand kommt, gerade in ländlichen Bereichen hätte ja die Deutsche Telekom mangels Wettbewerber im Schmalbandnetz eine Monopolstellung, – wo ja die vorgesehenen Drosselungen, wenn denn die angesetzten Volumina überhaupt erreicht werden, eh nur marginale Auswirkungen haben dürften -, ist das leider richtig; nur ist die Ursache und der Grund wohl nicht die Deutsche Telekom mit ihren Geschäftgebahren und Unternehmensentscheidungen, sondern die flächendeckende Privatisierung der Fernmeldenetze und Daseinsvorsorge durch die Bundespolitik Anfang bis Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts (vergleichbar mit der Privatisierung und Koppelung des Schienennetzes an die Deutschen Bahn AG).

    Also sind diese Auswirkungen doch keine unternehmens-, sondern politische(!) Entscheidungen; und sollten dann richtigerweise auch als solche benannt und thematisiert werden!

    Also konkret, ich finde diese Entscheidung der ausschließlichen (Wieder)Einführung und Verwendung von Volumentarifen auch nicht gut und rückständig, zumal ja die technische Infrastruktur für die zugesagte Bandbreite ohnehin vorgehalten und betrieben werden muß, egal ob man sie nun auslastet oder nicht; aber solange es immer noch Alternativanbieter und Angebote gibt, muß man halt den Vertragspartner wechseln, wenn man diese Einschränkungen nicht akzeptieren und hinnehmen möchte.
    Und in den Bereichen wo die Deutsche Telekom als alleiniger Anbieter und Netzbetreiber eine Monopolstellung hat, sollte man dann auch wissen, wem man diese Einschränkungen zu verdanken hat, nämlich seinen eigenen politischen Einstellungen und Wahlentscheidungen bei den regelmäßig bereitgestellten Abstimmzetteln.
    Denn auch dort gilt, wer lesen und selber denken kann, ist klar im Vorteil!

  3. […] Enno schreibt was zur #Drosselkom und das ist sehr lesenswert: was das alles nämlich mit Inklusion … und wozu es führt, dass das der Telekom offenbar völlig wurst ist. […]

  4. Comment von Moritz | 21. Mai. 2013 um 19:14:05

    Danke für die Sichtweise – darauf kommt man als jemand, der nicht betroffen ist, gar nicht.

    Ich sehe es trotzdem noch nicht als Problem, solange es sich weiter um einzelne Unternehmen handelt. Denn solange es nur darum geht, dass einige Unternehmen keine Flatrates anbieten, kann man ja einfach zu einem anderen Anbieter wechseln, der genau das tut, und fertig. Die Sache mit der Netzneutralität sehe ich hingegen kritisch: Wenn gedrosselt wird, dann muss auch alles gedrosselt werden und nicht nur eine Auswahl, die dem Anbieter passt.

    Aber wie gesagt: Danke für diese Sichtweise, denn falls mal alle Unternehmen eine Drossel einführen wollen (und das ist ja durchaus möglich), dann braucht es für uns genau solche Argumente, um das zu verhindern.

  5. […] die Geschwindigkeit reduziert. Im DSL-Bereich dagegen drosselt das Unternehmen nicht. Das ist ein großer Vorteil gegenüber den originalen DSL Anschlüssen der Telekom vor allem, weil die Anschlüsse bei 1&1 […]


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