sofa die ennomane

September 18, 2012

Liquid Feedback: Es bleibt unübersichtlich

Die Liquid-Wars mitsamt Klarnamensdebatte sind wieder ausgebrochen. Die Befürworter und Gegner von Klarnamen liefern sich Scharzmützel auf Twitter und die Entwickler von Liquid Feedback distanzieren sich (erneut) von der Piratenpartei. Was ist passiert? Die Landesmitgliederversammlung hat am Sonntag beschlossen, den Liquid-Feedback-Systemen des Landesverbandes eine einheitliche “Geschäftsordnung” zu verpassen, in der festgeschrieben wird, dass die Benutzer auch Pseudonyme benutzen dürfen sollen. Dieser Beschluss zu diesem Zeitpunkt ist sehr problematisch.

Das Problem hat zwei Ebenen: Erstens gilt grundsätzlich, dass Abstimmungen, die im Internet durchgeführt werden, von jedem nachvollziehbar offen stattfinden müssen, da anderenfalls Manipulation Tür und Tor geöffnet ist. So etwas wie geheime Abstimmungen und Wahlen per Internet ist nicht möglich. Wir würden damit einen Wahlcomputer schaffen, was wir aus Gründen ablehnen. Zweitens ist es derzeit möglich, im Landes- und Bundesliquid mehrere Accounts unter falschem Namen zu ergattern und auf diese Weise Abstimmungen zu manipulieren. Deshalb kommen wir leider nicht drum herum, die Personalausweis-Identität unserer Mitglieder abzufragen, unabhängig davon, was wir vom “aufgezwungenden bürgerlichen Namen” halten oder ob wir mit verschiedenen Identitäten spielen möchten. Ohne Klarnamen-Akkreditierung ist Liquid Feedback so relevant wie das Heise-Forum. Eine solche Akkreditierung wurde auf der jetzt LMVB beschlossen, die Details müssen noch ausgearbeitet werden, am Ende werden wir vermutlich die Bundeskiste benutzen. So weit so gut.

Problematisch ist aber, dass die Mitglieder frei wählen können sollen, ob ihr bürgerlicher Name oder ein Pseudonym im System angezeigt wird. Katja Dathe hat prinzipiell recht damit, dass Menschen, die mit entscheiden wollen, auch die Verantwortung mittragen müssen, wozu gehört, für seine Entscheidung einzustehen. Sie erklärt das sehr gut in ihrem Blog, allerdings muss ich ihr in einem Punkt widersprechen: Wenn Beschlüsse in Liquid Feedback relevant sein sollen, können innerhalb der Partei nicht einfach einige vorgehen und die anderen nachkommen lassen, sondern müssen wir tatsächlich alle mitnehmen. Wir stehen für “Basisdemokratie” (ich nenne es lieber Mitgliederdemokratie) und möglichst umfassende Beteiligung. Auch wenn Liquid Feedback-Beschlüsse nicht bindend sind, halten sich Mitglieder, Vorstände und Fraktionäre weitgehend an die Ergebnisse. Wer von Liquid Feedback ausgeschlossen ist, ist in seinen oder ihren Chancen zur Mitbestimmung innerhalb der Partei empfindlich eingeschränkt. Das müssen wir berücksichtigen und deshalb brauchen wir einen möglichst breiten Konsens, wie wir Liquid Feedback betreiben wollen.

Die Entscheidung von Sonntag, beim Akkreditieren die Personalien zu erfassen, im System aber selber nur Pseudonyme zuzulassen, kam zur Unzeit. Es handelt sich um einen möglichen Kompromiss, den ich mit Bauchschmerzen mittragen kann. Pseudonyme sind per se nicht schlimm: Ich bin ja auch als “die Ennomane” bekannter als mit meinem bürgerlichen Namen und unser Datenschutzbeauftragter im Landesverband Berlin ist auch überall nur als “der Pupe” bekannt. Allerdings bringt diese Entscheidung gerade die Gegner von Wahlcomputern auf die Barrikaden, vergrätzt ein weiteres mal die Entwickler von Liquid Feedback und schränkt die Zahl unserer Optionen ein, während wir gerade dabei waren, ein sinnvolles Konzept auszuarbeiten. Es gibt nämlich derzeit wegen des Pankower “Klarnamens-Liquid” ein Verfahren und Gespräche mit den Datenschutzbeauftragten des Landes Berlin. Diese Gespräche sind noch nicht abgeschlossen und es gibt noch keine schriftliche Stellungnahme. Mündlich wurde uns aber schon mitgeteilt, dass “eine generelle Klarnamenspflicht für alle Benutzer im gesamten System mit Hinweis auf Persönlichkeits- und Minderheitenschutz sehr kritisch gesehen wird, die Nutzung des Systems mit eindeutiger Identifizierbarkeit aber als möglich erachtet wird, wobei genaue Bedingungen noch geklärt werden müssen. Genau das soll eigentlich gerade passieren.

Der Beschluss auf der LMV macht die Angelegenheit schwieriger und hätte besser am Ende der Gespräche gestanden. Dass die Angelegenheit über eine “Geschäftsordnung” gelöst wird, statt einer Satzungsänderung, für die eine klare Zweidrittelmehrheit nötig gewesen wäre, wird die Diskussion nicht vereinfachen und die Wogen nicht glätten. Wir brauchen ein offenes, nachvollziehbares System. Als Black Box und Wahlcomputer können wir Liquid Feedback auch gleich wieder vergessen. Dann können wieder nur diejenigen an Abstimmungen teilnehmen, die Zeit und Geld haben, zu den vergleichsweise seltenen Parteitagen zu fahren, was dezentrale Parteitage wahrscheinlich auch nicht wirklich abmildern können.

Wie geht es jetzt weiter? Der Pupe und andere Mitglieder des Landesverbandes werden Gespräche mit den Landesdatenschutzbeauftragten führen, der Landesvorstand wird sich überlegen müssen, welchen Nutzungsbedingungen er zustimmen kann. Die nächste Gebietsversammlung in Pankow wird am 3. November wahrscheinlich neu debattieren und beschließen müssen, was für ein System sie möchte. Und ich fahre am 13. Oktober nach Stockdorf zum Liquid-Camp. Dort wollen wir überregional diskutieren, wie sich sich Akzeptanz bis hin zu einem Konsens schaffen ließe. Ich habe da eine Idee.

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Kommentare

  1. Comment von senSATZionell | 18. Sep. 2012 um 02:05:02

    Ich habe mir mal Gedanken um die Piraten gemacht. Vielleicht interessiert dich das auch. (-:
    http://sensatzionell.blogspot.com/2012/09/piraten-macht.html

  2. Comment von Björn | 18. Sep. 2012 um 02:49:48

    Den Schritt zurück, den man vielleicht gehen sollte ist die Frage, warum Wahlcomputer problematisch sind. Klar kann man nachplappern, was einzelne Mitglieder oder insbesondere ehemalige sagen, aber man das und sollte solche Aussagen vielleicht mal hinterfragen. “Denk selber” war mal ein Motto…

    Und wenn jemand kommt der sagt, wir wären alle Politiker weil wir in einer Partei sind, und dabei im selben Atemzug von Basisdemokratie spricht, sollte Mensch auch hier mal reflektieren. (Sollte ich an dieser Stelle darauf hinweisen, wer LQFB wie und vor allem wann benutzt im Vergleich zu Medien?) Wollen wir Menschen mitmachen lassen und damit auch Politik anders gestalten, oder versuchen wir gezielt bestimmte Gruppen auszugrenzen. Entweder man ist PolitikerIn und denkt an andere oder man ist Privatmensch und damit nur den eigenen Wünschen verbunden.

    Wo sind denn die Namensbefürworter mit ihrem Namen auf der Brust bei Demos gegen Nazis? Nicht wenn 150 Leute gegen die Anwesenheit (Wohnort) eines einzelnen in einem Kiez demonstrieren (wars Donnerstag oder Freitag letze Woche in Moabit?), sondern wenn mensch mit 50 bis max. 100 Leuten etwa 150 Nazis gegenübersteht? Wo haben die Befürworter ihr komplettes Abstimmverhalten der letzten Jahre dokumentiert? Online und offline? Die Anwesenheit bei LPTs und BPTs fand ja wohl statt. Warum gaben sich die meisten ein Pseudonym bei Twitter, das weit ab des eigenen Namens ist? Doppeldeutigkeit hoch zehn…

    Darüber hinaus skaliert das gewünschte System nicht, das heißt die angebliche Überprüfbarkeit funktioniert nur bei wenigen Teilnehmern die sich persönlich kennen. Da wäre es hingegen eigentlich nutzlos, weil man sich eh kennt. Das dies die Entwickler selber nicht veröffentlichen, ist nachvollziehbar. Aber wo ist die Erklärung, wie man 10 Peter Müller und 12 Katja Schmidt hat? Was sagt es ihnen, wenn irgendwo in Deutschland ein Iwan Iwanowitsch mit ja abstimmt? Was soll da dran die Nachvollziehbarkeit erhöhen? Das ist ein Pseudoargument ohne jeglichen Nutzen.
    Gehts um den Mitgliedszustand eines Abstimmenden? Dann reicht eine Idee wie die Kiste von Katja. Gehts um die Möglichkeit einer Nachfrage? Da reicht ein internes Nachrichtensystem. Will mensch eine Einschätzung der bisherigen Abstimmungen um die Person dahinter “einzuschätzen”, dann ist schnuppe ob da Peter steht oder X123 oder ennomane. Im übrigen bietet sogar der auch wegen Datenschutz- und Überwachungsproblemen abgelehnte ePerso mehrere Nutzernamen, um die Rechte der Nutzer zu schützen. Und so wie ich für “den Staat” den Perso brauche, brauch ich für die Partei den LQFB-Zugang. Insbesondere in Berlin nach den Anträgen von Helge (vorziehen)…

    Die Nachteile jetzt schon konnte man aber bei der Wahl sehen: Frage: “Wie ist dein LQFB-Account?”

    In einer Partei, die Vorratsdatenspeicherung für kurze temporäre Verkehrsdaten ablehnt, sagt dies schon eine ganze Menge aus. Dauerhaft unendliches Speichern von Aussagen, Kommentaren, etc. ist weniger problematisch? Eine Partei, die ALLE zum Mitmachen anregen will, in der spielen Minderheiten welche Rolle? Wo ist die Rücksichtnahme auf Lehrkräfte, Beamte, ÖD-Beschäftigte, Polizei, Feuerwehr,…? Frag doch mal jemand von der Drogenfahndung was er von Legalisierung+Aufklärung hält. Einmal nur so im Gespräch und einmal mit dauerhafter Speicherung dieser Aussage und einfachem Zugriff auf diese Daten weltweit. Wie sicher waren Daten nochmal im Netz? Ich such gern die Nummer von Sony raus. Gaaaanz bestimmt können wir mit diesen Einstellungen ganz viele Anhänger im Innenministerium gewinnen… Sind die auch egal? Ist “alle” dann doch nicht “alle”? Ohne Anhänger in bestimmten Firmen und auf einzelnen Fachgebieten müssen wir uns zumindest auch nicht mehr um da Wahlziel “Schutz+Legalisierung von Whistleblowern” kümmern. Dann können sich einzelne Ausschüsse aber auch den Aufruf nach Leaks sparen. Die riskieren Kopf und Kragen, können eventuell von der IT-Sicherheit erwischt werden und wir wollen Inhalte und deren Köpfe direkt frei Haus liefern? Einfach nur grotesk.

    Die demokratischen Umgangsformen an dieser Stelle ausführlich zu erläutern erspare ich mir mal. Da mag vieles bei der parlamentarischen Arbeit gehen (“andere Politik machen”?), aber in dieser sichtbar geleerten Halle Sonntag Nacht im eigenen Landesverband mit mehreren Verwaltungstricks das so durchzuziehen… Einfach nur schockierend.
    Und die Sache mit dem knappen Vorlauf des Antrags ist da nur eine weitere Kleinigkeit…
    Es mag in der parlamentarischen Realität Punkte geben, die man weniger ideell sieht, als außerhalb. Aber wo sind da die Grenzen angelangt?

    Kurzer Spruch zu den Entwicklern:
    Eine Herangehensweise mit “nur genau diesen Weg und alle anderen sind böse” ist ne Menge, aber nicht von demokratischem Gedankengut durchzogen. Dabei ist es egal, ob es der Austritt ist, oder die Art der Diskussion. Menschen, die dauerhaft “Du darfst genau meine Meinung haben” sagen, sagen viel über sich selbst. Was wollen sie sagen, mit “wir distanzieren uns von unseren Nutzern” und dem seltsamen Hinweis, man “verbleibe bei den Lizenzbedingungen”? Meinungsvielfalt? Pluralität? Verständnis von gewissen Lizenzen und dem Gedanken dahinter? Das die Herrschaften dabei nur in diesem einen Blogpost die Kommentarfunktion ausgeschaltet haben, ist auch sehr aussagekräftig… Immerhin muss man sich dann nicht mehr anderen Meinungen auseinandersetzen. Zumindest nicht bei sich. Das dies auf anderen Plattformen trotzdem stattfindet, hat Frau Streisand Ihnen wohl verschwiegen. Das der Stil dieses Durchdrückens der einzig wahren Lösung sich im Antragskonzept widerspiegelt…naja…Ich glaube nicht, dass insgesamt die Akzeptanz steigt, wenn man LQFB im einigermaßen damit funktionierenden LV so handelt…

    Das unsere Idee der Liquiden Demokratie nicht zwangsläufig an eine einzelne Software “alternativlos” gebunden ist, dürfte aber auch klar sein. Wir stehen für eine Vision, für ein mögliches Konzept. Nicht für das Promoten eines bestimmten Einzelprogrammes!

    Wenn eine Software das Konzept nicht erfüllt und die Entwickler vielleicht(?) zukünftig(?) aktiv gegen die lokale Umsetzung arbeiten, dann gibt es halt viele viele Optionen. Die fachliche IT-Kritik ist ja auch noch vorhanden…

  3. Comment von Lars | 18. Sep. 2012 um 08:24:44

    Zu seinen Entscheidungen stehen ist eine schöne Sache. Aber auch nur bedingt brauchbar als Argument. Es gibt Menschen, die sind aufgrund ihrer beruflichen Situation zur Loyalität gegenüber ihrem Arbeitgeber verpflichtet. Sie könnten bei einem Klarnamen Liquid nie etwas abstimmen, was dem Arbeitgeber zuwider liefe. Diese Menschen werden exkludiert. Und damit ihre Expertise, die sie vielleicht gerade in ihrem Bereich haben. Aber ich bin mir sicher, dass es dann heißen wird “Such Dir halt einen anderen Job”. So inkludiert mensch aber nicht. Die barrierefreie Welt auch in den Köpfen ist ein Thema für sich. Generelle Klarnamen bedeuten ein weiterer Schritt in Richtung einer Partei, die nur der privilegierten Mittelschicht offen steht: alle anderen, Minderheiten, whatever, die es sich nicht leisten können, dass man sie zu Politikern macht und Einblick in ihre privaten Entscheidungen nimmt, werden dann wohl zukünftig die Partei wechseln müssen. Es ist der falsche Weg. Eine klare Identifizierung durch einen Ausweis ist möglich und auch ein Mittel gegen Mehrfachaccounts. Dafür muss man nicht jedem seinen Namen anzeigen lassen. Und ob ich da nun “Sülz” oder “Peter Gustav” heiße, ändert an der Nachvollziehbarkeit und Transparenz nichts, außer dass es Einblick in meinen persönlichen, politischen Bereich gewährt.

  4. Comment von slowtiger | 22. Sep. 2012 um 13:00:26

    Unter Klarnamen anmelden, dann frei wählen können, was angezeigt werden soll – Klarname oder Pseudonym, – UND ein Häkchen für “dieses Pseudonym ist geschützt”? Ist das Häkchen nicht gesetzt, kann jeder nachschlagen, wer sich hinter einem Psedonym verbirgt (wäre bei mir der Fall), ist es gesetzt, müßte begründet werden, warum die Identität angezweifelt wird bzw unbedingt amtlich sein muß.

    Ich schließe mal frech von mir auf andere und behaupte, für viele ist Bevorzugung des Pseudonyms gegenüber dem Klarnamen eher eine Gefühls- oder Marketingentscheidung: man möchte eben lieber mit dem Nickname identifiziert und angesprochen werden, andererseits ist der Klarname auch kein wirkliches Geheimnis.

    Die wenigen, die unbedingt Pseudonymschutz _brauchen_, werden dann das System nicht zu Fall bringen.


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