sofa die ennomane

Mai 21, 2012

Drei Thesen zu Prothetik, Inklusion und Barrierefreiheit

Auf der vergangenen re:publica haben Alexander Görsdorf, Julia Probst und ich über Barrierefreiheit und Inklusion im Internet diskutiert.

Ich wollte schon lange ausführlicher dazu bloggen, kriege das aber aus Zeitgründen nicht gebacken. Dieser kleine Talk und die (teilweise unwahren) Behauptungen von Julia über mich sind jetzt aber mal dringender Anlass, zusammenzufassen, wie ich über das Thema denke.

1. Prothetik wird Alltag

Wir bauen immer bessere Prothesen, die nicht nur helfen, Behinderungen auszugleichen, sondern auch die ursprünglichen Fähigkeiten des Menschen in den Schatten stellen. Schon sehr bald werden auch nicht-behinderte Menschen sich freiwillig Elektronik in ihren Körper implantieren lassen. Prothesen zur Optimierung des eigenen Körpers werfen politische Fragen auf: Wollen wir sie verbieten? Können wir das überhaupt? Betrachten wir die Erfolge von Oscar Pistorius, wird klar, dass der Transhumanismus an der Tür klopft und Antworten auf Fragen erwartet, die die meisten von uns noch gar nicht gestellt haben.

2. Barrierefreiheit nützt allen

Das Thema Barrierefreiheit muss endlich aus der Ecke der “Behindertenpolitik” raus. Eine barrierefrei in HTML kodierte Webseite hilft nicht nur Blinden mit ihren Screenreadern und Braille-Zeilen, sie kann auch besser maschinell ausgewertet werden zum Beispiel für Suchmaschinen. Untertitel helfen nicht nur Gehörlosen, sondern auch Analphabeten und Legasthenikern. Stehen sie noch in mehreren Sprachen zur Verfügung, dienen sie Migranten und helfen, die europäische Einigung voranzutreiben. Wer schonmal im Zug seinen Koffer mit auf die Toilette genommen hat, wird die große Extra-Toilette für Rollstuhlfahrer sehr schätzen. Der Abbau von Barrieren nützt allen.

3. Inklusion: Der Mensch zählt

Menschen, die die Schriftsprache nicht einigermaßen sauber und eloquent beherrschen, bleiben auch im Internet benachteiligt. Barrierefreiheit hat Grenzen: Der barrierefreie Umbau beispielsweise des Prenzlauer Berges mit seinen Gründerzeithäusern ist eine Jahrhundertaufgabe. Die Forderung, die Türme des Kölner Doms mit einem rollstuhlgerechten Außenfahrstuhl auszustatten, dürfte keine Mehrheit finden.

Auch eine Prothese kann niemals perfekt sein. Gerade das Cochlea-Implantat ist ein sehr gutes Beispiel, da es Menschen, die in der Kindheit ihr Hörzentrum nicht ausbilden konnten, oft mehr Qual als Hilfe ist. Es wird immer Krankheiten und Behinderungen geben, die nicht per Prothese ausgeglichen werden können.

Zugleich ist zu befürchten, dass Menschen, die ihren Körper freiwillig prothetisch “verbessern” selbst diskriminiert werden. Am Ende hängt deshalb alles davon ab, wie wir miteinander umgehen. Ob wir Inklusion nicht nur politisch verordnen, sondern auch leben. Das wird schwer, wenn behinderte Menschen im Alltag nicht für uns sichtbar sind. Als erstes müssen wir aufhören, unsere Kinder zu sortieren und Behinderte in Sonderschulen, Werkstätten und Wohngruppen abzuschotten.

Wichtig ist, was hinten rauskommt. Und rauskommen, wird am meisten, wenn wir Prothetik, Barrierefreiheit und Inklusion als drei Säulen eines Gebäudes betrachten, das am Ende so vielen Menschen wie möglich mehr Teilhabe und Lebensqualität bietet.

Dementi: Die obigen Aussagen sind meine persönlichen Ansichten und stellen keine Beschlusslage der Piratenpartei dar.

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Kommentare

  1. Comment von Not quite like Beethoven | 21. Mai. 2012 um 19:25:20

    Ich finde Deine Verwendung des Begriffs Transhumanismus etwas irreführend. Es ist eine Denkströmung/Ideologie (so steht es ja auch in der Wikipedia), die nicht nur Fragen zum technischen Fortschritt stellt, sondern auch gleich eine bestimmte Antwort auf die Fragen propagiert. Wie die Gesellschaft mit dem Fortschritt (und dem Transhumanismus) umgeht ist eine andere Frage. Bei der wir ganz schnell bei Deinem dritten Punkt landen und ich würde Dir zustimmen, ja, es geht auch darum wie man mit denen umgeht, die sich (behindert oder nicht) für Prothetik entscheiden. Wie man mit den Transhumanisten umgeht ;-)

    Warum bindest Du das Video ohne Untertitel ein, v.a. jetzt wo wir es in Handarbeit endlich geschafft haben?

  2. Comment von Not quite like Beethoven | 21. Mai. 2012 um 19:30:22

    Achso, falls Du es nicht hast, hier findest Du das untertitelte Video samt Code zum Einbetten. http://www.universalsubtitles.org/de/videos/2rEDc76tX8BF/info/unerhort-digitale-barrierefreiheit-und-partizipation-im-netz/

  3. Comment von Enno | 21. Mai. 2012 um 19:53:09

    Danke, ich hatte schlicht nicht mitbekommen, dass die Untertitel fertig sind. Ich würde den Transhumanismus als Denkrichtung bezeichnen – eine festgefügte Ideologie ist er nicht und er hat auch keine bestimmte Antwort, sondern ein ganzes Bündel teils widersprechender Antworten. Es gibt Störumungen von libertär bis faschistoid, was die Angelegenheit so heikel macht. Der Kern aber ist die Anerkenntnis, dass wir Menschen uns auf verschiedene Weise selbst zu modifizieren und zu “verbessern” trachten, in naher Zukunft die Mittel dafür haben und es tun werden. Ich bezweifele, dass sich diese Tendenz leugnen oder durch Verbote nennenswert einschränken lässt.

  4. Comment von Julia Probst / EinAugenschmaus | 22. Mai. 2012 um 18:55:35

    Nun, Enno,

    du scheinst es nicht zu begreifen, dass dein Satz:” Zugleich ist zu befürchten, dass Menschen, die ihren Körper freiwillig prothetisch “verbessern” selbst diskriminiert werden.”

    super ironisch ist, denn Gehörlose, die keine Versorgung mit dem Cochlear Implantat für sich oder für ihre Kinder haben wollen, werden diskriminiert. Aber auch hörende Eltern.
    Und die Entscheidung zum Cochlear Implantat wird so oft ohne echt Wahlfreiheit getroffen, weil die Zustände eben so sind wie sie sind.

    Und du schreibst was von Diskriminierung in naher Zukunft, die geschehen wird, wenn Menschen sich freiwillig verbessern wollen?

    Selten so gelacht.

    Die jetzige Realität ist eine andere.

    Die Realität in der nahen Zukunft ist, dass der Mensch sich dazu entwickelt, so dass er sich versucht, so weit wie möglich unabhängig zu machen von der Technik mit Hilfe der Technik, soweit sie ihm die Unabhängigkeit lässt und nicht in die Abhängigkeit entführt.

    Die Transhumanisten, die sich freiwillig ein Körperteil amputieren lassen für eine Prothese schreibe ich der gleichen Strömung zu wie der Menschen, die sich freiwillig etwas amputieren lassen, damit die körperliche Erscheinung der seelischen Identität entspricht. (BODY INTEGRITY IDENTY DISORDER – BIID)

    Und diese Tendenz der Transhumanisten, egal ob mit BIID oder ohne, ist eine sehr geringe.

    Du kannst dir deine Haltung noch so schön reden mit deinem “Wichtig ist, was hinten rauskommt” -Satz, solange du nicht aufhörst, Proethik zu befürworten und das Cochlear Implantat undifferenziert erklärst.

  5. Comment von Not quite like Beethoven | 22. Mai. 2012 um 23:09:35

    Enno, natürlich gibt es verschiedene, teils sehr verschiedene Strömungen. Was ich meinte, ist der gemeinsame Nenner, genauso wie Du es beschreibst. Und den Umstand, dass das zwar womöglich gar eine Mehrheitsposition sein ist, aber eben dennoch nicht alle so denken.

    Da können einige andere (“Normale”) jetzt schon vom Streit ums CI und kulturell Gehörlosen lernen, nämlich wie es ist, wenn eine Technik auf einmal völlig unausweichlich Geglaubtes und Liebgewonnenes zu einer Alternative unter anderem macht und ein Teil der Leute sich dafür entscheidet. Wie sehr das spalten kann.
    Und so ein CI ist ja noch ein vergleichsweise ziemlich schlecht funktionierendes Stück Technik.

  6. Comment von Enno | 23. Mai. 2012 um 12:18:42

    Genau darum geht es doch — dass es nicht alle so sehen. Wir haben die Möglichkeit, uns selber zu modifizieren. Wir werden sie nutzen, egal ob das legal oder illegal sein wird. Wir schnibbeln schon heute an uns rum, und zwar oft ohne Not. Es wird Konflikte geben zwischen denen, die sie nutzen wollen, nicht wollen oder aber nicht können. Neue gesellschaftliche und kulturelle Differenzen erzeugen den Zwang zu mehr Toleranz und Inklusionsdenken, damit uns das ganze nicht um die Ohren fliegt. Das CI und die Abwehrreaktion seitens der Gehörlosencommunity bis hin zu offener Diskriminierung von CI-Trägern und dem Ruf, die Berichterstattung über das CI zu zensieren, ist wohl zufällig ein Schauplatz für diese Umwälzungen. Dabei kann es — ich wiederhole mich — nur ein Nebeneinander geben von denjenigen, die ihren Körper modifizieren und denjenigen, die das ablehnen. Wäre schön, wenn daraus nicht der nächste Rassismus wird. Vor allem ist es eine Frage der Entscheidungsfreiheit des einzelnen. Darum geht es mir beim Thema Transhumanismus.

  7. Comment von ClaudiaBerlin | 09. Sep. 2012 um 02:05:05

    Von “Fascies” = Bündel kommt Faschismus. Wer immer eine Gruppe bildet, braucht Gemeinsames, das konstituierend für die Mitgliedschaft ist – und gleichzeitig andere ausschließt.

    Kein Problem nur der Behinderten!

    Den Körper optimieren ist Mainstream. Deshalb wird niemand diskriminiert, bzw. allenfalls von jenen, “auf die es nicht ankommt”.

    Diskriminiert wird eher, wer das nicht will: Leute, die mit Falten altern, Dicke, die nicht abnehmen wollen, Gehörlose, die kein Hörgerät wollen, Menschen, die ihre Hauptaufgabe nicht darin sehen, “fit für den Markt” zu werden, und und und…

    ***

    Ein gutes Argument für “barrierefrei nützt allen” sind übrigens die für Rollis abgesenkten Bordsteine. Rollie-Fahrer sieht man selten, aber als Fahrradfahrer ist man Nutznießer! Und das sind zígMillionen…


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