sofa die ennomane

April 8, 2012

Dr. Liquid oder wie ich lernte das Feedback zu lieben

Ich hatte mich früher ja eher kritisch zu Liquid Feedback geäußert. Seit ich jedoch daran arbeite(n musste), in Pankow ein so genanntes “Klarnamen-Liquid” einzuführen, hatte ich viele Gespräche und Aha-Momente, nicht zuletzt auch aus meiner eigenen Liquid-Feedback-Nutzung. Einer der wichtigsten Momente war, als im Berliner Abgeordnetenhaus ein Statement aus LQFB im Plenum direkten Widerhall fand. An dieser Stelle wurde klar, dass Liquid Feedback kein Spielzeug ist und auch nicht irgend ein Forum oder Tool wie das Wiki, sondern dass es immens wichtig ist für die Partei und eine normative Kraft entwickelt, egal ob man es als Organ in der Satzung verankert oder nicht. Um es kurz zu machen: Klare Regelungen und Verankerung in der Satzung wären mir lieber als die momentane Herumeierei.

Dabei gibt es jedoch ein Problem, auch bekannt als die “Klarnamensdebatte”. Mitglieder fordern, an Liquid Feedback anonym oder pseudonym teilnehmen zu können. Ich persönlich begreife Liquid Feedback mittlerweile als eine Art Polis, in der soziale Interaktion stattfindet und in der jeder Teilnehmer für seine Aussagen einstehen und die Verantwortung tragen sollte. Wenn ich in Liquid Feedback delegiere, debattiere und abstimme, will ich wissen, mit wem ich es zu tun habe. “Meine” Pankower BVV-Fraktion will das erst recht, schließlich stehen die Verordneten mit ihrem Namen im Rampenlicht und tragen Verantwortung. Sie möchten uns via Liquid Feedback echte Mitbestimmung ermöglichen, erwarten aber – zu recht – dass wir Teilnehmer ebenfalls bereit sind, die Verantwortung zu übernehmen für die Entscheidungen, die wir treffen. Wir müssen das schließlich auch überall sonst im Leben. Wir sind Mitglieder einer Partei, wollen aber nicht öffentlich Partei ergreifen? Mit einer Diskussion im Heise-Forum oder auf Google+, deren Nutzung zu recht anonym möglich sein muss, hat Liquid Feedback nichts mehr zu tun.

Trotzdem ist der Ruf nach einem “Wahlgeheimnis” selbstverständlich berechtigt, wirft aber ein Problem auf: Der Schutz der Anonymität kann in Computersystemen nicht gewährleistet werden – das technisch maximal mögliche ist eine Verschleierung. Die hilft jedoch niemandem, wenn die viel heraufbeschworenen Nazis der Zukunft unser Abstimmverhalten rekonstruieren, bevor sie uns an die Wand stellen.

Was mich immer wieder wundert, ist dass selbst gestandene Informatiker, die es besser wissen müssten, behaupten, es sei mittels komplexer Verfahren möglich, ein Wahlgeheimnis herzustellen und zugleich permanent die Integrität des Gesamtsystems zu garantieren. Ein Liquid Feedback mit Wahlgeheimnis ist nichts weiter als ein Wahlcomputer. Also das, was wir bekämpft haben, wenn der Staat versuchte, es einzuführen. Ganz einfach, weil die Manipulationsmöglichkeiten zu krass sind im Vergleich zu klassischen Wahlen. Im Grunde reicht es bei der Black Box “Wahlcomputer”, dass jemand die Manipulation auch nur behauptet, um das Vertrauen in die Plattform zu zerstören. Keep it simple. Für Liquid Feedback kann nur gelten, es vollkommen offen und öffentlich zu betreiben – oder gar nicht.

Verzichten möchte ich aber auf Liquid Feedback nicht mehr. Auch wenn viele Menschen (noch) davon ausgeschlossen sind, weil die Benutzung sie überfordert, haben jetzt schon wesentlich mehr Menschen einen Liquid-Feedback-Account als sinnvoll an einem Parteitag teilnehmen könnten. Wir wollen die Mitmach-Partei sein, wir wollen Teilhabe. Versammlungen können das bei über 20.000 Mitgliedern ebenso wenig leisten, wie Pads, Foren oder das Wiki. Was wir brauchen, ist eine Lösung, die skaliert. Alternative Lösungsmöglichkeiten wären dezentrale Parteitage und Urwahlen. Man übersieht allerdings leicht, dass sie einen immensen logistischen Aufwand erfordern. Liquid Feedback scheint mir derzeit die einzige Platform zu sein, die jetzt schon mit mehreren 1000 Mitgliedern funktioniert und zumindest theoretisch auch mit Millionen funktionieren kann.

Grunddilemma von Liquid Feedback ist die Aufhebung der Grenze zwischen Politiker, von dem Transparenz erwartet wird, und Wähler, der ein Wahlgeheimnis verlangt. Dabei wäre es doch sehr einfach, diese Trennung wieder herzustellen und zugleich jedem die Wahlfreiheit zu lassen, was er sein möchte. Liquid Feedback sei ein Parlament, an dem jeder teilnehmen können soll, das aber genauso offen arbeitet wie der zum Beispiel Bundestag. Wer da nicht mitmachen kann oder will – egal ob aus Gründen des Wahlgeheimnisses, weil er keine Zeit hat oder das System nicht versteht – wählt bei allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlen eine andere Person, an die er seine Stimme für die Dauer einer Wahlperiode überträgt – beispielsweise eine Generaldelegation über alle Themenbereiche für genau ein Jahr. Die Wahlen hierzu können jederzeit und dezentral stattfinden, zum Beispiel auf Mitgliederversammlungen der kleinsten Gliederungen – so richtig schön mit Papier, Wahlurne und Zeugen. Einzige Herausforderung wäre die Gestaltung der Stimmzettel bei potenziell Tausenden von wählbaren Liquid-Feedback-Teilnehmern, aber auch da gäbe es Lösungen.

So können direkt oder indirekt alle teilhaben, auch diejenigen, welche nicht selbst an Liquid Feedback teilnehmen können oder wollen. Die Wahlfreiheit ist gegeben. Die Plattform ist neutral und offen für alle. Wahlcomputer wollen wir nicht. Aber ein Parlament mit beliebig vielen Sitzen – wie geil ist das?

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Kommentare

  1. Comment von pupsi | 08. Apr. 2012 um 21:20:23

    Erster!!!11!!!!1

  2. SD
    Comment von SD | 08. Apr. 2012 um 21:23:20

    Schade nur, dass
    1) bei LQFB Abstimmungen überall bisher (deutlich) weniger Leute teilnehmen als an Parteitagen,
    2) die regionale Ungleichverteilung der Teilnehmer sogar noch höher ist als beim BPT,
    3) LQFB statt zu skalieren die Macht einfach auf sehr wenige Personen konzentriert,
    4) Klarnamensabstimmungen immernoch nach Strich und Faden manipuliert werden können,
    5) der komplette Verzicht auf geheime Abstimmungen defakto der Verzicht auf freie Abstimmungen ist.

  3. Comment von zero | 08. Apr. 2012 um 21:59:47

    Ich weiß, die Frage ist eigentlich randständig. Aber da sich daran durchaus Diskussionen entzünden:
    Warum nennen wir das immer “Klarnamen”, wenn es doch um Identität geht?
    Wie sich jemand nennen will, ist komplett Latte, wichtig ist, dass ein Mensch genau eine Stimme hat. Das sollten wir dann auch so nennen – und diese Namensdebatte draußen lassen.

  4. Comment von Dunkelzahn | 08. Apr. 2012 um 23:18:10

    Für Klarnamen höre ich immer wieder zwei Argumente:
    1) Man hat zu seiner Meinung zu stehen, wenn man politisch aktiv werden möchte
    2) Ein Liquid mit unverfälschten Wahlergebnissen (keiner manipuliert die Datenbank, jeder stimmt nur einmal ab) ist technisch nicht möglich.

    Diese beiden werden gerne vermischt und gern wird 1) mit 2) verschleiert.

    1) ist eine Grundsatzdebatte.
    2) ist ein technisches Problem, für dass es beispielweise unter https://wiki.piratenpartei.de/VAOV Lösungsvorschläge gibt.

    Ich bitte auf eine Trennung dieser beiden, vollkommen unabhängigen Argumente zu achten.

    Dunkelzahn

  5. Comment von Dunkelzah | 08. Apr. 2012 um 23:24:27

    Für ein sog. Klarnamenslqiuid höre ich v.a. zwei Argumente:

    1. Wer politisch mitbestimmen will, hat zu seiner Meinung zu stehen.
    2. geheime, nicht manipulierte Online-Abstimmungen sind nicht möglich

    Dabei werden beide gern vermischt und 1. wird gern mit 2. verschleiert.
    Die Unterscheidung halte ich aber deshalb für wichtig, weil 1. eine Grundsatzdebatte ist und 2. eine technische Frage für die es (vielleicht) Lösungen gibt (beispielsweise unter https://wiki.piratenpartei.de/VAOV).

    Dunkelzahn

  6. Comment von Kebap | 08. Apr. 2012 um 23:41:32

    Ich sehe kein Hindernis, einfach beide Herangehensweisen zu kombinieren: Wenn 23% gerne anonym bleiben, sollen sie anonym abstimmen, und die anderen stimmen mit Klarnamen ab. Die Ergebnisse sind somit deutlich aussagekräftiger als heute, ohne irgendeine Gruppe aktiv auszuschließen.

  7. Comment von Enno | 09. Apr. 2012 um 15:29:52

    Wie reflexhaft doch die Liquid-Kritiker ihre immer gleichen Argumente wiederholen, ohne auf den Lösungsvorschlag in den letzten beiden Absätzen einzugehen…

  8. Comment von Torsten | 09. Apr. 2012 um 15:50:03

    Sieht man LQFB als Problemlösungsinstrument oder als parlamentarischen Vorraum? Beide Möglichkeiten lassen sich prinzipiell auf der gleichen Plattform verwirklichen, verlangen aber andere Verhaltensweisen. Schreib ich einen Gesetzentwurf für jederman oder sage ich nur: Ich hätte gerne mehr Geld für mein Anliegen XYZ?

    Zweites Problem ist die Aggregation von komplexen Konzepten. 1000 Mitglieder sind kein prinzipielles Problem, 1000 Themen aber doch. Denn jede politische Aktion hat intendierte und unintendierte Folgen. Wie aggregiert man politische Maßńahme A und B, wenn diese widersprüchliche Folgen haben? Ist es die Aufgabe der Parlamentarier und Vorstände das zu tun, was die Plattform selbst nicht schafft?

  9. Comment von Herr_Von_Denkste | 09. Apr. 2012 um 17:50:31

    Am Anfang dachte ich es geht um ne neue Droge. Aber dann wurde es langweilig…

  10. ich
    Comment von ich | 09. Apr. 2012 um 20:34:26

    tl;dr

  11. Comment von Phelan | 09. Apr. 2012 um 23:06:17

    Anonymität, Synonymität … jede elektronische Abstimmung ist nachvollziehbar, man kann sie höchsens verschleiern.
    So schön die Träumereien von der digitalen Zukunft auch sind, auch Piraten müssen akzeptieren, dass dem Internet Grenzen gesetzt sind.

    Was also ist wichtiger? Ein sicheres, nicht manipulierbares Wahlsystem oder digitale Pseudoanonymität?
    Es sollte nicht zu viel verlangt sein, auch mal den Computer zu verlassen und ins Wahllokal zu gehen, oder? Tablet und Smartphone kann man ja mitnehmen ;).

  12. Comment von thomas | 10. Apr. 2012 um 02:03:42

    Army standorte erhalten Baumholder auch in bayern Grafenwöhr es kostet Arbeits plätze die meisten beschäftigten haben eine gut Aus bildung nur leider zu alt für den Arbeitsmarkt. Ich will kein mandat ich kämpfe nur für meine Kollegen weil ich selber beschäftigt bin bei der u.s army

  13. Comment von Renée | 12. Apr. 2012 um 18:25:34

    Ein sehr informativer Artikel! Vielen Dank!
    Vielleicht hilft folgende Überlegung weiter: Auch in der konventionellen Politik wird über Sachverhalte grundsätzlich offen abgestimmt, während die Wahl von Personen geheim zu erfolgen hat. LQFB sollte daher offen funktionieren. Wer seine Meinung sagen will, sollte dies wie im Landtag oder Bundestag offen tun, nicht geheim.

  14. Pingback von Liquid Feedback: Klarnamen statt Pseudonym?! – Funkblockade | 29. Sep. 2012 um 06:50:20

    [...] nach allgemeiner Transparenz in der Politik sowie Hinweise auf den fehlenden Support von Anonymität durch Computersysteme.Datenschutz durch Pseudonym!Da letzteres stimmt und Anonymisierung (also das Verändern [...]

  15. [...] Dr. Liquid oder wie ich lernte, das Feedback zu lieben [...]

  16. Pingback von die ennomane » Blog Archive » Liquid Murks | 06. Mai. 2013 um 09:35:04

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