Prothetik und Inklusion sind kein Gegensatz

Vor zwei Tagen ergab sich eine heftige Debatte auf Twitter. Ich schrieb, die Zukunft gehöre der Prothetik, weshalb man mir unterstellte, ich sei gegen Inklusion. Beim Cochlea-Implantat denkt zum Beispiel Julia „@EinAugenschmaus“ Probst an Reparatur, die sie gefährlich findet, weil die Gesellschaft gleichgeschaltet werde.

Ich habe als Teenager mein Gehör fast vollständig verloren. Ja, ich war „kaputt“ und bin „repariert“ worden. Und dafür bin ich dankbar. 20 Jahre lang war ich stark schwerhörig bzw. nach heutiger Definition gehörlos mit Restgehör. Die Implantante, die ich heute trage, machen mich annähernd normalhörend.

„Behindert ist man nicht, behindert wird man.“, heißt der Kampfspruch der Behindertenverbände, und am Cochlea-Implantat zeigt sich, wie falsch er ist, denn die Gesellschaft hat mich nicht am Hören gehindert, sondern mir ein Gehör geschenkt. Die Gesellschaft hat per Krankenkasse mehr als 50.000 € dafür ausgegeben, dass mein Leben barrierefreier ist, indem eine Barriere an mir selbst überbrückt wurde. Die Operation war ein Akt der Emanzipation.

Das heißt nicht, dass das Cochlea-Implantat ein Allheilmittel ist. So erfolgreich ist es nur in ganz bestimmten Fällen. Der Hörnerv muss intakt sein. Das Hörzentrum im Gehirn sollte sich in der Kindheit normal ausgeprägt haben, sonst wird ein Gehörloser zwar hören, jedoch kaum verstehen. Und auch wenn alle Voraussetzungen erfüllt sind, kann die Reparatur schief gehen.

Das ist aber kein Grund, Angst vor der „Reparatur“ zu haben, denn der Gehörlose kann nichts verlieren, sondern nur gewinnen. Ihm wird nichts genommen, sondern etwas geschenkt. Selbstverständlich bleibt die Entscheidung beim einzelnen Betroffenen. Dass die Gesellschaft Druck auf den einzelnen ausübt, zu funktionieren, ist kein Argument gegen Prothetik, sondern ein Argument gegen den Druck. Prothetik und Inklusion sind keine Gegensätze, sondern gehören zusammen: Prothetik beseitigt Barrieren.

Je nach Behinderung funktioniert das mehr oder weniger gut: Rollstuhlfahrer hatten schon immer andere Bedürfnisse als Blinde, die schon immer andere Bedürfnisse als Gehörlose hatten. Es wird immer Menschen geben, die nicht „repariert“ werden können.  Der Übergang zwischen zwischen „normal“ und „andersartig“ ist fließend. Es gibt keine Alternative zur Toleranz gegenüber Andersartigen – wir sind schließlich alle einzigartig. Es gibt keine Alternative zur Inklusion.

Angst vor der Prothetik hilft uns allerdings nicht weiter. Robotik und Mikroelektronik werden sich dramatisch weiterentwickeln. Wir werden aufhören, Menschen nur zu „reparieren“, wir werden anfangen, sie zu erweitern. Die Menschen werden das selbst wollen und dabei ganz individuelle Bedürfnisse haben. Ich habe einige Nerds kennengelernt, die ein wenig neidisch auf mein Cyborg-Dasein sind, und sich am liebsten heute eine Gehirn-Internet-Schnittstelle implantieren würden, wenn es so etwas schon gebe. Man kann darin die Gefahr sehen, dass diejenigen abgehängt werden, die das nicht mitmachen wollen oder können. Das ist aber kein Argument.

Der Mensch formt die Welt und sich selbst seit Tausenden von Jahren. Wer heute kein Internet nutzen kann oder will, ist ähnlich abgehängt wie jemand, der ein paar Jahre zuvor nicht lesen konnte und ich erwarte in einigen Jahrzehnten ähnliches bei der Prothetik. Durch Verbote werden solche Entwicklungen nicht aufgehalten sondern nur in die Illegalität verschoben. Die Antwort auf die Prothetik kann nicht die Warnung davor sein, die Antwort muss sein, weiterhin auch für Inklusion zu kämpfen und herauszustellen, dass Barrierefreiheit keine lästige Pflicht gegenüber Benachteiligten ist, sondern etwas, das allen nützt.

13 Antworten auf „Prothetik und Inklusion sind kein Gegensatz“

  1. Bei dieser Diskussion geht es, soweit ich es mitbekommen habe, nicht darum, in wieweit Menschen sich „erweitern“ sollten. So wie Du das oben schreibst (Gehirn-Internet-Schnittstelle) hat das auch schon eher eine ethische Dimension.

    Du unterstellst Deinen Diskussionsgegnern „Angst vor der Prothetik“. Ich finde, ganz im Gegenteil: Es kann doch davon ausgegangen werden, dass die meisten Hörgeschädigten auch von Hörhilfen Gebrauch machen.

    Du schreibst „Es gibt keine Alternative zur Toleranz gegenüber Andersartigen […]. Es gibt keine Alternative zur Inklusion.“ Das sind doch im Prinzip genau die Argumente von Jule. Warum also die Polemisierung?

    Wegen Deiner kompromisslosen Haltung zu Prothetik kann man sich leicht unter Druck gesetzt fühlen. Aber warum muss es denn überhaupt zwei Lager geben, Prothetikbefürworter und Inklusionbefürworter? Warum darf man nicht einfach beides für sich in Anspruch nehmen und z.B. als Hörgeräteträger auch um Rücksicht bitten, ohne gleich als „selbstmitleidig“ abgestempelt zu werden?

    Letztendlich geht es doch darum, Kommunikation zu ermöglichen. Deshalb ist Behinderung ist ein Problem, das häufig eben nicht vom Betroffenen allein gelöst werden kann.

  2. Ich unterstelle meinen „Gegnern“ nicht die Angst vor der Prothetik, sondern sie haben sie einfach, wenn sie Prothetik als „gefährliche Reparatur“ bezeichnen. Ich weiß, dass ich weitgehend die gleichen Argumente wie Jule führe, trotzdem kommt es immer wieder zum Streit, weil mir z.B. (nicht nur von Jule) unterstellt wird, ich sei gegen Inklusion, was einfach nicht stimmt. Ich habe den Eindruck, da wird von Seiten irgendwelcher Behindertenverbandsideologen ein künstlicher Gegensatz zwischen Inklusion und Prothetik aufgebaut. Ich bin überhaupt nicht kompromisslos, sondern im Gegenteil, ich will beides: Prothetik *und* Inklusion. Beides ergänzt sich perfekt und ein Kompromiss ist nicht nötig. Dass sich Prothetik weiter verbreiten und aus der Medizin in den Alltag treten wird, ist keine Forderung, sondern eine Prognose. Wir werden irgendwie damit umgehen müssen.

  3. Die Diskussion habe ich nicht mitbekommen, weil ich auf Twitter im Moment nicht aktiv bin, aber zum Blogeintrag kann ich mich äußern. Ich sehe das genau wie Enno, denke aber, dass man bei solchen Diskussionen keine Einigung erreichen kann, weil die Grundvoraussetzungen einfach zu verschieden sind. Obwohl ich seit meiner Geburt hochgradig schwerhörig bin, kann ich nicht so richtig nachvollziehen, wie man sich als Gehörloser wirklich fühlen muss. Ich habe ein außergewöhnlich gutes Tieftongehör (dafür ist ab ca. 1500 Hertz kaum noch was zu holen) und konnte deshalb ein relativ „normales“ Leben führen, also das, was sich jemand ohne Hörschwäche in der Regel unter Leben vorstellt. Das, was für mich und meine Familie normal war. Gehörlose interpretieren das natürlich komplett anders und haben deshalb auch andere Vorstellungen von CIs und deren Nutzen. Und, ein kitzekleines bisschen weiß ich vielleicht doch, wie es für Gehörlose ist. Ich erinnere mich noch gut an viele Gespräche, in denen ich erklärte, dass ich z.B. keine Vögel höre, oder auch das Schlagzeug in der Musik mehr als dumpfes Trommeln wahrnehme und für mich jede Trommel gleich klingt. Ich wurde jedesmal gefragt, ob mir das denn nichts ausmachen würde und antwortete jedesmal, dass man nichts vermissen kann, was man nicht kennt. Inzwischen kenne ich es und würde es in der Tat sehr vermissen, wenn die Technik plötzlich nicht mehr funktionieren würde. Fakt ist aber, dass man sich mit Behinderung eine eigene Welt aufbaut, die für einen selbst wunderbar funktioniert. Und warum sollte man daran etwas ändern wollen, wenn man zufrieden ist?

    Ich bin auch sehr für Inklusion und sehe auf beiden Seiten Handlungsbedarf. Ich lerne seit einigen Wochen die Gebärdensprache, einfach so, weil sie mich interessiert. Seit ich an dem Kurs teilnehme, habe ich mehr über die Gehörlosenkultur gelernt als all die Jahre zuvor, trotz meiner Online-Recherchen vor der CI-Entscheidung, trotz meiner eigenen Hörschwäche. Ich finde auch, dass hier viel mehr getan werden müsste. Ein Gebärdensprachgrundkurs in der Schule, und/oder generell ein Fach, das Berührungsängste mit Behinderten aller Art reduziert oder idealerweise gar nicht erst aufkommen lässt. Etwas, was die Nicht-Behinderte für Menschen mit Behinderungen sensibiliert, aber auch Behinderten vermittelt, dass sie nichts besonderes sind. Irgendwas, das allen klar macht, dass im Grunde alle gleich sind. Letzters ist natürlich totale Utopie, aber man könnte sich diesem Zustand durchaus annähern, durch mehr Aufklärung auf beiden Seiten.

  4. Hm, ich hatte den Spruch „man ist nicht behindert, man wird behindert“ immer ganz anders verstanden – und zwar in erster Linie bezogen auf angeborene Behinderungen. Wenn man gehörlos zur Welt kommt, fehlt einem eine Fähigkeit, so wie fast allen zum Beispiel die Fähigkeit fehlt, Töne zu sehen oder Gummigelenke zu haben. Zur Behinderung wird das aber erst, weil die Mehrheit der anderen Menschen den Sinn oder die Fähigkeiten hat, die einem fehlen. Man ist also nur behindert im sozialen Kontext, im Vergleich zur gesellschaftlichen Norm, die aufgrund ihrer Bedürfniss und Gewohnheiten das Leben mit dieser Einschränkung erschwert. Man ist nicht behindert, man wird behindert.

    Das passt natürlich nicht bei nicht angeborenen Behinderungen, denn dann fehlt einem nicht nur eine Fähigkeit im Vergleich zu anderen, sondern auch zu einem selbst an einem früheren Zeitpunkt. Das macht den Spruch zwar nicht grunsätzlich falsch, zeigt aber, dass die Kritik an deiner Position auf einer merkwürdigen Interpretation dieses Satzes beruht.

  5. Ohne meine Brille kann ich weder lesen noch arbeiten. Zwingt mich etwa „die Gesellschaft“ zur „Gleichschaltung“? Nein. Die Brille ermöglicht mir Teilhabe. Und ob ich Brille und Krückstock beiseitelegen kann, oder ob ich mich per Knochenersatz oder gelaserter Pupillen „reparieren“ lasse, ist nur ein quantitativer Unterschied.

  6. Oh, ich würde sagen, bei einem operativen Eingriff, einer *Veränderung* des Körpers, kann man durchaus von einem qualitativen Unterscheid sprechen. Allerdings nehmen wir solche Eingriffe heute schon vor. Mandel- und Blinddarmentzündungen könnte man auch medikativ behandeln, allerdings ist dann die Prognose wesentlich schlechter. Hier kommen nur sehr wenige Leute auf die Idee, die OP abzulehnen, weil sie ein Eingriff in den Körper darstellt. Allein die Verbreitung von Piercings, die ja nur dem (zweifelhaften) Schmuck dienen, lässt ahnen, wie verbreitet einmal Body-Enhancement sein wird.

  7. Meine Lieblingsgeschichte dazu ist die aus einer Folge von Star Trek TNG, wo Diana Troi, eine Halb-Betazoidin, aufgrund eines Unfalls ihre empathische Fähigkeit verliert, die Gefühle anderer Menschen zu erkennen. Daraufhin meldet sie sich krank, aber die anderen (Menschen) akzeptieren das nicht, weil sie argumentieren, dass sie diese Fähigkeit ja schließlich auch nicht hätten, es sei doch ganz normal, dass man die Gefühle andere Menschen nicht erkennt. Ein schönes Beispiel dafür, dass es eben keinen objektiven Zustand von Normalität und Gesundheit gibt.

    Interessant finde ich in dem Zusammenhang auch eine Idee von Ina Praetorius, die darauf hingewiesen hat, dass wir immer von vielen unterschiedlichen „Krankheiten“ oder „Behinderungen“ sprechen, aber nur von einer „Gesundheit“. Ihrer Ansicht nach, und ich stimme zu, gibt es auch eine ganze Palette unterschiedlicher „Gesundheiten“!

  8. Wie Annika schon sagt: ein „ewiges Streitthema“! Grundsätzlich sehe ich es aber ähnlich wie Enno. Da passt das Beispiel von slowtiger sogar ganz gut.
    Natürlich zwingt dich die Gesellschaft „zur Gleichschaltung“, oder warum trägst du sonst die Brille, wenn dir diese „Schwäche“ nichts ausmacht? Es geht nicht darum irgendwen zu diskriminieren oder zu bevormunden, sondern darum das beste für sich selbst zu tun. Der eine so und der andere so. Ich denke beide Seiten sind „richtig“. Sofern es überhaupt ein richtig oder falsch gibt.

    Was ich aber interessant finde, ist wie man den Spruch: “Behindert ist man nicht, behindert wird man.“ so alles deuten kann. Ich denke nicht, dass es ein Definition für irgendetwas, sondern eher eine Art Wortspiel, um den Leuten das negativ behaftete „Behindert“ aus dem Kopf zu treiben, ist. Anders gesagt: „Sagt nicht behindert, sondern beeinträchtig oder sonst was.“

    Man vergleicht „behindert“ also faktisch mit bspw. „aufghalten“.

  9. Diese Vergleiche hinken: Es gibt keine Blinddarm- oder Mandeln-Kultur, keine Brillen-Kultur, keine Nichtgepierct-Kultur aber sehr wohl eine Gehörlosen-Kultur.

    Ist man in eine solche Kultur eingebettet und hat man gelernt, sich darin zurecht zu finden, bedeuten solche extreme Veränderungen am eigenen Körper auch ein Stück, seine eigene Kultur aufzugeben. Ob begründet oder nicht, ich finde es verständlich, wenn Betroffene sich in diesem Punkt etwas schwer tun (ganz abgesehen davon, dass solche Hilfsmittel, wie Enno oben schreibt ja leider keine „Allheilmittel“ darstellen).

    Dies ist vermutlich auch der Grund, warum der Graben gerade zwischen Leuten wie Enno (Gehör erst als Teenager verloren) und Julia (von Geburt an) verläuft: Beide haben mit ihrer Behinderung unterschiedliche Erfahrungen gemacht und stammen so gesehen auch aus unterschiedlichen Kulturen.

    Vielleicht hat gerade deshalb jeder aus seiner Sich auch Recht, der andere deswegen aber nicht unbedingt Unrecht?
    (Unterstützenswert sind deshalb vermutlich beide Standpunkte, wobei Jule bei der Durchsetzung ihres vermutlich aber eher auf gesellschaftliche Unterstützung angewiesen ist als Enno.)

  10. Da stimme ich zu. Eine Kultur hat sich wegen der eigenen Sprache und der kommunikativen Barriere zwischen Hörenden und Gehörlosen gebildet. Es geht beim CI jedoch nicht darum, einen in Gehörlosien aufgewachsenen Menschen seiner Kultur zu entreißen – das geht schon technisch nicht. Julia überigens zählt sich selbst nicht zur Gehörlosenkultur.

  11. Ich kann schon verstehen, warum du CI sehr brauchst und ein gutes Gehör ein Geschenk für dich ist. Und es stimmt auch, warum CI kein Allheilmitteil ist. Natürlich es gibt einige Cochlear Implantat-Träger und wenn ich ehrlich bin sind von denen höchstens 50 % zufrieden. Der Rest sagte es hat nichts gebracht (da waren Hörgeräte genauso gut). Also ich weiß nicht ob man da von einem Erfolg der CI sprechen kann. Außerdem ist jede Op mit Risiken verbunden, aus welchem Grund auch immer. Es ist nicht eine einfache Op wo einfach mal etwas zugenäht werden musst. Auch mir hat ein Arzt empfohlen ein CI einpflanzen zu lassen. Ich fand und finde das noch heute absolut unangemessen. Was wieso und weshalb sollte ich mir ein CI einpflanzen lassen? Auch wenn ich schon von Arzt vorgeworfen wurde dass ich unverantwortlich sei. Ich trage normale Hörgeräte und bin mit meinem Leben als Hörgeschädigter mehr als zufrieden. Mir fehlt nichts. Durch die Beeinflussung durch Medien, Ärzte, hörendes Umfeld lassen sich anscheinend viele Hörgeschädigte heute als Menschen 2. Wahl fühlen, genauer gesagt „alle müssen perfekt hören und sprechen können“. Da gilt ganz allgemein der bekannte Spruch: nobody is perfect.

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