sofa die ennomane

Januar 2, 2012

Verantwortung und Transparenz am Beispiel des Bundespräsidenten

Es geht ja längst nicht mehr um einen Kredit: Bei der Frage nach dem Privatkredit zum Bau seines Hauses log Christian Wulff das Niedersächsische Parlament an – ein solcher Kredit verstößt wohl gegen das Ministergesetz, weil Vorteilsnahme im Spiel sein könnte. Juristisch wurde das bisher nicht aufgearbeitet und moralisch kann man drüber streiten: Selbstverständlich gewähren sich privat Freunde, Geschäftsleute oder auch Familienmitglieder untereinander Kredite und das sehr oft zu weniger als 4%. Außerdem machen Menschen Fehler und mir ist nicht bekannt, dass das Amt des Bundespräsidenten Heiligkeit voraussetzt.

Für Wulff hätte es so einfach sein können: Er hätte 2010 das Parlament nicht anlügen müssen. Er hätte die Verantwortung tragen können, indem er damals auf eine öffentliche Bank umgeschuldet, den Vorgang transparent gemacht, sich entschuldigt und ein juristisches Nachspiel in Kauf genommen hätte. Dasselbe im Herbst 2011: Auch hier hatte Wulff die Chance, den Fehler öffentlich einzugestehen und alles gerade zu biegen. Hat er aber nicht getan.

Eine Affaire hat immer die Folge, dass hinterher mehr Menschen schlecht über einen Politiker denken als vorher. Der Umgang mit einer Affaire bietet aber immer auch die Chance, dass wenigstens ein Teil der Leute hinterher besser über diesen Politiker denken. Das geht durch Offenheit, Transparenz, Einsicht, die ehrliche Bitte um Verzeihung und das Übernehmen von Verantwortung – und zwar aus freien Stücken.

Gerade das Wort “Verantwortung” wird oftmals falsch verstanden und als Synomym für “Rücktritt” benutzt, dabei sollte es beim Tragen von Verantwortung vor allem immer darum gehen, Schaden zu begrenzen und wieder gut zu machen. Der (meist finanziell abgefederte) Rücktritt ist ja vielmehr die Flucht aus der Öffentlichkeit und ein Drücken vor der Verantwortung. Fehler sind dazu da, sie zu machen und aus ihnen zu lernen. Um Schaden einzuschätzen und zu begrenzen, ist Transparenz nötig. Verwundbar macht diese Transparenz nur scheinbar – sie verringert zugleich drastisch die Angriffsmöglichkeiten.

Bei der Affaire Wulff geht es also nur am Rande um Kredite. Wulff gesteht Schuld nur ein, wenn er muss. Er übernimmt keinerlei Verantwortung und ein eventueller Rücktritt wird daran nichts mehr ändern. Wulff gibt immer exakt genau soviel zu, wie ihm nachgewiesen werden kann. Er er belügt nachweislich die Öffentlichkeit und er bedroht und beschimpft Pressevertreter, die über die Affaire berichten wollen, was ihre Aufgabe ist. Kurz: Christian Wulff ist weder integer noch seriös.

Wenn jemand das Amt des Bundespräsidenten beschädigt, dann der Präsident selbst und nicht seine Kritiker. Allerdings muss man sich fragen, welches Amt eigentlich. Schließlich sollten wir doch froh sein, dass Wulff auf dem Posten des politische Frühstücksdirektors der Nation keinen größeren Schaden anrichten kann.

Kommentare

  1. Kommentar von Stephan | 02. Jan. 2012 um 15:58:50

    Ich muss dir hier widersprechen.
    Das Amt des Bundespräsidenten hat in der breiten Bevölkerung einen hohen Stellenwert, vor allem weil er der Bevölkerung als moralische Instanz gilt. Den Reden des Präsidenten wird viel Aufmerksamkeit geschenkt. Insofern stimmt es, dass mit solchen Vorwürfen und Ereignissen ein großer Vertrauensbruch gegenüber dem Amt bevorsteht.
    Dazu aber die folgenden Beobachtungen:
    1) Köhler vertritt die (offensichtlich wahre) Meinung, dass die Einsätze der Bundeswehr natürlich vorrangig der Sicherung deutscher Wirtschaftsinteressen dient
    Ergebnis: Köhler wird abgesägt

    2) Wulff äußert sich islamfreundlich und prangert die Finanzmärkte sowie den Umgang mit der Finanzkrise an.
    Hier ist wieder zu beachten, welches Gewicht die Reden des Präsidenten in der Bvölkerung haben
    Ergebnis: Köhler wird unglaubwürdig gemacht
    (Anmerkung: die Seriösität eines solchen Darlehens ist sicher streitbar aber nach aktueller Einschätzung war das Vorgehen rechtlich einwandfrei – Quell: Radio)

    3) Jeder Politiker/Promi der sich mit dem BILD-Pamphlet (Springer Verlag) anlegt, hat keine hohe Lebensdauer im öffentlichen Leben. Die Praktiken der Redaktion sind hinlänglich bekannt, was Einschüchterung, Meinungsmache und Manipulation angeht.

    4) Wenn das Gespräch einwandfrei aufgezeichnet wurde, warum gibt es dann keine Transkription oder eine Veröffentlichung des Audiomaterials? Wieso wird das Telefonat erst jetzt Thema?

    5) Der Kontext des Anrufs ist nicht klar. Woher wusste Wulff von der bevorstehenden Veröffentlichung? Im GMX Portal wurde suggestiv eingstreut, dass Wullf von “Krieg” sprach. Auch hier ist kein Kontext erkennbar (ausser dass Wulff in Khabul war).

    6) Im Zusammenhang mit der üblichen BILD Praxis, durch manipulative Berichterstattung Politiker beim Volk aufzubauen und bei Bedarf auch zu vernichten ergibt sich für mich hier schon ein eher verschwörerisches Gesamtbild. Man mag von dem Kredit halten was man will, aber das ist eine Hetzjagd. Im Stil von Köhlers Abgang.

    Ich lasse mich gerne durch weitere Tatsachen vom Gegenteil überzeugen, aber ich bin zynisch genug zu lachen, wenn ich höre dass sich die BILD eingeschüchtert fühlt und auf journalistische Freiheit pocht. Das Schmierblatt, welches selbst gerne mal Berichte verdreht, lügt, hetzt. BILDBlog anyone?

    Soviel kurz dazu. Comments?

  2. Kommentar von Enno | 02. Jan. 2012 um 16:01:22

    @Stephan, ich gebe dir weitgehend recht, aber trotzdem muss man die Fälle Köhler und Wulff getrennt betrachten. Außerdem hätte Köhler nicht zurücktreten müssen und sein Rücktritt kam für alle dann doch recht überraschend. Absägen war das noch nicht, außer man *lässt* sich absegen.

  3. Kommentar von Stephan | 02. Jan. 2012 um 16:05:32

    In Ordnung, die Korrelation muss ich überdenken. Überdies bleibt mir noch auf den Kernpunkt deines Posts einzugehen. Nach meinem Bashing gibt’s dazu von mir nur ein: Richtig. Wulff hat alles falsch gemacht was man falsch machen kann. Mit Offenheit nimmt man den meisten Angriffen den Wind aus den Segeln. Das sollte die Maxime sein. Eben und vor allem auch in diesem Amt.

  4. Kommentar von Enno | 02. Jan. 2012 um 16:12:09

    @Stephan Und mir ist klar, dass das Amt des Bundespräsidenten in der Öffentlichkeit ein anderes Gewicht hat, als für mich. Die Frage ist am Ende: Wie definiert man “moralisches” Vorbild? Als jemand, der nie moralische Fehler macht oder als jemand, der welche gemacht hat und wie oben skizziert damit umgeht?


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