sofa die ennomane

21. November 2011

Es werde Musik!

Zwei Wochen nachdem auch auf der linken Seite das Cochlea-Implantat angeschaltet wurde, ist meine Stimmung leicht mau. Alles ist zu leise, auf der Sitzung der Bezirksverordnetenversammlung in Pankow verstehe ich weniger als erwartet und allgemein hört sich alles elektrisch an. Dafür aber endlich Richtungshören. Das linke Ohr reagiert anders als das rechte auf das CI, nämlich mit einem heftigen Tinnitus, der aber verschwindet, sobald ich das CI aufsetze und einschalte. Wahrscheinlich muss sich der Hörnerv aber noch an die elektrische Reizung gewöhnen. Davon abgesehen entwickelt sich das Hören auf der linken Seite extrem schnell. Es ist immer noch ziemlich vom „Wling“ unterlegt und Menschen klingen, als hätten sie Helium inhaliert, die Entwicklung ist aber viel schneller und schon jetzt verstehe ich mit beiden CIs viel besser als zuvor mit Hörgeräten.

Beim Anpassungstermin hatten wir dann nochmal beide Seiten vorgenommen und erneut komplett durchgespielt: Wann höre ich einen Ton, wann ist er laut, sind Ton 1 und Ton 2 gleich laut usw. Da floss mit ein, dass ich sagte, alles sei insgesamt zu leise. Am Schluss machte mein Audiologe noch ein Hinweis: Der Prozessor ist so eingestellt, dass laute Geräusche automatisch runtergepegelt werden. In dem Moment fiel bei mir der Groschen. Warum ich Musik oder Filme viel zu laut mache. Warum ich beim Heavy Metal Bäcker nicht mehr richtig bestellen kann. Warum die heißgeliebte Morgenstimmung von Grieg eine indifferente Pampe ist und Metallicas Creeping Death wie Scooter klingt. Ich dachte, die Dynamik sei futsch, weil das CI nur bis zu 10 Elektroden im Ohr gleichzeitig befeuert, und versuchte mich schon gedanklich an ein Leben zwischen Depeche Mode und Sebastien Tellier zu gewöhnen. Ganz falsch.

Ich insistierte also, er möge das bitte jetzt sofort machen und mir auf das sonst nicht benötigte Programm 2 legen. Der Sprachprozessor des CI hat nämlich 4 Programme, die per Fernbedienung oder etwas fummelig über die mehrfach belegten Tasten am CI umgeschaltet werden können. Bei mir sind das jetzt 1: „Alltag mit Runterpegeln“, 2: jetzt „Alltag ohne Runterpegeln“, 3: „Fokus in lauter Umgebung“ (eine Art Richtmikrofon und mein akustisches Killerfeature in Kneipen und lauter Umgebung) und 4: „Musik“ (lässt alles möglichst ungefiltert durch, klingt aber furchtbar und hat noch immer sehr viel „Wling“).

Wieder zu Hause habe ich mir zuerst die Tagesschau im Web ohne Untertitel angesehen (alles bestens verstanden) dann eine ganze Weile Musik gehört und wurde dabei immer euphorischer. Ja, der Sound ist noch künstlich, elektrisch und Sänger klingen übers linke Ohr leicht albern, aber plötzlich war alles da und ich konnte die Musik (zumindest rechts) präzise und kristallklar wahrnehmen. Die Sonne hebt sich bei Grieg wieder langsam und majestätisch über den Horizont. Der Lautsprecher will nach den ersten Takten Akustikgitarre in Saxons „Crusader“ wieder aus der Box fallen. Und die zweite Hälfte von Metallicas „One“ ist wieder Stakkato statt Matschepampe. Und das wichtigste: Wenn man aufdreht wird es auch laut.

Ganz allgemein kann ich nun auch über Lautsprecher viel besser hören, ohne das CI an einen Kopfhörerausgang anzuschließen, was sonst eigentlich nötig war, wenn ich mir ein Video ohne Untertitel ansehen wollte. Auf Twitter schrieb ich später: „Da ändert man eine winzige Detaileinstellung im #CI und es ändert sich alles. Geil. Noch ein wenig testen, dann gibts ein Update im Blog.“ und später „(Höre Grieg und überlege, ob mein Audiologe ein Gott oder ein Idiot ist.)“ und meinte damit, dass ich diese spezielle Einstellung doch schon viel eher hätte haben können, aber über die neuerliche Verbesserung viel zu glücklich bin, um mich zu beklagen.

Was habe ich seither getan: Viel Musik aller Art gehört und auch genossen; mich in einem Bus und in der Tram sowie an einer lauten Straße unterhalten, teilweise ohne die Person anzusehen, sowie zu viert in der S-Bahn dasselbe; Jan-Uwe Fitz beim Vorlesen aus „Entschuldigen Sie meine Störung“ zugehört und endlich auch seine kleinen Späßchen zwischendurch verstanden; ein Kneipengespräch im Übereck (ruhig); FC St. Pauli gegen Hansa Rostock im Oberbaum-Eck gucken und dabei durchaus ein wenig mit den Leuten reden (alles andere als ruhig); verstehen, was jemand im Nebenzimmer laut zu mir sagt. Letzteres war wohl ungefähr das erste mal seit 1988 oder so.

Was ich mit der neuen Einstellung noch nicht gemacht habe: Beim Heavy Metal Bäcker frühstücken, telefonieren, in einen Club oder auf ein Konzert gehen und eine BVV-Sitzung besuchen. Aber morgen beginnt ja eine neue Woche.

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Kommentare

  1. […] und seine Cochlear Implantate. Eine ungemein aufregende Geschichte. die ennomane » Blog Archive » Es werde Musik!. This entry was posted in Allgemein by Dogma Pillenknick. Bookmark the […]

  2. Comment von Not quite like Beethoven | 21. Nov. 2011 um 10:20:19

    Geil!

  3. Comment von Bettina (und die Keinzahnkatzen) | 21. Nov. 2011 um 12:10:40

    Gratuliere, das klingt großartig!

    Dass da echte Arbeit (auf deiner Seite wie auf der deines Audiologen) drinsteckt, leuchtet mir aufgrund der großen Anzahl von Faktoren, die dein persönliches und individuelles Hören beeinflussen, auch durchaus ein. Ist ja doch etwas anderes als Zahnersatz und „Essen Sie mal zwei Tage etwas vorsichtiger, bis der Körper sich dran gewöhnt hat!“

    Und für das Feintuning der CIs, so cool wie du es angehst, sind gelegentliche kleine Rückschläge und das unangenehme Gefühl, jetzt vielleicht doch mal an eine Grenze gestoßen zu sein, als Rückmeldungen mindestens so wichtig wie die vielen Erfolgserlebnisse, vermute ich.

    Bin gespannt, was du diese Woche alles erlebst!

  4. Comment von Jan-Uwe Fitz | 21. Nov. 2011 um 12:37:18

    Sie müssen jetzt sehr stark sein, aber Ihr Gerät funktioniert wohl doch nicht. Ich habe nämlich während meiner Lesung zwischendurch keine Späßchen gemacht, sondern gebetet.

  5. Comment von Sabine Engelhardt | 21. Nov. 2011 um 18:11:16

    @Enno: Super! Freut mich total für Dich!

    @Bettina: Das mit dem Zahnersatz muß man relativ sehen. Ich hatte mir über Jahre hinweg durch extreme Anspannung (ausgelöst durch chronische Depressionen) mit unbewußtem Zähneknirschen buchstäblich das Gebiß zerbissen. Mir fielen immer wieder krümelweise meine Zähne aus dem Mund. Kein Zahnarzt war in der Lage, mich mit meinem dünnen Nervenkostüm und auch noch einer Klaustrophobie zu behandeln.

    Bis ich eine Zahnärztin fand, die mit beidem doch klarkam und mir vor allem durch den sehr nervenzermürbenden Prozeß des Abschleifens half. Das war nötig, um die Zähne auf Brücken vorzubereiten. Als die Brücken dann drinsaßen, hatte ich das Gefühl, plötzlich ein „Pferdegebiß“ zu haben. Alles schien viel zu groß! Der Mund hatte sich bereits an die vielen fehlenden Bereiche angepaßt und bekam jetzt auf einmal wieder das zu spüren, was eigentlich mal normal gewesen war.

    Ich brauchte Monate, um mich daran zu gewöhnen. Jetzt, noch ein paar Jahre später, ist von dem Pferdegebiß-Gefühl nichts mehr übrig, und ich kann wieder normal essen. Das war in den letzten zwei Jahren davor nicht mehr möglich gewesen.

    Also kurz: Auch bei Zahnersatz kann es sein, daß man eine längere Gewöhnungsphase hat, und das gleiche dürfte auch für andere „Ersatzteile“ gelten. Es hängt wohl vor allem davon ab, wie lange das, was ersetzt wird, gefehlt hat.

    Gruß, Frosch


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