sofa die ennomane

Oktober 22, 2011

Wenn Politiker ihre Meinung nicht sagen sollen… oder wollen

Die Piratenpartei hat zu etlichen Themen keine Positionen und bis die wirklich in alle Verästelungen und Politikbereiche ausgedacht, ausformuliert und auf Parteitagen verabschiedet sind, wird noch sehr viel Zeit vergehen. Bloß was tun wir bis dahin? Die Frage zum Beispiel, wie im Falle einer Regierungsbeteiligung eigentlich die Außenpolitik der Piraten aussähe, ist ja nun mehr als berechtigt, vor allem wenn gewisse Parteimitglieder laut über solche Optionen nachdenken.

Nehmen wir ein akutes Problem, die Schuldenkrise. Im Handelsblatt erschien ein Interview mit Piraten-Vorstand Matthias Schrade. Darin sagt er vieles, was ich so unterschreiben würde, und vieles, was ich für falsch halte – unter anderem dass Griechenland und andere Länder unter Umständen die Währungsunion verlassen müssen.

Fabio Reinhardt hat in seinem Blog geantwortet. Inhaltlich nimmt er in der Griechenland-Frage die Gegenposition ein – da bin ich übrigens ganz bei Fabio – kritisiert aber vor allem, dass da ein Piratenvorstand seine “Privatmeinung” kund tut, was derzeit kontraproduktiv sei, weil diese “Privatmeinung” nicht nur falsch sei, sondern auch die FDP in Berlin und Gauweiler in der CSU damit auf die Schnauze geflogen seien. Stattdessen lobt er Sebastian Nerz:

Gerade beim Thema Eurokrise hat er sich sehr vorbildlich verhalten. Sebastian gab an, eine eigene, wohldurchdachte Meinung zu dem Thema zu haben und lehnte es aber – trotz mehrmaliger Nachfrage – ab, diese zu äußern, da sie natürlich in einer öffentlichen Gesprächssituation als Parteimeinung verstanden werden könnte.

Wie bitte? Sebastian ist Bundesvorsitzender der Piratenpartei. Er wird sich sehr wahrscheinlich irgendwann zur Wiederwahl stellen. Und ich würde mich wundern, wenn er nicht auch für ein Mandat kandidiert. Aber selbstverständlich möchte ich wissen, wie er über dieses Thema denkt – gerade auch weil es hierzu noch keine Parteibeschlüsse gibt, die er nachbeten kann.

Wie leicht bei einem solchen Stil die Kommunikation krepiert, sieht man schön an diesem Interview im  Deutschlandradio, wo Sebastian sich zunächst wacker schlägt, sich dann aber im Konflikt zwischen Transparenz und Privatmeinung verheddert und am Ende recht unsympathisch rüberkommt.

Überhaupt, “Privatmeinung”, was für ein Unwort! Korrigiert mich, aber die Piratenpartei ist unter anderem angetreten, um Politik wieder menschlicher zu gestalten. Dazu gehört auch, die öffentliche Inszenierung “Politiker” und den Alltagsmenschen wieder mehr zur Deckung zu bringen. Für offizielle Sprecher gilt natürlich etwas anderes, aber von Amts- und Mandatsträgern erwarte ich einfach, dass sie sagen, was sie denken. “Privatmeinung” ist das Gegenteil von Transparenz. Wer seine Meinung nicht sagen will, sollte gar nicht erst für den Vorsitz einer Partei kandidieren. Immerhin werden unsere Spitzenleute in den Interviews zu aktuellen politischen Themen befragt und nicht zu ihren sexuellen Vorlieben.

Aber es gibt zwischen “Dazu hat die Piratenpartei noch nichts entschieden und ich will meine Privatmeinung nicht sagen.” einerseits und “Dazu hat die Piratenpartei noch nichts entschieden, aber ich persönlich habe keine Meinung dazu oder finde, dass Carthago zerstört werden muss” andererseits noch einen dritten Weg: “Dazu hat die Piratenpartei noch nichts entschieden, aber wenn Sie sich unsere anderen politischen Forderungen wie Netzneutralität, Abschaffung von Studiengebühren oder bedingungsloses Grundeinkommen ansehen, können Sie davon ausgehen, dass die Piraten für Solidarität mit Carthago plädieren werden.”

Wir müssen noch viel lernen. Besonders wenn wir den anderen nicht alles nachmachen wollen.

Kommentare

  1. Kommentar von solly | 22. Okt. 2011 um 19:50:18

    Hey KnuddelKeks,

    Der Artikel ist genial – durch den letzten Satz “Wir müssen noch viel lernen. Besonders wenn wir den anderen nicht alles nachmachen wollen.”

    Alles sonst ist Müll. Und Mühe zu lesen.

    Mache den letzten zum 1.Satz….

    und dann geht es um BOTTOM-UP …. also DEMOKRATISCHE …Aussagen-Strukturen…

    wooooomit die realität da ist, daß PKs und ähnlicher MÜll Müll sind.

    Die Mega-Medien sind ne Aristokratie-Despotie der TopDown-Totschlag-Sorte,…

    also muß man wieder interaktiv was tun und nicht JungeUnions-Schleimer reden lassen – siehe zB das “Politiker-Interview” http://www.tagesspiegel.de/politik/politik-ist-kein-einfaches-feld/5503308.html oder das “Ich als Politikerin”-Afelia-Geschwafel bei Precht (oh Kotz, ich breche).

    ENDE DER EGOPATHEN- EGOTRIPS!!!!!!!

  2. Kommentar von Ein Mensch | 22. Okt. 2011 um 22:48:32

    Der Absatz davor ist aber auch genial.

  3. Kommentar von Fabio Reinhardt | 22. Okt. 2011 um 23:18:44

    Hi Enno,
    du weißt, ich liebe deine Kommentare. Aber in diesem Text widersprichst du dir ja mehrfach selbst. Aber zuerst einmal:
    “Aber selbstverständlich möchte ich wissen, wie er über dieses Thema denkt – gerade auch weil es hierzu noch keine Parteibeschlüsse gibt, die er nachbeten kann.”
    Sehe ich genauso. Dafür gibt es ja nun auch viele Möglichkeiten (wie unsere parteiinternen Medien), die nicht so offensichtlich als Parteimeinung interpretiert werden. Und dass dies so ist, habe ich ja nicht nur dargelegt, sondern ist hier auch ganz plastisch zu sehen: http://www.open-report.de/news/Piraten-Vorstandsmitglied%20fordert%20Kern-Europa%20ohne%20Griechenland/142041

    Wenn du schreibst: “Dazu hat die Piratenpartei noch nichts entschieden, aber [vom bishrigen Programm lässt sich XYZ ableiten].” bin ich ganz bei dir. Das muss aber dann auch klar ersichtlich sein. Wenn es das gewesen wäre, dann hätte ich auch nicht gleich einen Blogpost geschrieben. Sebastian hat sich neulich zu den Berliner Autobränden geäußert, was ich recht unnnötig fand, was aber inhaltlich völlig abgedeckt war und mich deswegen auch nicht hinter dem Autowrack hervorgelockt hat. Wie man aber von unserem Programm auf “Raus mit den Griechen” kommen kann, müsstest du mir schon erklären. Wie gesagt, geht es hier nicht um Maulkörbe oder darum, dass Mandatsträger nur noch wortwörtlich aus dem Parteiprogramm zitieren dürfen. Aber es gibt eben auch Grenzen. Zu erwägen ist hierbei nicht nur der Inhalt, sondern auch Medium und Zeitpunkt. Ich stelle hier einfach mal die Gretchenfrage: Fandest du die ganzen Äußerung von Aaron König auch ok? http://www.politicool.de/2010/02/zum-jahrestag-der-iranischen-diktatur.html Müsstest du dann ja eigentlich, oder?

    Gruß,
    Fabio

  4. Kommentar von Enno | 23. Okt. 2011 um 00:51:06

    Hi Fabio,

    danke, wo widerspreche ich mir selber? Die Schlagzeile “Vorstandsmitglied fordert Kerneuropa ohne Griechenland” ist natürlich unangenehm, aber auch nicht viel schlimmer als Überschriften wie “Wir haben auch keine Rezepte”, wobei ersteres streng genommen stimmt, letzteres aber nur sehr bedingt. IMHO kommen solche Probleme daher, dass wir zu viele Mitglieder in Ämter wählen, ohne sie wirklich zu kennen, weil wir ja streng genommen erst seit 2009 in dieser Form existieren.

    Aber in anderen Parteien ist es auch Gang und Gäbe, dass Mitglieder – auch in hohen Ämtern – Meinungen vertreten, die so nicht von der Parteimeinung gedeckt werden. Ich denke da an Myriaden von Talkshows mit Heiner Geißler… ;) Oder die kommunistische Plattform in der Linkspartei, für die Sara Wagenknecht auch als Vorstandsmitglied der Gesamtpartei sprechen durfte. Oder den konservativen Seeheimer Kreis in der SPD, von dem man nunmal wusste, dass die damals nur wegen der Mädchen nicht zur Jungen Union gegangen sind, die dann aber trotzdem nicht wenige hohe Posten besetzt haben. Oder last not least: Joschka Fischer und der Balkankrieg: Da hat er mal eben die Grünen um 180 Grad gedreht. Die Grünen konnten mitmachen oder ihn davonjagen. Ich finde gut, dass die Grünen sich an dem Punkt entscheiden mussten, unabhängig davon, was ich von ihrer Entscheidung halte.

    Ich bin – wie gesagt – inhaltlich absolut nicht Matthias’ Meinung, ganz im Gegenteil. Wenn man die Sache nüchtern vom Konzept der Plattformneutralität her denkt und die EU als eine neutrale Infrastruktur begreift, ergibt sich meiner Meinung nach zwingend, dass wir Griechenland retten helfen müssen, statt es aus der EU zu drängen. Auch bin ich ein Anhänger der Idee der (refomierten und demokratisierten) Vereinigten Staaten von Europa. Aber das führt an dieser Stelle zu weit, es geht um Meinungsfreiheit.

    Mit Aaron ist das ganze nur sehr bedingt vergleichbar. Aaron hat übel rumschwadroniert und mit seinen xenophoben Äußerungen IMHO auch wirklich den Boden der Satzung verlassen. Außerdem hat er an seine Äußerungen fett “Vorstand Piratenpartei” drangeschrieben, während du zugeben musst, dass Matthias im Interview explizit sagt, dass das seine persönliche und nicht Parteimeinung sei, er sich aber für seine Meinung in der Partei einsetzen werde. Das ist irgendwie… ja… äh… Demokratie? Die FDP veranstaltet wegen genau dieser Frage übrigens gerade die erste Urabstimmung ihrer Geschichte. Finde ich auch gut, unabhängig davon, wie sich die FDP entscheidet.

    Wenn wir Vorstandsmitgliedern und anderen Spitzenleuten einen Maulkorb verpassen, wissen wir ja gar nicht mehr, was sie wirklich denken. Wie soll man da noch wählen? Auf welcher Basis entscheiden?Dann ist plötzlich Schluss mit Transparenz und ein Klima des Misstrauens wird geschaffen: Meint der das jetzt wirklich, oder labert er nur Mainstream? Ist nicht genau sowas ein ganz wesentlicher Punkt, was uns kulturell an anderen Parteien ankotzt? Mich jedenfalls nervt diese Art des Nichtmeinens und der Nullpolitik ganz gewaltig an Angela Merkel. Für sowas brauche ich dann keine Piratenpartei.

    Ausnehmen will dich davon explizit gewählte/berufene Sprecher wie @regsprecher – dessen Privatmeinung in der Öffentlichkeit würde mich sehr befremden. Aber das ist was anderes und soweit ich weiß ist Matthias kein solcher Sprecher des BuVo – oder sehe ich da was falsch?

    Die Schlagzeile “Pirat Bla sagt blubb” macht übrigens richtig Spaß, wenn es x Monate später heißt: “Piratenpartei schmeißt Bla wegen blubb raus.”. Schöner kann man doch Debatte und Meinungsfindung nicht mehr transparent machen. Offenbar gibt es ziemlich viele Leute in der Piratenpartei, die wirklich glauben, die Griechen seien faul und lebten über ihre Verhältnisse. Da ist dann doch so eine Äußerung von Matthias eine Steilvorlage für eine richtig schöne Debatte, um hier die Positionen zu klären. Was du ja auch in deinem Blog dankenswerterweise getan hast. Den Teil unterschreibe ich bei dir auch doppelt und mache gerne mit dir zusammen auf dem nächsten BPT eine Kampa à la “keine Euroskeptiker im Vorstand”, wenn du magst. :)

  5. Kommentar von solly | 23. Okt. 2011 um 01:37:39

    Mein Vorschlag:

    1. Presse vermeiden – dafür direkt für Bürger web2.0 transparent sein statt Springer-ObenOhne-transparent.

    2. “Politiker” streichen… und VOLKsVERTRETER auferstehen erlassen… – oder auch VorstandsMitglieder.

    Was Deutschland braucht:

    ne LIEBESHEIRAT zwischen Volk und Verwaltung, nicht noch ein Egotrip-Kind-In-Sich-GeburtsTagsTörtchen aus dem Aldi-Cholesterin-Fett-Mehlbeutel.

    Begründung durch Beispiele:

    1. Die BuPK mit tirsales Eröffnung der Piraten-RechtSchreibRegeln ist geistiger/… SelbstMord.
    Oh – und Afelia ist wirklich noch krasser – so histrionisch-selbstzentriert hach-huch-t ja nicht mal Claudia Roth, die mich mal vor der Kamera sexistisch befingerte,… – sooo sind die Leute.

    2. Die meiner Meinung nach Ego-monarchistische Afelia trennt zwischen “Bürger einerseits” und “Politiker andererseits” – die Basis der http://www.nsKBrd.de/FOUCHEismus.htm Polit-Aristokratie.

    So toll es ist, daß nicht alles aus Berlin kommen muß – warum kommt auf TopLevel aus WestD nur Schrott?

    Solange Pädo-Schleimer mit “Piratigen Grüßen” das Konzept der Piraten bestimmen (dürfen), siehts nach progressiver Vergewaltigung durchs Igittistablishment aus.

    Jedem seine Heimat geben! EgoFlirter raus:
    Tauss zur Justiz, Afelia zur SPD (Nahles2.0), tirsales zur FDP (Genscher-Enkel), die im Nazis aufnehmen noch nie ein Problem sah.

    Klar zum Ändern? Erst – wenn man mal Klar Schiff gemacht hat!

  6. Kommentar von Enno | 23. Okt. 2011 um 01:50:08

    @solly m(

  7. Kommentar von Fabio Reinhardt | 23. Okt. 2011 um 02:12:35

    Hi Enno,
    nur ein paar kurze Punkte, weil etwas müde…
    - Widersprüche im Text – wenns noch nicht klar ist, muss ichs nachreichen…
    - “Dann ist plötzlich Schluss mit Transparenz” wie gesagt parteiinterne Medien & Dutzende Kandidatenbefragungen…außerdem: Inwiefern soll es für es für ein Verwaltungsamt relevant sein, was Kandidaten zu Themen sagen, zu denen die Partei ja selbst noch keine Meinung hat?

    Das folgende ist jetzt nur im künstlichen Besserwissermodus geschrieben:
    - “Aaron hat übel rumschwadroniert” kein grundsätzlicher Unterschied
    - “und mit seinen xenophoben Äußerungen IMHO auch wirklich den Boden der Satzung verlassen.” Auslegungsfrage – sein Minarettding war offensichtlich gegen unser Kirche-und-Staat-Programm, was abr erst 2010 verabschiedet wurde und dass man keine Bomben nie nicht in keiner Situation werfen kann, steht auch nicht in der Satzung. Ebenso IMHO.
    - “Außerdem hat er an seine Äußerungen fett “Vorstand Piratenpartei” drangeschrieben” das stand am Interview auch
    - “während du zugeben musst, dass Matthias im Interview explizit sagt, dass das seine persönliche und nicht Parteimeinung sei, er sich aber für seine Meinung in der Partei einsetzen werde” stimmt. Finde ich auch gut, löst aber das Problem der Außenwahrnehmung und der Innenwirkung auf die innerparteiliche Meinungsbildung nicht. Das Medium macht die Musik. Ich wiederhole mich da gerne. An der Stelle ist Aaron zwar vom Stil her schlimmer, hat aber wenigstens seinen privaten Blog benutzt. (Bis auf einmal.)
    - “keine Euroskeptiker im Vorstand” erstmal auf Bewährung setzen. ;-)

    Gruß,
    Fabio

  8. Kommentar von Andreas Korth | 23. Okt. 2011 um 13:37:30

    Schöner Artikel, Enno! Ein klarer Gedanke, schnörkellos und widerspruchsfrei formuliert. Einzig bessere Kommentare hätte er verdient.

  9. Kommentar von Enno | 23. Okt. 2011 um 18:54:25

    @Fabio Warum ist das jetzt schlimm, dass jemand mit Verwaltungsamt seine Meinung gesagt hat, wenn diese Meinung für die Wahl in ein solches Verwaltungsamt egal ist?


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