sofa die ennomane

6. August 2011

Elektrisches Ohr ist elektrisch

Deshalb braucht es Strom, und zwar ziemlich viel davon. Da wurde ich natürlich ärgerlich, als sich Cochlear Deutschland bei mir meldete, meine Krankenkasse verweigere die Erstattung der Batteriekosten – immerhin ca 40-50 Euro im Monat, ganz genau kann ich das nicht sagen. Zum Glück scheint die Sache aber jetzt geklärt zu sein.

Ich habe jetzt ziemlich lange nicht mehr zum Thema Cochlea-Implantat gebloggt. Das liegt vor allem daran, dass sich mein elektrisches Gehör ganz langsam weiterentwickelt, aber im Gegensatz zu den ersten Wochen nur noch unmerklich. Nach acht Wochen habe ich den ersten Hörtest gemacht. Mein Sprachverständnis (Freiburger Einsilbertest) ging auf dem rechten Ohr hoch von 25% auf 65%. Die Operation war also definitiv ein voller Erfolg.

Ich muss dazu sagen, dass die Ärzte eigentlich nach acht Wochen noch nicht messen – für viele Patienten ist das noch zu früh und ein maues Testergebnis könnte sie unnötig verunsichern. Ich hatte aber darauf bestanden. Der Test hatte noch ein anderes interessantes Resultat: Das Sprachverständnis ist auf meinen linken Ohr mit Hörgerät zurückgegangen von 25% auf 10%. Mein Gehirn scheint alles, was über das Hörgerät reinkommt, nur noch als irrelevante Zumutung zu empfinden und orientiert sich am rechten Ohr, auf dem ich das CI trage.

Gestern war ich auf dem Sommerfest unserer Firma und musste die Story natürlich 1000fach erzählen. Häufigste Frage war, wie es klingt: Nein nicht metallisch, sondern elektrisch. Anders kann ich es nicht beschreiben… Bei den Gesprächen im lauten Bierzelt habe ich irgendwann das Hörgerät herausgenommen und eingesteckt und nur noch einseitig mit dem CI zugehört, weil es für mich ohne den Krach von links einfacher war, die Leute zu verstehen. Ich ertappe mich sowieso schon dabei, das Hörgerät oft gar nicht zu tragen. Ich glaube, ich werde links auch noch ein CI haben wollen…

Stand der Dinge nach 10 Wochen: Das Wling ist noch da und verschwindet nur sehr langsam. Ob ich es höre oder nicht und wie stark die Überlagerung ist, scheint aber stark von meinem Gehirn abzuhängen. Oft vergesse ich dieses Geräusch einfach und höre es dann auch nicht mehr – ähnlich wie ein Tinnitus ist es aber sofort da, wenn ich an es denke. Filme ohne Untertitel verstehe ich mittlerweile fast vollständig, allerdings nur, wenn ich das CI direkt an den Computer anschließe, auf dem ich die DVD sehe.

Im Kino verstehe ich gefühlte Dreiviertel der Dialoge – noch gehe ich nicht wirklich gerne in Filme ohne Untertitel. Bei englischen Inhalten kann man das je nach Akzent nochmal halbieren. (BE geht besser als AE.) Ein versuchtes Telefonat (Arzttermin vereinbaren) endete allerdings im Chaos. Ansonsten schwankt mein Hören stark nach Tagesform. Während es gestern ganz prima lief, habe ich vor ein paar Tagen, als ich mit Freunden essen war, den ganzen Abend so gut wie nichts verstanden.

Musik hören ist noch sehr durchwachsen: Genießbaren „Sound“ gibt es nur mit dem Hörgerät, dafür gibt mir das Implantat viele neue „akustische Informationen“, die aber klanglich mit Musik eher wenig zu tun haben. Immerhin muss ich mich nicht mehr auf Stehblues beschränken, sondern kann dazu tadellos so etwas wie eine Discofox-Simulation improvisieren, wie ich gestern zu fortgeschrittener Stunde bemerkt habe. Das war so ziemlich das erste mal seit… äh ja, überhaupt?

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Kommentare

  1. Comment von Tom R | 06. Aug. 2011 um 23:00:21

    Danke für diesen Bericht!

    Ich bin auch schwerhörig (Hochton, Tinnitus) , trage allerdings HdO-Hörgeräte und bin bislang recht zufrieden mit ihnen. Auf Cochlear-Implantate wollte ich mich nicht einlassen, als mir das mal von Freunden vorgeschlagen wurde … bin ja »Computerfreak« und als solcher traue ich keinem Computer und würde mir keinen einpflanzen wollen.

    Wie ist das mit Batterien, Wartung etc. — muss man dann immer wieder neu schneiden?

    LG Tom

  2. Comment von Enno | 07. Aug. 2011 um 05:09:37

    Hallo Tom, normalerweise sind Cochlea-Implantate für Gehörlose und an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit gedacht, wo mit Hörgeräten ein Sprachverständnis von weniger als 40% erzielt wird. Bei einer Hochtonschwerhörigkeit dürfte das nicht viel bringen, aber beurteilen sollten das natürlich die Experten. Ich fürchte nur, du hast ein paar Vorurteile. Lies am besten mal für den Einstieg den Wikipedia-Artikel. Implantiert wird nur eine Elektrode samt Empfänger. Der Sprachprozessor wird außen hinter dem Ohr getragen wie ein Hörgerät und übernimmt auch die Energieversorgung. „Aufgeschnitten“ wirst du also nur genau einmal. „Keinem Computer trauen“ ist in diesem Zusammenhang übrigens grober Unfug. Das ist ungefähr so, als wenn du sagst, ich benutze nur Schallplatten und mag keine CDs, weil Computern nicht zu trauen ist. Ich bin mir zu 99% sicher, dass dein jetztiges Hörgerät auch ein digitales ist – analoge werden seit vielen Jahren kaum noch verkauft.

  3. Comment von Tom R | 07. Aug. 2011 um 18:05:37

    Danke für die Antwort, Enno!

    Ja, meine Hörgeräte sind natürlich auch digital. Das mit dem »keinem Computer trauen« bezieht sich hier *nur* darauf, dass ich Angst davor hätte, mir einen implantieren zu lassen. Aber was Du schreibst, finde ich beruhigend.

    Und ansonsten … traue ich ihnen halt insofern nicht, als ich Vieles lieber selber am Rechner mache, als ihn etwas »hinter meinem Rücken« machen zu lassen. Aber letztlich ist das wohl alles müßig … sonst bräuchte ich keinen Rechner mehr zu benutzen.


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