sofa die ennomane

28. Juli 2011

Pseudonymintoleranz

Ich habe heute mal was in dieses Google-Plus reingeschrieben, das so umfangreich und fehlerhaft war, dass ich es lieber hier noch mal redigiert bloggen möchte. Ich finde, ich habe in diesem Text meinen Standpunkt relativ erschöpfend zusammengefasst, und habe damit einen Link, den ich allen Pseudonymphobikern an den Kopf werfen kann – oder auch Leuten, die der Auffassung sind, ich wolle mich mit dem Thema nur profilieren.


Mir kommt bei dieser Pseudonym-Diskussion den Verdacht, dass ein Teil derjenigen, die auf Klarnamen bestehen, in Pseudonymen einen kulturelle Affront sehen und sie sich deshalb in einem Netz der Pseudonyme fühlen wie Sarrazin in Kreuzberg. Das betrifft vor allem diejenigen, die schon gar nicht mehr den Text lesen, den ich verlinke, sondern munter drauflos kommentieren. Ich fühle mich gerade in dieser Debatte ein wenig wie Sascha Lobo – der kennt ja auch das Problem, dass manche reflexartig das Maul aufreißen, sobald er überhaupt etwas schreibt – egal was und worüber eigentlich.

Mir geht es um das gute alte „On the Internet, Nobody Knows You’re a Dog“. In dieser Hinsicht bin ich wohl etwas konservativ. Ich finde diese alte Sicht aufs Netz gut. Dabei geht nicht nur darum, dass keiner Wissen soll, wer ich bin, sondern dass ich Freiheitsgrade gewinne, mit meiner eigenen Identität zu spielen und sie zu erforschen. Anders gesagt: „Die Ennomane“ gäbe es ohne das Internet gar nicht und sie deckt sich auch nicht zu 100% mit „Enno Park„. Trotzdem bin ich sowohl „Die Ennomane“ als auch „Enno Park“ und wenn eine der beiden Identitäten weniger echt sein sollte, dann wüsste ich noch nicht einmal zu sagen, welche von beiden denn eigentlich.

Es geht aber auch um reale Anonymität und dass sie Menschen schützt. Anonymität mag zwar eine Illusion sein, aber in der Praxis ist hinreichende Anonymität im Internet sehr wohl möglich, auch wenn sich theoretisch mit hohem Aufwand die Personalausweis-Identität jeder Person feststellen ließe. Theoretisch kann man sich aber auch bei Clubtreffen der Anonymen Alkoholiker an den Eingang stellen und schauen, ob da jemand reingeht, den man kennt. Die Frage, in welchem Grad Anonymität eigentlich möglich und machbar ist, hat also kein genuines Problem des Internet und spielt in dieser Debatte eigentlich nur eine untergeordnete Rolle.

Die Liste unter „Who is harmed by a „Real Names“ policy?“ ist geradezu erschlagend. Zumindest für Teile der in dieser Liste genannten Zielgruppen, Minderheiten und Menschen ist es essenziell, Pseudonyme zu verwenden. Leute, die das als Befindlichkeiten oder Mimimi abtun, sollte man mit Fug und Recht als Ignoranten bezeichnen dürfen. Und auch wenn es in Deutschland keine politische Unterdrückung geben mag: Stalking, Sexismus und Diskriminierung im kleinen kommen auch hier sehr wohl vor.

Auch will mir das Argument, Google habe ein „Hausrecht“ auf seiner Plattform, nicht einleuchten. Natürlich ist niemand gezwungen, Google+ zu verwenden – hat man aber ein gesellschaftliches Anliegen und möchte man dieses vortragen, dann ist es eine empfindliche Einschränkungen, von Plattformen wie Google oder Facebook ausgesperrt zu werden – auch wenn Google+ diese Relevanz derzeit noch nicht hat. Ich wage die Behauptung, dass Pseudonymintoleranz eine Einschränkung der Meinungs- und Redefreiheit ist – sogar eine recht empfindliche, weil schon die Basis der Meinungsfreiheit betroffen ist, nämlich unter welchem Namen oder mit welcher Identität ich mein Grundrecht eigentlich ausüben will. Schließlich wirkt jede Äußerung eines Menschen immer auch im Kontext der Person, die sie ausspricht.

So etwas wie ein „Hausrecht“ kann deshalb sehr wohl durch Gesetze eingeschränkt sein: Zum Beispiel muss eine Zeitung Gegendarstellungen abdrucken – und auch ein Anbieter von Online-Communities ist zumindest in Deutschland nach dem TMG gesetzlich dazu verpflichtet, die Nutzung unter Pseudonym zu ermöglichen.

Als wäre das alles noch nicht genug, hält sich Google noch nicht einmal an die eigenen Richtlinien. Auch die neuesten Statements von Google-Mitarbeitern fordern weiterhin Klar- bzw. Alltagsnamen, die eine eindeutige Zuordnung erlauben. Gleichzeitig wurden aber Leute wie Michael „mspro“ Seemann, ich selbst und einige andere Pseudonym-Nutzer wieder freigeschaltet. Selbst wenn Google+ langfristig wegen der Klarnamenspflicht verxingt und nur noch als Plattform für Business-Auftritte mit verbalem Schlips taugen sollte, so muss doch wohl gleiches Recht für alle gelten.

„Get a life“ ist an dieser Stelle auch nur ein Argument derjenigen, sie sich ein Leben außerhalb ihres eigenen Tellerrandes nicht vorstellen können. Es kommt ja regelmäßig vor, dass Leute es für nötig halten, meine selbstgewählte Lebensweise zu kritisieren. Meistens mit dem Tenor, das sei ja alles nicht echt in diesem Internet und könne das „reale Leben“ nicht ersetzen. Die meisten verstummen dann, wenn ich ihnen sage, dass schriftliche Kommunikation im Kontext meiner Gehörlosigkeit irgendwie ja doch ziemlich toll und hilfreich ist. Nur warum muss ich das überhaupt sagen? Warum mich eigentlich dafür rechtfertigen? Ich rufe auch niemandem „Get a life!“ zu, der seine Zeit gerne mit dem Fernseher verbringt, was ich persönlich als Zeitverschwendung empfinde.

Es ist wie mit der Beweislastumkehr: Jemand, der etwas verbietet, muss begründen, warum es verboten sein soll, und nicht umgekehrt. Die einzigen Argumente, die ich bisher für ein Pseudonymverbot gehört habe, sind „hilft gegen Trolle“ und „ich will wissen, mit wem ich es zu tun habe“. In beiden Fällen ist den Leuten sehr einfach geholfen, indem sie Pseudonym-Identitäten einfach nicht in ihre Google-Plus-Kreise aufnehmen. Wie absurd diese Argumentation ist, sieht man daran, dass man mit ihr eine Klarnamenspflicht auf Datingseiten noch viel besser begründen könnte.

Am Ende kommt dann das Argument, ich wolle mich ja bloß auf Kosten des Themas profilieren. In dieser Hinsicht kann es sowieso niemandem Recht machen. Schreibe ich Google-kritisch, dann betreibe ich „Google-Bashing“. Schreibe ich Google-freundlich, bin ich ein Fanboy und habe gut Reden so als freigeschalteter Pseudonym-Nutzer, der etwas gleicher als die anderen ist. Manche Leute scheint es aus irgendwelchen Gründen zu stören, dass ich überhaupt schreibe und dann auch noch frecherweise über Dinge, die sie gar nicht interessieren oder in denen ich – der Gipfel der Perfidie – eine andere Meinung vertrete als sie selbst. Dabei ist niemand gezwungen, meinen Sülz zu lesen. Niemand muss mich in seine Circles packen. Niemand auf Twitter folgen. Wie übrigens alle anderen Pseudonym-Nutzer auch. So einfach ist das.

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Kommentare

  1. Comment von pseudonym | 28. Jul. 2011 um 20:40:50

    in dem redigierten artikel ist gleich im ersten satz ein fehler!

  2. Comment von Enno | 28. Jul. 2011 um 20:47:55

    Ah danke, den hätte ich auch redigieren sollen. ;)

  3. Pingback von Links für 2011-07-28 | König von Haunstetten | 28. Jul. 2011 um 21:30:34

    […] “Pseudonymintoleranz” – Die Ennomane gibt ihren Senf zu der Realnamenpflicht bei Google+ ab. […]

  4. Comment von Bastian | 28. Jul. 2011 um 21:31:37

    Dazu kommt doch auch, dass es so aussieht, als wäre es den Leuten die es lesen völlig egal, ob die Sachen die sie im Internet konsumieren von jemandem unter Klarnamen oder unter einem Pseudonym eingestellt. Siehe: http://www.scilogs.de/wblogs/blog/bierologie/wissenschaft-medien/2011-03-04/pseudonyme-und-glaubw-rdigkeit

  5. Comment von Johannes | 28. Jul. 2011 um 22:23:45

    Ich kann dich sehr gut verstehen und freue mich, dass du zu den Freigeschalteten gehörst. Andererseits kann ich auch verstehen, dass man Klarnamen will – und auch das gefällt mir. In meinen Augen bist du genau der Kandidat, der mit seinem Pseudonym einen Klarnamen hat. Das Problem ist natürlich, wer wie weit mit seinen Netzaktivitäten die Bedingungen erfüllt, seinen Nick als Quasi-Klarnamen verwenden zu können. Diese Entscheidung kann eigentlich niemand treffen – es sei denn, Larry schreibt einen Algorithmus, der die Klarnamentauglichkeit eines Pseudonyms berechnet. Und dann bin ich schon auf die gazen Optimierungen gespannt, die Trolle vornehmen, um ihren Nickname klarnamentauglich zu optimieren.

    Es gibt keinen Ausweg, der nicht Unzufriedene hinterlässt. Grundsätzlich finde ich die Idee der Klarnamen inklusive der Netz-VIPs mit Nick aber weiterhin gut. Ich möchte aber nicht entscheiden müssen, wer mit Nick rein darf. Ds System ist zum Scheitern verurteilt.

    Johannes

  6. Comment von kadekmedien | 28. Jul. 2011 um 22:46:19

    Wunderbar! Alles noch einmal klar und deutlich dargelegt. Ich schätze Deine Posts für Deine klaren und tiefen Gedanken. Und das »wunderbar« zu Beginn meines Kommentars ist keineswegs ironisch gemeint … nur, es geht auch alles viel einfacher: Du (und alle anderen) hast ein Recht auf freie Selbstbestimmung, und dazu gehört Deine Identität. Die kannst Du frei wählen, Dir zusammensamplen wie Du lustig bist, ohne darüber jemanden Rechenschaft schuldig zu sein.

    Und das Hausrecht-Argument greift im Falle Googles (und anderer SN Plattformen) eben nicht. Erstens bist Du nicht Kunde, sondern Nutzer. Du genießt also nicht einfach Gastrecht, sondern Google braucht Dich. Du bezahlst mit Deinem Namen, Deinen Daten. Und wer zahlt, schafft an. So einfach ist das. Google braucht Dich, nicht umgekehrt. Denn Du hast eine Alternative, Google hingegen hat Konkurrenz.

  7. […] Nutzung von Pseudonymen – oder wie “die ennomane” im Beitrag über “Pseudonymintoleranz” den Karikaturisten Peter Steiner zitiert: “On the Internet, nobody knows you’re […]

  8. Pingback von Links fürs Wochenende | 30. Jul. 2011 um 10:48:18

    […] Pseudonymintoleranz […]

  9. […] interessante Kram nur für die vorher zurechtgestutzte Kreis-Öffentlichkeit – Hauptsache, der bürgerliche Name steht dran.Ich fürchte, Social Media funktioniert nicht wie gedacht. „Ist die Nachricht wichtig, […]

  10. […] durch. An dieser Stelle möchte ich nicht weiter über Klarnamen und Pseudonyme diskutieren. Meinen Standpunktdazu habe ich an anderer Stelle klargemacht. Ich bin der Auffassung: Wer etwas verbieten will, soll […]

  11. Comment von Martin | 31. Aug. 2011 um 16:06:04

    Du geniebt also, nicht einfach Gastrecht, sondern Google braucht, Dich!!

  12. […] später durfte ich zwar wieder rein, was für mich aber kein Anlass ist, mich zufrieden zurückzulehnen, während andere weiter gesperrt bleiben. Ich bin eben nicht gerne gleicher als andere. So […]

  13. […] Ich bin öfters gefragt worden, warum ich denn unbedingt “Die Ennomane” statt Enno Park heißen will. Will ich eigentlich gar nicht. Es geht nicht um mich. Was ich möchte, ist ein Exempel staturieren. Ich halte die Nutzung von Pseudonymen für ein Online-Menschenrecht, das als solches noch zu deklarieren ist. Klingt pathetisch, aber darunter mache ich es nicht. Nicht nur, weil schwule Iraner gut daran tun, ihre Identität zu verschleiern, und es ein sehr berechtigtes anliegen von Lehrern auch hierzulande ist, dass ihre Schüler nicht jeden Pups im Netz nachlesen – sondern auch, weil die Hoheit über die eigenen Identitäten (ich verwende bewusst den Plural) Sache des Einzelnen sein muss. Diese ganze Diskussion müssen wir jetzt nicht wiederholen – ich habe das alles schon woanders aufgeschrieben. […]

  14. Pingback von Zu Pseudonymen « Wachmomente | 28. Sep. 2011 um 18:38:02

    […] Die Ennomane schreibt in einem Text, den er im Rahmen seiner Google+-Sperre veröffentlichte: Ich bin öfters gefragt worden, warum ich denn unbedingt “Die Ennomane” statt Enno Park heißen will. Will ich eigentlich gar nicht. Es geht nicht um mich. Was ich möchte, ist ein Exempel statuieren. Ich halte die Nutzung von Pseudonymen für ein Online-Menschenrecht, das als solches noch zu deklarieren ist. Klingt pathetisch, aber darunter mache ich es nicht. Nicht nur, weil schwule Iraner gut daran tun, ihre Identität zu verschleiern, und es ein sehr berechtigtes anliegen von Lehrern auch hierzulande ist, dass ihre Schüler nicht jeden Pups im Netz nachlesen – sondern auch, weil die Hoheit über die eigenen Identitäten (ich verwende bewusst den Plural) Sache des Einzelnen sein muss. Diese ganze Diskussion müssen wir jetzt nicht wiederholen – ich habe das alles schon woanders aufgeschrieben. […]

  15. […] Social Biogotry. Schließlich muss Google seine Policy nicht ändern und kann die Klarnamennazis weiterhin zufrieden stellen, andererseits existiert ein gangbarer Hack, Google+ pseudonym und sogar […]

  16. Comment von Artesanias | 27. Feb. 2012 um 12:17:04

    Es geht nicht um mich. Was ich möchte, ist ein Exempel statuieren. Ich halte die Nutzung von Pseudonymen für ein Online-Menschenrecht, das als solches noch zu deklarieren ist.!!


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