Der Cyborg hört.

Und zwar einen elektrisch klingenden, an den Rändern etwas diffusen 800 1200-Hertz-Ton, wenn ich die Zahl richtig verstanden und behalten habe. Diesen Ton höre ich heute seit dem ersten Einschalten des Cochlea-Implantates immer. Jedes Geräusch ist ein kurzes oder langes „Wling“. Sprache ist ein „Wlingwlingwlingewliiingwling“ im Rhythmus des Sprechers. Es ist das, was viele als „Xylophon“ umschreiben, auch wenn ich nicht finde, dass es so klingt.

Dieses „Wling“ wird mich noch bis zu zwei Monate begleiten. Es ist die Grundfrequenz aller elektrischen Impulse, die mein Gehirn leider auch akustisch wahrnimmt, aber bald ignorieren wird. Tatsächlich schälen sich hinter diesem „Wling“ langsam andere Geräusche heraus. Vor allem Geklapper mit Geschirr oder einem Schlüsselbund klingt relativ normal, sind aber räumlich nicht da, wo sie sein sollten.

Alle Geräusche klingen nicht nur auf seltsame Art elektrisch sondern auch jenseitig. Kennt ihr das, wenn eine Katze immer an die gleiche Stelle der Wand starrt und keiner versteht, was sie da sieht? Mir kommt es vor, als könnte ich das hören. Wenn ich diesen Post schreibe, klingt das Tippen auf der Tastatur wie ein tropfender Wasserhahn in einem hallenden Keller – und zwar ein fieser tropfender Wasserhahn, der eine Requisite aus einem Film wie „Saw“ sein könnte.

Allerdings konnte ich schon wenige Minuten nach dem Einschalten Sprache verstehen. Der Techniker redete langsam und deutlich mit mir. Vokale konnte ich kaum unterscheiden, aber wenn er etwas lauter sprach, fingen die Konsonanten an plastisch hinter dem „Wling“ hervorzutreten, wenn auch zischelnd und sphärisch. Aber immerhin: Es funktioniert.

Später war ich dann mit Jürgen Vielmeier und Gilly Kaffee trinken – und habe kein Wort verstanden. Sie tippten in ihre iPhones, was sie mir sagen wollten. Das „Wling“ und Gezischel in meinem rechten Ohr ist so irritierend, dass derzeit noch schlechter verstehe, als wenn ich das rechte Ohr einfach taub lasse und nur mit dem linken via Hörgerät höre wie die letzten vier Wochen.

Trotzdem merke ich, wie sich mein Hören bereits in den ersten Stunden verändert und erste Geräusche bis hin zu Sprache anfangen, sich heraus zu differenzieren. Immer wieder schalte ich zwischendurch das Hörgerät links aus und teste, wie alles nur mit dem CI klingt. Als ich nach der Anpassung am Westbahnhof wartete, konnte ich einen drei Gleise entfernt vorbeifahrenden Zug nicht hören – wohl aber eine Lautsprecherdurchsage (wenn auch nicht verstehen). Als ich später zum Alex fuhr, klang die U2 im Innern wie ein leises Zischeln. Als ich 90 Minuten später zurück fuhr, klang sie zwar immer noch wie ein Zischeln, aber eben doch ein klein wenig mehr nach „U-Bahn von innen“.

Manche Geräusche, die ich sonst kaum wahrnehme, kommen mit erstaunlicher Deutlichkeit – andere völlig unüberhörbare Dinge gehen hinter einer Wand aus „Wling“ ununterscheidbar unter. Ebenfalls irritierend ist, dass ich manche Töne nicht nur höre, sondern auch spüre. Es ist als ob ich diese feine elektrische Entladung in meinem Innenohr als tatsächlich als winzigen Stromschlag spüre, aber ich denke, mein Gehirn wird auch dieses eingehende Signal bald als etwas Akustisches umdeuten.

Not Quite Like Beethoven hatte mal einen amerikanischen Radio-Beitrag ausgebuddelt, der versucht, das Hören mit CI nachzubilden. Er ist leider auf Englisch, aber immerhin mit Tranksript. (Von dem anderen Klangbeispiel aus der Kinderserie „The Clangers“ halte ich übrigens gar nichts.) Im Moment fände ich es schon toll, wenn ich überhaupt so gut schlecht hören würde wie in den Klangbeispielen. Ich habe testweise Musik angemacht und könnte A-Ha nicht von AC/DC unterscheiden… Ich muss ab jetzt täglich trainieren, am besten mit Hörbüchern. Ich suche gerade nach „Herr der Ringe.“ Wenn Tolkien mir Englisch beibringen konnte, kann er mir auch das Hören beibringen.

Update: Es ist nicht zu fassen, aber es scheint tatsächlich keine Hörbuchfassung der Carroux-Übersetzung vom „Herrn der Ringe“ zu geben. Stattdessen lesen die tatsächlich diese absurde Fassung von Kreges komplett ein. Palme Facem! Überlege ernsthaft, ob ich meine Hörübungen auf Englisch beginne. Weiß nur nicht, ob das so eine gute Idee ist. Heute Abend Exupery zum Einschlafen dann…

14 Antworten auf „Der Cyborg hört.“

  1. Aah danke dafür. Jetzt kann ich mir das ein wenig besser vorstellen. Interessant, dass schon nach so kurzer Zeit Unterschiede da sind. Ich bin sehr gespannt darauf, wie sich das weiterentwickeln wird. Ist denn sonst alles gut verheilt?

  2. Ich finde diese Hörbeispiele hier sehr gut: http://www.kgu.de/index.php?id=1551

    Ich habe einen Hochtonsteilabfall und die entsprechende Hörprobe hört sich für mich sowohl mit CI als auch ohne gleich an, deshalb denke ich, dass auch die anderen Beispiele relativ realistisch sind. Sicher sein kann ich mir allerdings natürlich nicht.

  3. @Nikana… hm… als für Tag 1 würde ich sagen: Das klingt viel viel besser, als ich jetzt höre. Vielleicht suche ich mir mal einen Synthesizer und tüftele rum, wenn ich Zeit finde.

  4. Viel Glück beim Hören lernen!!!
    Meine Erstanpassung ist in 3 Wochen. Ich bin schon mächtig gespannt :)

  5. @Felicita viel Glück und keine Angst – auch wenn alles scheußlich klingt, ist das neue Hören und wie es sich entwickelt unglaublich spannend und interessant. Tipp: Nimm dir die ersten Tage nach der Anpassung möglichst wenig vor. Du wirst sehr mit dir selbst beschäftigt sein und wie sich alles anhört. Wobei: Ja, bestimmte Dinge kannst du dir erst recht vornehmen. Geh raus und rede mit so vielen Leuten wie möglich. Bei mir geht es 2 Schritte vor und 1 zurück , aber erstaunlich schnell, teilweise innerhalb von Stunden und Tagen, auch wenn ich merke, wie dieser Weg noch Monate dauern wird. Ich bald kommt der nächste Text dazu.

  6. Wow, das ist wirklich hochinteressant. Kuerzlich sah ich einen mann mit einem ganz aehnlich geraet – nun weiss ich auch, was es war. Super, dass so was moeglich ist :-)

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