sofa die ennomane

Mai 15, 2011

Nerz-Bashing

Ich war dieses Wochenende nicht in Heidenheim, konnte also nicht mit abstimmen und habe den Parteitag teilweise von Zuhause verfolgt. Eigentlich hätte ich mir ja Christopher @Schmidtlepp Lauer gewünscht, obwohl wir in ein paar Dingen, vor allem beim LQFB, heftig über Kreuz liegen, weil ich schon immer eine Schwäche für politische Exzentriker hatte. Über Sebastian Nerz wusste ich kaum etwas, außer dass er Landesvorsitzender in Baden-Württemberg ist und Jens Seipenbusch ihn als Nachfolger empfohlen hat. Ich glaube, ich bin damit wirklich unverdächtig, ein Nerz-Fanboy zu sein.

Das Nerz-Bashing, welches nach der Wahl einsetzte, ist der reinste Kindergarten. Zwischen den Zeilen lese ich Ablehnung, weil Sebastian nicht glasklar links ist – und das in einer Partei, die weder links noch rechts sein will. Einer der Kritikpunkte ist wohl seine CDU-Vergangenheit. Ich finde es zwar auch seltsam, dass er in der CDU war, obwohl er sie bundespolitisch damals schon nicht gemocht haben will, aber er war eben gegen Schröder und Rotgrün und hey: Ich kannte mehrere Leute, die so mit 16 in Parteien eingetreten sind, nur weil ihre Eltern oder Freunde drin waren.

Ich möchte also Sebastian nicht daran messen, ob er mal in der CDU war, sondern daran, was er heute so sagt und treibt. Ich habe mir aufgrund der Beschimpfungen mal näher angesehen, was sich im Wiki, auf Twitter, Formspring und vor allem auch in seinem Blog finden lässt, und bin überrascht, wie sehr ich mit diesem scheinbar “rechten” Piraten übereinstimme, wo ich selbst doch als linke Socke verschrien bin.

  • Sebastian möchte, wenn ich ihn richtig verstanden habe, die politische Arbeit besonders in der Außenwirkung und in der Pressearbeit gerne professionalisieren und das Verhältnis Basis/Vorstand neu austarieren. Ich habe keine Ahnung, wie er das im Detail machen will, aber daraus einen “Führer” zu stilisieren, ist doch arg ins Klo gegriffen. Nach ungefähr eineinhalb Jahren innerparteilicher Trostlosigkeit freue ich mich darüber und bin gespannt, was er machen wird und wie es im im Detail gelingt.
  • Er hält Liquid Feedback für gescheitert, will das System aber ohne Parteitagsbeschluss nicht abschalten, ansonsten auch andere Systeme testen und fordert vor allem – ganz Datenschützer – Anonymität für die Abstimmenden, weil es nur dann wirklich freie und geheime Wahlen sind. Was ich auch schon immer sagte.
  • In der Datenschutz- und Spackeria-Debatte nimmt er die Haltung des Datenschützers ein und empfindet eine vollkommen transparente Gesellschaft ohne Anonymität, in der jeder alles über alle wissen kann, als dystopisch. Genau wie ich. Ich bin sogar der Auffassung, dass die Piratenpartei auf gar keinen Fall Spackeria-Positionen vertreten darf. Warum, werde werde ich demnächst noch woanders ausführlich bloggen und möchte an dieser Stelle nur mal an “Piratsphäre”-Aufkleber erinnern…
  • Sebastian sucht einen Mittelweg zwischen delegierter und direkter Demokratie und rührt damit an ein innerparteiliches Dogma. Direkte Demokratie zweifele ich schon lange an. Um zu verstehen, dass Plebiszite nicht funktionieren, muss man gar nicht erst aufs Schweizer Moscheeverbot schauen – einmal im Jahr European Song Contest gucken reicht völlig. Dass ausgerechnet einem Skeptiker der direkten Demokratie vorgeworfen wird, er habe in Heidenheim “Heimvorteil” bei der Abstimmung gehabt, ist nicht nur ein schlechter Witz, sondern auch noch falsch.
  • Auch wenn viele Piraten das Thema nicht mehr hören können, liegen mir die Feminismus-Debatte und Genderthemen am Herzen. Die Piratenpartei ist meiner Erfahrung nach bis auf wenige Ausnahmen nicht postgender sondern eher postpubertär. Ich möchte, dass Frauen gerne in die Partei kommen und sich wohl fühlen, was aber nur sehr wenige auch tun. Piratensympathisantinnen fühlen sich in den “Jungsgruppen” oft diffus unwohl, und viele männliche Piraten finden, dass Frauen da selbst dran schuld seien. Ich finde es sehr erfrischend, dass Sebastian hier die Haltung vertritt, dass sich in der Partei mindestens der Ton ändern müsse, auch wenn ich persönlich mir ja Quoten wünschen würde. Ganz nebenbei vertritt Sebastian übrigens Homoehe und Adoptionsrecht für Homosexuelle. So furchtbar schlimm rechts kann er also gar nicht sein.
  • Sebastian legt wert darauf, dass die Piratenpartei das bedingungslose Grundeinkommen nicht wörtlich beschlossen hat, was auch stimmt. Er hält es für nicht machbar. Ich selber vertrete das BGE zumindest als Vision für die Zukunft, bin mir aber nicht sicher, ob ich mir als König von Deutschland trauen würde, es hier und heute einzuführen. Von daher kann ich seine Haltung verstehen. Ansonsten ist er kein Kernie sondern möchte, dass das Programm moderat erweitert wird, schon alleine deshalb, weil IT, Transparenz, Datenschutz, Bürgerrechte und Bildung Querschnittsthemen sind, die viele Gebiete betreffen. Wir müssen ja nicht gleich einen auf Volkspartei machen und ich bin da sehr bei ihm.

Mein persönliches und vorläufiges Fazit: Ich bin nachträglich positiv überrascht, wen wir da gewählt haben. Dieses ganze Gerede von “Piratenmerkel” und “falscher Kandidat gewählt” kann ich nicht so recht nachvollziehen, außer man ist eben in obigen Punkten völlig anderer Meinung als ich. Jetzt muss sich zeigen, wie er sich in der Praxis hält. Aus Baden-Württemberg hört man ja eigentlich nur gutes. Sebastian, ich wünsche dir unbekannterweise viel Glück und Erfolg.

Kommentare

  1. Kommentar von mspro | 15. Mai. 2011 um 20:56:16

    Mich wundert das hingegen nicht, dass das passt. Ich glaube, du bist einfach viel konservativer, als du dir eingestehen willst. ;)

  2. Kommentar von Enno | 15. Mai. 2011 um 21:16:58

    @mspro Ich halte mich ja für irgendwie mittig, aber wer tut das nicht? In der Datenschutzfrage sehe ich mich ja selber als konservativ, aber sonst ja mehr so ein sozialliberaler Keynesianer. Wenn ich irgendwelche Dingse wie den Wahl-O-Mat ausfülle, dann bin ich immer Piratenlinksparteigrüner, SPD eiert in der Mitte und was ich gar nicht wählen darf ist CDUCSUFDP…

  3. Kommentar von Fussfall | 15. Mai. 2011 um 21:27:23

    Diese Spackeria-, LQFB-, LinksRechtsObenUnten-Debatte sind für mich eine Art digitale Wichs- und Dildovorlagen für unheilbare Neurotiker. Da wird sich zum Gefecht auf einem “Mensch ärger dich nicht” Feld aufgestellt und es wird zum Hallali geblasen. Ohne sich sich im klaren darüber zu sein wer Jäger und wer Bock ist. Ganz deutlich zeigte sich das mal wieder auf Twitter beim BPT. Am Tage schwere Abwehr- und Angriffsschlachten gegen sich selbst und die FDP und zum Abend hin hockt der ganze Haufen verliebt in sich und Lena auf dem #esc Hashtag.

  4. Kommentar von Enno | 15. Mai. 2011 um 21:35:56

    @Fußfall Ich wollte mit diesem Post auch mal zurück auf die Sachebene…

  5. Kommentar von Landpirat | 15. Mai. 2011 um 22:02:19

    Danke für die Recherche. Ich glaube, vieles von dem, was direkt nach der Wahl via Twitter geschrieben wurde, sollte man nicht so ernst nehmen, da war viel Enttäuschung im Spiel. Zudem gab es einige provozierende Anheizer auf beiden Seiten.

    Was den Heimvorteil angeht – ob er wirklich entscheidend war, lass ich dahingestellt, aber die Zahlen im verlinkten Tweet von @Webrebell stimmen nicht, was er nach einigen Hinweisen auch selbst schrieb. Aus BaWü und Bayern kamen zusammen knapp 250 Teilnehmer des BPT11.

  6. Kommentar von kritititik | 15. Mai. 2011 um 22:36:17

    Wie will der die 5% knacken? Mit Kritik an der Gesundheitskarte? Wieviele Leute hatten die BGE-Petition unterschrieben? Mit denen hätte man die 5% knacken können. Mag ja sein, dass er in BW gut ankommt. Aber BW ist nur ein kleiner Teil von D, und ein eher provinzieller Teil. Wenn das so weitergeht, wähl ich lieber Grüne. Die gewinnen wenigstens auch mal.

  7. Kommentar von kritititik | 15. Mai. 2011 um 22:48:07

    Ich stell mir gerade so eine Vor-der-Wahl-Talkshow im TV vor.

    Moderator: Beschreiben Sie doch mal ihre Vision, oder wofür ihre Partei steht.

    A: Die CDU ist konservativ, und zugleich fortschrittlich blabla Werte blabla bewahren blabla Wirtschaft blabla Schöpfung bla bla wettbewerbsfähig

    B: Wir von der SPD möchten balbla soziales und Wirtschaft verbinden blabla Atomausstieg bla vernünftige Politik bla

    C: Die Grünen glauben, dass man Ökologie und Wirtschaft bla bla bla Toleranz bla bla Demokratie bla Nachhaltigkeit bla Bürgerbeteiligung bla Bürgerrechte

    D: Wir müssen Steuern senken bla die FDP bla Eigenverantwortung blabla Leistungsträger bla Bürgerrechte bla Industrie blabla Wirtschaft bla Kernenergie

    E: Wir wollen Steuern erhöehen, die Linke will bla Hartz4 muss weg blabla kein Krieg bla bla abschaffen blabla Demokratie bla Reichensteuer bla

    F: Wir sind für Bürgerrechte bla Datenschutz ist wichtig balbla Piraten sind gegen die Vorratsdatenspeicherung bla Gesundheitskarte bla bla

    …hmmm.

  8. Ich
    Kommentar von Ich | 15. Mai. 2011 um 23:14:57

    “in einer Party”
    Damit bringst du es unfreiwillig auf den Punkt.

    Mehr könnte ich noch auf 20000 Zeilen schreiben, aber: Was soll das helfen. Da ist eine weitere Partei, die künftig als “realistisch” zu gelten habe. Ist doch toll: Der Pluralismus ist heute wiederauferstanden.

  9. Kommentar von Quintil | 16. Mai. 2011 um 00:15:34

    Danke für die schöne Zusammenfassung und Analyse. In den meisten Punkten stimme ich Dir voll und ganz zu.

  10. Kommentar von Enno | 16. Mai. 2011 um 00:20:01

    @ich: Schöner Vertipper, ist korrigiert. Ich dachte immer, die Piraten sollten gerade keine Spaßpartei sein?

    @kritititik Ich würde mir ja in Sachen BGE mehr Mut wünschen, aber gerade das ist nun wirklich ein Thema, bei dem ich besten verstehen kann, wenn die Leute skeptisch sind.

  11. Kommentar von Chris | 16. Mai. 2011 um 00:57:56

    Schöner sachlicher Artikel. Mehr davon, Piraten! Danke!

  12. Kommentar von vera | 16. Mai. 2011 um 00:58:25

    Hab ja kaum noch Zeit, mich mit den Piraten zu beschäftigen, daher vielen Dank für die Zusammenfassung. Gut gebrüllt.

  13. Kommentar von Sven | 16. Mai. 2011 um 09:50:51

    *unterschreib*

  14. Kommentar von Lama | 16. Mai. 2011 um 12:36:27

    Nach einer Aussage eines Berliner Piraten mir gegenüber war die Anwesendenquote des Berliner und des Baden-Württembergischen Landesverbands ziemlich gleich (etwa 9% der jeweiligen Mitglieder waren in HDH) insofern halte ich das ganze Gerede von einem “Heimvorteil” für übertrieben. Gut, der Norden war leicht unterepräsentiert, aber größere Verschiebungen dürfte es nicht gegeben haben. Und 60 zu 40 ist dann halt doch recht deutlich.

  15. Kommentar von Fussfall | 18. Mai. 2011 um 19:24:21

    Man sollte vielleicht noch erwähnen, das nicht der gesamte anwesende LV aus BaWü den Sebastian gewählt hat. Es gibt bei uns auch Piraten den ein progressiver, kantiger Vorstand mehr zusagt.

  16. Pingback von Transexuelle Eichhörnchen unter den Piraten uteles Blog  | 31. Mai. 2011 um 02:33:08

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