Monoaural

Rund 10 Tage nach der Operation sind die Fäden gezogen und die letzten Pflaster fallen langsam hinter meinem Ohr ab. Ich soll nicht am Schorf knibbeln. Der Tinnitus ist wieder weg, aber mich suchen weiterhin heftige Migräne-Attacken heim, die ich mehr schlecht als recht mit Paracetamol bekämpfe. Aber auch das scheint heute wieder vorbei. Die Ohrmuschel ist gefühllos, was eine ganze Weile so bleiben kann. Ich habe das überhaupt erst bemerkt, als der Verband abgemacht wurde.

Hinter meinen Ohr steckt ja jetzt ein induktiver Empfänger unter der Haut, der eigentlich auf elektromagnetische Felder reagieren müsste. In dieser Richtung wollte ich ja schon experimentieren und bekam unter anderem den Tipp, dass ein Vibrator in der Nähe des Tonabnehmers einer E-Gitarre seltsame Geräusche verursacht. Not quite like Beethoven berichtet mir von akustischen Sensationen im Zusammenhang mit Langhaarschneidern. Habe mir heute mal den Schädel rasiert – auch die weiche Stelle, unter der sich das Implantat befindet, und nur den Bereich direkt um die Narbe ausgespart. Zu hören war allerdings nichts.

Überhaupt hören. Ich bin ja weiterhin auf dem rechten Ohr völlig gehörlos und trage nur links ein Hörgerät. Ich bin die Tage gefragt worden, wie das eigentlich so ist, wenn man nur auf einem Ohr – monoaural – hört. Der Eindruck der Gehörlosigkeit lässt sich sehr gut durch längeres Fernsehen ohne Ton simulieren, aber die Einohrigkeit? Hm, schwer zu erklären. Normalhörende kennen die Situation ja vom Telefonieren, haben damit aber keine Probleme.

Zunächst einmal habe ich wirklich das Gefühl, von allem sei nur die Hälfte da und muss aufpassen, dass ich nicht die Lautstärke aufs Doppelte aufdrehe, wenn ich mir einen Film ansehe. Das Sprachverständnis ist massiv beeinträchtigt. Früher konnte ich mich im leisen Zimmer mit den meisten Personen wunderbar unterhalten, solange keine Nebengeräusche ins Spiel kommen. Jetzt verstehe ich schon selbst in solch einfacher Umgebung erheblich weniger und muss sehr viel häufiger nachfragen. Es gilt aber weiterhin: Mit Ruhe und Lippen lesen (also Video-Telefonat oder der Person direkt gegenübersitzen) funktioniert es ganz gut.

Der Effekt von Vorlesungen und Filmen ohne Untertitel – dass ich zwar höre, dass da jemand redet, ich aber kein Wort verstehe und das genauso gut Chinesisch sein könnte – ist nochmal erheblich stärker als sowieso schon. Musik hören geht kaum noch. Alles was über Zeigefinger-Hänschenklein auf der Klaviatur hinausgeht, vermatscht völlig und ich höre die Melodie nur heraus, wenn ich das Stück gut kenne und mein innerer MP3-Player quasi mitläuft. Ebenfalls nervt auch, dass alles Richtungshören verschwunden ist. Ich stehe vor den Aufzügen der Charité und es macht Bing, aber ich höre nicht mehr, welche der Türen links und rechts von mir aufgeht. (Pro-Tipp: Sich so hinstellen, dass alle Türen auf der Seite des hörenden Ohres liegen.)

Geräusche kommen auch nicht einfach von links, sondern befinden sich quasi in meinem linken Ohr. Wie ein Kopfhörer, der auf einer Seite kaputt ist. Beim Überqueren von Straßen sollte ich vorsichtiger sein. Aber ich bin es ja gewohnt, mich immer vor allem auf meinen Sehsinn zu stützen.

7 Antworten auf „Monoaural“

  1. Das ist ein Mißverständnis, habe damals wohl zu schnell geschrieben.
    Ich meinte zwar akustische, nicht aber elektromagnetisch induzierte Sensationen. Sprich: Mir ging es um Phänomene, die über das Resthörvermögen laufen, das Vibrieren, das man am Kopf ja hören kann, und wie sich das anhört/anfühlt, wenn man mit dem vibrierenden Scherkopf das Implantat berührt.

  2. Oh, das war dann wohl ein Missverständnis – das Gespräch neulich drehte sich ja um Spaß mit Induktion, elektromagnetische Felder und ihre Quellen. Mein Restgehör reicht nicht, um einen Langhaarschneider noch zu hören, egal wie dicht ich ihn ans Ohr halte. Das ist schon seit 20 Jahren so.

  3. @Andreas das klappte wirklich nicht, aber ich hatte nichts anderes da. Fragt sich, ob das überhaupt was mit Migräne zu tun hat, auch wenn die Symptome dieselben sind.

  4. Rein einseitiges Hören ist (auch) für „normal“ Hörende nicht unbedingt angenehm. Am Telefon geht das noch; je nachdem, wie laut der Gesprächspartner spricht bzw. das eigene Telefon eingestellt ist, hört man Teile auch noch mit dem anderen Ohr mit. Das zweite Ohr ist jedenfalls nicht völlig von dem Telefonat abgeschnitten.

    Komplett einseitiges Hören kann man z.B. mit einem Kopfhörer simulieren, der auf einer Seite kaputt ist. Das macht dann wirklich keinen Spaß mehr. Dadurch, daß man auf der anderen Seite wirklich gar nichts mehr von der Musik oder dem Gesprochenen hört, ist das total irritierend und nervt auch; es fehlt einfach ein gewohnter Teil des akustischen Eindrucks. Ich glaube, daß sich das bei Dir eher so auswirkt wie eben so ein einseitig kaputter Kopfhörer beim Normalhörenden.

    Was Migräne angeht: Wenn es länger anhält oder immer wieder kommt, habe ich die Erfahrung gemacht, daß es wichtig ist, die Schmerzmittel immer mal wieder zu wechseln. Sonst setzt ein Gewöhnungseffekt ein, und dann wirkt ein Mittel irgendwann gar nicht mehr (auch nicht bei anderen Schmerz-Formen). Also wenn die Paracetamol alle sind, mal was anderes nehmen, es gibt da ja einige Mittelchen. Auf Migräne wirken fast alle. (Ich habe früher über 8 Jahre lang mindestens einmal im Monat böse Migräne-Attacken gehabt.)

    Gruß Frosch

  5. Na dann erstmal willkommen bei den Königen unter den Tauben.
    Einseitiges Richtungshören ist nur möglich wenn du den Kopf in Bewegung hältst, einmalige Töne wie der Ping des Fahrstuhls sich da natürlich Kontraproduktiv.

    Selbst bei gleich guten Hörvermögen ist die Störschwelle bei einseitigen Hören sehr viel niedriger als bei beidseitigen.
    Das zweite Ohr gibt der Psychoakustik zusätzliche Information die nötig sind um sich in einem quasi 3 Dimensionalen Hörbild auf ein Geräusch scharf zu stellen.

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