sofa die ennomane

April 8, 2011

Der gehörlose Vorsitzende

Der gehörlose Vorsitzende ist ein Gedankenspiel der AG Barrierefreiheit in der Piratenpartei. Die Grundidee – nämlich alle Strukturen in der Partei so auszurichten, dass beispielsweise auch ein Gehörloser Vorsitzender sein könnte – begeistert zunächst und ist furchtbar sympathisch. Allerdings auch völlig undurchdacht. Das beginnt schon damit, dass Menschen mit verschiedenen Behinderungen verschiedene und leider teilweise auch konkurrierende Bedürfnisse an ihre Umwelt haben, die sich niemals vollständig realisieren lassen.

Bleiben wir beim Beispiel des Gehörlosen: Er ist in Telkos, Versammlungen, Hinterzimmergesprächen, auf Parteitagen, in Interviews und Talkrunden auf völlige Barrierefreiheit angewiesen, das bedeutet auf unbedingten und vollständigen guten Willen seiner Umgebung, so mit ihm zu kommunizieren, dass er damit zurechtkommt. Das ist etwas, worauf sich ein Politiker keinesfalls verlassen kann. Ein geflüstertes Wort am Rande, dass alle mitkriegen, nur der gehörlose Vorsitzende nicht – so etwas können sich normal hörende Menschen schlicht und ergreifend nicht vorstellen, untergräbt die Autorität. So viel Political Correctness, wie nötig wäre, um das auszugleichen, bringen auch die Piraten nicht mit.

Natürlich gibt es Mailinglisten, IRC, Wiki und Liquid Feedback. Allerdings findet Politik auch in der Piratenpartei eben dort nur teilweise statt sondern immer noch da, wo sich die Alphatiere konkret zusammensetzen und miteinander reden. Eine solche Situation nicht formalisierter Gruppengespräche überfordert nicht nur die meisten stärker schwerhörigen Hörgeräte-Träger und gehörlose CI-Träger, sondern auch Gebärdensprache-Dolmetscher, die übrigens auch nur zu bestimmten Arbeitszeiten zur Verfügung stünden und nicht unbedingt Samstag Abend um 23.00, obwohl sie dann vielleicht benötigt würden.

Bleibt noch das Argument “Oscar Pistorius“, der mit seinen High-Tech-Protesen schneller laufen kann als Menschen mit organischen Füßen. Eine solche technische Lösung ist zumindest theoretisch für fast jede Behinderung denkbar – zum Beispiel das Cochlea-Implantat für Gehörlose. Das hat aber rein gar nichts mit der Fragegestellung zu tun. In dem Moment, wo eine Behinderung technisch vollständig ausgeglichen wird, ist der Behinderte eigentlich gar nicht mehr behindert – jedenfalls nicht mehr auf eine barrierefreie Umgebung angewiesen. (Und ein solcher Kandidat könnte selbstverständlich auch eine Partei führen.)

Einem gehörlosen Kandidaten zum Bundesvorsitz würde ich jedenfalls meine Stimme verweigern. Bei mir sträubt sich alles bei dem Gedanken, einen kommunikationsbehinderten (und nichts anderes ist Gehörlosigkeit) Menschen einen Job machen zu lassen, der zu den kommunikationslastigsten überhaupt gehört. Wenn wir versuchen, mit diesem Anspruch Barrierefreiheit in der Partei durchzusetzen (und später nach außen zu tragen) weden wir zwangsläufig auf Ressentiments und Widerstände stoßen. Stattdessen sollten wir in erster Line schauen, wie wir das einfache Mitglied möglichst effektiv in die Partei und ihre (Kommunikations-)Strukturen integrieren. Ideen gäbe es etliche, z.B. keine Versammlungen mehr ohne Mikrofone und Mikroport-Anlage, um nur ein Beispiel zu nennen.

An die Spitze wählen möchte ich aber eine “handicapfreie Kampfmaschine” für’s politische Haifischbecken. Das hat mit Diskriminierung wenig zu tun. Die ganze Debatte zeugt von einem veralteten Denken im Gegensatzpaar “behindert” – “nicht behindert”. Der Übergang vom Haben oder Nichthaben einer Fähigkeit hin zu einer handfesten Behinderung ist durchaus fließend. Niemand wird Schwerhörige im Callcenter beschäftigen. Querschnittsgelämte arbeiten gemeinhin nicht auf dem Bau. Leute mit Problemen in Mathematik werden eher selten Ingenieur. Und trotzdem kann jemand wie Pablo Pineda Akademiker werden. Der Blick auf solche glänzenden Ausnahmen zeigt natürlich, was visionär möglich wäre, verstellt aber völlig den Blick den Alltag, die Probleme und Bedürfnisse der “ganz normalen Behinderten”, die in Deutschland in einem Ausmaß ausgegrenzt sind, von dem wir uns keine Vorstellung machen und über das wir auch nicht informiert sind. Das Gedankenspiel vom gehörlosen Vorsitzenden ist vor diesem Hintergrund Märchen- oder Leuchtturmpolitik.

P.S.: Nochmal anders sieht die Lage aus, als Abgenordneter zu kandidieren. Hier würde ich sehr wohl die Kandidatur gehörloser Menschen begrüßen. Die Arbeit als ein Abgeordneter unter vielen einer Fraktion ist aber nochmal eine ganz andere als die eines Parteivorsitzenden.

Update: Not quite like Beethoven hat mir geantwortet und ich stimme ihm durchaus zu. Besonders interessant finde ich seine Kritik an der gehörlosen Abgeordneten Helene Jarmer, die genau meine Meinung zu diesem Thema zusammenfasst.

Kommentare

  1. Kommentar von RLP-PIRAT | 09. Apr. 2011 um 01:52:21

    Die Darstellung ist so nicht korrekt.

    Hintergrund ist eine Übereinkunft zwischen dem Landesverband BaWü und dem Bundesvorstand während der letzten Real Life Sitzung bezüglich der Rückerstattung von Wahlkampfkosten.

    Die Baden-Württemberg gerieten während des Wahlkampfes unter Druck durch vehemente Kritik von Behindertenverbänden (speziell eines mitgliederstarken Gehörlosenverbandes) und kündigten in ihrer Wahl-Manie an, dass die Piraten nicht nur Behindertenpolitik betreiben, sondern sogar demnächst eine Gehörlose als Vorsitzende haben werden. m(

    Der Bundesvorstand wird die Kandidatur dieser tatsächlich bereits bekannten Gehörlosen unter der Bedingung pushen, dass der LV BaWü auf erhebliche Forderungen gegenüber dem Bundesverband (der mittlerweile aufgrund der Rücklagen keine Mittel mehr zur Verfügung hat) verzichtet.

    Es wird wohl niemand dem Irrtum erliegen, dass
    1. der Bundes-Schatzmeister aus Nächstenliebe verzweifelt nach Gebärdensprach Dolmetschern sucht
    2. der BPT ZUFÄLLIG in Heidenheim stattfindet
    3. sich kurz vor dem BPT die AG gegründet hat.

    Befragt doch einfach mal die Anwesenden bei der RL-Vorstandssitzung nach den Lücken im Protokoll!

  2. Kommentar von Stefan | 09. Apr. 2011 um 02:24:50

    Zunächst mal: Man kann Gehörlose durchaus als sprachliche Minderheit ansehen, deren Muttersprache die Gebärdensprache ist. Man kann durchaus von Organisationen lernen, die in Vielvölkerstaaten sprachliche Minderheiten in ihre Arbeit integrieren wollen.

    Es ist übrigens falsch, dass man am Wochenende keinen GSD bekommt. Ich habe selbst schon an Wochenendtagungen teilgenommen, auf denen gedolmetscht wurde.

    Ansonsten weise ich daraufhin, dass jeder Mensch mit Behinderung zur Ausübung eines Ehrenamts Eingliederungshilfe beantragen kann. Im Rahmen dieser Hilfe kann auch ein GSD für eine Vorstandssitzung bezahlt werden.
    Und die, die vom Mund ablesen können, kriegen oft mehr Gemauschel mit als Hörende.

  3. Kommentar von Mela | 09. Apr. 2011 um 08:49:30

    @Enno: Eigentlich kann ich hier nur sagen QED. Deine Meinung baut auf mangelnder Barrierefreiheit auf, von der du überzeugt bist, dass sie sich nicht herstellen lässt. Damit beweist du aber den Ausspruch “Behindert ist man nicht, behindert wird man.”

    Es ist, denke ich, gerade Aufgabe der Piraten, das nicht als naturgegeben anzunehmen sondern auf größtmögliche Integration und Teilhabe hinzuarbeiten. Ich sehe auch die widersprechenden Bedürfnisse zwischen Behinderungen nicht als naturgegeben an. Technik und Innovation kann sie abbauen oder senken.
    Darauf hinzuarbeiten sollte unser Ziel sein.

    Und dann halte ich die konkreten Beispiele dagegen: http://wiki.piratenpartei.de/AG_Barrierefreiheit#Geh.C3.B6rlose_in_der_Politik.3F_Das_geht_doch_nicht.

    Diese Gehörlosen haben nun nicht so viel Last auf den Schultern liegen wie sie ein Vorsitzender hätte, ohne Frage, aber auch für sie gelten politische Spielregeln und sie werden oft genug an Stammtischen und Hinterzimmergesprächen teilgenommen haben müssen um als Kandidaten in Betracht zu kommen. Ein Behindertenbonus ist in einem derartigen politischen Haifischbecken nicht zu erwarten.

    @RLP-Pirat:

    Hast du den Kopf ein bisschen zu tief ins Faß der Verschwörungstheorien gesteckt?

  4. Kommentar von Bernd Eckenfels | 09. Apr. 2011 um 09:19:52

    Hallo,

    @RLP-Pirat: witzige Theorie aber total absurg.

    Was das Gedankenexperiemnt angeht, so muss ich sagen ist es wichtig: denn _Wenn_ wir einen Vorstand hätten der eine Behinderung hat wäre es für alle Piraten bei den Veranstaltungen kein Thema und man würde entsprechende Barrierefreiheit herstellen. Ob das dann für einen effektiven Vorsitzenden ausreichen kann (wie Enno darstelt) ist dann noch mal eine andere Frage. Aber das aktuelle Problem ist ja, dass es nicht versucht werden will – vor allem aus Spargründen.

    Wichtig ist es deswegen dass sich alle in der Partei einbringen. Dass es selbstverständlich ist, dass Barrierefreiheit hergestellt werden muss _und_ diese auch genutzt wird.

    Gruss
    Bernd

  5. Kommentar von Thomas Koch | 09. Apr. 2011 um 11:35:21

    Anderer Ansatzpunkt: Menschen sind soziale Wesen, die nur in der Gruppe und mit gegenseitiger Verantwortung überlebensfähig waren und sind. Der Anspruch, jeder Mensch sollte als Individuum alle Möglichkeiten haben, betrachtet den Menschen als isoliertes, asoziales Wesen.
    Es wäre also gut, neben sinnvollen Maßnahmen der Barrierefreiheit, vor allem an gegenseitiger Rücksichtsnahme und Solidarität zu arbeiten.

  6. Kommentar von Enno | 09. Apr. 2011 um 13:11:59

    Hihi, die BaWü-Story ist ja witzig und man ahnt, welches Opfer sich da ein paar Spinner als Vorsitzende ausgesucht haben… Dadurch bekommt die Diskussion aber auch mehr Hand und Fuß.

    @Mela “Behindert ist man nicht, behindert wird man.” ist einer der dämlichsten und falschesten Schlagworte, die man in diesem Zusammenhang überhaupt benutzen kann. Das wäre korrekt, wenn es um Fragen wie Emanzipation und Feminismus ginge.

    Beim Thema Behinderung liegt die Wurzel aller Probleme aber einer körperlichen Beeinträchtigung. Ich selber höre nichts. Daran kann die Technik vielleicht was ändern. Kein Mensch hindert mich am hören, mein kaputtes Gehör tut es. Ob die Menschen mich am Leben hindern, ist nochmal eine ganz andere Frage und selbstverständlich will ich alle technischen Hilfsmittel haben und bitte meine Umgebung um Rücksichtnahme. Die sie mir im übrigen nicht grenzenlos sondern so weit zu gewähren hat, wie es ihre eigene Freiheit nicht unzumutbar einschränkt.

    Das große Problem ist die *Kommunikationsbehinderung*. Für Schäuble bauen wir überall Rampen ein und gut ist. Öffentliche Bauten müssen heute schon behindertengerecht ausgeführt werden, da gibt es gesetzliche Vorschriften.

    Ihr könnt jetzt zum Beispiel aufgrund der Barrierefreiheit dafür sorgen, dass alle Sitzungsäle Mikroportanlagen bekommen. Dann verstehen Schwerhörige und Gehörlösue *vielleicht*, was die Redner an den Mikros sagen, aber deshalb noch lange nicht, was an Feedback aus dem Saal kommt. Schon als Kind in der Schule habe ich Frontalunterricht gemocht, weil ich mich dann wenigstens nur auf den Lehrer konzentrieren musste und nicht auch noch Leuten zuhören musste, die irgendwie hinter mir setzen und die ich beim Reden nicht ansehen kann. Das ist nur ein klitzekleines Beispiel von wirklich sehr sehr vielen. Ich habe 20 Jahre Erfahrungen mit einem Leben dicht an der Gehörlosigkeit und bin vollständig überzeugt: Ohne *technische* Hilfsmittel wird das nicht machbar sein. Aber technische Hilfsmittel ändern weder was an der Kommunikation, noch haben sie etwas mit Barrierefreiheit zu tun, sondern sie gleichen nur eine Behinderung aus. Im Idealfall so, dass der betreffende nicht mal als behindert anzusehen ist.

    (Diesem Ideal kommt übrigens so gut wie kein technisches Hilfsmittel auch nur entfernt nahe. Auch so ein altes Vorurteil: Du trägst doch ein Hörgerät, also musst du doch jetzt hören ((verstehen)) können.)

  7. [...] Streit um den fiktiven gehörlosen Parteivorsitzenden, um behindertenpolitische Forderungung und Themen wie Barrierefreiheit stößt man immer [...]

  8. k.
    Kommentar von k. | 18. Apr. 2011 um 08:11:35

    Dem Ausspruch “Behindert ist man nicht, behindert wird man” möchte man gerne zustimmen. Tatsächlich ist die negative Besetztheit des Begriffs anscheinend unausrottbar. Aber: ist die Haltung, dass “man” keine Behinderung hat oder behindert ist, sondern behindert wird, der richtige Weg? Könnte dies nicht zum Wegfall der Basis für gesetzgeberische Maßnahmen führen? Warum sollten Firmen die Ausgleichsabgabe zahlen müssen – die Zielgruppe hätte sich ja quasi selber wegdefiniert? Warum sollte es Steuervorteile geben, warum ermäßigte Eintritte, Eingliederungshilfen, Bezahlung von Hilfsmitteln und und und?

  9. Kommentar von Enno | 18. Apr. 2011 um 14:17:23

    @k. Ganz genau darum geht’s mir in ““Guter Wille” ist keine politische Lösung sondern Sonntagsrede 2.0″ http://www.ennomane.de/2011/04/09/guter-wille-ist-keine-politische-losung-sondern-sonntagsrede-2-0/


Kommentar hinterlassen: