sofa die ennomane

31. März 2011

Vor Kindern Karnickel schlachten

Nicht nur Vegetarismus kommt immer mehr in Mode. Ich beobachte zunehmend, dass Menschen keinerlei Bezug mehr zu dem haben, was sie essen. Fleisch wird als ekelig empfunden, wenn man das Tier noch erkennen kann oder noch Knochen, Sehnen oder gar Adern darin sind. Ansonsten wird Fleisch aber weiterhin mit Genuss verzehrt, solange es in pürierter Form zu Chicken-Nuggets oder Burgern verarbeitet wurde. Aus dieser Fraktion scheinen einige Eltern und Kinder zu kommen, die gerade einen Bohei um einen toten Karnickel machen.

Im Rahmen einer Projektwoche hatte ein Vater das Tier von seinem Hof mitgebracht und vor den Kindern einer fünften Klasse geschlachtet. Später wurde es dann gegrillt und gemeinsam verzehrt. Das ist offenbar dem einen oder anderen Kind nicht gut bekommen: Es wurde von Blässe um die Nase, Schlafstörungen und Ohnmacht berichtet. Heftiger reagierten allerdings einige Eltern, die das ganze “pervers” fanden. Wer Lehrer in seinem Freundes- und Bekanntenkreis hat, kennt 1000 Geschichten über diesen Typus “hysterische Mutter”.

Nein, liebe bionade-biedermeierlichen Hysteriker, so eine Aktion ist in keiner Weise pervers sondern meiner Meinung nach das beste, was man tun kann, um Kindern in aller Deutlichkeit zu zeigen, dass wir Tiere töten, um sie zu essen. Wenn das die Kinder schockiert und sie dadurch zu Vegetariern werden: nicht die schlechteste Idee. Wenn nicht, haben sie deutlichst gelernt, wo das Fleisch auf ihrem Teller herkommt. Und das ist mir allemal lieber als dieser Ekel vor richtigem Fleisch in Verbindung mit Appetit auf Industrie-Food.

Pervers ist vielmehr, dass wir darüber streiten, ob wir es aus Rücksicht auf Aberglauben muslimischen Mitbürgern erlauben sollten, Tiere qualvoll zu schächten, dass aber auf der anderen Seite unsere Kinder bloß nicht mit der Realität einer Karnickelschlachtung behelligt werden sollen. Beides gleichermaßen Auswuchs einer seltsamen Political Correctness aus der gleichen schwarzgrünen Ecke.

Natürlich bin ich kein Pädagoge, empfinde aber 10 Jahre als durchaus passendes Alter für eine solche Aktion. Sollten Kinder psychisch labil sein und die Schlachtung eines Tieres nicht verkraften, ist es falsch, die Schlachtung pervers zu nennen. Vielmehr sollten wir nach den Ursachen dieser gesteigerten Sensibilität suchen und für eine psychologische Betreuung derart labiler Kinder und ggf. ihrer Eltern sorgen. Ich frage mich eher, warum vergleichbarer Projektunterricht vor allem in urbanen Gegenden nicht längst Bestandteil des Pflichtunterrichts ist.

Jamie Oliver macht das übrigens richtig klasse in folgendem Video. Leider reagieren die Kinder nicht ganz wie erwartet…

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Update: Vergaß, schon der gute alte Douglas Adams hatte sich ja erschöpfend mit dem Thema befasst:

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Kommentare

  1. Comment von Tobias | 31. Mrz. 2011 um 18:02:00

    Kann Dir nur teilweise zustimmen:
    Ja, Achtung vor dem Leben und Wissen woher die Nahrung kommt ist wichtig.

    Ja?! Eventuell ist es auch sinnvoll einmal einer Schlachtung beizuwohnen, um auch den Akt des Tötens mitzuempfinden und in die Entscheidung ob ich nun mit oder ohne Fleischverzehr leben möchte mit einfliessen zu lassen (da bin ich mir aber schon nicht mehr so sicher: Muss “man” unbedingt einer Schlachtung beiwohnen, um zu begreifen, dass ein Tier vor dem Verzehr einmal gelebt hat?
    Muss ich eine Hinrichtung mit anschauen um zu begreifen, dass das barbarisch ist? (Klar: Der Vergleich hinkt gewaltig…) ).

    Nein: 11 jährige sind noch nicht so weit (zumindest nicht wenn ich an meine Kinder und deren Freunde denke).
    NB: Was ist mit Kindern die z.B. aus ethischen Gründen Vegetarier sind? Warum müssen die dann noch einer Schlachtung beiwohnen?

  2. Comment von wanderer | 31. Mrz. 2011 um 18:04:44

    Ey, ich habe geheult als Bambi gestorben ist und hatte ein Kaninchen als Haustier. Mit 10 Jahren hätte ich so eine Schlachtung im Klassenzimmer auch nicht gut vertragen. Ich glaube psychologische Betreuung hätte da nicht wirklich was dran geändert.

  3. Comment von Enno | 31. Mrz. 2011 um 18:10:00

    @Tobias da bin ich anderer Meinung, was das Alter betrifft, aber vielleicht täusche ich mich ja. Ein Kind, das schon Vegetarier ist, soll da nicht zusehen müssen. Ich bezweifle aber auch, dass die Kinder clockwork-orange-mäßig fixiert und und mit per Klammer gespreizten Lidern zum Zusehen gezwungen worden sind…

  4. Comment von Enno | 31. Mrz. 2011 um 18:13:21

    @Wanderer die Verkitschung und Vermenschlichung von Tieren à la Bambi spielt da bestimmt auch eine große Rolle, warum wir so eine seltsame Fleisch-Ekel-Kultur entwickelt haben.

  5. Comment von Tobias | 31. Mrz. 2011 um 18:20:09

    @Enno Wahrscheinlich nicht, aber hättest Du mit 11 Jahren “die Eier” gehabt Deinem Lehrer zu sagen “So nicht” und wärest aus dem Raum gegangen? Ich zumindest nicht.
    Ich erinnere mich, dass wir mit 14(?) mal in einer Schulstunde Horrorvideos (Zombie/Kannibalen…) schauen mussten. Fand’ ich auch nicht wirklich gut (finde ich auch heute noch nicht). Ich bin auf jeden Fall nicht rausgegangen :-(

  6. Comment von gedankenabfall | 31. Mrz. 2011 um 18:22:40

    Ich glaube, die Aktion ist ab dem Zeitpunkt nicht mehr in Ordnung, ab dem die Kinder im Vorhinein nicht abschätzen können, was sie erwartet. So etwas mag evtl pädagogisch sinnvoll sein, aber nur in gegenseitigem Einvernehmen. Dass einige Kinder so geschockt waren, spricht dafür, dass sie nicht darauf vorbereitet waren. Ich kann mich noch erinnern, wie ich das erste mal einen Fisch getötet habe, wie soll’s einem gehen, wenn ein Tier dran glauben muss, zu dem man eine Beziehung aufgebaut hat – in dem Fall übers Streicheln? Selbst mein Vater bringt das Schlachten unserer Schafe kaum übers Herz …

    Ehrlich gesagt, kann ich die Reaktionen der überbeschützenden Eltern gut verstehen. Wenn es dem kind schlecht geht, geht’s einem selbst gleich doppelt so schlecht – immerhin ist es mein Kind!

    Grundsätzlich finde ich aber solche Unterrichtsinhalte und auch “Schauschlachten” für eine gute Idee – aber bitte mit etwas mehr Gefühl für das nervenkostuem der Kinder …

  7. Pingback von Werte und Risiken « H I E R | 31. Mrz. 2011 um 19:17:03

    [...] her, dass das Schlachten eines Tieres zum Alltag vieler Menschen – auch von Kindern gehörte. Hierzu auf so ne Art sehr richtig, Ennomane. Ich weiß gar nicht, ob das noch irgendwo praktiziert wird, aber ich weiß, dass zu meiner [...]

  8. Comment von Enno | 31. Mrz. 2011 um 20:27:59

    Lese gerade bei SPON, dass die Kinder 3 Tage lang auf die Schlachtung pädagogisch vorbereitet worden sind. Nur die Eltern sind nicht explizit informiert worden und konnten es vorab nur über ihre Kinder erfahren. Außerdem war die Teilnahme freiwillig. Gruppendruck scheint es nicht gegeben zu haben: von den 100 Teilnehmern der Projektwoche sahen etwa 50 bei der Schlachtung zu. Besonders bezeichnend der Satz des Schulleiters: “Diejenigen, die sich beschwert haben, haben nicht mit mir gesprochen, sondern gleich mit der Presse.”

    http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,754257,00.html

  9. Comment von rachel lindenbaum | 31. Mrz. 2011 um 20:32:05

    äääh…moment. wir reden hier von schlachten mittels eines hammers auf den kopf. und wir reden davon, dass im vorfeld weder die kinder noch die eltern darüber informiert wurden, was da in welcher form auf die kinder zukommen wird.

    abgesehen davon, dass diese schlachtmethode durch das tierschutzgesetz nicht abgedeckt sein dürfte (auch wenn sie usus sein mag), finde ich es äußerst grenzwertig.

    mich hätte das mit 10 jahren tief traumatisiert und zwar nicht, weil ich bambi toll fand, sondern weil ich mein leben lang mit tieren gelebt habe. ich war auch in den schweine- und kälberställen bei uns im dorf und fand das toll. die brücke zwischen dem kalb, das mir da gerade genüsslich am daumen nuckelte und einem sagen wir wiener schnitzel war zu dieser zeit absolut abstrakt für mich.

    wenn ich mir vorstelle, eines tages wäre jemand ins klassenzimmer gekommen und hätte einen hasen, der seit ein paar tagen dort lebte, von allen gestreichelt und gefüttert wurde, mit hammerschlägen auf den kopf getötet – ich hätte vermutlich im strahl gekotzt.

    meiner meinung ist aufklärung jeglicher art, auch solche, sache der eltern und nicht der schule im absoluten alleingang.

    ich bin im tierschutzverein, ich weiß, wie das huhn gestorben ist, das auf meinem teller in welcher form auch immer liegt. oder die kuh oder das schwein oder jedes andere tier, das ich esse. ich weiß um die gesetze, die es dort einzuhalten gilt ebenso wie um die lücken, wenn es um die haltung geht. ich kenne die bestimmungen zu tiergerecht und artgerecht und lehne schweinefleisch ab, weil ich weiß, wie ein maststall von innen aussieht. ich kaufe bioeier, nicht weil das hip ist, sondern weil das die einzige haltungsform ist, in der die hühner wirklich draußen mit genügend platz zum laufen und picken gehalten werden MÜSSEN. ich kaufe regionales fleisch, weil ich nicht “schuld” sein will, dass die armen viecher vor ihrem tod auch noch hunderte kilometer durch die gegend gekarrt werden. aber ob ich mir eine (weitere) schlachtung ansehen will, das entscheide ich selbst. und das recht dazu hat man diesen kindern und auch ihren eltern abgesprochen. das finde ich, mit verlaub, scheiße.

  10. Comment von Enno | 31. Mrz. 2011 um 20:37:17

    @Rachel: Lies den SPON-Artikel. Die Teilnahme war freiwillig, kein Kind wurde gezwungen, mitzumachen oder zuzusehen. Die Kinder wurden 3 Tage lang pädagogisch darauf vorbereitet. Das einzige, was nicht passierte, ist die Eltern vorab schriftlich zu informieren.

    Bei einer Sache muss ich dir aber ganz klar widersprechen: Aufklärung gehört sehr wohl in die Schule und darf keinesfalls nur den Eltern überlassen werden. Manche Kinder müssen vor ihren Eltern und verdrehter oder unterlassener Aufklärung geschützt werden. Das ist u.a. Aufgabe der Schule.

  11. Comment von rachel lindenbaum | 31. Mrz. 2011 um 20:46:24

    zu der bemerkung, dass da tagelang (also 3 tage lang) drauf vorbereitet worden ist:

    erzähl mal einem 10jährigen, der das karnickel grad auf dem arm hat: “so, und übermorgen komm ich dann mit einem hammer, den hau ich dem hasen auf den schädel, damit er bewusstlos ist und dann schneid ich ihm die kehle durch, zieh ihm das fell ab, nehme ihn aus und dann essen wir den alle zusammen. das ist doch toll, oder?”

    das ist so abstrakt in diesem alter, dass es nur wörter sind, die keine bilder ergeben. eben weil es nicht zum alltag gehört. 30 unterschriften von schülern wurden von den lehrern ignoriert. einfach so. ohne weitere erwähnung. na super! da lernen sie gleich noch was über demokratie, die kleinen.

    ich bleibe dabei, die aktion war überzogen. hätte sie auf dem bauernhof stattgefunden, wären die eltern und der schuldirektor (!!!) darüber informiert gewesen – okay. aber so?

  12. Comment von rachel lindenbaum | 31. Mrz. 2011 um 20:48:53

    die eltern haben aber letztlich die entscheidung darüber, was ihr kind sieht und was nicht. wenn man ihnen diese wahl gar nicht lässt, ist das nicht in ordnung. und vor allem ist es nicht “Das einzige, was nicht passierte, ist die Eltern vorab schriftlich zu informieren.” DAS hätte als erstes passieren müssen.

  13. Comment von Enno | 31. Mrz. 2011 um 20:54:04

    Prima, bringen wir den Kindern das Wegschauen bei. Und auf der nächsten Klassenfahrt rennt die Meute wieder geschlossen zu McD.

    Nein, die Eltern dürfen nicht bei allem die Wahl haben. Die Entscheidung, ob Kinder in Bio bei Evolution und Sexualkunde, am Sport und Schwimmunterricht oder auch beim Sezieren von Fröschen mitmachen, muss die Gesellschaft fällen. Eltern haben das zu respektieren. Schlimm genug, dass Eltern ihre Kinder zwangstaufen dürfen.

  14. Comment von gedankenabfall | 31. Mrz. 2011 um 23:21:20

    @Enno

    WTF? Nein, wenn es nicht zum unmittelbaren Schaden des Kindes ist, haben sich Gesellschaft und Staat bitteschön aus meinen Erziehungsangelegenheiten herauszuhalten.

    Dazu gehört auch, dass man sein Kind religiös aufzieht – nicht dass ich das gut finde – aber sonst spräche ja auch nichts dagegen, sein kind volltags in eine staatliche Erziehungsanstalt zu geben. Natürlich will ich meinem Kind meine Werte vermitteln, und nicht, was gerade angesagt ist.

  15. Comment von Enno | 01. Apr. 2011 um 00:16:50

    @Gedankenabfall Rein ideologisch möchte ich deine Einstellung nur zu gerne teilen. Da draußen laufen aber zu viele abgefreakte Eltern herum. Da wir verständlicherweise keinen Elternführerschein einfühlen wollen un die Zeugung von Nachwuchs an keinerlei Kompetenzen gekoppelt ist, möchte ich ein Mindestmaß an Erziehung und Aufklärung vom Staat sichergestellt wissen. Wenn ich mir manche Christenmenschen aus der Homeschooler-Szene so ansehe, möchte ich denen am liebsten ihre Kinder wegnehmen. Zum Glück habe ich das nicht zu entscheiden.

  16. Comment von Paul | 01. Apr. 2011 um 02:46:44

    Danke für Deinen Beitrag zu der Sache. Ich will nicht darüber diskutieren, weil ich es haargenauso sehe. Aber vielleicht solltest Du sowas auch wissen.

    Eher nebensächlich: Dein Kommentar “Schlimm genug, dass Eltern ihre Kinder zwangstaufen dürfen.” stört mich. Damit bahnt man was an, was man selbst für gut & richtig hält. Und das können Kinder später immer noch revidieren, falls sie bewußt anderer Meinung sind.

  17. Comment von Eol Ruin | 01. Apr. 2011 um 11:30:04

    Naja – vielleich sollte man die Film FSK als Basis nehmen – schon Filme mit dem Töten von Tieren (in allen Details) kriegen wohl auch keine Freigabe “Ab 6 (oder 10) Jahren” …

  18. Comment von Muriel | 01. Apr. 2011 um 13:08:19

    Als jemand, der früher selbst sehr gerne bei Kaninchenschlachtungen zugesehen hat (Ich war ein perverses siebenjähriges Kind, schätze ich.), teile ich größtenteils deinen Standpunkt, obwohl ich generell den Eltern vielleicht auch ein bisschen mehr Entscheidungsbefugnis zugestehen würde als das bei dir anklingt.

  19. [...] Nicht nur Vegetarismus kommt immer mehr in Mode. Ich beobachte zunehmend, dass Menschen keinerlei Be… via ennomane.de Hinterlasse einen Kommentar LikeSei der Erste, dem dieser post gefällt.Hinterlasse einen Kommentar » [...]

  20. Comment von Lars | 02. Apr. 2011 um 14:53:01

    Volle Zustimmung: Ich habe in dem Alter und auch davor Fische geangelt, getötet und ausgenommen. Das war ganz normal. Die Vorstellung dass man Kinder unterhalb eines bestimmten Alters vor einem derart alltäglichen Vorgang “schützen” müsste finde ich absurd.

  21. Comment von Dierk | 02. Apr. 2011 um 14:57:54

    Offensichtlich sind Kinder von heute – vor allem Stadtkinder – viel schreckhafter, beeinflussbarer und psychotischer als früher bzw. auf dem Land. Und natürlich in keiner Weise vergleichbar zu Kindern in Afrika, weiten Teilen Asiens, Südamerikas …

    Einige von uns mögen jegliches Töten ablehnen, auch das von Rindern, Schweinen, niedlichen Tieren, Schaben, Fliegen oder Mücken. Deren Kinder sind Veganer, treten nicht auf Fliesenfugen und haben vermutlich auch nicht zugesehen. Die Masse der Kinder knabbert sich aber gerne mit diesem hochprozessierten Fraß aus Fleischabfällen fett, den ihre Eltern beim Schnellimbiss oder aus der Convenience-Truhe ziehen.

    Ich sehe keinerlei Grund, dass 10-jährige, ja, 5-jährige nicht mit der Schlachtung von Tieren umgehen können sollten. Außer einer neurotischen Erziehung, die alles von den Kindern fernhalten möchte, was den Eltern irgendwie Ihbä vorkommt: Nacktheit, Tod, Evolution …

    Niemand wird zum Sozio- oder Psychopathen, weil er/sie mal gesehen hat, wie ein niedliches Hoppelhäschen für den Sonntagsbraten gemästet, getötet und zubereitet wurde.

  22. Trackback von Objects in the rear view mirror | 02. Apr. 2011 um 15:20:11

    Karnickel schlachten und so…

    In mir brodelt es ja auch schon seit ein paar Tagen, wenn ich wieder und wieder über die leidige Debatte stolpere. Zum Thema "Kaninchen schlachten, wenn Kinder zusehen" nämlich. Wer sich auf einer weiterführenden Schule befinde…

  23. Comment von Jana und die Jungs | 02. Apr. 2011 um 22:02:29

    Ich habe mir bitterböse Kommentare “anhören” müssen, als ich einen Link auf den Artikel bei Facebook gesetzt habe, weil ich das gut finde.
    Ich bin zwar ein Stadtkind, aber trotzdem mit dem Leben auf dem Land von klein an vertraut. Dazu gehörte auch, dass die Tiere aufgezogen und gemästet worden sind und dann direkt vor Ort geschlachtet wurden. Wir Kinder erlebten das ganze mit, die Arbeit und Pflege der Tiere und natürlich bauten wir auch eine gewisse Bindung auf. Wir waren dabei beim Schlachten, anfangs erst ab dem Zerlegen und Verarbeiten und später auch von Anfang an. Ich
    möchte behaupten, dass es mir/uns nicht geschadet hat eher eine bewusstere Einstellung zum Leben und zum Fleischkonsum.

  24. Q
    Comment von Q | 04. Apr. 2011 um 08:22:21

    Ich hab jetzt eine Weile über das Thema nachgedacht.

    Ich glaube, es ist so, meinen Erfahrungen nach. Wenn man damit aufwächst, wirklich von ganz klein auf, dann gehört es dazu. Dann ist es normal. Mit “ganz klein” meine ich, bevor man laufen und sprechen kann.

    Meine älteren Verwandten bspw. sind alle damit aufgewachsen. Da gab es Gänse, Hühner, Kaninchen und ich glaube auch mal Schweine, und die sagen heute z.B., wenn sie sich daran erinnern, wie ein Huhn gerupft und ausgenommen usw. wird, erinnern sie sich daran als etwas Gemütliches. Sie bringen es mit Familie und Geborgenheit in Verbindung – die Kinder saßen gemeinsam mit der Mutter in der Küche, nachdem sie draußen vorher das Federvieh umgebracht hatten, und bereiteten es küchenfertig zu, und das war schon immer so und Teil ihres Lebens. Da ist auch heute nichts mit Ekel o.ä. (auch wenn es jetzt nicht mehr gemacht wird, der Bauernhof ist weg)

    So, und ich, die damit nicht aufgewachsen ist, sehe das ganz anders. Für mich hat es nichts Gemütliches. Das einzige, womit ich aufgewachsen bin, ist diese Mentalität. Als ich mit 10 oder so mal gesehen habe, wie ein Schwein zum Ausbluten aufgehangen wurde, auf einem kleinen Reiterhof, und vorher gehört hatte, wie es im Stall laut schrie (weil es offenbar wusste, was auf es zukommt) und wie dann die Bäuerin kam und ausdruckslos mit einem Besen das Blut, äh, beiseite fegte, da war ich fasziniert. Ich habe mich, obwohl ich vorher sowas noch nie gesehen hatte, nicht geekelt, ich fand es einfach interessant. (Bei den Schreien vorher war mir allerdings etwas mulmig. Ich weiß nicht, wie ich mich gefühlt hätte, wenn ich drinnen zugeschaut hätte, aber umgekippt wäre ich glaube ich nicht.)

    Ich glaube, das lag u.a. daran, dass ich wie gesagt mit dieser Mentalität aufwuchs. Für meine Eltern und Großeltern war das einfach ganz normaler Alltag. Sie hätten sich das Schwein vielleicht angeschaut und abgeschätzt, wie viele Schnitzel daraus gemacht werden könnten o.ä., und nicht “Das arme Schwein” und “guck bloß weg” oder so.

    Und wenn ich mir jetzt so die Reaktion der Eltern dieser erwähnten Schule anschaue, die reagieren ja ziemlich panisch. Ich glaube, das traumatisiert die Kinder zusätzlich, wenn Eltern so ausrasten. Da hat vielleicht keiner je Berührung mit so etwas gehabt, und dann ist es einfach hart, denke ich! Einstellung zu Industrie-Fleisch hin oder her.

    Man sollte als Eltern in diesem speziellen Fall finde ich umdenken und nicht öffentlich so einen Aufriß machen. Wenn der 10jährige nach Hause kommt und das heulend erzählt, sollte man tief durchatmen und ruhig bleiben, ihn auch beruhigen und das Thema dann ordentlich und lange aufarbeiten – es ist wichtig! Vielleicht mal auf den Bauernhof fahren und sich da langsam rantasten. Das war schon ziemlich mit dem Holzhammer.

    Ja die Schule muss und soll auch erziehen. Aber gerade so eine emotionale Sache hätte finde ich auch zusammen mit den Eltern vorbereitet werden sollen, denn die haben den emotionalen Zugang zu den Kindern, nicht der Lehrer. Und wenn die Mama sich hinterher auch noch aufregt und das ganz schlimm findet, dann ist es für das Kind noch schlimmer.

    Ich finde es auch wichtig, sich nicht nur das Steak mit der Kräuterbutter drauf anzugucken. Hier hat aber schon ein bißchen Kommunikation gefehlt, vorher und hinterher von beiden Seiten. Mit dem Schulleiter hätte man auch echt unter vier Augen sprechen können. Gleich zur Presse rennen, hallo?

  25. stk
    Comment von stk | 04. Apr. 2011 um 19:01:26

    Ich glaube, dass die Tabuisierung des Todes ueber das Sterben von Tieren hinausgeht. Es ergibt einen Unterschied, den toten Goldfisch des Kinds heimlich still und leise im Klo herunterzuspuelen, oder mit dem Kind gemeinsam zu eroertern, was da passiert ist. Und es macht fuer mich auch einen Unterschied, wenn die Oma oder der Opa halt irgendwann mal in ein Heim oder ins Krankenhaus kommt und dann auf einmal “weg” ist, oder ob tatsaechlich Totenwache gehalten wird.

    Ein Kind mag das anfaenglich nicht so ganz verstehen, aber das wird schon — und zwar gerne schon im Kindesalter. Ihm moeglichst lange vorzuenthalten, dass das Leben eigentlich Tag fuer Tag dem Tod abgerungen wird und es irgendwann fuer jeden von uns vorbei ist, und welcher Preis hinter dem Wuerstchen aus dem Supermarkt steckt, halte ich fuer kontraproduktiv.

  26. Comment von Mathias | 21. Apr. 2011 um 15:22:35

    Meine Güte. Das arme, arme geschlachtete Tier. Kaninchen – zumindest die zwecks Verzehr gezüchteten – sind Nutztiere. Punkt.

    Meine erste Kaninchenschlachtung habe ich ebenfalls mit 10 erlebt – nur halt nicht in der Schule, sondern zu Hause und quasi selbstverschuldet, weil ich mich desöfteren bei Vatern erkundigt hatte, warum denn jedes mal, wenn denn Meister Lampe auf den Tisch käme, ein Viech weniger im Stall wäre.

    Also durfte ich – damals noch – armes, vor dem Trauma ungeschützes Kind doch tatsächlich das nächste Karnickel am Genick packen, aus dem Stall zerren und festhalten, während Vater dem Tier nen Keulenschlag verpasst hat. Anschließend kam dann das Ausbluten durch die Halsschlagader, also das Aufhängen des Viechs an den Hinterbeinen über nem Eimer.

    Und spätestens als dem Kaninchen dann wortwörtlich das Fell über die Ohren gezogen wurde und sich unser schwarzer, fetter Kater draußen am Kellerfenster die Seele aus dem Leib miaut hat, weil er das Blut roch und ganz verrückt danach war, wusste ich nun auch, dass der Sonntagsbraten halt nicht auf dem nächsten Baum wächst, sondern vor der Zubereitung eine gewisse Arbeit erfordert.

    Zum Vegetarier hat mich das Erlebnis nicht gemacht, dafür war der Braten einfach zu lecker… ;)

  27. Comment von Mononoke | 17. Aug. 2011 um 23:27:52

    @ Mathias
    “Zum Vegetarier hat mich das Erlebnis nicht gemacht, dafür war der Braten einfach zu lecker…”

    –> Der Sohn eines Kannibalen wird ja auch nicht zwingend zum Verfechter von Menschenrechten, wenn er zum ersten Mal bei der Schlachtung und Häutung eines Menschen zuschauen darf.

    Es _kann sein, dass sich Mitgefühl in ihm regt, und dass er sieht, dass dieser Mensch nicht weniger leben möchte, als er selbst. Dann wird es für ihn zu einem traumatischen Erlebnis.

    Und ebenso wird jedem, in dem sich Mitgefühl regt und der die allgegenwärtige Missachtung von Tierrechten hinter sich gelassen hat, bewusst, wie _pervers jegliche Ausbeutung und Schlachtung (sei sie öffentlich oder nicht-öffentlich) von empfindsamen Lebewesen wirklich ist.

  28. Comment von Enno | 19. Aug. 2011 um 02:29:29

    Dann ist die Natur selbst pervers – schließlich hat sie karnivore Tiere hervorgebracht.

  29. Comment von Mononoke | 19. Aug. 2011 um 21:40:19

    @Enno
    “Dann ist die Natur selbst pervers – schließlich hat sie karnivore Tiere hervorgebracht.”

    –> In meinen Augen nicht. Man kann dies bedauerlich finden (und für die Tiere, die zur Beute werden, ist es das sicherlich), aber man kann Begriffe wie “Grausamkeit” oder “Perversität” nicht auf die “Natur” bzw. die nichtmenschliche Tierwelt übertragen. Ethische Bewertungen setzen eine Auswahlmöglichkeit voraus – und bei karnivoren Tiere ist diese schlicht nicht vorhanden.

    Ich dagegen habe diese Wahl – der menschliche Organismus ist für pflanzliche Nahrung und besonders für Früchte ausgezeichnet geeignet.
    Und der Mensch ist (zumindest theorethisch) in der Lage wahrzunehmen, dass Andere genau so wenig leiden oder sterben wollen, wie er selbst. Es braucht da nur ein wenig Achtung vor den elementarsten Interessen Anderer – und dass sich _bewusst_ und trotz Alternativen gegen diese Achtung entschieden wird: DAS ist wahre Grausamkeit.


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