sofa die ennomane

Februar 1, 2011

Der Kontrollverlust über die Filtersouveränität

Als ich diesen Tweet von @huxi las, kam mir heute in den Sinn, dass ein Retweet auf Twitter meine Filtersouveränität unterläuft. Michael Seemann ist ja der Meinung, dass es nicht schlimm sei, wenn ich etwas zu lesen bekomme, das ich lieber ausgefiltert hätte, weil ich ja denjenigen, der mir das gesendet hat, auch entfolgen könne. Irgendwas stört mich an der Argumentation.

Von der Query her gedacht stimmt es natürlich, dass ich meine Filtersouveränität ausübe – aber: Ich schreibe die Query nicht, sondern ich bewege mich in sozialen Netzwerken, wo ich über das Friend- oder Follower-Prinzip filtere. Ich konsumiere Medien, indem ich filtere, welche Zeitung und welchen Fernsehsender ich mir wann ansehe. Ich kann zwar die Äußerungen bestimmter Medien oder Personen ausblenden, muss aber immer damit leben, dass über die Kanäle, die ich nicht ausgefiltert habe, doch unerwünschte Information zu mir dringt.

Mit jedem Stück Information, das ich nicht vollständig selber beschaffe (recherchiere, per Query höchstpersönlich in einer Datenbank abfrage), sondern mir über Medien (klassische Medien, Social Media oder einfach nur das Gespräch beim Bier), gebe ich ein Stück meiner Filtersouveränität an meine Umwelt ab. Und da mein ganzes Kommunikationsverhalten in den aller seltensten Fällen das naturwissenschaftliche Nachmessen von Gegebenenheieten sondern der Informationsaustausch mit meinen Mitmenschen ist, entpuppt sich die Filtersouveränität als Illusion. Nichteinmal über das Ergebnis der Query einer Google-Suche bestimme ich frei – sondern Google durch seine wertenden und gewichtenden Algorithmen. Oder hat jemand schon mal SQL-Statements an die Suchmaschine abgesetzt?

PostPrivacy hat nicht nur, aber zu großen Teilen etwas mit dem Social Web zu tun. PostPrivacy ist nicht nur das Google-Cookie sondern eben auch Facebook, Twitter und die Nachlesbarkeit unseres Tuns. Der Kontrollverlust findet nicht unbedingt gegenüber Firmen oder Staaten statt – dort könnte man per Datenschutzgesetz die Kontrolle zumindest teilweise zurückerlangen oder bewahren, indem man z.B. die Vorratsdatenspeicherung untersagt. Dort, wo der Staat mehr Daten sammelt als er gesunderweise sollte, wird es politisch – und diese Kontrolle ist auch politisch zurück zu erlangen wie bei jeder anderen Form der Machtausübung auch.

Der eigentliche Kontrollverlust findet zwischen den Menschen untereinander statt. (Im Grunde gab es ihn schon immer – geschiedene Eheleute können sich eben nicht darauf verlassen, ob der oder die Ex dem Finanzamt gegenüber weiterhin diskret bleibt.) Dass in totaler PostPrivacy jeder im Grunde alles über jeden nachlesen könnte, macht ja erst eine neue Ethik nötig, die die Filtersouveränität erzwingt. Es besteht aber keine Kontrolle mehr über die eigenen Daten sondern auch keine Kontrolle über die Filter, solange es sich um soziale oder mediale Filter handelt. Der Kontrollverlust ist also total, wenn wir anfangen, nach der Ethik des “radikalen Rechts des Anderen” uns sämtlich voreinander zu entblößen.

Andererseits ist der Begriff der Filtersouveränität auch auch ein Oxymoron. Um zu bestimmen, was ich herausfiltern will, muss ich nämlich Kenntnis von dem erlangt haben, was ich hinausfiltern will, also schon einmal ungefiltert empfangen haben. Um Realitätsverlust zu vermeiden, bin ich gezwungen, meine Filter immer neu zu justieren, was bedeutet, auch immer neu ungefilterte Information aufzunehmen. Mein Filter ist nie perfekt und benötigt zur Annäherung an Perfektion ungefilterte Information. Die Begriffe “Filtern” und “Souveränität” ergeben nur Sinn, wenn ich anderen die Daten vorfiltern, also Zensur ausüben will. Filtersouveränität im Seemanschen Sinne ist also paradox. Logische Filtersouveräntit wäre das Recht meine Privatsphäre frei zu definieren und zu entscheiden, welche Informationen aus ihr herausdringen können.

Das bedeutet dann auch, dass Zensur nichts anderes ist als ein weiterer Filter, der den Informationsfluss hemmt. Wer diesen Filter setzt, ist nebensächlich, da das Ausüben der Seemannschen Filtersouveränität auch nichts anderes als Selbstzensur ist. Zensur stört keine wie auch immer geartete Filtersouveränität sondern den Informationsübertragung als solche. Und die besteht jenseits jedes Filters aus Sender und Empfänger. Wenn der Sender nicht senden will, hat der Empfänger Pech gehabt. Wenn es ethisch verwerflich sein soll, nicht senden zu wollen, dann müsste die Emfpangsverweigerung, also das Filtern ebenfalls ethisch verwerflich sein.

Allein die Tatsache, dass es so etwas wie ein Einschreiben bei der Papierpost gibt, die sicherstellt, dass beispielsweise eine Vorladung vor Gericht auch wirklich ankommt, ist ein Beispiel dafür, wie sinnlos und illusionär der Wunsch nach Filtersouveränität ist. Eher müssen wir uns fragen, in welchen Fällen der Sender das Senden und der Empfänger das Empfangen verweigern dürfen soll. Das ist die Frage nach der Datengerechtigkeit.

Kommentare

  1. Kommentar von mspro | 01. Feb. 2011 um 00:51:13

    herrje, ich kann gar nicht alles aufzählen, was du hier alles durcheinander bringst. zumindest heute nicht mehr. werde es morgen mal probieren.

  2. Kommentar von Enno | 01. Feb. 2011 um 00:52:12

    *lach* klar, mach in Ruhe…!

  3. Kommentar von Jens Best | 01. Feb. 2011 um 02:55:29

    der artikel fängt mit einem weltfremden tweet an, das vor lauter selbstgerechtem, asozialem nerd-gallengift nur so trieft, schlängelt sich dann in völliger geschichtsvergessenheit des menschlichen erkenntnisprozesses durch bis zu einem crescendo, dass in libertärem individualisten-wahn wirkungslos explodiert.

    nur soviel: there’s reason why the word “people” having no singular.

  4. Kommentar von mspro | 01. Feb. 2011 um 12:35:07

    Also das wichtigste: Der Unterschied zwischen Zensur und Filter. Den scheint es bei dir schlicht nicht zu geben. Wenn jemand mir eine Information nicht sofort weitergibt, dann ist das Zensur? Muss ich jetzt die ganze public timeline von Twitter retweeten um nicht zu zensieren?

    Und NATÜRLICH ist man bei der sozialen Filterung auf andere angewiesen. Das habe ich schon vor langer Zeit in dem Begriff “Distributed Reality” zu fassen versucht. Man sucht sich verteilte Filter und Filter von Filtern. Filtersouveränität als reine Selbstbeschaffung von Informationen ist keine Filtersouveränität, sondern eine Illusion. Wir stehen immer auf Schultern von Giganten und können nicht mal davon herunter steigen, selbst wenn wir es wollten. Aber welche Filter man nun benutzt, das bleibt einem selbst überlassen.
    Überhaupt: eine Filtersouveränität, wie du sie oben beschreibst, wäre eher eine Wüste.

    3. Das Resultat wird NIEMALS der perfekte Filter sein und das ist auch nie irgendwann eine Forderung gewesen.

    4. Dein Filterbergriff ist ein ziemlich plumper. Es geht bei der Auswahl der Filter nämlich nicht darum genau zu wissen, welche Information mal genau will (oder nur selten), sondern nur die ungefähre Abschätzung, ob die Informationen, die mir ein Filter liefert in Zukunft für mich sinnvoll sein wird. Ohne zu wissen, was die Information denn nun ist.

    5. Wenn ich mich entschließe, etwas zu irgnorieren, kann das gern Selbstzensur nennen. Dass es (siehe Einschreiben) nicht immer klappt im jetzt ist doch aber kein Gegenargument. Ich habe doch nicht versucht einen Istzustand zu beschreiben, sondern eine Tendenz in die Zukunft gezogen und eine mögliche Ethik aufzuzeigen. Dass jetzt mit der Realität abzugleichen ist unredlich.

    Zu der politischen Forderung: Natürlich Zensur in dem klassischen Sinne, der tatsächlichen unzugänglichmachung von Information jedweder Form. Klar, wenn man nicht so einen völlig absurden Zensurbegriff mit sich führt. Zweitens: Plattformneutralität. Sie soll auf allen Ebenen genau das duchsetzen, dass ich Dinge igrnorieren kann. Dass ich auf eine Arbeit verzichten kann und auch dass ich Einschreiben igrnorieren kann. Vielleicht utopisch, aber so war es ja auch angedacht.

    Zuletzt: ich bin etwas enttäuscht. Ich dachte, du hättest dich tatsächlich etwas ernsthafter mit meinen Themen auseinandergesetzt.

  5. Kommentar von Antje Schrupp | 01. Feb. 2011 um 12:38:19

    Worum es hier geht, ist doch das Vertrauen in Beziehungen. Wer “Filtersouveränität” nutzen würde, um nur noch das zu sich durchzulassen, wovon er vorher schon wusste, dass es ihn interessiert, wird letzten Endes dumm, weil er sich von jeder Möglichkeit abschneiden würde, etwas Neues zu lernen. Das Schöne an social networks ist doch gerade, dass mir die Leute dort Dinge vorschlagen, auf die ich selbst nicht kommen würde – also auch vermeintlich “Unerwünschtes” – und zwar gerade nicht in Form von inhaltlichen Querys (Begriffe), sondern in Form von personenbezogenen Querys (Menschen). Deshalb ist auch Zensur etwas völlig anderes, weil ich da die “Beziehung” mir nicht selbst aussuche (also Vertrauen eine Rolle spielt), sondern aufgedrückt bekomme.
    Das Retweet-Beispiel ist insofern Mummpitz, weil man sich ja bewusst entscheidet, etwas zu retweeten oder nicht. In dieser Hinsicht gibt es keinen prinzipiellen Unterschied zwischen selbst verfassten und weitergeleiteten Informationen.

  6. Kommentar von mspro | 01. Feb. 2011 um 13:39:38

    Antje, die Filtersouveränität sagt eben nicht, dass du diesen oder jenen filter nehmen solltest um x oder y zu erreichen, sondern dass du Filter und grund des filterns selbst entscheiden können sollst. Du sollst auch als SPDler alle CDUler follown können um dir deren Meinung anzuhören oder umgekehrt. Oder nicht. Oder alles. Oder nichts. Egal, wie du willst.

  7. Kommentar von Antje Schrupp | 01. Feb. 2011 um 13:49:34

    Ja, genau. Aber – und ich finde der Artikel von Enno ist dafür ein Beispiel – die Ebene der Beziehungen und des Vertrauens wird dabei oft unterschätzt, weil viele bei “Filter” und “Query” eben schnell an Themen oder Suchbegriffe denken. Also ich setze mich gar nicht mit dem Konzept Filtersouveränität auseinander (das mich überzeugt), sondern bin schon dabei, die Details auszuarbeiten :)

  8. Kommentar von Jens Best | 03. Feb. 2011 um 00:56:06

    Über das Reduzieren sozialer Komplexität und damit das Rekonstruieren von Vertrauen in großen Gemeinschaften hat u.a. Luhmann den wunderbaren kleinen Reader “Vertrauen” geschrieben.

    Ich hatte den ja schon an anderer Stelle als Einstieg empfohlen, um diese doch typisch nerd-verwirrte Debatte mal ein wenig auf ein Level zu bringen, auf dem nicht so getan wird, als wären wir gerade erst aus dem Nichts in diese Situation gefallen.

  9. Kommentar von Enno | 05. Feb. 2011 um 18:32:16

    @mspro : Sorry, ich schaffe es zeitlich nicht, darauf einzugehen, will und werde das aber noch tun.

    @Jens Wenn du Huxi in deinem allerersten Kommentar oben asozial findest, dann gibst du damit zu, dass Filtersouveränität an sich asozial ist.

  10. Kommentar von Robert | 08. Jul. 2011 um 12:48:59

    Für mich ist Twitter ehh eine überflüssige Seite… ist vielleicht für manche Groupies interessant, die immer über Ihre Fans informiert sein wollen. Demnächst wird Twitter auch noch mit Werbung zugepackt, damit sich Projekt auch mal finanziell lohnt…. also von mir aus kann Twitter abgeschafft werden! ^^

  11. Kommentar von Nikl | 26. Nov. 2011 um 16:58:13

    Genau, wer soll denn die ganzen Tweets noch lesen?? Da könnte ich ja den ganzen Tag nichts anderes machen :)


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