Was uns „Euroweb vs. Nerdcore“ über Postprivacy und Informationskontrolle lehrt

Heute hatte ich auf Twitter wieder einen kleinen Schlagabtausch mit Michael Seemann. Es geht um die Geschichte „Euroweb vs. Nerdcore“ und die Tatsache, dass Euroweb dem Nerdcore-Betreiber René Walter die Domain weggepfändet hat, sodass sein Blog offline ging. Die ganze Geschichte kann man hier oder hier nachlesen. Zwar gibt es berechtigte Zweifel daran, ob Euroweb die Domain nicht doch wieder zurückgeben muss, mit „Zensur“ hat das ganze aber eher nichts zu tun. Dass die Firma Euroweb „umstritten“ ist, wie Udo Vetter es formuliert, ändert nichts an ihren Rechten.

Auf das obligatorische Zensurgeschrei musste man trotzdem nicht lange warten. Interessant finde ich, dass kaum einer erwähnt, dass es zu einem Prozess vor Gericht kam, zu dem René Walter offenbar einfach nicht erschien und auch das ihm aufgebrummte Strafgeld nicht (rechtzeitig) bezahlte, woraufhin Euroweb die Domain Nerdcore.de pfänden ließ, um sie zu versteigern. Von Zensur kann also gar keine Rede mehr sein: Niemand verbietet René, sein Zeugs anderweitig ins Netz zu stellen. Naja fast:

Bei der Abmahnung, die dem Gerichtstermin zu Grunde lag, ging es darum, dass Euroweb bestimmte Aussagen aus dem Nerdcore-Blog entfernen lassen wollte. Und da springt die Postprivacy-Fraktion wieder an: Sowas sei böse und Zensur. Ist es das wirklich? Müssen wir alle Paragraphen rund um Beleidigung, üble Nachrede und geschäftsschädigendes Verhalten aus BGB und StGB streichen, weil jeder alles sagen dürfen soll? Auch eine beleidigende und Menschen verachtende weil behindertenfeindliche Formulierung wie „Zählt für die überbezahlten Pfuscher eigentlich das Behindertengleichstellungssetz“ (Zitat Nerdcore)?

Mag ja sein, dass andere da ein anderes Empfinden haben, aber ich finde es ganz OK, dass nicht jeder alles (ungestraft) über mich behaupten darf und ich mich bei Bedarf gerichtlich dagegen wehren kann. Einige versteigen sich nun zu der These, dass wir schon deshalb in einer bösen Welt leben, weil Euroweb René überhaupt verklagen konnte. Seit wann entscheidet ein Mob von Bloggern anstelle eines Gerichtes über die Zulässigkeit einer Klage? Und wenn René so gar nichts schlimmes an seinen Äußerungen findet, warum hat er sich dann nicht einfach vor Gericht verteidigt?

Ich will aber auf etwas anderes hinaus: Michael hat mit seinem „radikalen Recht des Anderen“ den Begriff der Filtersouveränität geprägt – nur der Adressat einer Nachricht sei befugt, Information zu filtern. Informationskontrolle und Werkzeuge zur Informationskontrolle lehnt er ab. Daraus leitet er ab, dass Euroweb kein Recht habe, jemanden wegen seiner öffentlichen Äußerungen abzumahnen und Gerichte kein Recht haben, darüber zu entscheiden. Über Blogger, die diese Angelegenheit nicht ganz so schwarzweiß sehen, hat er auch eine ziemlich explizite Meinung:

Ich wies ihn darauf hin, dass er dann streng genommen auch ein Problem damit haben müsste, wenn ich meine Daten verschlüssele – er seit ja gegen Informationskontrolle – worauf er generös antwortete: Natürlich dürfe ich meine Daten verschlüsseln, aber ein Hacker dürfe die Verschlüsselung auch knacken. Dem Postprivacy-Ideologen ist es also egal, woher Daten stammen, mit welcher Intention sie von wem veröffentlicht wurden und ob sie überhaupt veröffentlicht wurden.

Dass Staaten keine Geheimnisse haben sollten (Stichwort Wikileaks) ist logisch, wenn man den Staat als Diener seiner Bürger betrachtet . Dass ich als Mensch aber nicht darüber entscheiden dürfen soll, ob ich beispielsweise meine sexuelle Orientierung verheimliche und zugleich niemandem verbieten darf, solche Informationen über mich preiszugeben – unabhängig davon ob sie zutreffend sind oder nicht – kann man nur noch als Datenterror bezeichnen.

Postprivacy nach Michael Seemann ist ein informationelles Hauen und Stechen, bei dem sich der Stärkere durchsetzt, und das ist in einer Postprivacy-Gesellschaft eben nicht derjenige mit dem vielen Geld und den besseren Anwälten sondern derjenige mit der größeren informationellen Reputation und Beliebtheit – oder der Datenhändler und Querymanipulateur mit der größeren kriminellen Energie. Ich schlage also vor, den Begriff „Filtersouveränität“ künftig durch „informationelle Vergewaltigung“ zu ersetzen. Das ist ehrlicher. Die Postprivacy-Gesellschaft wird in Sachen Daten(schutz) ein wilder Westen sein, wenn wir ihr keine Regeln auferlegen.

43 Antworten auf „Was uns „Euroweb vs. Nerdcore“ über Postprivacy und Informationskontrolle lehrt“

  1. Vielen Dank! Der Artikel gibt wunderbar wieder, dass wir noch ein ganz großes Problem haben. Und: wir sind echt noch nicht bereit, dieses riesige und teils unfassbare Monster Post-Privacy zu leben, zu gerne möchte ich doch einige Daten und Informationen für mich behalten.

    Danke, enno!

  2. Problem ist doch die Verhältnismäßigkeit. Nerdcore hätte sicher auch andere Werte gehabt die man hätte pfänden können weil er die letzte Rate nicht bezahlt hat. Normal kommt ein Gerichtsvollzieher und sagt das kann man mitnehmen, und dies eben nicht. Den Volksverblöder TV hätte nicht gepfändet werden können. Aber sein Computer und seine Internetadresse, damit auch seine Emailkommunikation und Kontakte. Es darf im Jahr 2011 nicht mehr sein das Rechner und Domains gepfändet und beschlagnahmt werden. Diese neuen Medien sind mittlerweile Teile der Persönlichkeit und sollten besonderen Schutz haben und dürften nicht das erste sein was gepfändet werden kann. Wenn überhaupt, dann als allerletztes.

    Problem ist das wir hier von Richtern verrichtet werden die aus einer anderen Zeit kommen und mit anderen Werten leben. Sogar das Bundesverfassungsgericht ist da schon weiter und sagt: Es gibt ein Grundrecht auf Gewährleistung der Vertraulichkeit und Integrität informationstechnischer Systeme.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Grundrecht_auf_Gew%C3%A4hrleistung_der_Vertraulichkeit_und_Integrit%C3%A4t_informationstechnischer_Systeme

  3. enno, ich empfinde das ähnlich wie du. was mich auch zuweilen nervt, ist, dass sich einige, ich sag mal alte bloggerhasen, immer sofort eine verschwörung wittern.
    manchmal ist es eben s.o.: so ne und so ne gibt es überall.

    postprivay nach michael wär vollkommen in ordnung, wenn menschen alles, was sie tun, wahraft liebend tun. dann würden sie auf höchst gesunde weise daten filtern. nur ist das nicht die realität, wird es wohl auch leider nie.
    ich glaube niemandem, der behauptet, er versuche nicht zumindest zu steuern, was er von sich preisgibt. das tun wir doch alle. da sorgt schon allein das unbewusste oder das über-ich für. das muss man erst mal autricksen. solang wir gehirn und seele nicht wirklich anzapfen können, bleibt postprivacy doch eh nur ein versuch.
    vielleicht etwas polemisch, aber da bin ich ja nicht allein auf dem parkett.
    ich finde sehr wohl, dass jeder das recht hat, sich auszusuchen, wen er wie in sein leben, sein denken und sein herz schauen lässt. ein rezipient kann noch so gut filtern. das, was wirklich IST, kann niemand erfassen.

  4. Geht es bei der „Postprivacy nach Michael Seemann“ nicht in allererster Linie um Selbstbewusstsein, Selbstbewusstsein dass das eigene Tun und Handeln, die eigene Unternehmung nicht schlecht oder gar böse ist. Wenn Euroweb sich selber nichts vorzuwerfen hätte, müsste es nicht mit so einer Aggressivität auftreten.

    Sicher hat René durch seine Versäumnisse eine erheblich Schuld daran, dass die Pfändung überhaupt möglich war. Aber das er für seine negativen Aussagen über ein _Unternehmen_ vor Gericht muss, ist doch lachhaft.

    Soll die CDU, Apple, Google oder gar Sarrazin jeden gleich vor Gericht ziehen, sobald jemand sie beleidigt?

  5. @SebSemmi juristische Rechte stehen in keinem Zusammenhang mit dem Verhalten des Klägers oder Angeklagten. Und das ist auch gut so. Sonst würde ein Gericht ja sagen: Das ist ein Unternehmen, da ist immer irgendwo was faul, das darf jetzt eh nicht klagen. Oder der und der ist eigentlich ganz lieb, den bestrafen wir jetzt mal nicht. Es geht um Prinzipien.

  6. @poetin Sicher kann man auch in der Post-Privacy entscheiden, wen man in sein „Herz und seine Gedanken“ schauen lässt. Wenn man diese Dinge aber dem Internet preisgibt, muss einem klar sein, dass man diese Dinge damit de facto der ganzen Welt preisgibt. Und sobald diese Informationen raus sind, hat man einfach keine Kontrolle mehr, was damit alles passieren kann – Kontrollverlust.

  7. Hm. Ich finde nicht, daß jeder alles sagen kann. Es gibt eine ganze Reihe Konventionen, die bisher das menschliche Miteinander in grossen Teilen knautschfreier gemacht haben, und für mein Teil möchte ich nicht darauf verzichten. Die vernichtendsten Kritiken und Werturteile habe ich von Menschen gehört oder gelesen, die kein einziges beleidigendes Wort dafür in den Mund nehmen mussten.

  8. @SebSemmi soweit geh ich d’accord. aber was ist mit den daten, die ich offline preisgebe und die ein anderer ins netz jagt? wo fängt der respekt an und wo hört er auf? ich find das alles nicht grundsätzlich schlecht mit post-privacy. aber ich finde das alles kniffliger, als manche scheinbar. im grunde bleibt wohl nur eins: mit dem prozess mitgehen. und vertrauen in einer welt, in der das völlig absurd erscheint.

  9. Huhu Ennomane,

    1) Ich teile deine Einschätzung zu 100% (und habe ja auch diesbezüglich gebloggt) und vor allem

    2) Wieso nimmst Du ausgerechnet bei der Rechtsbetrachtung jemanden wie Seemann, der ohne Not die Rechte anderer (Creative Commons) ignoriert (siehe FAZ-Geschichte) ernst. Wer Rechte Anderer derart mit den Füssen sollte SEHR still sein. Entgegen Seemanns Wunsch ist das Web eben KEIN rechtsfreier Raum – für niemanden. Auch nicht für Blogger.

  10. Ja. Ein Aspekt, der Geschichte ist mir noch zu wenig beleuchtet. Die in der Tat beleidigenden und diskriminierenden Äußerungen stammen wohl aus dem Jahr 2006. Es wäre interessant, zu wisse, warum Euroweb jetzt dagegen vorgeht und ob ein Zusammenhang mit den kolportierten Klagen unzufriedener Kunden besteht. Wenn es ein Gutes im Bösen gibt, dann vielleicht, dass es für Klein- und Kleinstunternehmen deutlich attraktivere Möglichkeiten gibt, um im Netz auf sich aufmerksam zu machen.

  11. Euroweb hat allerdings ein etwas befremdliches Geschäftsgebaren und gehört zu einem größeren Geflecht von ähnlich agierenden Firmen. Viele Blogs wurden nach aufwändiger Recherche verklagt und haben aufgegeben.

    Hier findet man das ganze Drama zu #euroweb
    http://t.co/d0PmoVu

    […das Netz vergisst nicht!]

  12. Jetzt mal ab von dem theoretischen Teil. Mir dreht sich der Magen um, wenn ich so rechtspositivistische, staattragende „selber Schuld“-Kommentare zu der Domainpfändung lese.

    Was ist das für eine angepasste Spießerblogosphäre? Sind wir jetzt alle staatstragende Beamtenschreiber, die die Solidarität verweigern, wenn sich nicht sofort jeder dem Systemprozedere unterwirft?

    Natürlich geht es hier um Zensur! Und zwar eindeutig. Es soll jede Kritik an Euroweb aus dem Web verschwinden und das seit Jahren. Und Du und andere machen den vorrauseileden, staatstragenden Verwaltungsschergen.

    Aber bitte. Wenn du dich da wohl fühlst.

  13. ich hab das Gefühl diese Diskussion driftet allgemein ins schwarz/weiße ab…
    Ohne wirklich alle Fakten zu kennen wird der ein oder andere in Schutz genommen und die „gegnerische Partei“ verflucht.

    @mspro: Sorry, wenn ich das lese, dreht sich bei mir der Magen um. Du kannst Gesetze – unabhängig ob gut oder schlecht – solange sie es gibt nicht schlichtweg ignorieren, nur weil du sie für falsch hältst. Das hat auch nichts mit verweigerter Solidarität zu tun.
    Mir gefällt einfach nicht, dass ein Individuum zu irgendetwas mit unklarer Faktenlage aufruft und alle mitmachen und draufhauen.
    da läuft meiner Meinung nach etwas schief.

  14. ich glaube, hier werden gerade mehre dinge mit einander vermischt.

    1. kann ein unternehmen jemanden abmahnen und vor gericht zerren, weil sich das _unternehmen_ durch bestimmte aussagen „beleidigt“ fühlt. in deutschland geht das scheinbar, auch dank dem abmahnwesen. meiner meinung nach, NEIN!
    2. das die pfändung jetzt durchgeführt wurde, ist definitiv rené seine eigene schuld. er hat halt wichtige dinge versäumt, unabhängig davon, ob er eine schweres jahr hatte. that’s life…

    das ändert aber nichts daran, dass es falsch ist, dass ein unternehmen schlechte pr über sich verschwinden lassen möchte, egal auf welche unterem niveau das stattgefunden hat. das ist definitv zensur. alleine das wir uns alle gerade überlegen, was wir wie über euroweb schreiben, ist die „schere im kopf“

  15. Das „Abmahnwesen“ ist ja lediglich die Vorstufe zum Gerichtsverfahren und m.E. nicht schlecht (Ausnahme missbräuchliche Abmahnungen).

    Wo fängt Unternehmen an und wo hört Privatperson auf? Die Gesetzgebung sieht nun mal vor, dass Unternehmen in manchen Dingen gleiche Rechte wie Privatpersonen besitzen.

    Kann man Kritik nicht auch sachlich formulieren und trotzdem zum Punkt kommen? Wo ist da das Problem?

  16. @mspro:

    Du schreibst ja selbst, dass Du in Deinem Blog Kommentare von „Trollen“ zensierst? Woher nimmst Du für Dich dann eigentlich das moralische Recht, andere für ihre (nach Deiner Definition) Zensur-Maßnahmen zu verurteilen? Und auch die Menschen zu diffamieren, die für diese Maßnahmen lediglich Verständnis zeigen und nicht aktiv zensieren, wie Du.

    Du verhältst Dich wie Euroweb, oder nicht? In Deinem Fall werden die Zensurmaßnahmen vorher noch nicht mal von Dritten abgesegnet.

    Ständig „Angepasste Spießer“ rufen und sich selbst als Rebell inszenieren nutzt sich irgendwann auch ab. Vor allem wenn man parallel für Springer schreibt.

  17. Naja, diese argumentativen Ego-Shooter verwässern die Thematik meines Erachtens etwas. Und die Thematik ist auf der einen Seite natürlich nicht Zensur, sondern rechtsstaatliche Prinzipien. Und grundsätzlich hat zu gelten: Auch Arschgeigen dürfen rechtstaatliche Prinzipien für sich in Anspruch nehmen. Wenn sie dadurch Prozesse gewinnen, so soll es sein.
    Auf der anderen Seite lese ich aber heute – massenmedienkonform ausgedrückt – einen Teil der Kritik von René Walter an Euroweb in der Printausgabe der Süddeutschen Zeitung. Das finde ich schlicht großartig.

  18. Diese ganze Post-Privacy-Diskussion ist übrigens sehr schön in einem Roman zusammengefaßt worden. Er heißt Kallocain und wurde 1941 von der Schwedin Karin Boye geschrieben.

  19. @mspro

    „die die Solidarität verweigern, wenn sich nicht sofort jeder dem Systemprozedere unterwirft?“

    Warum sollte ich mich mit jemandem solidarisieren, der Schimpfwörter verwendet, die mich diskriminieren?

  20. @SebSemmi

    kann ein unternehmen jemanden abmahnen und vor gericht zerren, weil sich das _unternehmen_ durch bestimmte aussagen „beleidigt“ fühlt. in deutschland geht das scheinbar, auch dank dem abmahnwesen. meiner meinung nach, NEIN!

    Es geht nicht um Beleidigtsein, aber wenn wüste Beschimpfungen dazu führen, dass ein geschäftlicher Schaden eintritt, hat auch ein Unternehmen das Recht, sich zu wehren. Außer die Entschimpfungen entsprechen der Wahrheit (dann sollten sie sachlich und mit Belegen vorgebracht werden) oder bilden eine Meinungsäußerung (dann sollte sie als solche formuliert sein und keine schmähenden Elemente enthalten). Mit Beileidung als solcher hat das nur am Rande zu tun.

  21. Oh ja,

    einfach mal Danke, d’accord und Hut ab. Es gibt im Netz auch noch Menschen. Es gibt Gehirne und es gibt durchdachte Meinungen.

    Normalerweise finde ich es ja blöd, einfach Honig ums Maul schmierend durch Kommentare zu „glänzen“. Hier ist es jedoch einfach mal angebracht.

    Gruß, Sven

  22. @Sascha Stoltenow

    Das ist der Aspekt, den es nicht gibt.

    1. Dem Beleidigten müssen die Beleidigungen erst einmal aufgefallen sein.
    2. Dann hat er sich rechtlich unverbindlich an den Verfasser gewandt.
    3. Hierauf hat er sich rechtsverbindlich wiederholt (Abmahnung).
    4. Er hat sich gerichtlich abgesichert.
    5. Es kam nach Zeit zu Stellungnahmen zur Hauptverhandlung und man musste auf die Entscheidung warten.
    6. Es musste die Frist für die Rechtsmittel eingehalten werden.
    7. Es musste dem Verfasser ausreichend Zeit eingeräumt werden den Schaden selbsttätig zu begleichen.
    8. Jetzt erst hat der Beleidigte seinen Anspruch per Zwang durchgesetzt.

    Vier Jahre sind da nicht so lange. Und dem Beleidigten vorzuwerfen, er hätte nicht schnell genug zurückgeschlagen, ist sowieso eine seltsame Haltung.

  23. @mspro: …die die Solidarität verweigern, wenn sich nicht sofort jeder dem Systemprozedere unterwirft?”

    Ich kenne die Gründe nicht, die René Walter bewogen haben, nicht (also weder systemkonform noch sonstwie) auf die Schritte der Gegenseite zu reagieren. Ich fände es nicht zuviel verlangt, dazu mal klar Stellung zu beziehen, denn ich könnte mir vorstellen, dass nicht allzu viele Blogger Bock darauf haben, für die Folgen von Dusseligkeit oder Selbstüberschätzung auf Seiten von Walter aufzukommen. Desweiteren fragt sich vielleicht auch mancher, ob jede dahingerotzte Schmähung eines Internetunterhalters unbedingt mit dem Banner der Meinungsfreiheit verteidigt werden muss, auch wenn sie lange unbeanstandet im Archiv vor sich hin müffelte.

    Davon abgesehen würde ich Euroweb trotzdem dahin wünschen, wo der Pfeffer wächst, keine Frage.

  24. Liebe Enno, deine Kampfbereitschaft für die Rechtsstaatlichkeit in allen Ehren, aber ich finde, hier wird auch einiges zu schnell in eine Tonne geworfen.

    Der Begriff der Filtersouveränität ist zu wichtig, um ihn pauschal als Aufruf zur informationellen „Vergewaltigung“ zu betiteln (und nebenbei gesagt, wer sich über die agitative Verwendung des Wortes „Behindertengleichstellungsgesetz“ aufregt, sollte nicht mit „Vergewaltigung“ ähnliches versuchen)

    Meinungen anderer Personen über mich und Aspekte meiner Person, die mit der Teilnahme an der Gemeinschaft zu tun haben und somit zum öffentlichen Raum gehören, sollten auch im öffentlichen Web (suchmaschinenlesbar, ohne Login zugänglich) verfügbar sein können.

    Das ganze wird begrenzt durch ein nur teilweise juristisch einklagbare, auf jeden Fall aber soziokulturell definierbare gegenseitige Wertschätzung und Rücksichtnahme. Eine Befähigung zur Streitkultur wäre eine wichtige Bildungsmassnahme im Informationszeitalter. Die wirkliche Freiheit der Meinungsäußerung insbesondere gegenüber Unternehmenskörperschaften eine andere.

    Die Möglichkeit der Erinnerungsfähigkeit der Gemeinschaft steht vorrangig zur Möglichkeit des Einzelnen Vergangenes aus dem öffentlichen Gedächtnis zu löschen. Selbst-Lobotomie durch chirurgische Eingriffe oder Alkohol/Drogenmissbrauch sind dem Einzelnen selbstverständlich freigestellt. (-> s. Greg Egan ;)

    Die größte Herausforderung ist die selbstverantwortliche Fähigkeit des Informations-Empfängers zur Kontextualisierung des Aufgenommenen bzw. die Verpflichtung im Zweifelsfalle ohne genügend ausgeglichene Informationslage keine radikalen Entscheidungen gegenüber dem Sender oder dem beschriebenen Objekt endgültig zu treffen. Gelassenheit und ein gerütteltes Maß an Menschlichkeit und Höflichkeit sind hier die Stichworte.

    In einer Welt der sich ständig überschlagenden tausendfachen Interessenslagen (mit stark variierenden und tagesaktuell schwankenden emotionalen Intelligenzquotienten der Subjekte) ist das alles eine große Herausforderung für Menschen, die durch die Jahrzehnte des Neoliberalismus an einen übersteigerten (Pseudo)Individualismus und Anspruchsdenken gewöhnt sind.

    Das auch der einzelne Bildzeitungs-”Journalist” als Mensch im herrschenden System Fehler macht und somit partiell Opfer wird, entschuldigt nicht unbedingt das individuelle Verhalten, macht aber klar, dass statt gegenseitiger Zerfleischung ein Nachdenken über systemische Förderung von Ungerechtigkeit im Vordergrund stehen sollte. (s.a. Kommentar bei Niggemeier -> http://ow.ly/3G7S0 )

    Das Web verstärkt die Effekte, die in einer Gesellschaft/Gemeinschaft
    den Umgang bestimmen. Dem Web durch technische Vorgaben oder gar Gesetze das Vergessen vorschreiben zu wollen, grenzt an Selbstverachtung. Das Web ist ein Spiegel der Gesellschaft, jede ernstzunehmende Änderung, die im Web gefordert wird, sollte also eher gesellschaftlich/gemeinschaftlich in der Restrealität angegangen werden. Wer das Spiegelbild des Gegenüber wütend anschreit oder das durch Fremde verzerrte eigene Spiegelbild beweint, ist nichts weiter als ein Affe, der nicht verstanden hat, das Realität nicht im Spiegel entsteht.

    PS: Dies ist eine Anregung mal entspannt langfristig nachzudenken, keine adhoc-Lösung.
    Aktuell muss ich z.B. auch damit leben, dass eine hass-erfüllte und unreflektierte Meinung eines Bloggers (Sieckendieck) unter den 10 ersten Suchergebnissen(google) bei meinem Namen steht. Dieser Mann hat nie mit mir gesprochen und hat wenig dialektische Kompetenz hinsichtlich des Themas, in dem er versucht mich niederzuschreiben.

    Aber ihn deswegen jetzt wegen Verleumdung anzuzeigen wäre genau das, was das aktuelle System von mir erwartet (ein Hauen und Stechen) – ich habe einfach Mitleid und vertraue auf bei den durch diesen Artikel “beeinflussten” Personen auf das Korrektiv der Verzögerung.

    –dies ist in großen Teilen ein cross-geposteter kommentar, den ich auch bei drüben bei metronaut untergebracht habe (sorry, I’m lazy)

  25. @Jens danke für deinen ausführlichen Kommentar. Die Antwort wäre nochmal ein Blogpost für sich. Nur soviel: Du hast soweit recht, dass Filtersouveränität ein neutraler Begriff ist. Ich wende mich vor allem dagegen, sie radikal und vollständig dem Adressaten zuzuschreiben. Auch persönliche, nicht öffentliche, private und intime Daten. Michael konstatiert das, er will sogar ein Recht, auf verschlüsselten Festplatten herumzuschnüffeln. Das ist mit viel viel zu radikal. Da seine mittlerweile recht absurden Forderungen ernst gemeint sind, reagiere ich entsprechend. — Filtersouveränität: Hier hat ein Ausgleich zwischen Sender und Empfänger stattzufinden. Die Ausbeutung meiner persönlichen Daten empfinde ich als Akt der Gewalt mir gegenüber. Auf Twitter habe ich kürzlich den Begriff der Datengerechtigkeit eingeführt. Dazu demnächst mehr.

  26. Filtersouveränität ist eine originäre Eigenschaft des Information-aufnehmenden Individuums. Die Befähigung zu jener ist eine Aufgabe der Gemeinschaft. Aktuell gibt es ein umfassendes Versagen in dieser Aufgabe.

    Da die Befähigung zur Filtersouvernität eine DER praktischen Grundlagen für den selbstbestimmten Bürger in der Informationsgesellschaft darstellt, wird die Einführung von den herrschenden Kräften der sterbenden alten Gesellschaftsrealität und des neuen digitalen Kapitalismus entsprechend behindert bzw. mit manipulativen Zwischentönen verzögert.

    Es sollte klar sein, dass diejenigen Webdenker, die die Idee der post-privacy anführen dies mit einer Intention machen, die nicht der Auflösung von genereller Menschlichkeit dient, sondern durch ein offenes Denken Fragestellungen anregen sollen, die den Kern des Miteinanders betreffen.

    Sich mal für einen Moment von der viel zu oft als gegeben hingenommenen Tatsache des Homo homini lupus est zu lösen, mag utopisch erscheinen, aber nur so kann der Mensch über sich hinauswachsen. Wenigstens mal im theoretischen Spiel mit dem alltäglichen Miteinander.

    Diesen Prozeß mit wildem „Das darfst du nicht“-Geschrei zu unterbrechen ohne als Grund mehr als ein reflexartiges „böse“,“Stasi“ usw. anzuführen, ist pure Ubereaktion.

    Diejenigen, die post-privacy nicht als Grundlage ihres Geschäftsmodell sehen und deswegen propagieren, wie etwa Zuckerberg oder der kapitalistische Krebs im Google-Körper Schmitt, sondern als Gedankenexperiment für ein generelles Miteinander öffentlich diskutieren, sollten mehr kritische Offenheit gerade von denen bekommen, die mit eigenen Blogs oder Netzaktivismus auch an den Änderungen des status quo interessiert sind.

    Um vom Wissen (oder Ahnen) zum Handeln zukommen, sollten die bloggenden Individuen sich ein wenig mehr über die Komplexität der Kommunikationsebenen bewusst sein. Fährtenlesern der Zukunft, die dauernd über den gleichen Stein stolpern, folgt der interessierte und filtersouveräne Leser eben immer weniger gerne.

  27. Ich habe zunächst auch gedacht, dass es sich um behindertenfeindliche Äußerungen handelt. Bei einem Vergleich des Satzes aus dem kursierenden Schriftstück fiel mir jedoch auf, dass der Satz nicht:

    „Gilt…eigentlich das Behindertengleichstellungsgesetz?“ lautet sondern „Gilt …eigentlich nicht das Behindertengleichstellungsgesetz?“.

    Dieses „nicht“ macht für mich den Unterschied und ich denke deswegen, dass hier ein Missverständnis vorliegt.

    Dem Rest stimme ich jedoch zu. Ich habe ebenfalls die Befürchtung, dass es ein Hauen und Stechen wird. Und ich frage mich, was eigentlich so schwierig daran ist, die Privatsphäre anderer Menschen zu respektieren und zu akzeptieren? Was ist eigentlich mit uns los, wenn „man“ immer öfter sagen muss: „Das möchte ich nicht bei Twitter lesen“ oder „das Foto möchte ich nicht bei Flickr sehen“? Die tolle Freiheit des Web entwickelt sich mehr und mehr zur Unfreiheit für die, die restriktivere Grenzen zwischen öffentlich und privat ziehen wollen als andere ihnen zugestehen möchten.

  28. Was es uns auch lehrt: Wenn man schon viele unzufriedene Kunden hat – zumindest sieht es so lt. den Google Ergebnissen aus – sollte man nicht noch zusätzlich seine Reputation so dermaßen zerschießen.

Kommentare sind geschlossen.