sofa die ennomane

28. November 2010

Postprivacy my ass – von der Utopie des perfekten Filters

Postprivacy beschreibt das Ende der Privatsphäre im Zeitalter der totalen Vernetzung. Die Kontrollverlust-Debatte dreht sich darum, was Privatsphäre, Privatheit und Öffentlichkeit eigentlich bedeuten und wie sie in eine digitale Welt hinüber zu retten sind, was man auch den konservativen Ansatz des Datenschutzes nennen könnte – oder aber ob Datenschutz vielleicht völlig obsolet ist in einer Welt umfassender Datensammlungen, auf die ubiquitär und in Echtzeit zugegriffen werden kann – der progressive Ansatz, der nach Michael Seemann in eine neue Ethik gipfelt, welche das Zurückhalten von Daten als unmoralisch begreift und von ihm selbst “radikal” genannt wird. Nicht mehr der Sender soll entscheiden, was er von sich preisgibt, sondern der Empfänger die absolute Souveränität darüber erlangen, wie er filtert. Die Verweigerung von Information sei deshalb ethisch verwerflich, da das Recht des Empfängers, auf eigene Weise zu filtern, eingeschränkt würde. Unbeantwortet bleibt die Frage, warum der Empfänger ein solches Recht überhaupt haben sollte. Die Informations- und Meinungsfreiheit gibt ein solches Recht nicht her, wie ich noch darlegen werde.

Radikales Öffentlichmachen von bisher Privatem – im Grunde also das Konzept des Outings – zwingt die Öffentlichkeit geradezu, sich mit unangenehmen Dingen auseinander zu setzen und diese auf irgend eine Weise zu akzeptieren und in ihre Kultur einzubauen – oder aber zu bekämpfen. Das Coming-Out in der Schwulenbewegung wird immer wieder als Paradebeispiel dafür angeführt, dass es nicht darauf ankomme, Information zu unterdrücken und Privatsphäre irrelevant sei, sondern nur darauf, wie die Information gefiltert und verwertet wird, um die Gesellschaft zu verändern.

Das ist eine ziemlich Steile These: Ja, wir haben 30 Jahre nach dem Christopher Street Day ein Klima, in dem Homosexuelle zumindest in westlichen Ländern ihre Orientierung einigermaßen frei von Diskriminierung ausleben können. Wir haben aber auch Fälle von Übergriffen wie derzeit in Osteuropa, wir haben die Todesstrafe auf homosexuelle Handlungen unter Männern in islamischen Ländern, wir haben Selbstmorde von Jugendlichen, weil herauskam, dass sie schwul sind. Homosexualität ist nur ein Beispiel. In den westlichen Ländern gibt es noch immer genügend Tabus, deren Outing uns in der Familie, im Freundeskreis oder am Arbeitsplatz massiven Ärger machen können und längst nicht immer handelt es sich um Dinge, für die man etwas “böses” tun muss oder juristisch belangt werden kann.

Das gilt erst recht, wenn man den globalen Maßstab hinzunimmt. Eine Seltsamkeit der Kontrollverlustdebatte ist, dass nie darüber geredet wird, wie sich ein Tool wie Gaydar bei schwulen iranischen Facebook-Nutzern auswirken würde. Das Internet ist global und kann auch nicht mehr national heruntergebrochen werden, worauf wir in anderem Zusammenhängen wie “Zensursula” oder der Urheberrechtgsdebatte nicht müde werden hinzuweisen. Für die Kontrollverlustdebatte werden aber noch nicht einmal die Maßstäbe der liberalen westlichen Demokratien zu Grunde gelegt sondern das am Anarchismus schrammende Lebensgefühl der digitalen Boheme in Berlin Mitte.

Die platte Antwort auf Outing-Risiken aller Art: Das sei eben ein Problem der Gesellschaft, und überhaupt sei das Seemannsche Gedankengebäude rund um die Konsequenzen des Kontrollverlustet ja auch eine Utopie. Utopie ist so ein Wort, bei dem wir ganz genau hinhorchen sollten. Utopien wurden noch nie in der Menschheitsgeschichte verwirklicht und schon gar nicht so, wie sich ihre Vordenker das vorgestellt haben. Wer “Utopie” sagt, glaubt entweder selber nicht so recht, was er da propagiert, oder ist einer Ideologie verfallen.

Wenn man Thomas Morus liest, stellt sich immer mehr das Gefühl ein, eine Beschreibung der DDR zu lesen – von der Vereinheitlichung der Wohnverhältnisse (Plattenbau!) bis zur künstlich geschaffenen Insel in Abtrennung zu den Nachbarstaaten (Mauer). Ihm war die Welt zu chaotisch und er wollte mehr Gerechtigkeit aber auch mehr Ordnung schaffen – teils nach höchst subjektiven Kriterien.

Utopien sind mit dem Ende der mittelalterlichen Scholastik aufgetreten. Utopisch denkende Menschen glauben nicht mehr an jenseitige Verheißungen, sondern kritisieren das Diesseits und machen Verbesserungsvorschläge. Utopien und Visionen sind für einen Diskurs unbedingt nötig. So finde ich die Vision vom bedingungslosen Grundeinkommen dermaßen bestechend, dass ich sie propagiere und unterstütze, auch wenn ich mich wegen der ökonomischen Verwerfungen, die sie auslösen könnte, nicht trauen würde, sie von heute auf morgen einzuführen, wenn ich König von Deutschland wäre.

Es ist kein Zufall, dass Utopien in Europa mit der Aufklärung aufkamen, als das Christentum die Hoheit über das Denken verlor. Grundlage jedweder Utopie ist das Aufstellen von Regeln, an die sich dann alle zu halten halten haben, auf dass wir alle glücklich werden.  Damit ist sie prinzipiell totalitär – eine Verweigerung wird als Verfehlung angesehen. Der Verfechter einer Utopie darf sich ohne schlechtes Gewissen als etwas besseres fühlen als der Gegner, schließlich steht er wahlweise auf der Seite des Fortschrittes oder der reinen Lehre.

Der Totalitarismus-Vorwurf wird freilich im Lager der Google-Fanboys und Anbeter des Kontrollverlustes als Beleidigung aufgefasst. Schlecht gefiltert, kann ich da nur sagen, schließlich unterscheidet sich totalitäre Herrschaft von autoritärer dadurch, dass ein neuer Mensch zu formen ist, um eine Ideologie durchzusetzen. Und hier geht es um Herrschaft, legt doch Michael Seemann selbst nahe, dass sich sein Netz-Übermensch durchaus vom Nietzsche-Übermenschen und dessen Herrenmoral herleitet – die aber die Sklavenmoral als Kontext und gesellschaftlichen Resonanzboden benötigt.

Tatsächlich ist das Filtern von Information über eine Person, ohne dass diese Person an der Filterung mitbestimmen oder die Herausgabe der Information gar verweigern kann, ein Akt der Herrschaft, die voraussetzt, dass Information unter Zwang preiszugeben ist. (Bei freiwilliger Preisgabe wäre es auch sinnlos von “Kontrollverlust” zu sprechen – dafür müssten wir ein neues Wort einführen, zum Beispiel “Selbstkontrollverlust” oder einfach “Dummheit”.)

Es ist sogar gerade so, dass die Meinungs- und Informationsfreiheit Datenschutz geradezu voraussetzt. Daten können sehr wohl absichtlich falsch interpretiert und in infame Zusammenhänge gestellt werden, die dafür sorgt, dass die eigentliche Meinung eines Menschen völlig verzerrt wird. Der Filternde, der ja aufgrund seiner gefilterten Daten ein persönliches Urteil fällt, maßt sich an, besser über eine Person urteilen zu können, als diese Person selbst. Wenn jemand nicht frei darin ist, selber zu entscheiden, welche Informationen er preisgeben möchte und welche nicht, ist ihm damit indirekt die Meinungsfreiheit entzogen: Der Empfänger darf noch meinen, der Sender aber nicht mehr seine Meinung auf eine Weise kundtun, wie er gerne verstanden werden möchte.

Der Filternde legt sich seine Realität so fest, wie er sie gerne hätte. Irgendewann könnte es dann ein Korrelat von Eigenschaften geben, welches irgendwelche Zukunftsnazis als hassenswert empfinden könnten und auf dessen Basis sie ein paar (Tausend? Millionen?) Menschen umbringen, ohne dass diese Menschen eigentlich wissen, welches abstrakte Eigenschaftenbündel das nun eigentlich begründen soll. Sowas passiert nicht? Auch nicht mit Blick auf die letzten 100, 2000 oder 10000 Jahre Menschheitsgeschichte? Wirklich nicht?

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Kommentare

  1. Comment von mspro | 28. Nov. 2010 um 18:15:34

    herrje. Dass die Leute den Kontrollverlust immer noch als eine Option begreifen… Enno, wie kommst du darauf? Wo schreibe ich das?

    Gaydar ist kein tolles Tool, dass ich irgendwo lobpreise. Es ist schlichte und Realität. Was willst du dagegen tun? Was?

    Im Postprivacytext schreibe ich deswegen auch, dass sie eben KEINE Utopie ist. Dauernd schreibe ich das. Liest du dabei immer weg?

    Natürlich kannst du jetzt einfach dagegen sein. Das wird dir zwar wieder sicher den Jubel der unreflektierten Kommentatoren bringen, aber die Realität wird das nur leider wenig interessieren.

    Wenn du etwas sinnvolles tun willst, hilf mit zu überlegen, wie wir mit dem Kontrollverlust umgehen wollen. Postprivacy ist nämlich das: eine Aufforderung zur Utopie. Nicht die Utopie selbst.

  2. Comment von Jens Best | 28. Nov. 2010 um 19:32:19

    Lieber Enno,

    das mit dem Filtern sollte man mal eine Spur entspannter angehen.

    Filtern von Meinungen über Personen fand schon immer im Rahmen der Gemeinschaft statt. Über seine öffentliche Identität, sein Image, konnte der Mensch selten die Hoheit wahren, vorallem, wenn er in irgendeiner deutlichen Form am Gemeinschaftsleben teilgenommen hat.

    Der Kontrollverlust über die gefilterte Meinung zu deiner Person ist also gesellschaftsimmanent. Egal, ob wir über eine Beziehung, einen Sportverein, die mediale Öffentlichkeit, die Schule oder das Web sprechen.

    Ergo geht es in der Identitätsbildung auch darum, sich als einzelner über die geradezu tektonischen Kräfte der Meinungsverschiebung im öffentlichen Raum bewusst zu sein; was die eigene Person angeht, was irgendein Thema angeht.

    Das ist als Jugendlicher, gerade wenn man mit einer sehr intimen Eigenschaft der Persönlichkeit öffentlich gemacht wird, fast unmöglich auszuhalten. Eine offene Gesellschaft reagiert deswegen auch nicht mit dem Verbot irgendwelcher nicht-kontrollierbaren Meinungskanäle, sondern mit einer dem Anlaß angemessen Aufklärung.

    Im Falle eines örtlichen Vorfalls können Respektpersonen wie z.B. Eltern oder Fußballtrainer korrigierend appelierend eingreifen. Im dem von dir angeführten Fall der Bloßstellung von schwulen Jugendlichen mit Suizidfolge in den USA reagiert die Gesellschaft mit der “It’s getting better”-Kampagen auf youtube und anderen Kanälen.

    Du schreibst: “Der Filternde legt sich seine Realität so fest, wie er sie gerne hätte.” Ja, so ist es immer gewesen und so wird es immer sein. Du schreibst von einem Versagen der gemeinschaftlichen Kontrolle, von aus dem Ruder laufenden Realitätsfiltern, welches in einem Desaster endet.

    Tja, es endet jeden Tag in einem Desaster, die meisten sind eher privater Natur, “Missverständnisse”, “Fehlinterpretationen” – tausende Vorfälle von persönlicher Filter-Fehleinschätzungen, die in mehr oder minder großen Dramen des Alltags enden.

    Ach, die meinst du garnicht? Du meinst, das GROSSE Filtern, das was den Kitt unserer Gesellschaft ausmacht. Die Meinung, die plötzlich populär in den Gehirnen wird, wenn ein guter Tatort, ein schlechtes Sarrazin-Buch oder einfach der tägliche mediale Lügenwahn Konsequenzen hat und praktische blutige Früchte trägt?

    Tja, man könnte jetzt sicher in misantropher Laune sagen, dass man solchem Menschenmaterial, das ja schon fremdgelenkt kaum reflektiert, doch bitte nicht die Möglichkeit geben sollte, nicht nur selbst zu denken, sondern auch öffentlich mit “diesem Internet” selbst zu filtern.

    Aber eigentlich ist genau das die Utopie: Dem Einzelnen zu trauen, dass er abwägt, kritisch bleibt, Entscheidungen menschlich trifft, Leidenschaften verantwortlich präsentiert, streitbar und liebevoll – das der Mensch an sich selbst arbeite, aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit heraustritt und in der Gruppe kraft- und respektvoll bleibt.

    Eine permanente Utopie, an der wir täglich versagen, deren ewig gültiges Regelwerk des Scheitern wir benutzen sollten, um an uns zu arbeiten und gegenseitig Halt und Hinweis zu geben.

    Es geht also nicht um den Kontrollverlust, sondern darum wahre Befähigung über das Filtern, das persönliche wie das gemeinsame, zu gewinnen. Und diese Befähigung wird erreicht, indem wir uns von der Illusion der Kontrolle befreien.

    Das wird gesamtgesellschaftlich noch lange eine Utopie bleiben, vorallem, weil der Kontrollillusionsverlust nur von innen kommen kann und somit nicht in den Händen der Gemeinschaft liegt. Die Atmosphäre für die Befähigung zum kritischen eigenständigen Filtern kann man allerdings fördern, auch und gerade im Web, diesem merkwürdigen KommunikationsDing.

  3. Comment von mspro | 28. Nov. 2010 um 20:02:18

    Jens, das ist zwar richtig, dass wir immer schon gefiltert haben (also auch noch nie etwas wirklich unter kontrolle gehabt haben). Aber die Technologie weitet das schon in einem Maße aus, dass es eine ganz neue Qualität bekommt.

    Ich mag ja deine cytionnesques und emphartisches Aufkärungspathos, aber ich fürchte ich kann da nicht zustimmen. Du meinst immer, es gäbe da einen gemeinsamen Weg in den Kontrollverlust. Aber die Gemeinsamkeit und die Vergemeinschaftung ist doch gerade weg, wenn wir jeder selbstbestimmt filtern (weswegen auch Ennos Zukunftsnazivision per se unmöglich ist und so ziemlich das Gegenteil worauf der Kontrollverlust zusteuert).

    Dass Informationen über einen kursieren, die – und hier hat Enno recht – verfälscht und verläumnend und zusammengelogen sind, wird Normalität werden. Dass man mit etwas Geschick die Gruppe derer klein halten kann, die den Mist glauben, hoffe ich zutiefst.

    Und so neu ist das alles nicht. Ich muss auch jetzt schon dauernd mit Fehlinterpretationen leben (wie hier) und auch, dass ich aufgrund derer regelmäßig als “totalitär” beschimpft werde. (ja, ich gewöhne mich tatsächlich daran. Das geht und das muss ich aushalten)

    Und auch früher war es immer so, dass über dich geredet wurde. Heute, bei einem Gespräch mit @zeitweise kamen wir darauf, dass die Kommunikationsstrukturen des Internets sich wieder denen der Dorfgemeinschaft annähern. Der Unterschied: dieses Dort ist jetzt die Welt. Theoretisch. Praktisch aber immer nur wieder der eine, der die Query gebaut hat. Ob die jetzt eine Googlesuche oder Gaydar ist oder etwas ganz anderes… you never know.

    Wichtig ist zu wissen, dass das alles kein Untergang ist. Das tut manchmal weh, das ist oft unangenehm, aber Verhaltensweisen werden sich anpassen, Filter werden gebaut werden.

    Natürlich hat Enno recht, dass es Schwulen in Iran scheiße geht. Wenn ich XY genannt werde, bin ich vielleicht beleidigt. Aber ein Schwuler im Iran kann deswegen geköpft werden. Das schlimm, da gibt es nichts zu relativieren. Leider haben wir aber keine Mittel etwas dagegen zu tun.

    Gaydar mag da eine Gefahr sein. Genau dort. Aber wenn jemand meint, er könne eine Software aus dem Verkehr ziehen, empfehle ich ein Gespräch mit Musikmanagern und ihrem erfolgreichen Kampf gegen das Filesharing. Und mal ehrlich: würde man den Kontrollverlust eintauschen wollen? Und zwar gerade im Sinne des Irans? Ist er es nicht, der zumindest zeitweise die Chance zum Diktaturumsturz hat erahnen lassen. Würde man diese Chance wirklich eintauschen wollen?

    Ich bin mir sicher: sogar iranische Schwule wären dagegen.

  4. Comment von Jens Best | 28. Nov. 2010 um 20:52:44

    @mspro

    Bevor sich jetzt hier das Mem des “iranischen Schwulen” festigt, für den die freie Welt kämpfen müsse.

    Der Iran war lange ein Ort der Hoffnung für säkulare moderne Aufklärung im Nahen Osten. Durch massive Unterstützung des Westen, namentlich der Briten und der USA, wurden die demokratischen Kräfte unterminiert und schliesslich kaltgestellt. Die Enwicklung einer Demokratie eigenen Charakters von innen heraus, wie sie mit Mossadegh möglich gewesen wäre, wurde vom Westen verhindert, getrieben durch Kapital- und Machtinteressen.

    Das vom Westen getragene Unrechts-Regime des Schah konnte dann nur noch durch die einzig übriggebliebene gesellschaftliche Kraft, die Religion, beseitigt werden. Natürlich mit dem Preis einer Herrschaft der religösen Fanatiker.

    Wenn man so will sind die Briten und die USA daran Mitschuld, dass es Schwulen heute im Iran noch im wahrsten Sinne des Wortes an den Kragen geht. Nur eine Demokratie ermöglicht erst die Chance auf mehr Offenheit, auch in sexueller Hinsicht. Demokratie ist aber nicht per se westlich.

    Das Web ist eine neue internationale Kraft. Geboren durch die freien Kräfte im Westen bedroht es jetzt die Informationshoheit über den Völkern. Weder das Kapital noch die Religion kann es final beherrschen, aber versuchen werden es die alten Mächte jeden Tag.

    Das Verhindern des Illusionsverlustes hinsichtlich der “Info-Kontrolle” als Mem ist somit ein Mittel den freien Menschen mit seinen eigenen Zweifeln zu schlagen. Die Angst der Menschen vor sich selbst war immer eines der stärksten Mittel des Machterhaltes.
    Die Welt würde durch den Kontrollillusionsverlust also nicht besser, aber sie würde freier. Mit der (Meinungs-)Freiheit umgehen zu können, ist dann die tägliche Aufgabe.

  5. Comment von horst | 29. Nov. 2010 um 15:32:01

    Nazi-Keule, wirklich?
    Der Artikel war bis zu dem Punkt gut, als Postprivacy als direkt Weg zum Massenmod hingestellt wurde.

  6. Comment von mark793 | 02. Dez. 2010 um 19:51:20

    @Horst: Dass Massenmord eine zwangsläufige Folge wäre, habe ich so nicht herausgelesen aus dem Schluss des Beitrags. Aber wenn man sich beispielsweise vor Augen hält, welche Rolle die Lochkartenmaschinen der Firma Hollerith beim Holocaust gespielt haben, halte ich die Annahme für ziemlich naiv, dass wir automatisch in der besten aller denkbaren Welten landen, wenn wir alle uns nur nackig genug machen.

    Es ist doch nicht so, dass der Kontrollverlust die ganze Gesellschaft in gleichem Maße heimsucht. Die ganzen Datenkraken (und damit meine ich jetzt nicht unbedingt in erster Linie Google, sondern eher Schober & Co.) profitieren schon jetzt viel mehr von meinen und unseren Daten als uns im Gegenzug unser beschränktes Wissen über diese Firma, ihre Geschäftsmodelle und ihre Konkurrenten nützt. Payback spendiert Dir generös ein paar Prozentpunkte Rabatt für Deinen Einkaufsstriptease, Google lässt Dich auf Dächer und Fassaden gucken, der Staat gibt simpler gestrickten Gemütern ein gewisses subjektives Sicherheitsgefühl als Gegenleistung für die Vorratsdatenspeicherung – aber sorry, dass sind doch nur Glasperlen, die uns nicht automatisch zu freieren Menschen in einer offeneren Gesellschaft machen. Stünden wir denn wirklich viel besser da, wenn uns die Hose statt auf Kniehöhe künftig auf Knöchelhöhe hinge? Plausible Antworten darauf vermisse ich von den Postprivatisten nach wie vor.

    In dem Roman “Corpus Delicti” von Juli Zeh kommt das Thema Internet nicht vor, aber trotzdem ist in dieser Dystopie auf sehr eindringliche Art und Weise beschrieben, wie eine Gesellschaft in naher Zukunft zur wohlmeinenden Transparenzdiktatur wird. Dort ist es nicht “der andere”, dem mit einer allumfassenden Offenheit gehuldigt wird, sondern das Gesundheitssystem. Aber nichtsdestotrotz (oder grade drum, weil dieser Teilbereich noch viel menschlich-zentraler ist als das Internet) illustriert dieses Buch die Mechanismen sehr plastisch, wie eine gut gemeinte gesellschaftliche Transparenz letztlich in die Repression führt. Das Wort “Lesebefehl” widerstrebt mir zutiefst, aber ich kann dieses Buch den hier Anwesenden nur wärmstens ans Herz legen.

  7. [...] Wer sich mit dem Post-Privacy-Gedanken beschäftigt, kommt an der These nicht vorbei, dass die um sich greifende Vernetzung ein Ende für die Privatsphäre im Internet bedeutet. Ein Blick auf die Entwicklung sozialer Netzwerke und anderer Dienste im sogenannten Web 2.0 zeigt, dass die These so abwegig nicht sein kann. Vielmehr stellt sie sich als Konsequenz, denn als Möglichkeit dar. Eine Sache, der man sich in der Debatte stellen muss, ob man sie nun begrüßt oder eher nicht. [...]

  8. Pingback von die ennomane » Blog Archive » Nerz-Bashing | 16. Mai. 2011 um 00:18:37

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