sofa die ennomane

Juli 29, 2010

Wie wir die Kontrolle über den Kontrollverlust verlieren

Es ist schon interessant, dass die Debatte um Privatheit, Kontrollverlust und Datenschutz ausgerechnet wegen der Wikileaks-Veröffentlichung der Afghanistan-Dokumente eine neue Wendung nimmt – sind das doch keine privaten Dokumente sondern welche von höchst öffentlichem Interesse.

Der Gedanke des Kontrollverlusts besagt, dass Datenschutz ein reines Rückzugsgefecht sei. Selbst wenn wir nicht unseren Seelenmüll auf Facebook und Twitter abkippen, hinterlassen wir im Netz durch ganz alltägliche Tätigkeiten eine breite Datenspur, die viel über uns aussagt. Das lässt sich nicht mehr zurückdrehen: Wir haben die Kontrolle über unsere Daten oder das, was die Welt über uns weiß, verloren. Michael Seemann et al. nehmen die progressive Haltung ein und sehen die mannigfaltigen Vorteile, die uns das verschafft. Sie wollen aus der Not eine Tugend machen und sagen, die Antwort auf den Kontrollverlust eine Kultur des Filterns und Nichtbeurteilens, die es uns erlaubt, darüber hinweg zu sehen, dass ein Mitmensch eine politische Meinung vertritt, die wir unmöglich finden, eine sexuelle Orientierung hat, die wir pervers finden, oder auch einfach nur ein Alkoholproblem.

Im Grunde läuft es auf das Konzept des Outings hinaus: Erst der Gang an die Öffentlichkeit bis hin zum Stolz, die Gay Pride und dem Christopher Street Day konnten zum Beispiel die Homosexualität aus dem Schattenreich in die Normalität führen. Damit ist im Grunde der Beweis erbracht, dass ein solcher kultureller Wandel machbar ist, wenn das ihm zu Grunde liegende gesellschaftlich verpönte Verhalten nur häufig genug sichtbar wird.

Aber es gibt auch die andere Seite, zum Beispiel die ökonomischen Interessen unserer Arbeitgeber, die uns gerne einen lieben Menschen sein lassen, so lange wir nicht irgendwas treiben, was vielleicht dem Image der Firma schaden könnte. Ich habe kürzlich erst einen Mikrokontrollverlust erlebt, als ich über den “Auschwitz-Tanz” schrieb und wie geschmacklos ich ihn finde, wofür ich dann selbst in die braune Ecke gestellt wurde, weil ich angeblich Auschwitz mit einem Verkehrsunfall verglichen hätte – dabei ging es mir nur um den Umgang mit Trauer und Toten.

Meine (konservative) Befürchtung: Es wird immer Ansichten und Verhaltensweisen geben, die wir besser für uns behalten oder nur im kleinen Kreis offenbaren, weil es immer kleine oder große Gruppen in der Gesellschaft geben wird, die uns für etwas ablehnen werden, vollkommen egal, ob legitim oder oder nicht. Der Kontrollverlust betrifft nämlich nicht einfach nur unsere Daten, sondern die Art, wie die Welt mit uns umgeht. Beispiele für Schubladen-Denken (etwas, das wir ebenfalls schon aus psychologischen Gründen nie bleiben lassen können) und Sündenbockmentalität gibt es ohne Ende. Und die Schicht der Aufgeklärtheit ist sehr sehr dünn, wenn neubürgerliche Eltern tunlichst dafür sorgen, dass ihre Kinder in Schulklassen mit niedrigem Ausländer-Anteil landen.

Wer also der Ansicht ist, dass wir das Geheimnis brauchen, wurde in der Kontrollverlustdebatte als Gestriger hingestellt, der nicht den Verlust des Geheimnisses beklagen sondern offensiv für sich und sein Sein einstehen soll. Nur wenige Menschen sind jedoch so stark, unabhängig und frei von Bindungen, dass sie es sich erlauben können, mit Kampf oder einer Egal-Haltung auf Ablehnung zu reagieren. Statt einer Kontrolle über das Bild, das man vermitteln möchte, propagiert zum Beispiel Michael Seemann die Plattformneutralität - alles wird transportiert und wir filtern weg, was wir nicht sehen wollen. Das ist im Grunde genommen eine Kultur des Wegsehens und birgt den nächsten Konflikt in sich: Wenn wir etwas sehen und es uns nicht gefällt – können wir dann immer darüber hinweg sehen? Welche Instanz will beurteilen, ob es sich bei dem, was wir wegfiltern, um eine berechtigte Eigenheit des Mitmenschen handelt, die uns nichts angeht, oder aber um einen Missstand, welcher möglichst öffentlich anzuprangern ist? Ich prophezeie endlose Streitigkeiten darüber. Nicht immer ist die Lage schon so einfach und klar entschieden wie vielleicht beim Thema Homosexualität.

Interessant ist, dass der Kontrollverlust jetzt Muffensausen auf anderer Ebene bekommt. Da wäre einmal Wikileaks, worüber geheime Dokumente über den Afghanistan-Krieg veröffentlicht wurden – einige aber auch erstmal unterdrückt, um die Whistleblower zu schützen. Das ist ein staatlicher Kontrollverlust, und plötzlich ist die Angst da: Welche schädlichen Auswirkungen kann ein schonungsloses “wir veröffentlichen einfach alles” haben? Wie lange werden sich so mächtige Institutionen wie CIA oder Pentagon es sich gefallen lassen, dass ihnen das Volk im Internet auf der Nase herumtanzt? Ich bin mir ziemlich sicher, dass gerade jetzt schon irgendwo ein Gremium tagt und sich Gedanken macht, wie man diese Freiheit im Internet wieder unter Kontrolle bringen kann. Und ich fürchte, es ist nur eine Frage der Zeit, bis irgendwo der erste Netzaktivist von einem Geheimdienst liquidiert wird. Sowas passiert, man denke nur an die Caesarea des Mossad. Gleichzeitig entzündete sich die Frage anhand der Bilder, die kürzlich von der Duisburger Loveparade aufgetaucht sind. Sie sind so intensiv und furchtbar, dass man sich fragen musste, ob man sie überhaupt weiterverbreiten solle.

Ich stimme hier mit Huck Haas überein: Die Öffentlichkeit hat jenseits jeder Katastrophengaffermentalität ein Recht auf die Bilder. Genauso wie die Öffentlichkeit ein Recht auf die wahren Umstände des Afghanistan-Krieges hat. Jedenfalls sollte es in einer Demokratie so sein. Trotzdem ist die Diskussion darüber mehr als legitim – man denke nur an die öffentliche Vorverurteilung in den Fällen Kachelmann oder Tauss. Ab wann beginnt Information schädlich zu sein? Wenn aber die Frage nach dem Geheimnis und seinem Schutz nun plötzlich bei öffentlichen Angelegenheiten eine so große Rolle spielt, kann man die gleiche Frage auf der kleinen, unbedeutenden, privaten Ebene nicht einfach so abtun und auf die eher vage Hoffnung auf kulturelle Anpassung verweisen. Wir ahnen jedenfalls bereits, dass wir über den Kontrollverlust die Kontrolle verlieren.

Kommentare

  1. Kommentar von Seraja Ten | 30. Jul. 2010 um 14:39:48

    Also das mit dem Schubladendenken finde ich gar nicht so besonders schlimm. Wichtig ist nur, dass man nie vergisst, dass man eigentlich doch ne Kommode ist und kein Kristalllüster. Dieser Shift in der eigenene Wahrnehmung macht die ganze Betrachtungsweise und das sortieren von Menschen in Kategorien erst problematisch.
    Geheimnisse werden wir auch weiterhin haben, vielleicht offener sichtbare, aber deshalb müssen sie ja nicht weniger versteckt sein. Vielleicht begibt sich die Gesellschaft in ein Gerüst aus Halbwahrheiten, die durchaus legitimiert werden könnten, da ja alle davon provitieren, dass niemand alles weiß. Ein Code, um solche “Daten” zu verstecken wird sich erst langsam entwickeln. Aber ein Beispiel kann man vielleicht in der übertriebenen Höflichkeit chinesischer Diplomaten und Politiker erkennen.

  2. Kommentar von Rubeus Schmidt | 30. Jul. 2010 um 15:36:36

    “Welche Instanz will beurteilen, ob es sich bei dem, was wir wegfiltern, um eine berechtigte Eigenheit des Mitmenschen handelt, die uns nichts angeht, oder aber um einen Missstand, welcher möglichst öffentlich anzuprangern ist? Ich prophezeie endlose Streitigkeiten darüber.”
    Ja, da hast Du recht das glaube ich auch. Und das ist gut so. Wenn man aufhört miteinander zu reden, und streiten gehört ja auch dazu, dann ist Ende. Und im Zweifel “sprechen” nur noch die “Waffen”.

    “… – dabei ging es mir nur um den Umgang mit Trauer und Toten.”
    Missvertändisse kommen nun mal vor wenn man miteinander redet. Und manchmal will einen das Gegenüber nicht verstehen. So ist das halt! Präzision mag da manchmal helfen.

    Informationen kann es nicht zu viele geben. Informationen sind auch nicht gefährlich, das waren sie noch nie. Und werden es nie sein!
    Die Gefahr geht immer nur von den Menschen aus die handeln aufgrund dieser Informationen. Die Handlung schadet nicht die Information.

    Gruß
    RS

  3. Kommentar von Wolfgang Schwalm | 30. Jul. 2010 um 16:34:53

    Form:
    1. Bitte Gedanken klarer strukturieren, danke!
    2. Dann kürzer schreiben, danke!
    3. Gelb auf weiss reduziert die Lesefreundlichkeit, danke!
    Inhalt:
    1. Habe ich im Buchstabensalat nicht erfassen – wollen.
    Ich gebe mir mit dem lesen (absichtlich Verb) immer soviel Mühe wie der Schreiber mit dem schreiben (absichtlich Verb)!
    Gruß Wolfgang Schwalm, text-schmiede-online.de

  4. Kommentar von mspro | 30. Jul. 2010 um 18:31:28

    Meine (konservative) Befürchtung: Es wird immer Ansichten und Verhaltensweisen geben, die wir besser für uns behalten oder nur im kleinen Kreis offenbaren, weil es immer kleine oder große Gruppen in der Gesellschaft geben wird, die uns für etwas ablehnen werden, vollkommen egal, ob legitim oder oder nicht.

    In der Tat. Das Problem – das auch in deinem Beispiel angedeutet ist – ist, dass du das aber vorher nicht weißt. Und wenn du es nicht weißt, kannst du es auch nicht kontrollieren. Um die Beschreibung etwas genauer zu fassen: der Kontrollverlust sagt, dass du zum Zeitpunkt der Äußerung nicht wissen kannst, was du gesagt haben wirst. Der Kontrollverlust ist die Theorie der Lesemaschine, die alle Daten in unendlichen Sinnaggregaten anreichert, die alles mit allem verknüpft und uns derzeit stetig über den Kopf wächst.

  5. Kommentar von Enno | 30. Jul. 2010 um 18:48:43

    @mspro Genau das ist der Punkt. Und es wird vermutlich keinen Sinn haben, dieser Verknüpfungsmaschine irgendwelche Datenschutzgrenzen einzuprogrammieren, weil sie ja doch immer wieder gehackt werden wird. Eben Kontrollverlust. Meine Frage ist eine andere. Was ist auf Dauer einfacher: An der kulturellen Anpassung arbeiten oder sich der Fütterung der Maschine strikt entziehen? Ich tue ja selber auch ersteres, habe aber das mulmige Gefühl, dass die, die letzeres tun, nachher die Gewinner sein werden.

  6. Kommentar von mspro | 30. Jul. 2010 um 19:34:50

    @Enno Diejenigen, die sich sicher fühlen, sind selten die Gewinner. Wenn ich meine Adressdaten mit Facebook synce oder Bilder von dir auf meinen Flickraccount, oder twittere, dass ich dich irgendwo x gesehen habe oder oder oder, kannst du noch so viele Anschlüsse kappen. Wenn du teil der Welt bist, wirst du Teil des Internets sein.

  7. Kommentar von Maximilian | 30. Jul. 2010 um 22:37:39

    @Enno, mspro:

    Dass eine vollständig intakte Privatsphäre eine Illusion ist, heißt doch nicht dass Anstrengungen bezüglich des Datenschutzes sinnlos sind! Das wäre ein irrationaler Fatalismus. Verbrechen kann ja auch niemals auch nur annähernd vollständig verhindert werden. Doch das heißt nicht dass wir nichts gegen Verbrechen tun sollten, dass wir uns damit abfinden sollten.

    Daher ist es sicher nicht sinnlos zu versuchen, sich “der Fütterung der Maschine” möglichst zu entziehen. Dass es nicht vollständig gelingen wird ist dabei irrelevant. Und es ist doch bestimmt nicht sinnlos “dieser Verknüpfungsmaschine irgendwelche Datenschutzgrenzen einzuprogrammieren”, denn es kann nicht darum gehen, vollständigen Datenschutz zu gewährleisten, sondern darum, möglichst viel Datenschutz zu erreichen.

    Eine Andere “Daten-Kultur” ist sicher trotzdem notwendig, auch wenn ich nicht weiß wie sie aussehen sollte. Was ich aber sicher weiß: Ich werde mich aus Gründen, die im Artikel genannt wurden, nicht fatalistisch mit dem “Kontrollverlust” abfinden. Ihn sogar freudig zu begrüßen (wie Jeff Jarvis es fordert) wäre imho reine Dummheit.

  8. Kommentar von vera | 31. Jul. 2010 um 03:06:03

    @Enno, mspro, Maximilian
    Datenschutz bedeutet ja nicht nur, Datensammlungen zu erschweren oder behindern. (Um gleich Maximilians Frage zu beantworten,) es bedeutet vor allem Medienkompetenz. Damit jeder weiß, welche Konsequenzen die Verknüpfung gegebener Daten haben kann, muß er zuerst in die Lage versetzt werden, eine Art persönliches Weißbuch zu erstellen, an dem er sich orientieren kann.

    Ich hab vor ein paar Jahren mal das Experiment gemacht, indem ich einen Kurs bat, sich Geschichten anhand vorgegebener Daten auszudenken. Die waren hinterher baß erstaunt, was man alles herauslesen konnte – mit ein wenig böser Phantasie sogar schlimme Sachen.

    Laßt die Kids lernen, die Graustufen zwischen Schwarz und Weiß zu sehen und bringt ihnen gesundes Mißtrauen bei. Lehrt sie, daß Daten grundsätzlich begehrt sind und Datensparsamkeit das beste Mittel ist.
    Verstecken kann sich niemand mehr, aber das heißt noch lange nicht, daß man alles preisgeben muß.

  9. Kommentar von Christoph Kappes | 31. Jul. 2010 um 13:25:48

    Für mich ist die Diskussion inzwischen kein Internet-Thema mehr, das “Ding” ist grösser und immer schon Teil der menschlichen Kommunikation und Gruppenbildung gewesen:

    Die Preisgabe von Information setzt Vertrauen in die andere Person voraus, dass diese die Information nicht gegen den Preisgebenden verwendet. Das Vertrauen entsteht aber nur, wenn man weiss, wie die andere Seite damit umgeht. Das wiederum kann man nur wissen/vermuten, wenn man es vorsichtig und schrittweise ausprobiert.

    Das gilt nicht nur zwischen Einzelnen, sondern auch in gesellschaftlichen Gruppen (Outing von Schwulen, s.o.) und im Verhältnis zum Staat (traue ich ELENA-Behörden?).

    So haben wir ein Henne-Ei-Problem, schon immer gehabt, das macht menschliche Kommunikation und Gruppenprozesse aus.

    Das dumme am Web ist, dass es in vielen Fällen keine ausdifferenzierte Möglichkeiten bietet, wem wann was mit welcher Sensibilität offenbart wird. Wir entscheiden das ausserhalb des Web situativ und intuitiv und individuell und haben dabei auch ein reichhaltiges Repertoire an Gestik und Mimik. Das öffentliche Web bietet für so etwas keine Mechanismen.

    Infolgedessen ist die Forderung nach Kontrollverlust als Utopie okay: Vertraue den Menschen, dann werden sie auch Dir vertrauen. Nur ob das die Realität ist und ob das die Geschichte lehrt, daran scheiden sich die Geister. Vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte bin ich da eher skeptisch, ein allgemeines Leitbild zu propagieren. Entscheidend ist für mich der Umgang mit Minderheiten – und da sind wir noch lange nicht bei einem utopischen Zustand, bis in den Alltag hinein.


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