sofa die ennomane

25. Juli 2010

Wie christlicher Fundamentalismus die Toten der Loveparade instrumentalisiert

19 Menschen starben auf der Loveparade. Twitter war gestern zeitweise unerträglich. Alle Verhaltensweisen angesichts von Katastrophen, auch die ekelhaften, liefen da durch meine Timeline. Über die verbalen Autobahngaffer und Witzereißer will ich hier gar nichts weiter sagen. Sie gab es offenbar immer und wird es immer geben. Sensationslust ist uns wohl angeboren, auch wenn einige Besonnene unter uns versuchen, sie zu unterdrücken. Außerdem kann Sarkasmus und schwarzer Humor eine Strategie sein, sich emotional vor etwas zu schützen, das einem sonst zu nahe geht, oder es zu verarbeiten.

Dass Meckereien über die schlechte Berichterstattung und überforderte Fernsehmoderatoren angesichts eines solchen Unglücksfalls interessante Einblicke in die Herzlosigkeit mancher Kommentatoren geben, war auch zu erwarten. Mir geht es um einen anderen Typ Timeline-Bewohner, der mit seinen Äußerungen auf Trauer und Betroffenheit selbst abzielt. Trauern tun wir eigentlich nicht – Trauer ist das Gefühl eines schweren, persönlichen Verlustes, den wir erst einmal verarbeiten müssen. Trauern werden die Angehörigen, was wir aber haben können, ist Mitgefühl. Auf Twitter machte sich gestern Entsetzen und beredte Sprachlosigkeit breit, als die Nachricht von der Loveparade kam. Man nennt das auch „sich betroffen fühlen“.

„Betroffen“, das ist so ein Wort aus dem Gutmenschen-Vokabular. Wer es gebraucht, riskiert, dass ihm Falschheit unterstellt wird. Mag sein, dass die Betroffenheit zur Floskel verkommen ist, weil es die Political Correctness gebietet, in bestimmten Situationen Betroffenheit zur Schau zu stellen. Flugs stellten sich die ersten Beschimpfungen ein. Wer sich auf Twitter betroffen zeigte, wurde unterstellt, dies nur für die Öffentlichkeit zu tun.

Dazu mischte sich schnell ein zweiter Typus und begann mit dem Bodycount: Was das Betroffenheitsgerede solle, schließlich stürben täglich woanders viel mehr Menschen an Hunger und in Krisengebieten. Ja das ist wahr, ist aber gefährlich dicht an Dingen wie Hitler-Stalin-Vergleichen anhand der Opferzahlen. Leid soll hier relativiert werden, obwohl Leid und Mitgefühl etwas absolutes und vor allem subjektives sind. Eine solche Relativierung erlaubt nur zwei Reaktionen: Entweder sind die Tote der Loveparade egal, weil ständig irgendwo Menschen sterben, oder aber wir wir müssen ständig und permanent jedwedes Leid in der Welt betrauern – ein Ding der Unmöglichkeit.

Genau dieses Paradox stammt übrigens aus dem christlichen Glauben, besonders aus dem protestantischen, der ja den Karfreitag als höchsten Feiertag dem Ostersonntag vorzieht und das Gewicht auf Tod und Schuld und weniger auf Auferstehung und Erlösung legt. Leid wird mit Schuldgefühlen verknüpft. Der Mechanismus lässt sich auf die Formel reduzieren: Wie kannst du fröhlich sein, wenn Jesus für dich am Kreuze starb? Wer so argumentiert, hilft nicht beim Bekämpfen von Leid, nicht bei der Verarbeitung von Trauer, zeigt kein Mitgefühl, sondern vertieft nur das Leid und pflanzt es in noch mehr Köpfe. Was passiert, wenn  man dieses Denken konsequent zu Ende führt, zeigt uns Eva Herman.

„Sex- und Drogenorgie: Zahlreiche Tote bei Sodom und Gomorrha in Duisburg.“ trollt sie christlich-konservativ. Gönnerhaft gesteht sie am Anfang zu, dass die Toten und Verletzten „zurecht beklagt“ würden und in gerade mal einem Satz gegen Ende des Artikels findet sie Worte des Mitgefühls für Opfer und Angehörige. Der ganze übrige Artikel zeichnet ein Bild einer durch und durch verdorbenen Veranstaltung, ortet moralischen Verfall, sieht den Begriff der Liebe durch den Dreck gezogen, bebildert das ganze mit einem Foto, das ein sich küssendes lesbisches Pärchen zeigt, und schafft es nebenher noch, sich mehrere Sätze lang über die „Qualität“ der Musik auf der Loveparade zu echauffieren – mehr Sätze, als Frau Herman für die Opfer übrig hat.

Auch sie beklagt sich über die Stadt Duisburg – von der Fehlplanung des Managements, die eine solche Katastrophe geradezu provozierte, sagt sie indes kein Wort. Die Schuld sieht sie darin, dass die Stadt überhaupt eine solche Veranstaltung zugelassen habe, der es an Sittlichkeit, Anstand und Moral fehle und die ein „kultureller und geistiger Absturz einer ganzen Gesellschaft“ sei. Frau Herman instrumentalisiert Tote, um Wind zu machen. Das ist mehr als nur Intoleranz gegenüber Andersdenkenden, das ist ein verbales An-die-Wand-Stellen.

Denn das amtliche Ende der »geilsten Party der Welt«, der Loveparade, dürfte mit dem gestrigen Tag besiegelt worden sein! Eventuell haben hier ja auch ganz andere Mächte mit eingegriffen, um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende zu setzen. Was das angeht, kann man nur erleichtert aufatmen!

Eva Herman

Dass es sich bei diesen „anderen Mächten“ um Ufos, negative Astralenergien, Illuminaten oder Nazis aus der Antarktis handelt, können wir trotz der Publikation im Kopp-Verlag ausschließen – das ganze war in ihren Augen eine Strafe Gottes, was sie sich noch nicht einmal traut, klar zu sagen. Wer bei so etwas wie der Loveparade mitmacht, sei wohl einfach selbst schuld. Opfer, Angehörige, Trauernde und Mitfühlende dürfen sich bei Frau Herman und ihren Geistesverwandten noch zusätzlich eine Ladung Schuldgefühle abholen.

Angesichts solch abgrundtiefer Menschenfeindlichkeit bin ich froh, wenn Menschen einfach ihr Mitgefühl zeigen – auch wenn mal ein falscher Fuffziger dabei sein sollte.

Update: Mittlerweile wurden die Bilder ausgetauscht und zeigen eine abgedeckte Leiche, Einsatzkräfte bei der Arbeit sowie barbusige Frauen. Der Artikel wurde anscheinend noch nicht verändert, aber Screenshots des Originals kursieren sowieso durchs Netz.

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Kommentare

  1. Comment von Rene Petry | 25. Jul. 2010 um 16:34:10

    Sehr, sehr schade was da passiert ist! Eva Hermann hat eine Meinung und andere Menschen/Christen haben sicherlich – jeder – seine eigene Meinung. Sorry aber warum Eva Hermann’s Aussagen direkt mit einem globalen christlichen Fundamentalismus gleichstellen? Denke eh, dass diese Beschreibung kaum auf christliche Gemeinden zutrifft.

    Bei Wikipedia steht dazu folgendes (http://de.wikipedia.org/wiki/Fundamentalismus): Im weitesten Sinne wird als fundamentalistisch eine religiöse oder weltanschauliche Bewegung bezeichnet, die eine Rückbesinnung auf die Wurzeln einer bestimmten Religion oder Ideologie fordert, welche notfalls mit radikalen und teilweise intoleranten Mitteln durchgesetzt werden soll.

    Also notfalls mit radikalen Mitteln etwas durchsetzen – das passt einfach nicht! Christen sind auch keine Gutmenschen…sie sind eben auch nur Menschen. Hier noch zwei Kurzfilme die ich mega finde.

    Ein Kurzfilm den man nicht vergessen sollte:
    http://www.youtube.com/watch?v=Cbk980jV7Ao

    Ein Kurzfilm der erklärt an was Christen Glauben:
    http://www.youtube.com/watch?v=8BQARTvip6c

    Liebe Grüsse aus Zürich
    Rene

  2. Pingback von „Sodom und Gomorrha“ « The Tilman Times | 25. Jul. 2010 um 16:45:20

    […] PPPS ein weiterer, sehr guter Beitrag: Wie christlicher Fundamentalismus die Toten der Loveparade instrumentalisiert […]

  3. Comment von Thomas Maier | 25. Jul. 2010 um 17:33:09

    Die Metamorphose der Eva Herman zur religiös-rechten Gotteskriegerin ist ja nun schon seit einiger Zeit vollendet. Um ihr Umfeld auszumachen, muss man nicht lange suchen: http://www.esowatch.com/ge/index.php?title=Kopp_Verlag
    Das war mir schon bei Kerner damals klar. Auch wenn viele das herunterspielen wollte, sie hätte nicht das Dritte Reich glorifiziert. Dass Sie das getan hat, kann man in der Wikipedia nachlesen. Sie benutzt eindeutig nationalsozialistisches Vokabular. Das entlarvt. Denn Leute, die nicht gerade dabei sind, in den braunen Sumpf gezogen zu werden, kennen das Vokabular gar nicht oder benutzen es aus Achtung nicht. Dazu gehört nicht nur „Gutmenschen“ oder „Schrumpfgermanen“. Sondern z.B. auch „Neger“ und, ja, auch „Innerer Reichtsparteitag“. Während die einen den Begriff gar nicht kennen (oder wie ich „kannten“), oder gar nicht auf die absurde Idee kommen, ihn zu verwenden, benutzen ihn andere als wäre es Alltagssprache. Und dann auch noch zu einem Zeitpunkt der denkbar ungünstig ist. Während der Kerner-Sendung als sie von „gleichgeschalteten Medien“ sprach, war mir klar, dass die Kreise, in denen Sie sich rumtreibt auch während ihrer Tagesschau-Zeit nicht gerade farbenfroh sein konnten. Und einen Rant möchte ich auch mal auf Holger Kreymeier ablassen, der seine Grimme-Online-Award selbstverständlich verdient hat, aber der stets das kranke Menschenbild von Eva Herman und die dümmliche Entgleisung von Müller-Hohenstein verteidigt hat. Welcher politisch mittig denkende Mensch benutzt dieses Vokabular?! Niemand. Was hat sich Müller-Hohenstein dabei gedacht? „Oh, naja, werfe ich mal „Reichtsparteitag“ in den Raum. Bei einer exorbitanten Enschaltquote. Klingt nach einer guten Idee.“ Ich will nicht sagen, dass MH in Begriff ist, ebenfalls diese Verwandlung durchzumachen (auch wenn sie vom Alter und den Vorraussetzungen her ähnlich dafür geeignet wäre wie EH), jedoch dürfen wir dabei nicht so tun, als wäre das nicht unnormaler als „Super gemacht, Klose!“.

    Das was Eva Herman wiedergibt IST die Stimme des christlichen Fundamentalismus! Das sieht man auch daran, dass sie an Kundgebungen von Parteien um die PBC etc. teilnimmt und dort spricht.
    Man darf Christen nicht mit christlichen Fundamentalisten gleichsetzen, aber Christin ist Herman keine – auch wenn sie das zu glauben scheint.

  4. Comment von Enno | 25. Jul. 2010 um 17:58:53

    Eigentlich geht es mir hier gar nicht um Herman-Bashing. Frau Herman hat nur wundervoll plakativ auf den Punkt gebracht, was ich gestern schon als rudimentären Gedanken hatte. Übrigens habe ich noch freundlich formuliert. Die Manipulation des Menschen über die Erregung von Schuldkomplexen ist nämlichen sämtlichen christlichen Konfessionen zutiefst zu eigen. Da braucht man nur für die ganz krassen Erscheinungsformen noch Fundamentalisten.

  5. Pingback von People are people | Spreeblick | 26. Jul. 2010 um 13:06:28

    […] in seinem Blog in irgendeiner Form zu der Katastrophe äußerte, einen Vorwurf machen (außer der unsäglichen Eva Herman natürlich).Reden hilft, gerade in Ausnahmesituationen, und besonders dann, wenn man […]

  6. Trackback von c0t0d0s0.org | 26. Jul. 2010 um 21:01:31

    links for 2010-07-26…

    die ennomane » Blog Archive » Wie christlicher Fundamentalismus die Toten der Loveparade instrumentalisiert (tags: fundamentalismus) Dear Photographer, Not all things that ar…

  7. Comment von quadratmeter | 26. Jul. 2010 um 21:18:17

    Deinen Worten ist nichts hinzuzufügen. Danke.

  8. Comment von Peter | 26. Jul. 2010 um 22:14:12

    das alles ist sehr traurig
    ich habe deswegen einen Artikel zum Thema Trost auf meine Seite gestellt
    http://www.bibelkreis-muenchen.de

  9. Comment von Peter | 27. Jul. 2010 um 22:10:16

    Ein Gebet für alle Beteiligten
    Herr, alle Worte von Hoffnung und neuem Mut sind so leer, wenn
    tief in uns Verzweiflung herrscht. Wenn wir voller Empörung und
    Verbitterung stecken, erscheinen uns solche Worte bedeutungslos.
    Wenn wir aber in unseren Herzen aufgeräumt haben, hören wir mit
    neuen Ohren, Dann widerstehen wir diesen Worten nicht mehr,
    sondern wissen sie plötzlich zu schätzen, und wir danken dir für sie.
    Gib uns ein Maß an Gnade, das deckungsgleich mit dem Umfang
    unserer Probleme ist Gib uns eine Hoffnung und ein Sinnbewusstsein,
    das über unseren Schmerz hinausreicht. Und gib uns
    immer wieder die Bestätigung, dass wir nicht allein sind und
    dass dein Plan nicht im Sande verlaufen ist, auch wenn unser Schmerz zunimmt.
    Hilf uns, wenn es uns zurzeit gut geht, ein Herz für die zu
    haben, denen es nicht so gut geht. Gib uns ein Wort der Ermutigung
    für die: die in einer Welt des Kummers leben.
    Um uns nie vergessen, dass jedes Stolpern auf dieser steinigen
    Wanderung von der Erde zum Himmel ein Hinweis darauf ist, dass
    wir auf dem richtigen Weg sind.
    Darum bitte ich in dem Namen dessen, der von Schmerzen und
    Krankheit gezeichnet war.
    Amen

  10. Pingback von JanBob blogt » Chrsitliche Fundamentalisten | 28. Jul. 2010 um 22:54:36

    […] Wie chistliche Fundametalisten die Toten der Loveparade instrumentalieren […]

  11. Pingback von acidblog » Bodycount?! | 29. Jul. 2010 um 03:26:42

    […] ich mich erst einmal darum. Irgendwann kam ich dann beim späteren Überfliegen meiner Timeline auf Enno’s grandiosen Post zum Debakel namens Eva Hermann. Dabei las ich folgenden Absatz: Dazu mischte sich schnell ein zweiter Typus und begann mit dem […]

  12. Comment von Frau Elise | 29. Jul. 2010 um 14:05:40

    Das, was wir da bei Twitter in Sachen Duisburg mal wieder erlebt haben, hat mich teilweise sehr an das erinnert, was man offline als Gaffen kennt: So nah wie nur irgend möglich als Unbeteiligter und bisher an der Sache völlig Uninteressierter am Geschehen dran sein und alles aufschnappen, was nur geht, um es dann aus erster Hand brühwarm der Mitwelt mitzuteilen.

  13. […] in den letzten Tagen mit Betroffenheit und Mitgefühl verfolgt. Der @ennomane brachte es in seinem Blogartikel recht gut auf den Punkt “Betroffen”, das ist so ein Wort aus dem Gutmenschen-Vokabular. Wer es […]

  14. […] oder wahlweise mit kaltem Zynismus gar nichts mehr an sich heran zu lassen, habe ich neulich schon in anderem Zusammenhang gebloggt. Das, was mir am übelsten aufstößt: Der ständige Verweis, dass es sich […]


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