sofa die ennomane

Juli 17, 2010

Tanz den Auschwitz

Natürlich ist es Unsinn zu sagen, nach Auschwitz dürfe man keine Gedichte mehr schreiben. Es hat zu viel Leid und Gemetzel in der Menschheitsgeschichte gegeben, um das noch zu behaupten – und ohne Kunst, Lyrik, Musik und Freude ist das Leben doch sinnlos. Gewonnen hätten all die Mörder und Blutsäufer, würden wir ihnen erlauben, uns nachträglich zu ewiger Trauer zu verdammen.

Ja, das Überleben kann man feiern. Auch das Überleben in Auschwitz, und das fröhlich. Beim Feiern sollte man aber darauf achten, dass nicht auf denjenigen herumgetrampelt wird, die nicht überlebt haben. Ein wenig Trauer, ein wenig Anteilnahme, ein wenig Takt darf angesichts der Toten schon sein. Sollte ich als einziger meiner Familie einen schweren Autounfall überleben und auf den Gräbern meiner Angehörigen jubilieren – wie fände man das wohl?

Es zu Gloria Ganors “I will survive” zu tun, ist aber schon eine besondere Geschmacklosigkeit. Das Lied handelt von einer Frau, die ihren Trennungsschmerz überwunden hat und stolz ist, auch ohne ihren Ex leben zu können. Vielleicht haben die Juden ihren Schmerz wirklich überwunden und schauen jetzt genauso stolz in Zukunft , aber:

Go on now go walk out the door
just turn around now
’cause you’re not welcome anymore
weren’t you the one who tried to hurt me with goodbye

Wollen die Tänzer uns wirklich das sagen?

Kommentare

  1. Kommentar von Autofahrer | 21. Jul. 2010 um 18:41:57

    So, Auschwitz war also eine Art Auto-Unfall???
    Das lässt tief blicken, bester Enno!

  2. Kommentar von Enno | 21. Jul. 2010 um 18:50:02

    @Autofahrer Das habe ich nirgends behauptet und es liegt mir fern, Ausschwitz zu verharmlosen. Wie ich in Bezug auf Holocaust, Nationalsozialismus und Neonazis denke, kann man diesem Blog an mehreren Stellen nachlesen. Es geht mir mir ausschließlich um den Umgang mit Trauer und Toten und dass ich einen solchen “Tanz auf den Gräbern” mit einem hinterhergerotzten “You’re not welcome anymore” als geschmacklos empfinde. Aber wo man unbedingt will, wird man immer Punkte finden, jemandem völlig herbeigezogene Intentionen zu unterstellen.

  3. [...] Firma schaden könnte. Ich habe kürzlich erst einen Mikrokontrollverlust erlebt, als ich über den “Auschwitz-Tanz” schrieb und wie geschmacklos ich ihn finde, wofür ich dann selbst in die braune Ecke gestellt [...]

  4. Kommentar von Lena Doppel | 30. Jul. 2010 um 14:40:47

    Den Satz mit dem Autounfall find ich auch ein wenig unreflektiert, aber das passt ja auch zum Thema: Das Video ist keine politische Aktion, deshalb sollte man find ich auch bei der Kritik die Kirche im Dorf lassen und nicht Gaynors Textzeilen sezieren.
    Ich seh einen Opa der mit seinen Enkeln eine Reise durch Europa macht und sich an einen Ort traut an dem ihm schreckliches widerfahren ist. Mein Opa hat sich das nie getraut. Um das bewältigen zu können -auch aus Warte der Enkeln – gibt es verschiedene Strategien – Humor ist eine davon.
    Wer weiß: vielleicht hat der alte Herr in seiner Jugend gerne getanzt, ich kann’s mir vorstellen.
    Das “Zurückerobern” des Terrains “KZ” und “alte Heimat” ist ein wichtiges Thema für viele Holocaust-Überlebende.
    Aber klar: das “wie” muss nicht jedermanns Geschmack sein.
    Um mit Mel Brooks als Hitler-Impersonator in seiner Version von “To Be or Not to Be” zu schließen: “don’t Be stupid Be a Amateur, come and koin The Nazi Party” und “we have was of Making you Dance!”" Geschmacklos? Ja! Miterbin? Ebenfalls.

  5. Kommentar von Lena Doppel | 30. Jul. 2010 um 14:44:06

    Blödes iPhone blödes, Mel Brooks Textzeilen aus dem Hitlerrap heissen natürlich “Don’t Be stupid be a smartie come and join the Nazi Party” und “We have ways of making you Dance”
    (Überlebenden-)Humor ist manchmal halt auch wenn man trotzdem lacht.

  6. Kommentar von Lena Doppel | 30. Jul. 2010 um 14:45:09

    “Miterbin” soll heißen “Notwendig” iPhone ich hasse dich

  7. Kommentar von stadtkindFFM | 31. Jul. 2010 um 08:46:23

    Ein Autounfall mit den liebsten Menschen als Einziger überleben und sich die Frage stellen, ob man auf deren Gräber tanzen (und im Internet verbreiten) würde- Genau mit diesem Vergleich (immer so ´ne Sache) bin ich auch an dieses (bis heute nicht angeschaute) Video herangetreten. Ich finde so eine Aktion einfach nur peinlich. Aber ich dreh auch die Musik im Auto leiser, wenn mein Weg mit dem Auto mal an einen Friedhof vorbeiführt.

  8. Sam
    Kommentar von Sam | 11. Aug. 2010 um 12:09:23

    Wieso wollen die Kinder der Täter den Überlebenden der Taten ihrer Väter jetzt eigentlich vorschreiben, wie sie sich am Ort ihrer Marter zu verhalten haben?

    Keiner von uns, weder du noch ich, können nachvollziehen, was Auschwitz wirklich bedeutet, wie es sich anfühlt, dort ‘gelebt’ zu haben, als es noch ‘in Betrieb’ war.

    Auchwitz ist kein Friedhof, sondern eine Gedenkstätte – und eben deswegen darf man dort natürlich tanzen. Und wenn man dann noch weiß, dass sich viele Überlebende ihr Leben lang mit einem (wissenschaftlich übrigens nachgewiesenen) Schuldgefühl herumschlagen müssen, weil gerade sie zufällig überlebt haben, Verwandte und Freunde ebenso zufällig jedoch nicht, dann ist es umso ergreifender, dass es Überlebende gibt, die diesen Zuständen am Ort des Terrors ein ’seht, ich lebe – und wie!’ entgegensetzen.

    Ebenso wie Leah Rabin, die beim Besuch der Münchner Oper (neben der Hitlers Wohnung lag) ausrief “Sehen Sie, Herr Hitler, das jüdische Volk lebt, sie haben verloren!” nicht mehr als ein Zeichen dafür, dass wenigstens einmal am Ende das Leben über den Tod triumphiert.

    Deswegen mag das Video die sakrale deutsche Seele zu schocken – die ist aber für die Trauer der Opfer nicht maßgeblich. Die Deutschen sollten sich lieber fragen, welche Rolle ihre Familie 1933 bis 1945 gespielt hat – darüber wissen viel zu viele viel zu wenig.

  9. Sam
    Kommentar von Sam | 11. Aug. 2010 um 12:15:53

    Ist es, nebenbei, schlimm, wenn z.B. die Verwandten von Heath Ledger nach dessen Beerdigung alle zusammen ne Strandparty feiern?

  10. Kommentar von Enno | 11. Aug. 2010 um 17:28:12

    @Sam Wo steht etwas von “vorschreiben”? Ich schreibe niemandem etwas vor, ich kritisiere bloß, und das darf ich wohl noch, unabhängig davon, wessen Nachgeborener ich nun bin.


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