sofa die ennomane

14. Juli 2010

Glauben und glauben lassen

Gezänk um die Homöopathie wieder.  Ich habe mich auch dazu hinreißen lassen und schrieb schon: Homöopathie ist empirisch nicht belegt und also reine Glaubenssache. Ich habe nichts gegen Homöopathie-Gläubige. Wirklich nicht. Es ist wie mit Religion: Alles spricht für Atheismus, trotzdem bin ich kein Atheist, sondern habe mir mein irrelevantes Weltbild zurecht gelegt, das einen Glauben einschließt, auch wenn ich keiner Glaubensgemeinschaft angehöre. Glauben ist nämlich etwas, das wir brauchen. Wir können nicht alles wissen und selber empirisch überprüfen. Wir sind ständig darauf angewiesen, Menschen und Institutionen zu glauben. Wir übernehmen, was uns plausibel erscheint, sofern wir demjenigen vertrauen, der es propagiert. Wirklich wissen tun wir individuell nur sehr wenig, oder hat hier irgend jemand einen Teilchenbeschleuniger im Keller?

So gut wie alles, was wir zu wissen glauben, stammt aus Schulbüchern, von Lehrern, Professoren, Zeitungen und anderen Menschen – von Autoritäten. Wir versuchen, so viele Sicherungen wie möglich einzubauen, die diesen Mittlern eine Art objektive Glaubwürdigkeit verleihen – aber schon wenn wir ein paar Länder weiter reisen und uns mit der dortigen Kultur auseinandersetzen, werden wir feststellen, wie anders man die Dinge sehen kann und dass auch Wissen reine Interpretationssache sein kann, ohne deshalb gleich die Gravitation zu leugnen oder die Sonne um die Erde kreisen zu lassen.

Glaube ist verwandt mit Schubladendenken, Bauchgefühl und Intuition, die uns hilft, Entscheidungen zu treffen, ohne die volle Faktenlage zu analysieren, und das sogar sehr erfolgreich. Wir alle – auch die härtesten Rationalisten – tun wirklich sehr viele seltsame Sachen, nur weil wir mal die Erfahrung gemacht haben, dass sie scheinbar funktionieren. Daraus entstehen Rituale und diese Rituale helfen uns sehr häufig, uns in die mentale Stimmung zu versetzen, ähnliche Situationen zu überstehen. Wollten wir permanent und in allen Lebenslagen rational reagieren, wir wären nur noch mit der Analyse von Fakten beschäftigt. Also tun wir viele Dinge intuitiv, was bei positiven Resultaten auch zu positiver Rückkopplung führt. Auch in der heutigen Zeit funktioniert ein ganz großer Teil unseres Lebens so.

Ob jemand Traubenzucker oder Heilsteine während einer Prüfung dabei hat, ist nahezu irrelevant. (OK, der Zucker liefert Energie und hat eine messbare Wirkung, während der Heilstein Hokuspokus ist – in beiden Fällen behaupte ich aber mal, dass der Effekt ganz überwiegend ein psychologischer ist.) Ich glaube, die meisten von uns haben schon die Erfahrung gemacht, dass Rituale seelische Auswirkungen haben. (Seele ist ist hier als Psyche oder Geist gemeint, nicht als religiöses Konstrukt.) Auch die Empirie zeigt uns zum Beispiel im Placebo-Effekt und in der gesamten Psychosomatik, die nichts aber auch gar nichts mit eingebildeter Krankheit zu tun hat, dass der Mensch Effekten unterliegt, denen man mit Empirie nicht oder nur höchst mühsam beikommen kann.

Das wirklich gefährliche am Glauben ist, dass er zur Machtausübung missbraucht werden kann – weil wir die Glaubhaftigkeit von Informationen eben auch anhand der Autorität des Absenders bewerten, und Autorität wiederum etwas ist, das unseren Glauben und unser Vertrauen voraussetzt. Missbrauche ich meine Autorität, dann habe ich das Vertrauen von Menschen verletzt. Der Mullah, der eine untreue Ehefrau zur Steinigung verurteilt, verdient ebenso wenig Toleranz wie eine Schulbehörde, die kreationismuskritische Texte in Schulbüchern zensiert. Glaube ist etwas privates, das im öffentlichen Raum über einen Diskurs hinaus nichts zu suchen hat. Nicht an Schulen, nicht im Gesundheitssystem usw.

Es fällt uns aber sehr schwer, Glauben als Privatsache zu behandeln und Andersgläubigen gegenüber tolerant zu sein. Das Problem ist, dass beide Seiten sehr schnell glauben, sie seien die “Guten”, die die Wahrheit gepachtet hätten. Der Esoteriker, der einen Rationalisten als “spirituell unterentwickelt” bezeichnet, ist genauso arrogant wie der Atheist, der einen Christen auslacht.

Man könnte auch sagen:

  • Jeder von uns hat das Recht, zu glauben, was er will, egal wie abgefahren es ist. Dabei ist es völlig unerheblich, ob es sich um komplette Religionen oder den kleinen Aberglauben für zwischendurch handelt.
  • Niemand von uns hat das Recht, einen Mitmenschen aufgrund seines Glaubens, und erscheine dieser noch so absurd, herabzuwürdigen. Zu sagen, wegen seines Glaubens “gehöre jemand therapiert“, ist selbstgerecht und anmaßend.
  • Aber umgekehrt gilt genauso: Ein Glaubender hat niemals das Recht, seinen Glauben für allgemein verbindlich zu erklären oder ihn anderen Menschen zu oktroyieren. Übrigens soweit das möglich ist auch nicht seinen Kindern.

Nein, liebe Glaubenden, das ist kein Text, der eure Weltsicht untermauert, sondern nur ein Plädoyer für Toleranz ganz allgemeiner Art, die schnell enden kann, sobald ein Homöopathie-Gläubiger andere als sich selbst mit seinen Mittelchen traktiert, ein Zeuge Jehovas seinen Kindern die Blutspende verweigert, ein Moslem von Frauen verlangt, die Burka zu tragen oder ein esoterisch angehauchter Chef seine Bewerber nach Sternzeichen und graphologischen Gutachten sortiert.

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Kommentare

  1. Pingback von Ja gut, aber … » Viel Lärm um “Nichts” | 15. Jul. 2010 um 11:42:05

    [...] umgehend verbale Prügel, und zwar bei Gedankenstücke, Schockwellenreiter, ennomane und [...]

  2. Comment von Ismirworscht | 15. Jul. 2010 um 18:01:13

    Sehr schöner Beitrag! Ich selbst bin Skeptiker gegenüber vielem, aber denke ebenso immer, man sollte den Leuten ihre Meinung lassen. Denn aggressives Gegensteuern führt was immer zu Abwehrhaltung. Dann lieber langsam auf den Trichter kommen lassen – und wenn es nie was wird, hat auch keiner verloren, solange die Leute nicht fanatisch werden und andere belästigen…

  3. Comment von Eike Scholz | 15. Jul. 2010 um 19:33:29

    *Wir* brauchen keinen Glauben!

    – also Glauben im metaphysischen Sinn. Sicher glaubt jeder etwas, in dem Sinn,
    dass es eine Aussage gibt die er für wahr hält. Aber dennoch bin ich Atheist und brauche keinen entsprechenden oder verwandten *Glauben*. Wir brauchen ihn damit nicht, sondern allenfalls einige von uns.

    Sonst bin ich eigentlich der gleichen Meinung, wie im Post. Mich kümmert es wenig was andere Glauben. Sie sollen im Privaten Glauben was sie wollen. Allerdings halte ich die Suche nach Wahrheit für einen Wert an sich – Da gibt es dann aber einen Fundamentalen Zielkonflikt mit den Werden der Aufklärung. Denn Aufklärung ist dem Wesen nach Intolerant gegenüber den Ideen über die sie Aufklärt. Auf das richtige Maß kommt es an – wie so oft.

    Kritik an Homöopathie ist meines Erachtens allerdings berechtigt, gerade Satire. Das an sich ist aber noch keine Intoleranz, denn “if you open your mind too much your brain will fall out”. Das will ich zumindest nun auch nicht.

  4. Comment von Eike Scholz | 15. Jul. 2010 um 19:45:41

    Ach doch noch eine Anmerkung:

    “Niemand von uns hat das Recht, einen Mitmenschen aufgrund seines Glaubens, und erscheine dieser noch so absurd, herabzuwürdigen. Zu sagen, wegen seines Glaubens “gehöre jemand therapiert“, ist selbstgerecht und anmaßend.”

    Das ist falsch. Das habe ich übersehen, dem stimme ich auch nicht zu. Ich werde Menschenverachtende Ideologien/Religionen Kritisieren, Verspotten und u.U. auch Herabwürdigen, ohne dabei auf die Gläubigen Rücksicht zu nehmen.

    Ich denke, dass niemand das Recht hat aufgrund seines Glaubens, die Meinungsäußerungen andere zu Unterbinden, weil diese Meinungsäußerungen ihn Herabwürdigen könnten. Dazu muss schon eine Handfeste Beleidigung oder Ähnliches her”.

  5. Comment von zottel | 17. Jul. 2010 um 01:02:44

    Persönlich vermute ich, dass homöopathischer Behandlungserfolg wahrscheinlich ausschließlich auf Placebo-Effekt und Care-Effekt beruht. Trotzdem bin ich dafür, dass gesetzliche Krankenkassen weiterhin die Möglichkeit behalten, homöopathische Behandlungen zu bezahlen, wenn sie das wollen, weil es hilft, unnötigen Medikamentenkonsum zu reduzieren.
    Ausführlicheres unter http://blog.zottel.net/2010/07/ach-ja-die-homoopathie.html

  6. Comment von Kristian Köhntopp | 18. Jul. 2010 um 10:23:38

    http://www.amazon.de/Religion-Virus-Evolutionist-Religions-Tenacioius/dp/1846942721

    Glaube, wenn er zu Religion wird, ist vor allen Dingen ein Mem, das evolutionär auf maximale Ansteckungsfähigkeit gezüchtet worden ist.

  7. [...] sind einfach nur Privatsache. Mein Bekenntnis: Ich bin ein ganz großer Anhänger der Religionsfreiheit. Ich habe genauso wenig etwas gegen Christen wie gegen Anhänger anderer Religionen oder [...]


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