sofa die ennomane

Juli 13, 2010

Homöopathie ist ein Segen fürs Gesundheitssystem

Nun kocht er im Sommerloch wieder hoch, der Streit um die Homöopathie. Dabei geht es keinesfalls darum, die Homöopathie als solche zu verbieten, sondern nur den Krankenkassen, noch Homöopathie zu bezahlen, damit das so gesparte Geld sinnvoller verwendet werde. Ich halte zwar schlichtweg gar nichts von Homöopathie, aber muss bekennen: Ja, ich habe das Zeug auch mal genommen.

Mein ehemaliger Hausarzt hatte mir vor Jahren ein homöopathisches Antiallergikum verschrieben und ich hatte subjektiv das Gefühl, dass es hilft. Allerdings hat er mir auch einmal ein anderes Mittel gegen etwas völlig anderes verschrieben. Eine ganze Weile später habe ich die Namen verwechselt und versehentlich das falsche Mittel gegen Heuschnupfen eingenommen – bei subjektiv dem gleichem Gefühl, dass es wirke. Und nein, dieses andere Mittel hat nichts, aber auch gar nicht mit Heuschnupfen und Allergien zu tun.

Meine subjektive Erfahrung entspricht also den klinischen Ergebnissen, dass homöopathische Mittel nur als Placebo wirken. In dem Zeug ist nichts drin außer einer esoterischen “Energie”, die der bis zur Nicht-Existenz aufgeflöste Wirkstoff darin hinterlassen haben soll. Eine Wirkung über ein Placebo hinaus konnte in immer neuen Studien nie belegt werden. Homöopathie ist reine Glaubenssache, sonst nichts.

Tatsächlich trägt die Homöopathie alle Merkmale eines religiösen Kultes. Das Prinzip des “Gleiches mit Gleichem heilen” ist eine klassische Analogiehandlung, versehen mit dem Ritual des Schüttelns und Zerreibens nach bestimmten Regeln und dem Glauben an eine okkulte Kraft der Substanz, das Wasser oder die Globulikügelchen irgendwie zu energetisieren. Da jeglicher wissenschaftlicher Unterbau fehlt, kann Homöopathie nur mit mittelalterlicher Alchemie verglichen werden. Das Problem ist jedoch, dass die Homöopathie den Patienten nicht als Religion oder Esoterik angedreht wird, sondern als Wissenschaft.

Wie für jede Religion und jeden quasi-religösen Glauben gilt die Glaubensfreiheit. Der Homöopathie-Glaube unserer Mitmenschen ist als solcher zu akzeptieren wie jeder andere Glaube auch. Natürlich kann es gefährlich werden, wenn Gläubige lieber ihre Rituale praktizieren, als zum Arzt zu gehen – aber da ist jeder Mensch für sich selbst verantwortlich. Aufregen kann ich mich nur, wenn Eltern ihre Kinder zum Homöopathen schicken, anstatt sie von Empirikern medizinisch behandeln zu lassen.

Problematisch wird das ganze erst im Gesundheitssystem: Niemand käme auf die Idee, die Krankenkassen sollten Weihwassergaben oder Fahrten nach Lourdes finanzieren. Die Solidargemeinschaft hat nicht die Glaubensrituale ihrer Mitglieder zu finanzieren. Karl Lauterbach und alle anderen Politiker, die jetzt eine Streichung von Homöopathie aus den Kassenleistungen fordern, haben also völlig recht. Haben sie?

Seien wir mal ehrlich: Ich weiß nicht, wie es mir in ein paar Jahren gehen wird, aber die allermeisten meiner Arztbesuche und Krankschreibungen drehten sich um grippale Infekte und ähnliches, die so gut wie nie näher untersucht werden. Stattdessen bekommt man Lutschtabletten gegen Halzschmerzen und vielleicht noch Schleimlöser. Genauso könnte man Kamille inhalieren und sich Bier warm machen. Was man vor allem braucht, sind ein paar Tage Ruhe, um sich auszukurieren. Arbeitnehmer holen sich ihren gelben Schein ab, Selbstständige biegen sich ihre Termine irgendwie hin und gehen meist gar nicht erst zum Arzt.

Der Arztbesuch und die gegen die Symptome verschriebenen Mittel verursachen immer Kosten. Und da kommt ein großer Teil der Versicherten daher und ist freudig bereit, sich aufgrund seines Glaubens mit sehr viel preiswerteren Placebos behandeln zu lassen und dafür bei den meisten Kassen auch noch freiwillig Zusatzbeiträge zu bezahlen – könnte dem Gesundheitssystem überhaupt etwas besseres passieren?

Homöopathie ist ein Segen fürs Gesundheitssystem und ich vermute, dass die meisten niedergelassenen Ärzte, die sie praktizieren, das ganz ähnlich sehen. Anderenfalls muss man sich fragen, auf welche Weise sie eigentlich ihr Medizinstudium rezipiert haben und was ansonsten von ihrer ärztlichen Ausbildung zu halten ist. Denn sobald Homöopathie für mehr als nur optionale Symptomlinderung verwendet wird, beginnt sie ganz schnell, gefährlich zu werden.

P.S.: Ansonsten möchte ich allen die vorzügliche Serie “Homöopathie” von Christian Specht ans Herz legen.

Kommentare

  1. Kommentar von hansb | 13. Jul. 2010 um 23:01:16

    Richtig, Homöopathie kann gefährlich sein.

    Für den Erkältungskram gibt es wunderbare Kräutertees und das erwähnte warme Bier oder auch mal ein Grog sind auch nicht schlecht. Wer die ausführliche Anamnese will, kann diese auch einem ordentlichen Arzt bezahlen, der wertet das dann auch ordentlich aus und nicht auf dem Stand des 18. Jahrhunderts.

    Für den Hokus-Pokus Quatsch gibt es daher keine Entschuldigung, ausser als Privatvergnügen natürlich, da soll jeder machen, was er will.

  2. Kommentar von tilman | 14. Jul. 2010 um 00:45:48

    das wäre aber auch der homöopathische gedanke, gleiches mit gleichem zu behandeln, wenn man sagt, oftmals verschreiben die ärzte auch andere placebomittel (lutschtabletten) und dann könne man die homöopathie auch im system lassen ;)

    sinnloses rausschmeißen, sofort, also weg mit der homö. – sicher, da hast du recht: unser system krankt auch an vielen anderen stellen und es wird selbst nur durch homöopatischen dosen reformiert bzw es wird ohne wirkstoff reformiert und das system wird noch kränker (was der herr rösler da so macht).

    aber für eine wirkliche besserung fehlt der mut …

  3. Trackback von Ulf. Mehr oder minder täglich Privatkram. | 14. Jul. 2010 um 06:49:38

    Krankenkassen entdecken Marktlücke!…

    Viele Krankenkassen finanzieren mit unseren nicht unbedingt geringen und ständig steigenden Beiträgen nicht nur wichtige, sondern auch betrügerische Methoden wie Homöopathie finanziert. Da wäre es doch……

  4. Kommentar von bosch | 14. Jul. 2010 um 09:27:20

    Sieh auch Don Dahlmann:
    http://www.dondahlmann.de/?p=573

  5. Q
    Kommentar von Q | 14. Jul. 2010 um 19:09:38

    Den Vergleich Homöopathie – Religion finde ich nicht ganz passend. Denn: auch strenggläubige Christen, Muslime oder Juden gehen zum Arzt. Das sind für mich 2 Paar Schuhe, ganz verschiedene Gebiete.

    (Klar, es gibt auch irgendwelche Sekten, die NICHT zum Arzt gehen, weil sie nicht daran glauben etc., aber das sind ja wohl eher seltene Ausnahmen, nicht die Mehrheit der gläubigen Menschen.)

    Ansonsten stimme ich dir weitestgehend zu.

    Wobei: Wenn ich auf einem Arzt-Schild “Homöopathie” lese, dann nehme ich den nicht mehr so ernst wie vorher.

  6. Kommentar von Enno | 14. Jul. 2010 um 19:16:13

    @Q Also ist Sterndeutung keine Esoterik, weil viele Christen nicht an Horoskope glauben?

  7. Q
    Kommentar von Q | 14. Jul. 2010 um 19:38:54

    Hö?

    Versteh ich auch nicht was das damit zu tun hat :)

    Wahrscheinlich weil für mich Religion und Esoterik erst mal 2 verschiedene Dinge sind.

    Es mag Berührungspunkte geben, aber im Großen und Ganzen ist das für mich was Unterschiedliches.

  8. Kommentar von Enno | 14. Jul. 2010 um 19:43:56

    @Q Die Esoterik ist voll von Büchern über die Eucharistike, den Gang nach Mekka, die Kabbala oder das Bad im Ganges. Genannte rituale haben nur das Glück, Bestandteil einer Weltreligion zu sein, während die Homöopathie ein Versatzstück ist, dass sich überall weltanschaulich integrieren lässt – nur nicht in die Aufklärung. Darin besteht der ganze Unterschied. Ja, das ist einer, in soweit gebe ich dir recht.

  9. Kommentar von Ein Pirat | 14. Jul. 2010 um 21:49:38

    Ich glaube das Sommerloch hat in der Tat mit voller häftigkeit zugeschlagen. Die WM ist vorbei und alle Plappern den Politikern das dämmlichste Thema nach, dass ihnen gerade mal eingefallen ist. Fakt ist: Homöopathie wurde bis jetzt in den seltensten Fällen von Krankenkassen bezahlt. Wer Homöopathie zu sich nimmt zahlt selber, oder ist privat versichert (und kriegt dann noch eine Menge mehr in den Arsch geschoben). Die Einsparungen durch die ca 3 Homöopathischen Medikamente die von Kassen bezahlt werden entsprechen wahrscheinlich einem neuen Bürostuhl für die Abgeordneten. Bitte lasst uns diese Thema jetzt zu den akten legen und nicht unsere Agenda von schlechtesten Politikerfnords versauern.

  10. Kommentar von Vicky | 14. Jul. 2010 um 22:30:10

    Ich könnte Dir (teilweise) zustimmen, wenn es nicht leider so wäre, dass die Krankenkassen das “Billige”, sprich die Tropfen/Globuli/Salbe gar nicht bezahlen, sondern “nur” die Behandlung drumherum, und die ist um einiges teurer als eine Behandlung beim “Wald-und-Wiesen” Arzt (siehe z.B. hier und hier), der für Alltagswehwehchen meist auch “nur” Medikamente zum selbst bezahlen verschreibt. Dazu kommt, dass ein Arzt der homöopathisch behandelt entweder bewusst seine Patienten beschwindelt oder trotz aller Studien, die zusammen genommen nun mal leider* recht deutlich zeigen Homöopathika=Placebos, an diesen Hokus-Pokus glaubt. Ich möchte weder von dem einen noch von dem anderen behandelt werden.

    *Das meine ich erst: ich fände es fantastisch, wenn man mit ein wenig Wasser, Zucker und Alkohol tatsächlich sogar die schlimmsten Krankheiten heilen könnte. Die Studien sagen nur leider was anderes, und im Gegensatz zu Pippi Langstrumpf können wir uns die Welt nicht machen (wiede-wiede-)wie sie uns gefällt.

  11. Pingback von die ennomane » Blog Archive » Glauben und glauben lassen | 14. Jul. 2010 um 23:59:15

    [...] Wieder erhitzen sich die Gemüter bei über 30 Grad, was denn der rechte Glaube sei. Ich auch. Und ich schrieb schon: Homöopathie ist empirisch nicht belegt und also reine [...]

  12. [...] werden – ein Punkt der in der bisherigen Diskussion des Themas offenbar nicht (oder nur selten) zur Sprache [...]


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