sofa die ennomane

Mai 26, 2010

Die Nachrufe auf Roland Koch

Man soll nichts schlechtes über Tote sagen. Roland Koch ist zwar quicklebendig, aber was “SPON”, “Zeit” & Co. da zum Rücktritt des brutalst möglichen Aufklärers verbreiten, liest sich, als sei er mausetot. Es klingt wie die Nachrufe, die Redaktionen für den Fall des Ablebens von Prominenten vorgefertigt in der Schublade liegen haben. Ein paar Beispiele:

Spiegel Online sorgt sich um das Vakuum, das Koch hinterlässt: “Kochs Rückzug löst Kursdebatte in der CDU aus“. Die Redakteure versteigern sich in machterotische Anflüge, wenn sie unter “Abschied des Angreifers” seine brillante Rhetorik und sein taktisches Geschick loben. Selbst in “Adé Bösewicht” geht es kaum um Kochs Sündenregister sondern darum, dass der CDU nun ein konservatives Schwergewicht fehlt – mit Formulierungen wie “Er hat sich viele Feinde gemacht. Und doch muss gesagt werden…”. Und in “Auf der anderen Seite der Barrikade” wird Koch als Gegenmodell zum linksliberalen Alt-68er gefeiert.

Vielleicht sitzen ausgerechnet bei SPON die ganzen Koch-Fans? Aber bei der “Zeit” sieht es nicht viel anders aus. “CDU sucht neue konservative Galionsfigur“, “Ein Rückschlag für die Konservativen in der CDU” und “Kochs letzter Coup” zeichnen genauso das Bild des testosterontriefenden Polit-Alphatiers, während der Artikel “Kochs trübe Bilanz” gerade zu beschönigend wirkt, weil er die allermeisten von Kochs Durchstechereien ausspart. Auf Twitter wurde ich immerhin auf den Zeit-Artikel “Bouffier, der politische Zwilling” hingewiesen. Darin steht zwar wirklich mal Tacheles, aber eben über Bouffier und nicht Koch.

Ich glaube, diese Beispiele sollten reichen. Soweit ich sehen konnte, sieht es in anderen Blätter nicht viel anders aus, und selbst wenn hier und da mal wirklich eine schonungslose Bilanz der Amtszeit Kochs gezogen wird, bleibt der allgemeine Ton der Medien: Ein Streiter für die (ge)rechte Sache geht von Bord. Ja, Koch war ein neuer FJ Strauß. Ja, er hinterlässt ein Vakuum im rechtskonservativen Flügel der CDU. Ja, der Mann war eine durchsetzungsstarke Machtmaschine. Ja, das sind Aspekte, die in den Medien berücksichtigt werden müssen.

Aber: Dürfen die Medien wirklich so unverhohlen den Machttrieb eines Politikers bewundern, der völlig skrupellos Wahlkampf mit Ausländerhetze führt? Geht das OK, die kriminellen Machenschaften des Hessenberlusconi allenfalls in Nebensätzen zu erwähnen? Kann man beim Abtritt eines Politikers, der daran beteiligt war, lästig gewordene Steuerfahnder zu psychiatrisieren, ernsthaft das entstandene Vakuum betrauern?

Wäre nicht gerade Kochs Abtritt Anlass für wenigstens einen größeren Artikel dazu? Wo bleibt die zwanzigteilige Klickstrecke “Kochs schönste Affairen”? Wo der Artikel, der die kriminelle und korrupte Seite des System Koch beleuchtet (und nicht schon vor x Jahren erschien)? Ach so, den gibt’s wohl, aber nicht bei den großen, sondern beim Spiegelfechter. (Und ich empfehle sehr, den Artikel ganz zu lesen.)

Warum also diese Beißhemmung? Koch ist nicht tot.

Kommentare

  1. Kommentar von wii1and | 26. Mai. 2010 um 18:44:59

    Angriff des Abschiebers

  2. Kommentar von David | 26. Mai. 2010 um 20:15:30

    Vielleicht sitzen ausgerechnet bei SPON die ganzen Koch-Fans?

    Tja, ich fürchte, damit hast du gewissermaßen Recht. Einen wie Koch findet der Deutsche Michel zwar nicht toll, aber anstatt sich für eine Welt stark zu machen, in der nicht die Kochs, sondern bessere Menschen als der gut wegkommen, sehnt man sich heimlich danach, genau so ein skrupelloses A…….h zu sein. Wenn man doch nur aus der verdammten Haut könnte und dies und jenes hätte!

    Ich beobachte derlei heimliche Bewunderung für … nicht bewundernswerte Artgenossen … immer wieder mal und erschrecke sogar bei mir selbst manchmal davor. Woran kann das liegen? Vielleicht daran, daß ein skrupelloser Machterhalts- und Eigennutztyp wie Koch, der daraus keinen Hehl macht, eigentlich doch das kleinere Übel im Vergleich zu den üblichen gutmenschelnden Politprofis ist, die sich von einem Rhetorikkurs zum nächsten hangeln und sich mit Euphemismen gegenseitig überbieten oder am besten gar nichts sagen und statt dessen aussitzen (Kohl; sein “Mädchen”), womöglich das kleinere Übel ist?

    Den Rest Deiner entrüstet gestellten Frage “verstehe ich nicht” – ich bin von der etablierten Meinungsmachzunft in diesem Land schon seit Jahren nichts anderes mehr gewohnt, egal ob das jetzt Bild am Montag ist, die aktuelle KameraTagesschau oder hochsachlich-politische “Diskussionsrunden” wie “hart aber herzlichfair”.

    Was mir indes wirklich Sorgen macht: Suffi…äh, Bouffier. Mich deucht, der ist noch ne Ecke übler.

  3. Kommentar von Orwellhatterecht | 27. Mai. 2010 um 12:35:03

    Der Mann verdient ein dickes Lob! Er hat nämlich nunmehr nach 11 Jahren mal eine gute Tat vollbracht, die erste an die ich mich überhaupt erinnern kann!

    Hätte er diesen zweifellos richtigen Schritt schon vor einer Dekade vollzogen, nachdem seine Machenschaften um den Wahlkampf und die Parteifinanzierung bekannt wurden, so wäre meine Sympathie für ihn geradezu ins Uferlose gestiegen; so jedoch hält sie sich in (engen) Grenzen, schon allein deshalb, weil sein wahrscheinlichster Nachfolger, Volker Bouffier, eine Fortsetzung dieser Koch´schen Pollitik erwarten läßt. Wahrheit und Wahrhaftigkeit sind offenbar derzeit nicht im Trend !!!


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