sofa die ennomane

April 11, 2010

Das widerliche Verhalten von Regierungspolitikern in Zeiten des Krieges

Am Freitag fand ein Gedenkgottesdienst für die toten deutschen Soldaten des Afghanistan-Krieges statt. Ich war nicht dabei. Ich habe keinen TV-Mitschnitt gesehen. Ich kann nicht beurteilen, ob Frau Merkel wirklich erst kurzfristig wegen des öffentlichen Druckes entschied, vor den Trauergästen zu reden, was sie laut Spiegel gar nicht wollte, dann aber als “persönliches Anliegen” verkaufte. Ich kann mich nur auf diesen Spiegel-Artikel berufen und möchte auf die Seitenhiebe des Artikels nicht näher eingehen. Mir sind nur zwei Dinge aufgefallen.

Das Völkerrecht bewerte die Lage in Afghanistan als nicht internationalen bewaffneten Konflikt, führt sie aus. Viele Soldaten aber sprächen von Bürgerkrieg oder Krieg. “Und ich verstehe das gut”, sagt Merkel.

Wie kann diese Frau es wagen? Wie kann sie es wagen, in einer Trauerrede vor Angehörigen und Trauernden Ausführungen darüber zu machen, ob man den Krieg Krieg nennen könne? Was geht in einem Menschen vor, der eine Debatte über Propaganda und Deutungshoheit über den Krieg vor die Familien der getöteten zerrt? Von was für einem Menschen werden wir da eigentlich regiert?

Das andere – von und zu Guttenberg:

Seine kleine Tochter habe ihn gefragt, ob sie auf die Gefallenen stolz sein dürfe und ob diese Helden seien. “Ich habe beide Fragen nicht politisch, sondern einfach mit Ja beantwortet”, sagt Guttenberg. Die drei Fallschirmjäger seien von denjenigen getötet worden, “denen ein Menschenleben nichts, rein gar nichts zählt”, erklärt er mit Blick auf die Taliban.

Geht das nur mir so? Empfinde ich als einziger Ekel vor der Heroisierung des Kriegstodes? Finde das nur ich so entsetzlich eiskalt, wie Guttenberg die Situation für Propaganda und Kriegsrhetorik ausnutzt? Wie er das Stichwort “Stolz” verwendet und es mit dem Bild eines kleinen Mädchens verbindet? Spüre wirklich nur ich den beißenden Zynismus, der hinter einer solchen Rhetorik steht?

Und: Was ist ein Menschenleben denjenigen Wert, die solche Reden halten?

Kommentare

  1. Kommentar von Enno | 11. Apr. 2010 um 15:48:09

    P.S.: Man betrachte das ganze bitte auch im Zusammenhang mit der Weigerung, unverurteilte (also auch – in dubio pro reo – unschuldige) Häftlinge aus Guantanamo aufzunehmen.

    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,688311,00.html

    http://www.spreeblick.com/2010/04/07/solche-leute-aus-guantanamo/

  2. Kommentar von Judy | 11. Apr. 2010 um 16:05:36

    Nunja, was den sog. “Gotteskriegern” ein Menschenleben wert ist, hat man ja 9/11 gesehen, sorry, aber das nimmt sich gar nichts…

    Für mich ist der Krieg in Afghanistan schon lange “Krieg” und ich finde das Gewese um die Terminologie sowieso nur noch lächerlich.

    Zur Weigerung Häftlinge aus Guantanamo aufzunehmen sag ich lieber nichts, sonst werde ich wirklich sauer. Gerade ein Land, das mit am lautesten verurteilt hat, sollte dann nicht so reagieren, wenn es wirklich ernst wird.

    Zum Stolz etc sag ich nichts, da ich das wahrscheinlich anders sehe, als ein “Durchschnittdeutscher” ;)

  3. Kommentar von Enno | 11. Apr. 2010 um 16:07:24

    @Judy, es geht ja gar nicht um die Debatte obs Krieg ist, sondern diese Debatte selbst noch vor den Trauernden fortzuführen. Das ist nur noch ekelhaft.

  4. Kommentar von Ranjit | 11. Apr. 2010 um 16:18:02

    Sehe ich auch so.
    Aber Deutschland wieder als (militärischen) Global Player inszenieren zu können scheint unserer Regierung wichtiger als Menschenleben.

  5. Kommentar von Judy | 11. Apr. 2010 um 16:44:27

    @Enno: Das ist allerdings richtig, sorry, kam nicht rüber…

  6. Kommentar von Arno Nühm | 11. Apr. 2010 um 17:57:45

    Nein, das geht nicht nur dir so. Ich hatte da auch ziemlich schnell einen gewissen Reichsmarschall vor Augen. Scheint wieder hoffähig zu werden, mit Kindern und Gefallenen und dem Geseier von Stolz und Vaterland zu punkten.

    Und wovon ich sofort ebenfalls Gehirnkrätze bekomme, ist, wenn “911″ (die inzwischen verbreiteten Zweifel an dieser ganzen Sache jetzt mal komplett außen vor gelassen) als Rechtfertigung für einen Angriffskrieg herhalten muss, die Phrase von Deutschlands” oder wenigstens “der Freien Welt” Freiheit gedroschen wird, die es “am Hindukusch” (oder sonst wo auf der Achse des Bösen) zu verteidigen gelte UND das dann auch noch von Leuten leichtfertig wiedergekäut wird.

    Diese Leute sollten sich mal klar machen, dass sie hier entweder

    einem Rachefeldzug

    oder aber

    einem “Präventivkrieg”

    das Wort reden. Das allein ist schon völkerrechtswidrig, und wenn man es noch so hin und her rabuliert. Daraus dann noch Wahlkampfauftritte vor der Versammelten Hinterbliebenenschaft zu basteln –

    ich brech hier ab, sonst werde ich unziemlich. Sorry. Danke für den Beitrag, Enno.

    (Ja, inzwischen ist man langsam paranoid.)

  7. Kommentar von Tobias | 12. Apr. 2010 um 02:12:35

    Kann das Gefühl des Ekels sehr gut nachvollziehen. Mir ging es heute so, als ich den Titel der Bild (BamS vermutlich) im Automaten sah, wo in dicken Lettern verkündet wurde, dass die Kanzlerin sich vor “unseren Gefallenen” verneigt habe oder so ähnlich. Unsere Gefallenen, da ist es mir dermaßen eisig den Rücken runter gelaufen.

  8. Kommentar von German Psycho | 13. Apr. 2010 um 10:28:18

    Hmm… Stolz? Finde ich falsch. Die Leute wurden in einen Hinterhalt gelockt und getötet. Da ist Trauer angebracht, nicht Stolz.

    Stolz hätte ich empfunden, wenn sie die Angreifer getötet hätten. Ohne eigene Verluste.

    ;)

  9. Kommentar von Enno | 13. Apr. 2010 um 11:32:55

    @GermanPsycho Das wäre schon zielführender, wenn auch immer noch äußerst zynisch. Wirklich stolz könnten wir sein, wenn wir das Land ganz ohne Waffengewalt befrieden könnten.

  10. Kommentar von German Psycho | 14. Apr. 2010 um 12:19:15

    Das aber ist wohl illusorisch. Leider. Klar: ich wäre sehr froh, wenn wir das könnten. Es fällt wohl niemandem leicht (hoffe ich), Soldaten in ein fremdes Land zu schicken.

    Aber gerade wir Deutschen sollten wissen, daß es manchmal eben nicht anders geht. Wie im Blog gerade beschrieben: Hitler hat sich nicht durch Chamberlain wegdiskutieren lassen.

  11. Kommentar von Ernst Haft | 14. Apr. 2010 um 18:01:13

    Soweit ich in Geschichte richtig aufgepasst habe, ist in Deutschland damals niemand bewaffnet mit den Worten einmarschiert “Ihr habt da einige Gebiete besetzt” oder “Ihr habt da was fieses vor” oder gar: “Ihr unterdrückt die demokratische Opposition in Eurem Land”. Deutschland wurde – zu Recht – zur Raison gebracht, nachdem es nachweislich einen bewaffneten Angriffskrieg begonnen hat. Alle – aus unserem heutigen Demokratieverständnis heraus, das ja aus dieser Geschichte lernen wollte und will – unbilligen inneren Entwicklungen vor diesem Angriff wären völkerrechtlich ausschließlich auf diplomatischem Weg, mit Embargos etc. zu lösen gewesen.

    Dieser immer wieder gern im Zusammenhang mit deutscher Beteiligung an Angriffskriegen gebrachte “Appeasement”-/”Chamberlain”-Vergleich hinkt also deutlich mehr, als damals gewisse Propagandaminister.

    Daß jemand, den man vorher nicht präventiv daran hindert, ggf. seinen Nachbarn zu erschlagen, dies möglicherweise tun könnte, liegt auf der Hand. Genau so, wie jeder, der heute hier frei und weitgehend unüberwacht durch die Alleen trottet, ein “potentieller Gefährder” sein kann. Zu beidem gibt es eine Alternative: Alles über Bord werfen, was man eigentlich zu verteidigen meint, und selbst als erster Unrecht tun – oder warten, bis derjenige konkret mit der strafbaren Handlung beginnt und ihn im Idealfall genau im Moment des Übertritts stellen.

    Das klingt entsetzlich hilflos – und ist doch zugleich die tragende Säule einer auf Recht basierenden Gesellschaft, wie “wir” sie nur zu gerne einfordern. National wie global. Man kann natürlich alles relativieren – aber dann sollte man mit Werturteilen verdammt sparsam umgehen.

  12. Kommentar von German Psycho | 16. Apr. 2010 um 12:35:04

    Nein. Denn man hat ja nun erst lange versucht, Herrn Hitler über Verhandlungen zum Einlenken zu bringen.

    Hätte man aber den Völkermord einfach so geschehen lassen sollen, wenn Hitler nicht zusätzlich noch einen Krieg vom Zaun gebrochen hätte? Nun ja… man kann natürlich alles relativieren, aber dann sollte mann … ;)

    Oder man könnte sich in Erinnerung rufen, daß wir nicht in Afghanistan „einmarschiert” sind. Sondern aufgrund eines UN-Mandates und auf Wunsch der afghanischen Regierung. Wenn man denn schon über Recht und Gesetz sprechen möchte.

  13. Kommentar von Ernst Haft | 16. Apr. 2010 um 19:34:41

    Das kann alles sein. Ändert aber überhaupt nichts am Gesagten. Gegen Deutschland wurde erst militärisch vorgegangen, nachdem es selbst andere militärisch angegriffen hat. Und das bleibt der einzige völkerrechtlich legitime Weg.

    Über das UN-Mandat für Afghanistan kann man trefflich streiten und das solange man mag, .de#3-Vergleiche passen hier trotzdem nicht. Egal wie man’s dreht und wendet. Und das ist auch gut so.

  14. Kommentar von julian | 18. Apr. 2010 um 02:13:09

    Sehr passend zu diesem Thema ist der Beitrag von Georg Schramm dazu:
    http://www.youtube.com/watch?v=2mm9GZ5Pw7E

  15. Pingback von die ennomane » Blog Archive » Kein Respekt vor dem Amt | 31. Mai. 2010 um 22:28:25

    [...] Horst Köhler ist vom Volk gewählt worden. Mit dem Amt übernahm er nicht nur Rechte, sondern auch die Pflicht, das Amt nach bestem Vermögen auszufüllen. Dazu gehört auch, sich der Kritik an seiner Amtsführung zu stellen. Sicherlich, die Worte, die er zum Thema Krieg und Bundeswehr sprach, waren äußerst bedenklich, decken sich allerdings im großen und ganzen mit der deutschen Militärdoktrin. Wenn Horst Köhler also etwas vorzuwerfen wäre, dann dass er eine unangenehme Wahrheit ausgesprochen hat. Leider ist er dann zurückgerudert und meinte, er sei missverstanden worden. Schade, denn Horst Köhler hätte für diese Debatte auch in die Geschichtsbücher eingehen können, wäre er bereit, sie zu führen bzw. in der Gesellschaft zu moderieren. Diese Kriegsdebatte ist nämlich dringend nötig in einem Land, in dem die Kanzlerin auf der Trauerrede für getötete Soldaten laut darüber nachdenkt, ob man den Krieg nun so nennen darf. [...]


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