sofa die ennomane

20. März 2010

Das Ende der Rolle

In dem Artikel „Die Ideologie Datenschutz“ behandelt Christian Heller die Frage, ob eine totale Transparenz aller Daten nicht auch Chancen bietet, die zu einer neuen Gesellschaft führen. Der Grundgedanke dahinter ist, dass die völlige Offenlegung die Gesellschaft zur Toleranz zwingt. Als Beispiel wird die Schwulenbewegung genannt, die die Gesellschaft erfolgreich verändern konnte, dadurch dass sie sich nicht länger versteckte, sondern die Öffentlichkeit provozierte.

Der Gedanke ist bestechend, aber es bleiben ein paar Fragen: Die Überwachung aller durch aller führt zu einer verschwommenen, widersprüchlichen Gesamtidentität und Nivellierung der Rollenbilder. Im Alltag spielen wir verschiedene Rollen wie die des treusorgenden Ehemannes, die sich mit der des Puffbesuchers beißt. Der politisch Engagierte sollte am Arbeitsplatz keine Propaganda betreiben. Der Arzt wird nicht in der Gegenwart seiner Patienten rauchen.Vermutlich hängt es mit diesen Rollenbildern zusammen, dass wir laut verschiedener Studien mehrere hundert mal am Tag lügen.

Wir können im Alltag keine verschiedenen Rollen mehr spielen, wenn unsere Gesamtidentität offenbar ist. Die völlige Transparenz ist der Verlust der Hoheit darüber, was ich anderen über mich mitteilen möchte. Es wäre nichts weniger als das Ende des Geheimnisses. In der Utopie ist das wünschenswert: Niemand muss sich Sorgen wegen irgendwelcher kursierenden Daten machen, weil sie keine Sanktion nach sich ziehen. Es interessiert keinen, was jemand im Bett treibt, ob wir jetzt eine Webcam davorstellen oder nicht. Wir können in jeder Hinsicht tun und lassen, was wir wollen. Wie befreiend!

In dieser Welt müssten wir uns nur noch Scham und Tabus, die kulturelle Konstrukte sind, abgewöhnen, schon leben wir im Paradies. Das ganze erinnert mich ein wenig an vergangene Utopien wie den Sozialismus, den Neoliberalismus, den Faschismus, wo im Zuge kultureller Veränderungen immer auch der „neue Mensch“ proklamiert wurde. Meistens wurde nach Ende der Party verkatert festgestellt, dass der Mensch so neu doch nicht ist und weiterhin archaischen Verhaltensweisen verhaftet bleibt.

Können wir den Hang zur Abgrenzung, Gruppenbildung bis hin zu Aggression und Krieg wirklich einfach so abschalten? Warum sollte das definierende „wir“ in Zukunft nicht an diskriminierenden Merkmalen, also Daten festgemacht sein? Was ist, wenn die totaltransparente Gesellschaft doch auf die Idee kommt, Merkmale oder Verhaltensweise wieder zu Stigmata zu machen und zu sanktionieren? Ist der Mensch an sich gut? Was passiert, wenn Machtfragen ins Spiel kommen? Und wäre es nicht besser, für den Fall der Fälle einen geschützten Raum zu behalten, und zwar ohne dass uns das Betreten dieses geschützten Raumes verdächtig macht?

Wer etwas schützen will, hat Angst. Angst ist allerdings ein Überlebensinstinkt.

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Kommentare

  1. Comment von Stefan | 20. Mrz. 2010 um 14:56:30

    Dabei stellt sich jedoch auch die Frage, ich habe vor wenigen Minuten mit einer Freundin über ein ähnliches Thema diskutiert, ob es denn dann überhaupt noch jemanden interessieren würde, wenn jemand etwas Negatives begeht (falls es den Begriff „Verbrechen“ in der Gesellschaft noch gäbe). Es mag zwar positiv sein, wenn manches Verhalten nicht mehr sozial verachtet wird, aber wenn das bei allem passiert, was dann?

  2. Comment von mspro | 22. Mrz. 2010 um 18:50:11

    Enno, deine Vergleiche mit den großen Ideologien wie Faschismus, Sozialismus etc. ist etwas unfair. Chrsitian hat zwar den einen oder anderen Applaus bekommen, aber ein einziger irritierender Text ist noch keine ideologische Großbewegung.

    Im Gegenteil, hier ist es anders herum. Der neue (transparente) Mensch ist da. Es ist eine Massenbewegung, noch bevor sie jemand überhaupt formalisiert hat. Wir reden hier nicht über verschwommene Zukunftsvisionen oder gar Utopien, sondern vom Jetzt.

    Wir stehen vor der ganz realen Frage: wie gehen wir damit um. Christian hat eine Handlungsoption in’s Spiel gebracht, die bei vielen vorher nicht auf dem Tisch lag.

  3. Comment von Enno | 22. Mrz. 2010 um 20:40:41

    Wieso sind die unfair? Zum einen: Ist – ich nenne es mal – der Transparentismus nicht praktisch doch schon eine Bewegung, eben weil sich sehr viele Menschen sich mittlerweile transparentistisch verhalten? In der Diskussion bilden sich langsam aber deutlich die Merkmale einer Ideologie heraus. Das ist für sich genommen nichts schlimmes, ich kriege nur Probleme damit, wenn irgendwo ein „neuer Mensch“ proklamiert wird. Das hat Christian zwar nicht explizit getan, aber implizit ist das der Fall. Die Utopie geht (eben ganz ähnllich wie die erwähnten Großideologien) davon aus, dass der transparente Mensch sein Verhalten ändert. Damit meine ich nicht jetzt schon zu beobachtende Verhaltensänderung in den sozialen Netzwerken, sondern eben Abgrenzung, Diskriminierung usw. Eine transparente Welt voller lieber netter Transparentisten ist ein Paradies. Sollten hier aber irgendwelche Faschos, Autoritäre oder andere Totalitaristen plötzlich tonangebend werden, verkehrt sie sich ganz schnell in eine Hölle. Meine Sorge ist, dass Konformitätsdruck umso totaler wird, je transparenter der einzelne in der Gesellschaft wird. Und wenn ich aufgrund meiner nun sichtbaren Merkmale in Gruppe A abgelehnt werde und andere finde, die dieses Merkmal ebenfalls haben, werde ich mich sehr wahrscheinlich mit diesen zusammentun. Darin wäre der Keim des Abgleitens dieser Utopie schon gesät.

  4. Pingback von F.A.Z.-Community | 23. Mrz. 2010 um 17:32:08

    […] wäre vermutlich ähnlich gefährlich, wie von seinen Bewahrern behauptet. Enno Park formuliert die Befürchtung, dass sich Gesellschaften immer wieder von jeglicher Toleranz lösen kann […]

  5. Pingback von Thorstena » Technoider Determinismus | 27. Mrz. 2010 um 23:25:31

    […] können bzw. sich die Einschätzung ehedem als unproblematisch erachteter persönlicher Daten auch wandeln kann, offenbart Heller mit diesen Gedankengängen eine Art technoiden Determinismus, der zu denken gibt […]

  6. […] des Datenschutzes wäre vermutlich ähnlich gefährlich, wie von seinen Bewahrern behauptet. Enno Park formuliert die Befürchtung, dass sich Gesellschaften immer wieder von jeglicher Toleranz lösen kann und […]


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