sofa die ennomane

März 5, 2010

Die Sache mit dem Genderdings

Als ich klein war, fand ich die Welt noch ganz gerecht. Frauen bekamen Babys, Männer mussten als Ausgleich zur Bundeswehr. Leider stellte sich die Sache später doch einiges komplizierter dar. Irgendwie habe ich die feministischen 80er überlebt und irgendwann habe ich endlich gelernt, dass Fußball spannend finden nicht zwangsläufig mit intellektuellem Steinzeithöhlendasein gleichzusetzen ist und man Frauen sehr wohl in den Mantel helfen darf, wenn beide Teilnehmenden Gefallen an diesem symbolischen Bondage finden.

Nicht vergessen sollten wir, dass der Zölibat für Lehrerinnen in Baden-Württemberg erst 1956 aufgehoben wurde. Auch dürfen Frauen erst seit 1971 in der Schweiz wählen, was, glaubt man Aaron König, zum dortigen Minarettverbot geführt hat. Noch heute verdienen Frauen meist schlechter als Männer, was häufig mit der Karrierebremse Kind und “sozialerer” Berufswahl erklärt wird oder damit, dass Frauen einfach weniger in der Lage seien, in Gehaltsverhandlungen ihren Mann zu stehen. Mittlerweile ist der aber auch zum schwachen Geschlecht mutiert, glaubt man den Medien. Lebt kürzer und ungesünder und kommt in der Schule schlechter weg, wo er  von einem Heer von Lehrerinnen unterrichtet wird, während zu Hause seine allein erziehende Mutter die Hausarbeiten kontrolliert. Manchmal liest man allerdings das glatte Gegenteil. Es scheint nur noch Problemgeschlechter zu geben.

Das ganze Thema ist von Vorurteilen durchsetzt, zugleich aber hoch komplex und streift gleich mehrere wissenschaftliche Disziplinen. Ich persönlich kenne mich in dem Bereich nicht aus und will mir kein Urteil anmaßen, habe aber das leise Gefühl, dass Gender gerne mit Feminismus verwechselt wird, gerade auch von letzterInnen. Die Medien vermitteln mir ein “nichts genaues weiß man nicht”, aus der nun Politiker irgendwelche Handlungsanweisungen ableiten sollen, die Themen wie Bürgerrechte, Chancengleichheit, Sozialpolitik, Bildung usw. berühren. Eine Themenauswahl, die für mich durch aus piratenrelevant klingt.

Mit Alltagserfahrung und “gesundem Menschenverstand” kann man das ganze jedenfalls nicht angehen. Das hat schon bei von der Leyens Stopschildern nicht geklappt. Eine Genderdebatte bei der Piratenpartei ist also dringend nötig. Selbst wenn das zu jahrelanger Selbstzerfleischung führt und wir den Grünen dabei wieder was nachmachen, ist es nötig, gerade um ggf. zu neuen Standpunkten und zu einer schlüssigen Politik zu finden. Deshalb begrüße ich den Versuch von Piratinnen, sich zu Zirkeln zusammenzuschließen und freue mich sehr auf die Impulse, die aus dieser Richtung kommen werden!

Auch deshalb habe ich zunächst meinen Namen als Ablehner unter diesen offen Brief gesetzt. Letzteres bereue ich aber, seit ich von den Erfahrungen gelesen habe, die Piratenfrau Jinx mit der Moderatorin der Piratinnenmailingliste machen musste. Liebe Damen, das ist hysterisch. Oder wollt ihr wirklich ins Rollenbild des 19. Jahrhunderts zurückfallen? Die unerfreuliche Affaire um eine Mailingliste und zwei nicht authorisierte Pressemitteilungen hat einmal mehr zu einem tendenziösen taz-Artikel geführt, der wichtige Aspekte der Debatte unter den Tisch fallen lässt und die Piraten als reine Chauvi-Partei darstellt. Naja, Hauptsache, die Namen sind richtig geschrieben.

Kommentare

  1. Pingback von Es muss nicht immer um Millionen gehen /  berlinnow | 05. Mrz. 2010 um 01:27:17

    [...] Hier gibt es noch einen Lesenswerten Blogartikel bei ennomane. [...]

  2. Kommentar von Daniela | 05. Mrz. 2010 um 02:08:57

    Alles, was nicht direkt die Piratenpartei betrifft (denn da kenn ICH mich nun zu wenig aus) kann ich so unterschreiben. Wir sind wohl im selben Alter :) In die Genderproblematik der Piraten muss ich mich mal einlesen, aber was immer hilft, ist ein wenig mehr Gelassenheit auf allen Seiten.
    Wir sind damit aufgewachsen, dass (Frauen-)Rechte ein ganz heikles Thema sind, und auf keinen Fall darf man Gleichberechtigung mit Bevorzugung eines Geschlechts verwechseln.
    So wie es genügend Damen gibt, die mit einem “jetzt sind wir mal dran bevorzugt zu werden” ganz offen dazu stehen, für sich und ihre Geschlechtsgenossinnen Vorteile herauszuschlagen, so gibt es auf der männlichen Seite oft auch ein (ich tippe mal ein wahrscheinlich nicht mal bewußtes) Selbstverständnis, bei welchen Dingen man “unter sich bleibt”.
    Wenn man sich die Unterschiede, die Sorgen und Nöte bewußt macht, offen darüber spricht, dass man in einzelnen Dingen unterschiedlicher Meinung ist, aber trotzdem im Großen in die gleiche Richtung läuft, ist bestimmt schon viel gewonnen.

  3. Kommentar von Thomas Maier | 05. Mrz. 2010 um 02:25:39

    Guter Artikel.
    Man merkt gerade überall, dass jeder seine Worte auf die Goldwaage legt um jaaaa nichts falsches zu sagen.

    Es lässt sich kaum etwas hinzufügen.

    Mir persönlich ist es völlig schleierhaft, wieso es eine reine Frauen-Mailingliste braucht. Wieso gibt es dann keine Männer-Mailingliste?

  4. Kommentar von sumosu | 05. Mrz. 2010 um 03:32:17

    Ich muss dir wirklich recht geben. Alles was du sagst hat Hand und Fuß, du bringst es auf den Punkt und schaffst es, die Dinge zu entschärfen.

    Eigentlich gehörst du auf die Mailingliste der Piratinnen, leider kommst du da als Mann aber nicht drauf.

    Liegt nicht genau hier der Hund begraben? Ja, Genderdebatte bittesehr, aber wenn Frauen sich in intransparente Schutzräume zurückziehen und potentielle Ideengeber aufgrund der Genitalien ablehnen – Haben wir dann nicht genau ein Feminismusdings und kein Genderdings?

  5. Kommentar von larom | 05. Mrz. 2010 um 08:55:47

    Wenn Du die Seiten wechselst, solltest Du wohl auch deinen alten Eintrag durchstreichen, sonst hebt sich das eher gegenseitig auf. ;) Das funktioniert mit
    “durchgestrichener text”.

    Gruß

  6. Kommentar von Enno | 05. Mrz. 2010 um 10:30:06

    @Iarom: Das hatte ich getan. Aus unerfindlichen Gründen hat der User “Reeder” das dann in der Nacht wieder rausgenommen… (Siehe History.)

  7. Kommentar von Der Dackel | 05. Mrz. 2010 um 17:07:33

    Ob deswegen gleich ein Seitenwechsel angebracht ist? Ich habe nach Lektüre deines und des von dir verlinkten Beitrages meine Sympathien für das Projekt ebenfalls zurückgezogen, aber ich bin noch immer der Meinung, dass das Thema mal weniger naiv angegangen werden muss als einfach zu proklamieren: \Wir sind alle nur Piraten und es gibt kein Genderproblem!\ und dann so tun als sei das so – und genau diesen Eindruck vermittelt der offene Brief.

  8. Kommentar von Chaamba | 05. Mrz. 2010 um 18:57:51

    Das ist doch typisch für die taz.
    Zum einen hat sie eine in meinen Augen – in den Augen der Allgemeinheit?- feministische Chefredakteurin und zum anderen steht sie den Grünen sehr sehr sehr nahe.
    Ich gehe mal davon aus, dass die Wählerschaft der Piratenpartei einige Überschneidungspunkte mit der Wählerschaft der Grünen hat, sodass derartige Artikel den Grünen sehr gelegen kommen.

  9. Kommentar von Goofos | 05. Mrz. 2010 um 21:03:19

    @Der Dackel
    das hat mir leider auch nicht geschmeckt, dass das auf die Schiene “es gibt keine Probleme” geloffen ist. Eine Debatte über die Probleme muss her, aber nicht so wie sie Lena führen wollte und jetzt dummerweise auch tut. Für die Piratenpartei gibt es da immernoch einiges was an dieser Debatte im Gegensatz zu den Grünen, Die Linken… besser und vor allem richtiger gemacht werden kann.

  10. Pingback von Unter Piraten: Die Gender-Debatte « …Kaffee bei mir? | 06. Mrz. 2010 um 00:35:01

    [...] weniger als Männer, und Ben Stöcker mit einer ausführlichen Nachlese. Nachgetragen sei noch die Meinung der Ennomane, die ich übersehen [...]

  11. Kommentar von hmpf | 06. Mrz. 2010 um 13:52:22

    liest sich fast so, als würden z.B. männliche Sozialpädagogen oder Erzieher für gleiche Arbeit genauso “gut” oder sogar besser bezahlt werden als ihre weiblichen Kollegen… oder wieso braucht sich ein Mann garnich erst auf eine Stelle in einem Schulsekretariat bewerben?…

    hier musste wohl noch n büschn informationen sammeln… sonst verwechselst du halt Feminismus mit Gleichberechtigung … und dann wäre dir auch klar, dass Männer zu diskriminieren und ihnen die Teilhabe an den Diskussionen dort zu verbieten echt nicht die feine Art ist…

  12. Kommentar von Enno | 06. Mrz. 2010 um 14:04:19

    @hmpf Das sind jetzt zwei verschiedene Dinge. Natürlich finde ich es nicht die feine Art, Männern die Teilhabe zu verbieten. Das ging doch wohl aus meinem Post hervor? Man sollte ggf. auch die die verlinkten Artikel lesen. Das andere: Mir sind im persönlichen Umfeld mehrere Fälle bekannt, wo Frauen für die gleiche Arbeit und in der gleichen Firma schlechter bezahlt werden, als Männer.

  13. [...] ennomaneforschungstorte twittert [...]

  14. Pingback von Nachlese mit Senf: Von #Piratinnen » Under Skull and Bones | 14. Sep. 2010 um 13:30:18

    [...] Ennomane schrieb auch über “Die Sache mit dem Genderdings” und hält fest, dass sie durchaus der Meinung ist, dass wir Piraten in der Genderproblematik [...]


Kommentar hinterlassen: