sofa die ennomane

November 17, 2009

Medienmode Depression

Der depressive Fußballer Enke nahm sich das Leben und das einzig Gute, das sein Tod bewirkt haben mag, ist dass die Krankheit Depression jetzt vielleicht ein Bisschen weniger tabubehaftet ist.

SPON berichtet über einen Unternehmersohn, der bis 40 vom Geld seines schwerreichen Vaters leben musste, bis er sich selbst und sein Glück im Bücherschreiben fand. Außerdem über die berühmte Schauspielerin Brooke Shields, die sich mal das Leben nehmen wollte. Und schließlich berichtet ein Redakteur von seiner eigenen Depression, die er zu einem Artikel verarbeitet. Die Süddeutsche berichtet über den Fall einer Londoner Fondsmanagerin, die von ihren Kollegen gemobbt wurde. Die Frankfurter Rundschau bringt den ehemals depressiven Olympia-Sieger Matthias Behr, während der Tagesspiegel den uns den Schriftsteller Adrian Naef vorstellt, der ein Buch über seine Depression geschrieben hat.

Ich will das Schicksal dieser doch recht privilegierten Menschen nicht im geringsten relativieren. Wirklich nicht. Ich weiß nur, dass ich mir nicht vorstellen kann, was sie durchgemacht haben müssen.

Ich habe nur eine Frage an die Redaktionen: Wo bleibt die Geschichte des einfachen Arbeitnehmers, welcher zusätzlich zum Schicksalsschlag Depression nach Monaten in der Psychiatrie keine Arbeit mehr findet und den Rest seines Lebens als Aussortierter von Hartz IV vegetiert, wenn er sich nicht doch das Leben nimmt? Ich frag ja nur…

Kommentare

  1. pia
    Kommentar von pia | 17. Nov. 2009 um 22:11:43

    lieber enno, ich kann verstehen, was du meinst. aber ich denke, viele menschen stellen sich den “typischen depressiven” genau so vor. elend, fertig mit sich und der welt, sozialer abstieg.

    mein spontaner gedanke ist, es richtig zu finden, die sogenannten “erfolgreichen” zu nennen. die, die scheinbar alles haben. und “trotzdem” depressiv werden. etwas, das sich viele nicht vorstellen können. weil viele denken, man müsse sich eben nur ein bisschen zusammenreißen, das schöne im leben sehen, freunde anrufen. genau das geht bei einer depression nicht mehr, egal, ob man nun ausschließlich kaschmirpullover im schrank hat oder von graubrot leben muss.

    insofern ist es positiv, sozusagen die karrieristen unter den depressiv erkrankten zu portraitieren. es ist ein großer schritt, eine psychische erkrankung zuzugeben und öffentlich zu machen.

    vielleicht überlegt sich der ein oder andere selbst betroffene nun doch, wenigstens zum arzt zu gehen und eine diagnostik machen zu lassen. je früher, umso besser die aussichten auf genesung.

    und vielleicht ändert es auch die sicht der angehörigen auf die krankheit, und sie können besser erkennen, dass das “alles haben” überhaupt kein kriterium ist, das einen vor der depression schützen kann.

    denn wenn der erkrankte selbst und das nahe und das weite umfeld in der lage ist, psychische erkrankungen genauso zu akzeptieren wie eine lungenentzündung, dann ist DAS die beste voraussetzung für die verhinderung von verschlimmerungen und suizid.

  2. Kommentar von Enno | 17. Nov. 2009 um 22:17:26

    Liebe Pia, du hast völlig recht. Trotzdem stößt es mich sauer auf, weil das Thema Depression und psychische Erkrankung insgesamt für ganz viele Menschen – gerade die weniger wohlhabenden und weniger gut vernetzten – ein soziales *und* materielles Fallbeil sind. Darum ging’s mir…

  3. Kommentar von VolkerK | 17. Nov. 2009 um 22:27:19

    Ja, ein Thema, das mir auch immer wieder durch den Kopf geht.
    Depressionen in der einen oder anderen Art sind leider wirklich sehr verbreitet. Alle Patienten, die ich bislang hatte, waren Opfer solche affektiven Störungen. Einige nur vorübergehend bis 3 Monate im Rahmen einer Anpassungsstörung. Dann ist das laut ICD-10 keine “richtige” Depression sondern nur eine Phase, was dem Patienten nicht wirklich hilft, weil man die Dauer ja erst hinterher weiss.
    Wir alle haben deprssive Anteile in unserer Persönlichkeit, und neben einer Veranlagung, die diese Anteile stärker ausfallen lässt, als bei anderen Menschen, sind viele, viele Prägungen und Traumata anerkannte Gründe.
    Und da kann auch ne Therapie eingreifen.
    Wenn man denn eine mitmacht.

  4. Kommentar von Sabine Engelhardt | 17. Nov. 2009 um 22:44:52

    Das mit dem Fallbeil ist nicht so falsch ausgedrückt. Meine Erfahrung: Depressionen werden von Behörden gnadenlos ausgenutzt, und dabei werden diese teilweise noch vom SGB gestützt. ARGEn und “Sozialämter” haben gelernt, daß Depressive sich nicht so gut für sich selbst einsetzen können, daß sie manchmal Termine und Fristen nicht einhalten können, und daß sie manchmal besondere Hilfen brauchen. Damit kann man an Depressiven ganz hervorragend sparen (mehr Kürzungen und Repressionen, weniger Hilfen etc.)

    Die besonderen Hilfen gibt es sogar, aber sie werden gern verschwiegen. Das geht doch nicht, das dem Bedürftigen zu sagen, daß er z.B. ambulantes betreutes Wohnen in Anspruch nehmen könnte — der kommt am Ende auf die Idee und beantragt das, und das kostet doch extra!!!!111

    Ich bin seit Februar 2002 depressionskrank. Das “Sozialamt” hat mir jahrelang verschwiegen, daß es dieses ambulante betreute Wohnen gibt (dabei kommt je nach Bedarf ein- bis mehrmals pro Woche ein Sozialarbeiter in die eigene Wohnung). Stattdessen verschleppte es zwei Anträge, verlor einen davon komplett, ließ mich 4 Monate lang ohne Strom sitzen, den ich nicht mehr bezahlen konnte, und als ich die Wohnung dann ganz verlor, war es ihnen auch völlig egal.

    Die Sozialgesetzgebung und ihre Auslegung durch die Ämter ist dafür vorgesehen, Menschen mit solchen Problemen buchstäblich in den Tod zu treiben — ob durch Verhungern, Erfrieren im Winter bei Obdachlosigkeit oder Suizid, ist doch egal. Daher bevorzuge ich statt “Sozialamt” den Begriff “faschistisches Repressionsamt”. Und gerade lerne ich, daß es bei den ARGEn auch nicht besser läuft, denn mir wurde gerade mit schwachsinniger Begründung die Erwerbsminderungsrente (100%) entzogen, und nun darf ich an zwei Fronten kämpfen: Gegen Rentenversicherung wegen Wiederaufnahme der Leistung, und gegen die ARGE, die übergangsweise zuständig ist.

    Und dann sag gegenüber solchen Fatzkes mal, Du hast Grundrechte. Dann bist Du erst recht auf der Abschußliste. Das geht ja mal GAR nicht, daß sich diese Sozialschmarotzer auch noch Grundrechte einbilden …

    Übrigens … über den depressiven jungen Mann, der im April 2007 20jährig in Speyer verhungerte, wurde nicht nur viel weniger berichtet als über Robert Enke. Die Artikel der ersten zwei, drei Tage enthielten noch den Hinweis, daß er krank war; die darauffolgenden unterschlugen dieses Detail und erzählten nur noch, daß er Fristen etc. nicht eingehalten hat, dieser böse Hartzer, also war er ja wohl selbst schuld …

    Gruß, Frosch

  5. Kommentar von Enno | 17. Nov. 2009 um 22:52:05

    Besonders “berauschend” ist es dann immer wieder, wenn die Sozialarbeiter ihre Schützlinge aufs Amt begleiten und beim Papierkrieg helfen. Dann flutscht es plötzlich. Wenn sie das Glück hatten, in eine Betreuung reinzukommen. Das sind dann häufig die “Fälle” wo Menschen auffällig werden und andere Behörden einschreiten. Diejenigen, die still leiden, werden übersehen.

  6. Kommentar von Sabine Engelhardt | 17. Nov. 2009 um 23:02:06

    Ja, einen Zeugen dabeizuhaben ist generell hilfreich. Aber auch darauf können die Ämter reagieren: Termine werden generell morgens und nach Möglichkeit relativ kurzfristig anberaumt, damit ja keiner Zeit hat. Und schon ist man wieder alleine.

    Sozialarbeiter haben einen vollen Terminkalender. Mal eben was zwischenschieben, weil einem Amt ein Termin einfällt, ist da normalerweise nicht drin (zumindest hier). Selbst wenn der Termin nicht gleich übermorgen ist, muß er ja nicht zwangsweise genau in der Zeit liegen, die im Terminkalender des Sozialarbeiters für den Betreuten vorgesehen ist.

    Ansonsten wurde bei mir schon versucht, den Sozialarbeiter direkt auszuhorchen (ein Berufsgeheimnisträger!). Der könnte ja was über mich wissen, womit man mich noch besser fertigmachen kann. Ich bin froh, daß der Mensch damals richtig reagiert und nichts gesagt hat. Und ich bin froh, daß sie es bislang nicht bei Leuten versucht haben, die keine Berufsgeheimnisträger sind.

    Gruß, Frosch

  7. Kommentar von Uteq | 17. Nov. 2009 um 23:26:47

    @VolkerK: “Wenn er denn eine mitmacht” ist gut… Das Hauptproblem ist doch vielerorts, überhaupt erstmal eine Therapie beginnen zu können. Ich hatte mir seinerzeit eine nette Schwangerschaftsdepression eingefangen, und weißt Du, was mir gesagt wurde? Ich könne entweder ca. ein Jahr(!) auf den ersten Termin warten oder aber Psychopharmaka schlucken. Die allerdings würden die Plazenta überwinden und auf mein ungeborenes Kind übergehen. Ansonsten stünde noch die Notfallambulanz zur Verfügung, aber nur dann, wenn ich akut selbstmordgefährdet sei.

    Bei so viel Zynismus fällt einem doch nix mehr ein. Mein Glück – zumindest jenes Mal – war, daß mit der Geburt meines Sohnes so langsam wieder Licht am Ende des Tunnels auftauchte, weil die Hormone den Rückzug antraten. Aber ich mag mir gar nicht ausmalen, in welche Mühlen ich geraten werde, wenn mir sowas nochmal widerfahren sollte. Das ganze Blabla in den Medien ist nichts als Schaumschlägerei. Ist ja nett, daß sich jetzt ein paar wohlhabende Privatpatienten outen, die sicher beim ersten Fingerschnippen einen Therapieplatz angeboten bekommen. Für den Otto-Normal-Verbraucher bedeutet Depression aber entweder an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen – oder den Untergang.

  8. Kommentar von kopfgefickt | 18. Nov. 2009 um 00:09:24

    bei dieser ganzen sache bin ich etwas zwiegespalten. zum einen habe ich die stille hoffnung, dass so die krankheit depression als solche a) mehr aufmerksamkeit bekommt und b) diese sich auch in den köpfen der nichtdepressiven als krankheit durchsetzt. zum anderen befürchte ich, dass genau dieser promibonus, der gerade gefahren wird, kontraproduktiv ist. auf einmal wird es schick, depressiv zu sein. james dean war, marylin auch und kurt cobain. jetzt robert enke und wer weiß wer noch? muss ich auch haben.
    gerade für die kleinen leute, die du ansprichst, ist eine depression eine katastrophe. als ich monateleng nach dem studienabschluss hartz bezog und keine stelle in aussicht war, bekam ich meinen ersten schub. mit jeder kündigung einen neuen. andere ereignisse in diesem jahr sorgten für den großen, der mich endlich dazu brachte, zum arzt zu gehen.
    vielleicht hatte ich glück, dass ich so schnell einen termin bekam. vielleicht wirkte ich verzweifelt genug. ich war es auch. aber keiner der schübe vorher hätte mich dazu gebracht, es zu tun. schon auch deswegen, weil kein potenzieller arbeitgeber einen depressiven einstellen wird. selbst, wenn die therapie jahre zurückliegt.
    meine jetzige therapie läuft gut, ich mache fortschritte. aber die tatsache, dass ich sie mache, verwehrt mir den zugang zu jeder pkv. als selbstständige hatte ich darüber nachgedacht…

  9. Kommentar von Roman | 19. Nov. 2009 um 13:32:22

    Die Geschichte der Depression war ja immer sie zu tabuisieren oder zu glorifizieren, weil viele Denker, Schriftsteller oder Schauspieler darunter litten.
    Die Depression ist leider kein glorreiches Leid, aber das muss erst in die Massen einsickern.
    Und sie ist auch nicht ansteckend wie viele denken.
    Auch ich leide unter dieser Krankheit und schreibe darüber ein Blog. Ich bin ein einfacher Mensch, der Hartz4 bezieht, weil er er nicht arbeitsfähig ist.
    Allerdings denke ich, dass eine Depression alle Menschen gleich macht, weil sie an dem selben leiden.
    Sie verschont nicht die Reichen und nicht die Armen.

    http://www.deprifrei.twoday.net

  10. Kommentar von VolkerK | 20. Nov. 2009 um 21:29:47

    @Uteq
    Wer hat Dir denn diese Wartezeit genannt? War das die Kasse? Ich weiss nicht, wo Du wohnst, aber in Düsseldorf beispielsweise ist es relativ einfach, in derartigen Situationen eine Therapie ohne Wartezeit zu bekommen. Hier wo ich wohne, auf dem Land, ist es natürlich schwieriger, aber man ist ja nicht an seinen Wohnort gebunden.
    Auf meiner Homepage findste meine Mailadresse, mich würde mal interessieren, wer da der Bremser war.
    LG,
    Volker.

  11. Kommentar von German Psycho | 01. Dez. 2009 um 11:51:38

    Was bitte wurde denn an der Depression „tabuisiert”? Was soll das überhaupt bedeuten, dieses schlichte, in der heutigen Medienlandschaft nach jeder Tragödie omnipräsente „tabuisiert”?

    Ist der Tod tabuisiert, weil wir ihn nicht so toll finden? Ist Aids tabuisiert, weil wir es nicht gerne bekommen? Ist Internetzensur tabuisiert, weil wir dagegen sind?

    Was bedeutete es denn wirklich, wenn etwas „tabuisiert” wäre? Es hieße, daß man das Thema nicht diskutieren dürfte, ohne damit einen gesellschaftlichen Konsens zu brechen. So wie man früher, sagen wir in den 50ern, vielleicht etwas merkwürdige Blicke erntete, wenn man über Homosexualität diskutierte.

    Das THEMA AN SICH war den Leuten unangenehm.

    Über Depression läßt sich viel sagen, aber ich jedenfalls habe noch nie jemanden zusammenzucken sehen, wenn ich sagte: „Depression gibts übrigens auch.”

    Sehr schön zusammengefaßt:
    http://www.lektuere-fuer-nichtleser.de/?p=309

  12. Kommentar von Enno | 01. Dez. 2009 um 14:08:25

    Nein, natürlich war das Thema Depression vorher kein Tabu. Tabu war, eine Depression zu haben, oder überhaupt eine psychische Erkrankung. Damit sind Sie nämlich schneller beim Chef, im Freundeskreis und oft sogar in der Familie unten durch, als Sie Ihre Pillen schlucken können…

  13. Kommentar von German Psycho | 02. Dez. 2009 um 11:03:06

    Enno, jetzt mal ehrlich: Glauben Sie, daß jemand mehr Probleme durch das Benennen der Krankheit bekommt, als er durch die Krankheit wirklich hat?

    Wenn der Chef sagt, daß er jemanden mit Depression für nicht so belastbar hält, dann ist das keine Diskriminierung, sondern Fakt. Aber es wird doch in unserer Gesellschaft niemand sofort gesellschaftlich ausgegrenzt, wenn er sich zu Depression bekennt! Gucken Sie sich doch mal bitte die ganze Bloglandschaft an! Da kokettieren viele junge Menschen mit ganz vielen verschiedenen Formen von Geisteskrankheiten.

    Depression ist einfach kein Tabuthema und war es auch nicht. Der Tod Enkes ist äußerst bedauerlich (vor allem für seine gerade frisch adoptierte Tochter sowie für den Zugführer), aber der hat nichts mit dem Tabu zu tun. Sondern ausschließlich mit der Depression selbst.


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