sofa die ennomane

November 15, 2009

SPD-Parteitag oder: Ignoranz der neuen sozialen Frage

Hier und da wurde er schon als “historisch” angekündigt, der Dresdner Bundesparteitag der SPD. Endlich wieder klar Schiff machen. Back to the roots und all das. Die SPD hat es nötig. Sie ist genuin die Partei der sozialen Frage. Manche Leute denken, dass sich diese Frage nicht mehr stellt in Zeiten, in denen es einem Hartz-IV-Empfänger besser geht als einem Industriearbeiter der 60er Jahre. Ist dem so, die SPD wäre überflüssig geworden.

Oder gibt es vielleicht eine neue soziale Frage? Vielleicht nicht beim fast ausgestorbenen klassischen Arbeiter, sondern im Prekariat? Bei den vielen Kleinselbstständigen, die sich trotz hoher Qualifikation permanent um die nächste Mietzahlung sorgen? Oder die Studenten, denen man durch Bologna Freiräume nahm, neben dem Studium mehr oder weniger sinnvoll zu arbeiten, ihnen gleichzeitig das Studium drastisch verteuerte und ihren Abschluss entwertete? Oder bei Leiharbeitern, deren Chef sie eben nicht weiter bezahlt, wenn dessen Auftraggeber sie mal ne Woche lang doch nicht braucht? Oder bei Hartz-IV-Empfängern, die nicht nur ständig pleite sind, sondern auch noch permanent von den Behörden drangsaliert werden?

Es ist kein Trost für die SPD, dass sich die Linkspartei diese Fragen offenbar auch nicht stellt. Die SPD hat 10 Jahre lang die neue soziale Frage nicht nur ignoriert, sondern eine neoliberale Politik gegen diese “neuen kleinen Leute” gemacht. In dieser Zeit wurde sie von zwei autoritären Personen geprägt: Gerhard “basta” Schröder und Franz Müntefering, welcher sich nicht zu schade war, vom Parteivorsitz zurückzutreten, nur weil sein Kandidat nicht zum General gewählt wurde. Autoritäre Führung und Ignoranz: Das passt zusammen. Das ist genau das, was wir meinen, wenn wir auf “die da oben” schimpfen.

Die SPD muss sich auf diese “neue soziale Frage” ausrichten, wenn sie wieder sozialdemokratisch und wählbar sein will. Vom Dresdner Parteitag hätte ich erwartet, dass dem Rechnung getragen wird. Dort wird zwar ein Bildungssoli und die Vermögenssteuer gefordertert, aber gleichzeitig auch gesagt, die SPD wolle die “Interessen der breiten Arbeitnehmerschaft” vertreten, also genau der Schicht, die neue Antworten auf neue Fragen braucht, weil sie ins Prekariat erodiert. Zu netzpolitischen Themen fand der Parteitag genau keine belastbare Aussage. Ich verstehe, dass die SPD nicht von heute auf morgen ein neues Programm aus dem Hut zaubern kann. Aber hey! Die SPD war gerade dabei, sich selbst überflüssig zu machen und hat eines der miesesten Wahlergebnisse ihrer Geschichte eingefahren. Da hätte ich eigentlich ein paar spannende Debatten erwartet. Echte Wahlen zwischen Alternativen. Einen Kampf um den Vorsitz. Einen Kampf um die Richtung.

Von all dem ist weit und breit nichts zu sehen. Ein neuer Vorstand – mit Sigmar Gabriel und Andrea Nahles im Hinterzimmer ausgeklüngelt – wurde  ohne jede Alternative zur Wahl gestellt und abgenickt. Die 94,2% für Gabriel sind dadurch ungefähr soviel wert, wie die 99,74% für Erich Honecker 1986. Was von Gabriel zu halten ist, sieht man schon daran, dass er lang und breit darüber redet, die SPD zu öffnen, nur um am Ende seiner Rede zu Geschlossenheit aufzurufen. Und Andrea Nahles wurde mit 69,6% “abgestraft”. Glaubt man den Medien, ist sie unbeliebt, weil sie als Königsmörderin gilt – nur weil sie mal “demokratisch” wörtlich nahm, als General kandidierte und gewann (und dann übrigens unter Druck ihrer “Parteifreunde” dann doch verzichtete). Arme SPD. Leid tun mir dabei nicht nur die Sozialdemokraten selbst, sondern auch Leute wie Mspro, die den Parteitag besuchen, weil sie immer noch glauben, die SPD sei “irgendwie links”.

Kommentare

  1. Kommentar von helmholtzplatz | 15. Nov. 2009 um 18:23:07

    selbst bei großzügiger berechnung ist das, was man so als prekariat bezeichnet, (hoffentlich noch) nicht so groß, als dass eine sich als volkspartei definierende spd (auch wenn das ein trugschluss sein mag) dieses als wichtige zielgruppe einkalkulieren sollte. zum jetzigen zeitpunkt jedenfalls.

  2. Kommentar von Enno | 15. Nov. 2009 um 19:02:08

    @helmholtzplatz Mitnichten. Prekarisierung zieht sich durch fast alle Schichten und Branchen. Dass es dazu kommt, liegt teilweise an der Flexibilisierung und der neoliberalen Politik der letzten Jahre (oder schlicht: am Kapitalismus). Es beinhaltet aber auch Freiheiten, die ich gar nicht so gerne zurückdrehen will. Rationalisierung fand früher nur am Fließband statt. Heute zieht sie sich durch alle Branchen und betrifft gerade auch höher qualifizierte Schreibtisch-Jobs. Die ersten Anzeichen dafür sind jetzt schon sichtbar, auch wenn es noch nicht die Massen erfasst. Gerade meine Beispiele zeigen ja, wie unabhängig Prekarisierung von den jeweiligen Schichten ist und ergo: Wie anders eine Sozialpolitik der Zukunft auszusehen hätte.

  3. Kommentar von Not quite like Beethoven | 15. Nov. 2009 um 19:20:08

    Was die Bedeutung und Vernachlässigung der Prekarisierten angeht, stimme ich Dir zu.
    Aber Deine (und ix’s) Spitze dagegen, Offenheit UND Geschlossenheit fordern, scheint mir etwas überzogen. Ich würde mal sagen: Das bewegt sich auf unterschiedlichen Ebenen, ist also kein Widerspruch sondern ein praktisches Problem, mit dem sich jede Partei/Organisation herumschlagen muss. Allerdings muss ich zugeben, ich kenne den Wortlaut von Gabriels Rede nicht (habe sie eben bei einer knappen Suche nicht gefunden).

  4. Kommentar von helmholtzplatz | 15. Nov. 2009 um 22:33:10

    @enno richtig, es zieht sich fast überall durch. heißt: gibt es überall. aber es ist nicht alles prekarisiert. nicht jeder, der einen zeitarbeitsvertrag hat, gehört gleich zum prekariat. in weiten teilen des landes in dem die spd verankert ist (also nicht im osten, außer brandenburg) bestimmen nach wie vor dezidiert nichtprekäre arbeitsverhältnisse mehrheitlich die beschäftigungslandschaft. das kann und wird sich wohl leider auch verändern, ist aber noch nicht so. die zahlen dazu schwanken, weil sich das auch so schlecht untersuchen lässt, aber halbwegs seriös geht man von ca. 15 prozent der gesamtbevölkerung (nicht der arbeitenden, mit familien) aus, der größte teil im niedriglohnbereich bzw. arbeitslos (prekär heißt nicht zwingend arm). wer also wie die spd sich weiter um die mitte der gesellschaft kümmern will (was ich für überflüssig halte), der kommt folgerichtig zu den von dir skizzierten leerstellen.

    die spd ist von ihrem inneren verständnis und der mitglieder her immer noch die partei der klassischen vollzeitlohnarbeit (große teile derjenigen die das realistischer sehen, haben die spd in den letzten jahren verlassen). der “prekariatsfaktor” der delegierten des parteitages dürfte unter dem des landes liegen. dass was du vermisst wäre dann so, als ob (sorry, aber mir fällt grade kein besserer vergleich ein) ein farbenblinder im farbenladen arbeitet…

  5. Kommentar von Bernd | 16. Nov. 2009 um 19:56:30

    Ich glaube nicht nur die Frage welchen Umfang das “Prekariat” hat (eigentlich schlimm wie schnell sich dieser Bagriff in den normalen Sprachgebrauch eingeschlichen hat) ist entscheidend, sondern ich finde dass es inzwischen für viel zu viele einfach vorstellbar wird ebenfalls in derartige Verhältnisse abzurutschen.
    Selbst wer noch einen halbwegs ausreichend guten Arbeitsplatz hat, kann nicht davon ausgehen dass er damit abgesichert ist, sondern muss konstant zittern dass es schlechter werden könnte. Ich nehme an, dass auch derartige Leute eben auch keinen wirklichen Halt und Hoffnung in der SPD gesehen haben und damit eben auch dort viele Wählerstimmen gewandert sind.
    Die SPD muss nicht die “Partei des Prägkariates” sein – aber sie muss wieder die “Partei des kleinen Mannes” sein.
    Des Arbeiters der sich darüber ärgert, dass inzwischen auch Gewerkschaften unter Druck geraten und keine wirklich vernünftigen Löhne festlegen können – des Arbeiters der alleine NICHT gegen den nächsten Lohnabbau ankämpfen kann.
    Ich finde – un höre in fast meinem gesamten Umfeld – dass Arbeit immer weiter verschärft wird. Der Lohnabhängige ist ein “Stückgut” geworden das mit maximaler Effizienz zu funktionieren hat – wenn nicht stehen genug andere da die sich dies gefallen lassen.
    Icj kann es nicht wirklich beurteilen, aber ich finde “Arbeit” ist inzwischen etwas geworden, dass immer weniger Leuten wirklich “Spaß” macht – Spaß im Sinne davon, dass es ein akzepierter Teil des Lebens ist – das man arbeiten kann UND gleichzeitig dies auch als sinnvoll verbrachte Lebenszeit empfinden kann.
    Ich find es schon etwas eigenartig, dass wir ein Wirtschaftsystem haben das nur existieren kann wenn jedes Jahr 3 oder mehr % Wachstum vorhanden sind – scheint aber bisher irgendwie zu funktionieren.
    Aber der Mensch wird inzwischen auch nach diesem Kriterium gefordert – und da kann ich beim besten Willen nicht glauben dass jeder Arbeiter eben pro Jahr ebenfalls um 3 oder mehr Prozent leisten kann. Wirtschaftlich sicher ein “Traumergebniss” menschlich das Ende jeder Arbeitskultur.


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