sofa die ennomane

18. September 2009

Piratenabenteuer: Die Durchwatung des braunen Sumpfes

Eigentlich wollte ich mich ja momentan aus einer Reihe von Gründen mit politischen Artikeln zurückhalten. Eigentlich…

Was ist passiert? Vizevorsitzender der Piratenpartei, Andreas Popp, gibt der rechtskonservativen (bisweilen auch rechtsradikalen) “Jungen Freiheit” ein Interview. In diesem Interview sagt er klar, was er von Rechtsextremismus hält: Gar nichts. Sagt klar, mit wem er keinesfalls koalieren würde: rechten Parteien.

Darauf folgte ein klassischer Shitstorm: Mit denen reden? Wie kann man nur? Es führte dazu, dass Andreas Popp sich für das Interview entschuldigte und Bundesvorsitzender Jens Seipenbusch ihn in Schutz nahm, mit dem nicht ganz abwegigen Argument

Wenn wir diese Menschen nicht für würdig befinden, mit ihnen über Politik zu reden, dann geben wir sie verloren. Wenn wir sie zurückholen wollen ins demokratische Spektrum, dann müssen wir mit ihnen reden, ihnen klarmachen, warum die rechte Ideologie menschenfeindlich ist. Sie zu verachten, sich von ihnen zu distanzieren, mag den Linken dabei helfen, ihre eigene Identität zu definieren – in der angesprochenen Sache ist es eher schädlich.

Zum einen: Das Interview mit der Jungen Freiheit war ganz klar ein Griff ins Klo. Das Blatt versucht, mit unverfänglichen Interview-Partnern den Eindruck zu erwecken, nicht rechtsradikal zu sein. Wer diesem Blatt ein Interview gibt, hilft ihnen dabei. Wäre ich Amtsträger, ich hätte ein Interview verweigert. Alles andere ist politisch naiv.

Aber genau diese politische Naivität ist es, die mich begeistert. Da erdreisten sich doch die Piraten, einfach nicht mitzumachen, wenn es darum geht, zu definieren, was politisch korrekt ist, und was nicht. Wie Mspro richtig erkannt hat, hat die Piratenpartei kulturell überhaupt nichts mit der alten linken, mit Beißreflexen, Palituch und Antifa zu tun.

Die Piratenpartei ist Ausdruck eines Zeitgeistes, der um die Jahrtausendwende Gestalt annahm, als sogar junge Menschen plötzlich wieder CDU wählten, ohne sich zu schämen, weil sie die Rituale als reine Pose durchschauten. Ein Zeitgeist, der sich müde und desinteressiert von alten politischen Grabenkämpfen zwischen Links und Rechts abwendet, weil diese Grabenkämpfe nichts mit seiner Lebensrealität zu tun haben. Ein Zeitgeist, der sich stattdessen bei Attac oder im CCC manifestiert, weil die etablierten Parteien nur noch als irrelevant angesehen werden. Pragmatik geht vor Ideologie. Deshalb will die Piratenpartei weder links noch rechts sein.

Die Naivität der Piraten ergibt sich aus ihrer Unschuld. Sie haben keine Angst davor, mit rechten Medien zu reden, weil es für sie außer Zweifel steht, dass sie selbst nicht rechts sind. Rechtes, autoritäres, völkisches, rassistisches, homophobes usw. Denken ist den Piraten schlicht und ergreifend fremd. Solches Denken passt nicht in die Welt des “jeder mit jedem” und “jeder nach seiner Fasson”. Piraten werden niemals eine autoritäre (also rechte) Politik gutheißen, weil sie selber eine Bewegung sind, die sich gegen Versuche wehrt, ihren Lebensraum autoritär zu reglementieren. So konnte auch die Gender-Debatte nicht verfangen: Piraten haben etwas gegen Feminismus, weil sie niemals auf die Idee kämen, frauenfeindlich zu sein und gedanklich schon längst im Postfeminismus angekommen sind, der einfach nur jeden Menschen unabhängig vom Geschlecht betrachten will.

Ein wesentlicher Bestandteil der piratischen Ideologie ist, Ideologien als solche abzulehnen. Das ist Dekonstruktion in reinstform. Moderner geht es nicht.

Aber zum braunen Sumpf: Wenn ich etwas in meiner Zeit in Sachsen gelernt habe, dann dass man die NPD-Wähler nicht mit Nazis gleichsetzen darf. Darunter sind äußerst viele Menschen, die vom politischen Spektrum enttäuscht sind. Die Protest wählen oder gar den Parolen der Rattenfänger glauben. Natürlich ist es ein äußerst schwieriges Unterfangen, diesen Menschen mit reiner Aufklärung begegnen zu wollen. Aber wie Jens Seipenbusch schon schrieb: Es nicht zu tun, hieße diese Menschen aufzugeben.

Sollen die Piraten in der Genderdebatte einen feministischen Standpunkt einnehmen? Rechtsradikalen gegenüber die Rituale der Kontaktverbote einhalten? Sollen sie sich auch in allen anderen Fragen nach dem politischen Mainstream der etablierten Parteien richten? Was bliebe dann noch übrigen für die Piraten? Welche Existenzberechtigung hätte die dadurch entstandene Grünliberalsozialchristdemokratische Linkspartei?

Man sollte den Shitstorm, der gerade läuft, als das sehen, was er ist: Als Kampagne der politischen Gegner unter Ausnutzung eines Verstoßes gegen die Political Correctness.

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Kommentare

  1. [...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Sebastian Bartsch und Sebastian Jackel. Sebastian Jackel sagte: Gut gebloggt! RT @ennomane: Gebloggt: "Piratenabenteuer: Die Durchwatung des braunen Sumpfes" http://u.nu/22i93 [...]

  2. Comment von RJonathan | 18. Sep. 2009 um 15:41:59

    “Dekonstruktion von Ideologie”

    Mir macht die Naivität und Ideologie-Freiheit der Piraten Angst. Denn eines ist klar: in der Politik ist es nicht möglich Entscheidungen immer Werte-frei und unideologisch zu treffen. Wenn es keine Wertekonflikte gäbe, sondern immer die beste rational Lösung für alle, dann bräuchten wir keine Politik.

    Dekonstruktion ist nicht – wie im Volksmund neuerdings leider oft angenommen – Destruktion oder naive Willkür, sondern die Umkonstruierung von Sinngebäuden in neue Einheiten, um darin tieferliegende ideologische oder mythische Schichten zu entlarven. Sie ist das blanke Gegenteil von Naivität, denn sie setzt ernsthafteste und konzentrierteste Auseinandersetzung mit ihrem Objekt voraus. Genau dieses ernsthafte Hinterfragen der _eigenen_ Position fehlt bei den Piraten völlig. Sie entziehen sich dem, durch eben jene ‘Ideologiefreiheit’.

    Sie gibt auch den entscheidenden Hinweis auf die eigentliche Ideologie der Piraten: Freheit. Freiheit bitte überall, Meinungsfreiheit, Bürgerfreiheit, Ideologiefreiheit. Aber die Absolutierung von Freiheit wirft auch Probleme auf. Mit diesen Problemen beschäftigen sie sich für meinen Geschmack viel zu wenig. Das wäre die Diskussion, die eigentlich zu führen wäre: Wo liebe Piraten sind eure Grenzen? Und nicht: seid ihr rechts oder links?

  3. Comment von DasMussSein | 18. Sep. 2009 um 15:42:06

    Meiner Meinung nach ein sehr guter Artikel! Wo darf ich unterschreiben?


    viele Grüße

  4. Comment von Pascal | 18. Sep. 2009 um 15:42:40

    Super genau so sehe ich das auch. Super Artikel!

  5. Comment von Gulasch-Hanuta | 18. Sep. 2009 um 15:51:56

    Verdammt noch mal richtig!
    Eine verdammte Schmutzkampagne ist das… Siehe auch http://u.nu/8xh93 ‘Stallorder’ gegen FREIE WÄHLER und PIRATEN durch auflagenstärksten Zeitungsverlag Schleswig-Holsteins…
    Am 27.09 werden die sich schon umschauen.
    grüße

  6. Pingback von warum die piratenpartei von den a-bloggern gedisst wird « qrios | 18. Sep. 2009 um 16:26:10

    [...] Unter dem Titel „Piratenabenteuer: Die Durchwatung des braunen Sumpfes“ schreibt die ennomane „… Man sollte den Shitstorm, der gerade läuft, als das [...]

  7. Comment von Francis Drake | 18. Sep. 2009 um 17:07:45

    @RJonathan

    Du solltest “Ablehnung von Ideologie” nicht verwechseln mit “Wertefreiheit”. Werte haben wir – und zwar glasklare.

    Woher Du den Schluss ziehst, dass wir unsere eigenen Position nicht hinterfragen würden ist mir schleierhaft.

    Gerade dieses Hinterfragen ist der Grund für das Fehlen von x Punkten im Wahlprogramm.

    Gerade dieses Hinterfragen findet sogar transparent und öffentlich statt.

    Genau das wird uns natürlich wieder vorgeworfen: “Wie kann es sein, dass bei Euch im Wiki/Mailingliste/Forum/IRC irgendwelche Spinner Thesen aufstellen die politisch unkorrekt sind?” werden wir gefragt. Ja. Wie kann das sein? evt. weil wir Diskussionen offen führen und erstmal jede Meinung zulassen um dann darüber zu debattieren?

    Zu Deiner Frage nach unserer Diskussion zum Thema Freiheit sei Dir nochmals der Beitrag unter http://mspr0.de/?p=891 ans Herz gelegt.

  8. Comment von zwei | 18. Sep. 2009 um 17:10:30

    “Wo liebe Piraten sind eure Grenzen? Und nicht: seid ihr rechts oder links?”

    Auch wenn ich kein Pirat bin zähle ich mich zu den Sympatisanten dieser noch jungen Partei und um es ersteinmal klar zu beantworten, wurde für mich personlich mit dem Interview eine Grenze übertreten, die ich nicht gutheißen kann.
    Leider liest man nun andauernd, dass man ja in den Dialog gehen muss muss mit den Rechten, prinzipiell stimme ich dem ja zu, jedoch gibt man mit einem Interview gegenüber solchen Medien eine klares Signal der Akzeptanz und das ist für mich eindeutig der falsche Weg.
    Ich habe das Gefühl, dass durch den schnellen Wachstum der Piraten, eigentlich fast alles drunter und drüber läuft und so langsam sollten sie sich mal sinnvoll Gedanken über ihre Strukturen machen.

    Es mit einem “Verstoßes gegen die Political Correctness” zu bezeichnen ist für mich ebenfalls nicht hinenehmbar.
    Ich habe das Gefühl, dass viele, die in die Partei eingetreten sind, sich politisch fast ausschließlich mit Netzthemen befassen.
    Leider wächst die Piratenpartei zu schnell, weswegen es auch zu dieser Diskrepanz eines unklaren Kurses kommt.
    Aus diesem Grund finde ich es auch sinnvoll, dass diese naive Stellungnahme von Andreas Popp auch negativ thematisieirt wird, damit endlich ein klares Statement von den Piraten kommt bzw. ein sinvoller Diskurs in der Partei entsteht..

    Ich hoffe für die Piraten, dass die nächsten Jahre dazu genutzt werden ein politische Linie zu finden und die Mitglieder ihren politischen Horizont auf weitere politische Felder ausweiten.
    Die Fehltritte zeigen leider, dass die Piraten noch einiges an Erfahrungen sammeln müssen.

    Und mal ehrlich Menschen, die das Internet als Weltnetz bezeichen, die sollte man nun wirklich nicht ernst nehmen bzw. noch mit Informationen füttern.. ;)

  9. Comment von Seth | 18. Sep. 2009 um 17:13:05

    Die Grenze ist der rechtsbruch.

  10. Trackback von Volker König | 18. Sep. 2009 um 17:14:44

    Orientierunglos im Polit-Ozean….

    Unser politisches System und das Wahlsystem hat einen großen Pferdefuß: Ich kann die Parteien nur als Ganzes wählen. Eine thematische Differenzierung findet bei der Stimmabgabe nicht statt.
    Und das führt dazu, dass alle Parteien zwangsläufig alle …

  11. Tim
    Comment von Tim | 18. Sep. 2009 um 17:20:55

    Das Interview war ein Fehler! Mit Rechten redet man nicht öffentlich, weil man ihnen damit einen Schein von Legetimität verleiht! Eine Ideologie, denke ich, haben die Piraten schon, aber eben mit einer starken Betonung von Rationalität.
    @RJonathan: Eine “Absolutierung” von Freiheit gibt es bei den Piraten bei weitem nicht. Dass die “Grenzen” der Partei noch etwas vage sind, sehe ich aber auch.

  12. Comment von Boomel | 18. Sep. 2009 um 17:24:51

    Treffer – Versenkt !

    Schöner Artikel :)

  13. Pingback von Was zu lesen fürs Wochenende – RunkenBlog | 18. Sep. 2009 um 17:38:01

    [...] Piratenabenteuer: Die Durchwatung des braunen Sumpfes Die Naivität der Piraten ergibt sich aus ihrer Unschuld. Sie haben keine Angst davor, mit rechten Medien zu reden, weil es für sie außer Zweifel steht, dass sie selbst nicht rechts sind. Rechtes, autoritäres, völkisches, rassistisches, homophobes usw. Denken ist den Piraten schlicht und ergreifend fremd. Solches Denken passt nicht in die Welt des “jeder mit jedem” und “jeder nach seiner Fasson”. Piraten werden niemals eine autoritäre (also rechte) Politik gutheißen, weil sie selber eine Bewegung sind, die sich gegen Versuche wehrt, ihren Lebensraum autoritär zu reglementieren. So konnte auch die Gender-Debatte nicht verfangen: Piraten haben etwas gegen Feminismus, weil sie niemals auf die Idee kämen, frauenfeindlich zu sein und gedanklich schon längst im Postfeminismus angekommen sind, der einfach nur jeden Menschen unabhängig vom Geschlecht betrachten will. [...]

  14. Comment von Francis Drake | 18. Sep. 2009 um 17:38:38

    Nach der Argumentation “Mit denen redet man nicht öffentlich” dürfen wir auch keinen Dialog mit Schäuble und Zensursula führen, da wir ihnen so den Schein der Legitimität gäben.

    Und ganz ehrlich: Ich habe eine autoritätskritische Erziehung zum Freidenker erhalten von zwei linken Eltern. Einer DER Grundsätze dieser Erziehung war, dass Sätze, die “macht man nicht” oder “macht man halt so” enthalten, generell mal hinterfragen sollte und keinesfalls als gegeben annehmen darf. Ich bin meinen Eltern dankbar für diese Erziehung.

    Also: Warum “macht man das nicht”? Wodurch ist Dein Argument mit dem “Schein von Legitimität” begründet? Gibt es dafür nähere Beweise/Analysen etc.?

    @Enno magst Du meinen Kommentar (V.) unter http://www.ennomane.de/2009/09/18/piratenabenteuer-die-durchwatung-des-braunen-sumpfes/#comment-15011 noch freischalten? Danke!

  15. Comment von RJonathan | 18. Sep. 2009 um 18:19:09

    @Seth

    Da Parteien __gesetzgebend__ arbeiten (wollen) ist dieser Kommentar natürlich… äh… am Thema vorbei.

    @Tim
    Ich denke auch nicht, dass die Partei auf der praktischen Ebene Freiheit verabsolutiert. Aber in ihrer Ideologischen Grundausrichtung findet sich momentan kaum etwas anderes (man lese mal die Präambel des Parteiprogramms und zaähle die Absätze ohne die Silbe “frei”). Und mir fehlt da eine ernsthafte Diskussion. Zum Beispiel, wie Strafverfolgung im Internet _sinnvoll_ aussehen könnte. Und nicht nur gegen schlechte Strafverfolgungen zu argumentieren.

  16. Comment von die Wahrheit | 19. Sep. 2009 um 00:49:35

    “Ein wesentlicher Bestandteil der piratischen Ideologie ist, Ideologien als solche abzulehnen. Das ist Dekonstruktion in reinstform. Moderner geht es nicht. ”

    Wow, drei Sätze, drei Selbstwidersprüche: 1): die Behauptung selbst unideologisch zu sein ist wohl postmoderne Naivität und vorherrschende Ideologie in Vollendung. 2): die eigene Politik als Dekonstruktion in reinster Form zu bezeichnen, ist eine Verabsolutierung (“reinste Form”) die alles ist, aber nicht dekonstruktivistch. 3): siehe 2.

  17. Comment von Markus | 19. Sep. 2009 um 01:49:36

    Naja, ist es nicht Ziel jeder Partei irgendwann mal an der Gesetzgebung teil zu haben? Wie sähe dann diese Teilhabe aus? Wenn es einmal ans Eingemachte geht, kommt man mit “unschuldig” und “jeder nach seiner Fasson” leider nicht weit. Die Ideologien sind ja nicht zum Spaß entstanden, sondern weil man irgendwie die Grundsätze vermitteln muss, nach denen man in den vielen Fällen entscheiden wird, die sich nicht allein pragmatisch lösen lassen. Die Ideologie einer Partei ist für mich als Wähler enorm wichtig, weil sie die Partei berechenbar macht. Die beste und sachgerechteste Lösung wollen ja alle – aber was genau verstehen sie darunter? Ideologie ist daher in der Politik eine ganz essentielle Sache – auch wenn sie, da ist die Kritik berechtigt, sicher viel zu oft zum Selbstzweck wird und in Grabenkämpfen mündet.

    Abgesehen davon: Es mag ja richtig sein, dass den Piraten selbst sexistisches, rechtes etc Gedankengut völlig fremd ist. Das enthebt sie aber nicht der Verantwortung, Konzepte dafür zu entwickeln, wie sie mit dem Sexismus oder den Rechten, die in der Welt da draußen nun einmal existieren, umgehen sollten. Feminismus etwa ist ja nur ein Mittel, die real nicht existierende Gleichstellung der Geschlechter zu erreichen – ganz im Sinne der Piraten. Nicht mit den Rechten zu reden ist ja nur ein Mittel zu verhindern, dass die Rattenfänger sich als ganz normale, harmlose politische Kraft etablieren können – ganz im Sinne der Piraten.

    Politik heißt, Positionen zu beziehen. Die Summe dieser Positionen heißt Ideologie. Da kommt man einfach nicht drum herum.

  18. Comment von Topas | 19. Sep. 2009 um 04:36:02

    Es ist nicht so, dass die Piraten komplett naiv dastehen. Sie lehnen die eingefahrenen Vorurteile ab und versuchen einfach andere Wege zu gehen. In einem gewissen Sinne ist das eine Ideologie: Es ist kein “Der Sozialstaat steht im Vordergrund” oder “Die Wirtschaft ist am wichtigsten”, sondern ein “Warum nicht? Warum soll man das nicht in unserer Demokratie dürfen?”. Dieser naive, in gewissen Teilen anarchische Freiheitsgedanke ist das Konzept gegen extreme Ideologien.
    Kennst du noch das Märchen “Des Kaisers neue Kleider”, wo alle Untertanen sagten wie großartig doch die neuen Gewänder ihres Oberhauptes sind und sich selbst einredeten: “Ich bin der einzige, der keine Kleider sieht”?
    Die Piratenpartei ist ein wenig wie das Kind, das einfach von Naivität und Unschuld geprägt den Kaiser und alle Untertanen bloßstellt. Durch genau diese Eigenschaften kann die Piratenpartei solche Dinge tun und vor allem damit Erfolg haben. Warum reden die großen Parteien nicht mit Rechten? Weil sie Angst haben, öffentlich auf das selbe Niveau, gezogen und in die rechte Schublade gesteckt zu werden. Die Piratenpartei kann so etwas tun. Es ist einfach komplett unglaubwürdig, ja geradezu absurd, dass sie solchen Ideologien zugewand sein könnte. Diese Offenheit und die naive vollkommene demokratische Parteikommunikation wirkt wie ideologisches Teflon. Und genau das bildet auch den größten Zusammenhalt und Wert in der Partei: Demokratie in Reinstform.

    Das dieses Konzept auch Schwächen hat, ist klar. Einen vollkommenen Konsens zu finden ist zum Beispiel sehr sehr schwer bis unmöglich. Aber sie sind sich dieser Schwächen bewusst und sind sogar ehrlich damit. Entgegen aller Vorbehalte von außen haben sie gesagt: Wir haben einige Aussagen, die wir alle so unterschreiben würden und die sind uns wichtig. Über andere Punkte streiten wir noch, deswegen haben wir NOCH keine offizielle Mienung dazu. Und dann gibt es noch die Fragen, zu denen sie zugeben, keine Ahnung zu haben und keine Lösung. Fragt man eine der großen Parteien, wie man die Krise überwinden will oder wie man Arbeitsplätze schaffen will, so hört man von jeder Partei eine Antwort, die in das Weltbild der Partei passt. Vielleicht stimmen sie, vielleicht nur zum Teil, vielleicht sind sie bloße Propaganda. Dem Wähler fehlt das Wissen und das Verständnis die Wahrheit herauszufinden. Dann stehen plötzlich die Piraten da und sagen ehrlich und direkt: “Wir wissen es nicht. Wir haben keine Lösung. Wir haben vielleicht hunderte von Ansätzen, eventuell sogar Konzepte, aber von keinem sind wir überzeugt.” Diese Ehrlichkeit ist genau das, was in der Politik gefehlt hat, wonach sich der Wähler gesehnt hat.

    Um zum Schluss nochmal auf das Thema “Wie gehe ich mit Extremen um” zu beleuchten: Wenn ein sagen wir mal Rechtsextremer eine Forderung stellt, beispielsweise das durchaus populäre “Arbeitsplätze zuerst für Deutsche” stellt sich der Pirat nicht unbedingt hin und sagt “Das ist unmoralisch. Das können wir nicht machen!” er fragt vielmehr: “Warum sollten wir das so regeln?” Es ist wieder ein wenig, wie man einem Kind versucht das Konzept von Henne und Ei zu erklären: Das Kind WIRD die Frage stellen: “und wie kann dann etwas zuerst da sein?” und das ist der Punkt, wo die Eltern meistens aufgeben, genauso wie der Rechtsextreme, der tatsächlich erklären muss warum der Deutsche eher einen Job haben sollte als der Einwanderer. Analog funktioniert das auch mit linksextremen Aussagen. Jede Ideologie beruht auf Annahmen, die nicht begründet sind und auf Erfahrungen, seien sie nun gut oder schlecht, wahr oder falsch. Geht man mit kindlicher Naivität und Unschuld daran, stechen diese Schwächen geradezu heraus.

    Doch genau diese Haltung hat Schwächen, die nicht zu beheben sind. Die Piratenpartei wird NIE alleine eine Regierung bilden können, eventuell sogar unfähig sein, einen größeren Teil als eine Sparte in einer Koalition zu besetzten und wird sich schwer tun mit Koalitionsverträgen an sich. Keine besonders guten Eigenschaften für ein Parlament. Wenn sie tatsächlich in einer Regierung sitzen würden, gäbe es wenig Kompromisse in ihren Forderungen, doch bei den Themen zu denen sie keine klare Meinung haben oder gar keine werden sie sehr uneins sein und unzuverlässig.

    Ich persönlich sehe die Piratenpartei jedoch als einen wichtigen Teil unserer Demokratie an: den Teil, der anderen die Grenzen aufzeigt, den Spiegel vorhält und neue Wege ebnen kann. Es gibt keine Garantie, dass mit den Piraten alles besser wird, aber ich weiß wenigstens, WAS besser werden kann und wie.

  19. Comment von thomas | 19. Sep. 2009 um 15:21:12

    Grandioser Artikel. Einfach toll! Klasse. :) Wenn genau das die Piraten sind steht ihnen eine gloreiche Zukunft bevor.

    Kann man nicht anders sagen. Ich kann Sixtus und Co. mit ihrer engstirnigen aber elitären Wir-sind-die-Guten-Art nicht mehr ab haben. Allein schon wenn ein NPD-Verbot gefordert wird kommts mir hoch. Ich habe etwas gegen Abgrenzung und den Auschluss von wem-auch-immer. Das hat immer was von ideologischem Fundamentalismus. Wie bestimmte Kirchen/Sekten die wollen dass du so wie sie wirst und nicht so wie du bleibst.

  20. Comment von Brissante | 19. Sep. 2009 um 16:23:02

    Deswegen bin ich Pirat !!!

  21. Comment von Yopperau | 19. Sep. 2009 um 16:59:15

    Schöner Artikel, ich kann dem nur zustimmen. Es wird versucht uns entweder links oder rechts anzusiedeln. Letztendlich werden beide Parteien einsehen müssen, dass wir uns nicht vereinnahmen lassen.

    Und zu der Werte-Argumentation. Gab es früher bei den Griechen Nazis und Kommunisten? Ist links die neue Mitte? Wie national kann eine internationale Partei sein?

  22. Comment von Markus | 19. Sep. 2009 um 18:19:55

    @Topas
    Du sagst es sehr schön, die Piratenpartei ist ein Kind, dass um Positionen ringt, das ohne Vorurteile und ideologische Scheuklappen an Probleme herantritt. Das ist ja auch gut, schön und demokratisch so. Irgendwann wird das Kind aber erwachsen werden müssen: Weil es auf gewisse Fragen die seiner Meinung nach richtigen Antworten gefunden hat. Wenn die Rechten sagen “Ausländer raus”, dann ist das natürlich gut, wenn man erst einmal abwägt, warum eigentlich nicht oder vielleicht doch. Schließlich findet man aber doch eine Antwort: ab da wirds notgedrungen ideologisch – weil es ja um eine prinzipielle Frage geht, die sich nicht von Einzelfall zu Einzelfall beantworten lässt sondern nur aus einer bestimmten Haltung heraus, die sich nicht alle fünf Minuten wieder ändern kann.

    Zum ideologischen Teflon: Dass sich die Piraten selbst gegenseitig so sehen und nicht der links- oder rechtsextremistischen Umtriebe verdächtigen ist ja klar. Hier vermischt du aber meiner Meinung nach unzulässigerweise die Innen- und Außenwahrnehmung der Partei: Was die Piraten untereinander als selbstverständlich empfinden berührt Außenstehende ja nicht. Der Jungen Freiheit etwa wird es herzlich egal sein, ob die Piraten ihre Meinung teilen oder nicht – wer ihr ein Interview gibt, der arbeitet ihr in die Hände. Nicht dass die Piraten selbst “rechts” wirken könnten ist das Problem, sondern dass sie (unfreiwillig) Rechtsextremisten wie der JF in die Hände gearbeitet haben, weil die in Zukunft ihre extremistische Ideologie damit beschönigen können, dass ja sicher anständige Leute wie die Piraten nie mit ihr geredet hätten, wenn sie wirklich so arg rechts wäre.

    Vorurteilsfrei um Positionen zu ringen ist eine Sache; sich dabei nicht von anderen für ihre Interessen einspannen zu lassen, eine ganz andere.

  23. [...] zitiere Ennomane: Piraten haben etwas gegen Feminismus, weil sie niemals auf die Idee kämen, frauenfeindlich zu [...]

  24. Comment von Andreas | 19. Sep. 2009 um 21:06:19

    Sehr gute Analyse der Situation. Der politische Gegner bewirft uns mit Dreck, weil er offenbar argumentativ nicht gegen uns ankommt. Ich sehe das als das große Aufbäumen der alten links/rechts ideologisierenden Politikstile des letzten Jahrhunderts.

    Der Rat an die Piraten, sich seine Gesprächspartner besser auszusuchen ist nicht ganz falsch. Allerdings muss sich die Piratenpartei nicht anschauen, wem sie etwas sagt, aber sie sollte sich genau anschauen, wer ihr etwas sagen möchte.

    Und Linksextreme (seien es nun Ökosozialisten oder sonstige Ewiggestrige) und Rechtsextreme haben der Piratenpartei nichts vorzuschreiben.

  25. Comment von die Wahrheit | 19. Sep. 2009 um 21:43:03

    “Der politische Gegner bewirft uns mit Dreck, weil er offenbar argumentativ nicht gegen uns ankommt. Ich sehe das als das große Aufbäumen der alten links/rechts ideologisierenden Politikstile des letzten Jahrhunderts.”

    Einen alten, scheinbaren überwundenen politischen Anatgonismus (links-rechts) kritisieren, sich selbst unideologisch geben und nebenbei den ältesten Antagonismus der Menschheit bemühen “wir vs der Gegner). Ja, das ist wirklich politische Naivität.

  26. Comment von Ernst Haft | 20. Sep. 2009 um 00:59:19

    Enno, danke für diesen Beitrag. Genau ins Schwarze. Mich kotzt dieses “das tut man nicht”, “das sagt man nicht”, “mit denen spricht man nicht” an, seit ich denken kann. Und hätte ich nicht schon längst PP gewählt, ich täte es jetzt erst recht.

    Du hast es schön klargestellt, daß “Naivität” keineswegs ein KO-Kriterium ist sondern im Gegenteil Feature statt Bug sein kann.

    Gruß
    E.H.

  27. Pingback von Tagesrückblick 19.09.2009 « Sikks Weblog | 20. Sep. 2009 um 01:07:19

    [...] in diesem speziellen Fall ist das ja tatsächlich richtig so. 2009-09-19: Pirateninterview die ennomane » Blog Archive » Piratenabenteuer: Die Durchwatung des braunen Sumpfes Noch ein sehr guter Artikel, diesmal von der Ennomanen mit Erklärungsversuchen, warum wir so sind [...]

  28. Comment von Martin | 20. Sep. 2009 um 02:27:44

    Sehr kluge und zutreffende Analyse m.E.
    Piraten müssen nicht damit kokettieren auf der richtigen Seite zu sein, sie sind es einfach.

  29. Pingback von Impactsuspect » Neulich bei Twitter… | 20. Sep. 2009 um 16:28:18

    [...] ein wenig mehr zu dem Thema: Bei ennomane und bei mspro. Und hier noch was. Written by Heiko C. in: Gesellschaftliches, Politisches | [...]

  30. Comment von cyberfux | 20. Sep. 2009 um 17:28:14

    Ich muss Enno voll und ganz zustimmen: wer nicht mit “denen” redet ergibt sich “denen”.

    Ich habe ja selber zu einem ähnlichen Thema schonmal was geschrieben ( http://n3rd.ws/3p ) und es gilt heute genau wie “damals”: Freiheit heißt jeden MENSCHEN ungeachtet seiner Herkunft, Religion, Geschlecht oder sexuellen Ausrichtung verachten zu dürfen UND dies auch zum Ausdruck bringen zu dürfen – und SCH*iS* auf die political correctness!

  31. Comment von Mario | 20. Sep. 2009 um 21:28:29

    @Markus
    >Nicht dass die Piraten selbst “rechts” wirken könnten ist das Problem,
    >sondern dass sie (unfreiwillig) Rechtsextremisten wie der JF in die Hände
    >gearbeitet haben, weil die in Zukunft ihre extremistische Ideologie damit
    >beschönigen können, dass ja sicher anständige Leute wie die Piraten nie >mit ihr geredet hätten, wenn sie wirklich so arg rechts wäre.

    Das *eigentliche* Problem ist, daß die JF auf die “wir sind ja gar nicht rechts sonst hätte xyz nicht mit uns geredet”- Tour Werbung machen kann. Das basiert allerdings auf der Prämisse, daß anständige Leute mit Rechten nicht reden. Vielleicht ein eher unrühmliches Erbe der 68er (denen wir ansonsten sehr viel zu verdanken haben imho) und leider zentraler Bestandteil linken Gedankenguts. Stichwort: “Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen!”

    Hätte mir jemand vor einem Jahr prophezeit, ich würde mal in eine Partei eintreten, hätte ich ihn ausgelacht. Jetzt bin ich Pirat! Und ein unglaublich wichtiger Teil der Piratenpartei ist meiner Meinung nach: Ja, auch Rechte sind Menschen! ARSCHLÖCHER, aber Menschen! Und den Dialog mit ihnen zu verweigern halte ich für falsch. Noch falscher ist es, der JF keine Interviews zu geben weil die böse(tm) sind.

    Mal zwei grundsätzliche Sachen:

    1) Ich halte die BILD-“Zeitung” für gefährlicher als die JF.

    2) Ich halte die autoritären (um nicht zu sagen: prä-faschistischen) Tendenzen in CDU/CSU und SPD für *weitaus* gefährlicher für unser Land und unsere Demokratie als alle “offiziell” rechten Parteien zusammen.

    Das Rumgehacke auf den Rechten ist imho eher Mittel zum Zweck: Es schafft ein Feindbild, auf das sich die “anständigen” Bürger konzentrieren können während Schäuble und Co. das GG in Konfetti verwandeln.

    /Mario

  32. Comment von thomas | 20. Sep. 2009 um 23:26:37

    Lieber http://www.ennomane.de/2009/09/18/piratenabenteuer-die-durchwatung-des-braunen-sumpfes/#comment-15004

    was für ein Unsinn. werder möchten die Piraten wertefrei Politik machen, noch wollen sie absolute Freiheit, denn das wäre Anarchie. Die Piraten möchten die politischen Freiheiten bewahren und ihre Politik gestalten, ohne von polit. Lagern gefesselt zu sein. Entscheidungen können liberal, konservativ, links oder sonst was sein. Eben so wie es die Piratenpartei als am sinnvollsten hält. sachlich. unemotional. ja. aber nicht wertefrei.

  33. Ben
    Comment von Ben | 21. Sep. 2009 um 02:24:04

    Naja…..Frau Seeliger und ihre Grünen, die Angst haben nicht Bronze zu gewinnen am Sonntag zur Wahl. Ich muß mich wundern, fischen doch Politiker des linken Spektrums gern am rechten Rand. Die Programme sind sich ja auch so ähnlich wie zwei Lämmer, mit dem Unterschied, daß eines schwarz ist und das andere grau. Man hat Angst das man sich mit einer weiteren Partei in der Opposition die Sitze teilen müßte. Sollte man nicht endlich das parteipolitische Rechtslinksdenken überwunden haben? Das ist aus dem letzten jahrhundert und sollte auch dort beerdigt bleiben. Heute sollte es nur um Themen gehen und nichtmehr um Richtungen. Aber die Machtgeilheit trieft ja beinahe den Oppositionspartein aus sämtlichen Öffnungen. Piraten stellten da nur eine neue sympatische Option für jung und Erstwähler dar, doch mit Medienkampagnien macht man die nun auch madig und vergiftet sogar die Blogosphäre mit der unausstehlichen Ignoranz vor der Demokratie, die man doch selbst immer wieder predigt.

    ….etwa alles nur Lippenbekenntnisse um wieder um die Welt fahren und sich produzieren zu können?

  34. Pingback von Die “Schwächen” der Piraten | Doxanthropos | 23. Okt. 2011 um 14:26:39

    [...] Position der Piraten zu diesen umstrittenen Themen klar und unmissverständlich formuliert: “Piratenabenteuer: die Durchwatung des braunen Sumpfes.“ Share and [...]

  35. Pingback von warum die piratenpartei von den a-bloggern gedisst wird at qrios | 23. Feb. 2012 um 10:23:52

    [...] Unter dem Titel “Piratenabenteuer: Die Durchwatung des braunen Sumpfes” schreibt die ennomane “… Man sollte den Shitstorm, der gerade läuft, als das [...]


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