sofa die ennomane

Mai 28, 2009

Twitternde Nazis

Das Auftauchen der NPD hat heute auf Twitter viel Aufregung verursacht. Sofort machten Aufrufe die Runde, den Account zu blocken. (Wenn das genügend Twitterer tun, geht Twitter davon aus, dass es sich um Spam handelt und sperrt den Account). Gleichzeitig wurden Rufe laut, das sei Zensur und Diskriminierung. Eigentlich hat German Psycho das ganze schon sehr schön zusammengefasst. Wegen einiger Nachfragen muss ich das aber mal ergänzen:

Wenn ich eine Kneipe betreibe, habe ich Hausrecht und darf Leute, die mir nicht passen, hinauswerfen. Genauso darf ein Blogger unerwünschte Kommentare löschen, darf ein Verleger entscheiden, welche Artikel in seinen Zeitungen erscheinen – und genauso darf Twitter auch Nutzer von der Plattform ausschließen. Das  hat mit Zensur nichts zu tun. Zensur ist die staatliche Unterdrückung unerwünschter Inhalte (unabhängig davon, ob sie angemessen ist oder nicht). So etwas wie private Zensur gibt es nicht. Wenn auf Twitter eine Anti-NPD-Bewegung entsteht, so ist das das Online-Pendant zur Gegendemonstration in der Offline-Welt.

(Update 10.10.2011: Meine Meinung in Bezug auf das Hausrecht habe ich inzwischen geändert. Twitter, Google+ und Facebook sind heute öffentliche Räume, die Regeln darf nicht mehr nur noch das betreibende Unternehmen aufstellen, sondern müssen von den Nutzern mitbestimmt werden. An meiner Haltung zu NPD-Anhängern ändert das freilich nichts.)

Die Meinungs- und Redefreiheit jedenfalls bleibt gewahrt. Die Nazis haben weiterhin das Recht, Ihre Meinung in Wort, Schrift und Bild zu verbreiten. Sie können weiterhin im Rahmen der Gesetze Aufmärsche organisieren, Wahlwerbespots ausstrahlen lassen, Flyer unters Volk bringen, ihre Zeitungen verlegen und Webseiten online stellen soviel sie wollen. Sie können mich aber nicht zwingen, ihren Kram zu tolerieren. Selbstverständlich kann jeder Anwender die NPD auf Twitter blocken, wenn er sich von ihr belästigt fühlt. Und Twitter ist zwar ein öffentlicher Raum, zugleich aber ein privates Unternehmen. Die Spielregeln, die dort gelten, werden von niemand anderem festgelegt als vonTwitter selbst. Wenn sie eine Regel aufstellen, einen Account bei zu vielen Blockings zu sperren, und die NPD zu oft geblockt wird, dann hat letztere schlicht und ergreifend Pech gehabt. Das Recht auf Meinungsfreiheit gilt nämlich nicht nur für die NPD sondern ist auch mein Recht, öffentlich zu sagen, was ich von ihr halte.

Ja, selbstverständlich ist das Diskriminierung. Das macht aber nichts. Diskriminieren ist etwas, das wir alle ständig tun. Wir haben nunmal nicht alle Menschen gleichermaßen lieb und niemand kann uns zwingen, zu allen gleich freundlich zu sein. Es ist unser Recht, Menschen aufgrund ihrer Persönlichkeit abzulehnen. Jeder von uns darf selbst entscheiden, mit wem er nichts zu tun haben will. Ein Arschloch ist, wer Menschen nicht anhand Ihrer Worte und Taten ablehnt, sondern sie aus Gründen wie Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht oder Religion diskriminiert. Und über genau solche Leute reden wir, wenn wir über die NPD reden.

Auf Twitter schrieb ich

Es kotzt mich sowas von an, dass so viele themen kampflos der npd überlassen werden u man bräunlich wirkt, wenn man bestimmte ansichten hat

und wurde gefragt, was ich meine. Obligatorisches Dementi: Ich bin nicht ausländerfeindlich, nicht rassistisch, nicht homophob, fühle mich nicht überfremdet, träume nicht von den Grenzen von 1937, glaube nicht an eine polnische Kriegsschuld, erwarte von Frauen kein Gebärmaschinendasein am Herd, will auch die D-Mark nicht wiederhaben usw. usw. usw.

Viele Menschen fühlen sich in einer kalten Gesellschaft zurückgelassen. Besonders in Ostdeutschland wird einem verloren gegangenen Zusammenhalt nachgetrauert. Hartz IV wird als Entsolidarisierung und Repressalie wahrgenommen. Antikapitalismus ist längst wieder salonfähig geworden. Die Globalisierung macht vielen Leuten Angst. Und sehr viele Menschen haben das Gefühl, die Politiker leben in einer Parallelwelt und machen da ihr eigenes Ding.

Würde man Umfragen machen: Die obigen Aussagen bekämen sehr hohe Zustimmungswerte. Die NPD nutz genau dies aus. Sie kümmert sich nicht nur scheinbar um die Sorgen und Nöte dieser kleinen Leute sondern organisiert sogar vor Ort Einkaufshilfen, Lagerfeuer usw. Das erregt Sympathie und stille Zustimmung bei Leuten, die sich selbst nicht als Nazi sehen würden. Und wenn diese Leute sich zu oft von “denen da oben” angelogen gefühlt haben, dann werden sie irgendwann anfangen, den rechtsradikalen Verschwörungstheorien derjenigen zu glauben, die sonst im Alltag was nettes auf die Beine stellen. Ganz leicht wird die USA zum Besatzer, der Holocaust zur Lüge, der Nazi zum netten Kumpel.

Bis vor kurzem hatte ich eine sehr tolerante Haltung der NPD gegenüber: Sie sollten uneingeschränkte Meinungsfreiheit genießen. Nachdem ich mich heute wieder mit ihr beschäftigt habe, fange ich an, meine Haltung zu liberal zu finden. Ich habe einfach dermaßen viele widerwärtige Verdrehungen, Hetzereien und Lügen gefunden, dass ich diese Partei am liebsten verbieten würde. (Nein, ich verlinke den Dreck hier nicht.) Nur noch wenige Argumente lassen mich die NPD tolerieren: Immer noch besser, sie betreiben ihren Mist offen als im Untergrund. Und Verbote könnten das “Gedankengut” für manche noch attraktiver machen.

Ich denke, die meisten Wähler der NPD sind nicht wirklich rechtsradikal, sondern haben aus Protest gewählt. Ich denke, hier wird eine Zustimmung in der Bevölkerung konstruiert, die so nicht existiert. Diese Menschen wollen vor allem keinen Rechtsradikalismus, sondern dass jemand sich ihrer konkreten Probleme annimmt. Vermutlich würden sie gerne eine Linkspartei ohne SED-Vergangenheit oder eine SPD ohne Hartz IV wählen. Das ist ein Feld, das man verdammt nochmal nicht den Nazis überlassen darf. Ist die NPD weiterhin erfolgreich, sind CDU/CSU, FDP, Grüne, Linke und SPD mit schuldig daran.

P.S.: Kann man NPD-Mitglieder eigentlich Nazis nennen? Die NPD ist ja nicht nur nationalistisch, sondern wendet sich (wie oben dargelegt) an “den kleinen Mann”. Programm und Propaganda enthalten viele antikapitalistische und sozialistische Züge, bestehen aber vor allem aus Deutschtümelei, Reaktion, Revanchismus und – ja! – Antisemitismus. Zwischen NPD und NSDAP besteht nur ein gradueller Unterschied. Menschen, die vollkommen hinter diesem Gedankengut stehen, sind nicht “irgendwie bräunlich” sondern schlicht Neonazis, die ihre Hakenkreuze verstecken, weil sie sie nicht zeigen dürfen.

Kommentare

  1. Kommentar von German Psycho | 28. Mai. 2009 um 09:23:58

    Sie hatten das ja letztens schon in Ihrem Blog beschrieben: Die NPD veranstaltet Jugendlager, um die Menschen möglichst frühzeitig mit ihren Ideologien zu füttern. Den Umkehrschluß, daß es ein Problem der etablierten Parteien sei, halte ich für nicht zutreffend: Das sind Dinge, die ohne die Politik geschaffen werden können und sollten.

    Ein angeblich früher besserer Zusammenhalt in der DDR existiert wohl auch nur in den Köpfen derer, die nicht dabeiwaren. Und wenn menschliche Kälte angemahnt wird, dann ist das etwas, das nur jeder Einzelne ändern kann.

    Egal, grundsätzlich stimme ich Ihnen ja absolut zu: Ich glaube auch nicht, daß die Masse der NPD-Wähler Ausschwitz wieder aufbauen will. Aber sie haben so gewählt. Und damit müssen sie sich eben mit den Forderungenund Programmen der Partei identifizieren lassen.

    Darf man sie Nazis nennen? Solange wir nach dem Programm gehen…

    Die Nationalsozialisten haben inhaltlich jedenfalls sehr viel mit der NPD gemein. Was Sie über die NPD schreiben („antikapitalistische und sozialistische Züge, bestehen aber vor allem aus Deutschtümelei, Reaktion, Revanchismus und – ja! – Antisemitismus”) trifft zu 100% auch auf die NSDAP zu. Daher glaube ich, man darf sie nicht nur Nazis nennen, man muß es sogar. Sie selbst tun das sicherlich auch.

  2. Kommentar von mspro | 28. Mai. 2009 um 12:25:18

    Ich hatte ein Schlüsselerlebnis als ich im Fernsehen eine Reportage über “die neuen Nazis” sah. Dort demonstrierten Rechtsradikale in Autonomenmontur (Schwarze Hoodys, Sonnenbrille, Sticker) für – und jetzt kommt’s – für Meinungsfreiheit. Sie trugen – extrem perfide – das Rosa Luxemburgzitat: “Die Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden” vor sich her.

    Ich erschrak. Das war sicher der angsteinflößenste Moment, den ich in Sachen Rechtsradikalität erlebt habe. Mehr noch als Mölln und sowas.

    Warum? Weil sie recht haben. Ja. In dieser Hinsicht haben sie recht. Ihre Meinung wird tatsächlich unterdrückt und verfolgt. Gesellschaftlich und Strafrechtlich. Ihre Meinung ist unter Strafe verboten (z.B. Holocaust / Volksverhetzung). Ihre Symbole dürfen unter Strafe nicht öffentlich gezeigt werden.

    Das ist im Grunde das Schlimmste, was passieren kann. Dass die Nazis recht haben. Dass sie argumentative Hebel gefunden haben, mit denen Sie der Restgesellschaft den unwiderlegbaren Vorwurf ihrer eignen Verfolgtheit unter die Nase reiben können. Die sie zu Untergrundkämpfern ihrer eigenen Sache werden lässt. Ja, beinahe zu Freiheitskämpfern.

    Das ist geradezu widerlich. Und wir lassen das zu.

    Wenn man mich Fragen würde, was ich für evidenter hielte: dass die Erde eine Scheibe ist, oder der Holocaust nicht stattgefunden habe, wüsste ich nicht, was ich für dämlicher hielte. Es gibt immer spinnerte Thesen, weil es immer Spinner geben wird. Eine Gesellschaft aber, die bestimmte Thesen (egal, wie widerlich und dämlich sie zugleich sein können) unter Strafe verbietet, hat bereits verloren.

    Zu der Twittersache aber gebe ich Dir recht. Ein Aufruf zum Blocken halte ich für eine zivile Aktion gegen Rechtsradikalismus, genau wie Du es sagst, wie eine Gegendemo. Was ich aber nicht gutheißen würde, wäre Twitter offen aufzufordern, rechte Accounts zu sperren. Das wiederum hielte ich für Zensur.

  3. Kommentar von German Psycho | 28. Mai. 2009 um 12:57:39

    Twitter kann jederzeit sein Hausrecht ausüben und Meinungen JEGLICHER Art aussperren. Das Unternehmen muß sich darüber Gedanken machen, ob das bei der Masse seiner Kunden gut ankommt, aber das Recht dazu haben sie.

    Das ist nämlich der Unterschied zwischen privaten Unternehmen, die im Wettbewerb zueinander stehen, und dem Staat. Letzterer hat eine Monopolstellung und ist daher viel stärker verpflichtet, die unterschiedlichen Ansichten solange zu ertragen, wie sie nicht gegen den Rechtsstaat an sich gerichtet sind.

    Ein Kneipenwirt oder Webdienstanbieter hat diese Beschränkung nicht. Ein Wirt kann jemanden rausschmeißen. Weil er zuviel gesoffen hat, weil er keinen Anzug trägt, weil er Naziparolen grölt.

    Kein einzelner Mensch hat die Verpflichtung, in seinem eigenen Kopf alle Meinungen zu akzeptieren. Im Gegenteil: Jeder Einzelne hat sogar das Recht, völlig absurde Meinungen zu haben und dazu zu stehen. Und der Kneipenwirt ist gut beraten, wenn er sich ein Bild über die Mehrheitsmeinung macht. Minderheitenschutz ist nicht sein Thema. Die Minderheiten finden nämlich zehn Meter weiter eine andere Kneipe.

    Nur eben keinen anderen Staat.

  4. Kommentar von admin | 28. Mai. 2009 um 13:02:53

    @GermanPsycho Realitäten sind immer auch subjektiv. Ich habe ein paar Jahre in Ostdeutschland gelebt. Wenn die Leute so über den Zusammenhalt reden, muss irgendwas dran sein. Ohne jetzt genau zu analysieren, was. Dasselbe gilt für Hartz IV. Es ist doch eigentlich ganz wunderbar, dass man im Notfall das nötigste zum Leben vom Staat bekommt. Das war lange nicht überall selbstverständlich. Begreift man aber das solidarische Einstehen und Alimentieren bedürftiger als Grundrecht, wird aus der Sicht eines unverschuldet Arbeitslosen wird aber aus der Wohltat schnell eine Zumutung. Da geht es nicht nur um die Höhe der Summe, sondern auch um das Verhalten der Ämter. In der Bevölkerung existiert nunmal ein Gefühl von “denen da oben” übergangen worden zu sein. Gekoppelt mit mangelnder Bildung, Selbstreflektion und Artikulationsfähigkeit wird schnell dumpfe Bräunlichkeit aus dem ganzen. Ob das dann in Links- oder Rechtsextremismus ausschlägt, ist eher Zufall. Die Rahmenbedingungen für das ganze setzt die Gesellschaft auch, aber eben auch der Staat und zwar direkt aus den jeweils regierenden Parteien heraus. Die sind in der Pflicht, auf die Menschen zuzugehen, wenn sie ernsthaft der Katalysator der politischen Meinungsbildung sein wollen. Zumindest was die CDU/CSU und noch mehr die SPD betrifft sehe ich hier ein gewisses Abheben in den luftleeren Raum, spätestens seit 1998. Beide Parteien sind meilenweit weg von Brands “mehr Demokratie wagen” und Adenauers “Wohlstand für alle”.

  5. Kommentar von admin | 28. Mai. 2009 um 13:59:53

    @mspro Bis gestern war ich Deiner Meinung, habe sie aber geändert. Nein, nein, nein. Sie haben *nicht* recht. Ich habe mich gestern wirklich damit beschäftigt. Eine *unwahre* Tatsachenbehauptung ist grundsätzlich nicht vom Schutz der Meinungsfreiheit gedeckt. Sie steht normalerweise nicht unter Strafe. Wenn Du dir die entsprechenden Paragraphen im GG und StGB ansiehst, wirst Du feststellen, dass die Meinungsfreiheit nur in einigen wenigen Punkten eingeschränkt wird. Bei diesen Punkten geht es immer um *unwahre* Tatsachenbehauptungen in Verbindung mit Beleidung und Hetzereien.

    Der 2. Weltkrieg und der Holocaust waren dermaßen monströs, dass jegliche Form der Verharmlosung, Leugnung oder gar Verherrlichung ein unerträglicher Schlag ins Gesicht der Opfer wäre. Wer hier irgendwas rechtfertigen will, ist unglaublich dumm oder ignorant oder perfide. Und Dummheit hat noch nie vor Strafe geschützt. Warum sollte man hier ausgerechnet bei Nazis eine Ausnahme machen?

    Wenn irgendwelche Nazis oder der Möllemann sich z.B. beklagen, die Juden hätten zuviel Einfluss, nur weil ihr Zentralrat einge gewisse Medienmacht besitzt, ist das vor dem Hintergrund der Verbrechen, die an den Juden begangen wurden, einfach nur …. mir fehlen die Worte. Hier muss man mal die Maßstäbe wahren! Es geht nicht darum, die Deutschen ewig als Tätervolk zu sehen und eine Schuld zu suchen bei Menschen, die erst später auf die Welt kamen. Aber solche Menschen fangen an sich mitschuldig zu machen, wenn sie anfangen, die Opfer von Holocaust und Krieg herabzuwürdigen.

    Wenn man sich die Webseiten mal so ansieht, dann stellt man fest, dass die Nazis sehr sehr viel Schwachsinn schwadronieren dürfen, ohne dass es zu einer Anklage wegen Volksverhetzung kommt. Das Beispiel der Holocaust-Leugner: Es gibt massenweise Literatur, die den Holocaust leugnet oder Umstände anzweifelt. Ein sehr großer Teil dieser Literatur ist legal. Wenn jemand eine These im Rahmen eines wissenschaftlichen Diskurses aufstellt, wird er nicht wegen Volksverhetzung angeklagt. Leute wie Lauck haben zum Rassenhass aufgerufen, Propagandamaterial verbreitet und aus der Holocaust-Leugnung erneut eine jüdische Verschwörung hergeleitet und Antisemitismus propagiert. Das ist ein großer Unterschied. Und das ist nicht mehr erträglich. Diese Leugnungen stehen nie bloß einfach im Raum. Beispiel Richard Williamson: Er hat nicht nur den Holocaust geleugnet, sondern von der Kanzel behauptet, die Juden hätten ihn erfunden. Er behauptet, es gäbe eine jüdische Verschwörung zur Unterwandung und Unterwerfung des Christentums. Dabei beruft er sich auf die “Protokolle der Weisen von Zion”. Wenn mans ich seine Zitate so durchliest, bekommt man das Bild eines ekelhaften, hetzenden Geiferers, dem man am besten sofort das Mikro abstellt.

    Man darf nicht vergessen, dass es sich beim Nationalsozialsmus nicht um eine weitere politische Gesinnung handelt, sondern um eine Ideologie, die durch und durch menschenverachtend ist, zum zu Hass und Gewalttätigkeit aufruft, Menschen herabwürdigt und ihnen Grund- und Lebensrechte nehmen will. (Eine schiefe Metapher: Stell Dir eine Partei vor, die ein Recht auf freies Vergewaltigen fordert und gelegentlich im besoffenen Zustand auch ausübt und dabei missbrauchte Frauen und Kinder aufs übelste beschimpft.)

    Dass der Staat so eine Ideologie nicht ungehindert wuchern lässt, ist verständlich. Wenn man sich ansieht, was juristisch so passiert ist, muss man sagen, dass der Staat sehr viel Augenmaß bewiesen hat und versucht, nur die unerträglichsten Auswüchse zu beschneiden. Es ist erstaunlich, mit welch niedrigen Strafen die Gewalttäter meistens so davonkommen, wenn sie überhaupt verurteilt werden.

    Es besteht kein qualitativer, nur ein gradueller Unterschied zwischen NPD und NSDAP. Es erstaunt mich eigentlich sehr, dass die NPD bisher nicht verboten werden konnte. Ich glaube, das hat mehr politische als juristische Gründe: Eben keine Märtyrer produzieren, nicht in den Untergrund treiben usw.

    Oder anders gesagt: Die Nazis haben *nicht* recht, wenn sie sich auf Rosa Luxemburg berufen. Sie haben deshalb unrecht, weil sie ihre Meinung sehr wohl vertreten dürfen, wenn sie sie in angemessenem Rahmen äußern nicht mit Hetzparalon verbinden. Und sie sind auch moralisch im Unrecht, weil sie “Diskriminierung!” schreien, obwohl ihre Ideologie selbst in unerträglichem Maße diskriminierend ist. Ich fürchte, Du bist ein Stück weit auf ihre Propaganda hereingefallen, wenn Du glaubst, dass sie recht haben.

  6. Kommentar von mspro | 28. Mai. 2009 um 14:11:10

    “Sie haben deshalb unrecht, weil sie ihre Meinung sehr wohl vertreten dürfen, wenn sie sie in angemessenem Rahmen äußern nicht mit Hetzparalon verbinden.”

    So sehr es dem Verstand auch widerstrebt (auch meinem) es zu verstehen, aber “Hetze” IST ihre Meinung. Und deswegen hast du leider unrecht.

  7. Kommentar von baranek | 28. Mai. 2009 um 14:18:03

    Rein rechtlich gesehen gibt es doch sowieso keine “totale Meinungsfreiheit”. Sowohl vom Zivilrecht her (Beleidigung, Verleumdung etc) als auch vom Strafrecht her (Volksverhetzung, Aufruf zu Straftaten) gibt es da klare Regeln. Und die brauchen wir auch. Ich will mich zu Beispiel wehren können, wenn mir irgend so ein Spinner was anhängen will. Natürlich kann man einzelne Regelungen diskutieren. Allerdings ist das Nazigejammere über fehlende Meinungsfreiheit Blödsinn. Nein, die haben nicht recht.

  8. Kommentar von admin | 28. Mai. 2009 um 14:29:32

    Meine persönliche Freiheit hört beim Gartenzaun meines Nachbarn auf. Es ist wie mit Beleidungen. Ich darf meinen Nachbarn für ein Arschloch halten. Ich darf ihn aber nicht öffentlich Arschloch nennen. Ich darf ihn schon gar nicht öffentlich Arschloch nennen für irgendwelche Attribute, für die er nichts kann. Erst recht darf ich ihn nicht zusammenschlagen oder dazu aufrufen, ihn zusammenzuschlagen.

    Nazis wohnen neben einem Nachbarn, der unverschuldet von den Opas der Nazis zusammengeschlagen wurde, wofür es glasklare Beweise gab und weswegen er eine Rente erhält. Statt das Maul zu halten, behaupten die Enkel-Nazis aber, dass der Nachbar selbst Schuld gewesen sei, beschimpfen ihn als Arschloch und fordern die Nachbarschaft dazu auf, ihm die Rente wieder wegzunehmen, ihn nochmal zusammenzuschlagen und ihn aus der Stadt zu vertreiben.

    Bei aller Liebe: Sowas hat nichts, aber auch gar nichts mit Meinungsfreiheit zu tun.

  9. Kommentar von mspro | 28. Mai. 2009 um 14:34:06

    Und natürlich ist Wahrheit kein Kriterium für freie Meinung. Ich kann den ganzen lieben langen Tag herumrennen und öffentlich behaupten 2 x 2 ist 5. Niemand wird mich dafür verhaften.

    Dennoch tut das keiner. Weil er weiß, dass er sich damit lächerlich macht. Die Holocaustleugnung findet hinter vorgehaltener Hand statt. Mit den Worten eingleitet: “Das darf man hierzulande nicht sagen…” Jungen Menschen gegenüber braucht man ab dieser Stelle eigentlich gar kein Argument mehr bringen, denn ab nun ist es Geheimwissen, dass da weitergetragen wird und es wir begierig gefressen werden. Wenn es verboten ist, dann dann haben anscheinend doch alle Angst davor, dass man es weiß.

    Verbote bringen bei Meinungen/Ideen und Ideologien das Gegenteil dessen, was sie tun sollen. Sie heroisieren sie und machen sie subversiv und dadurch erst anziehend.

  10. Kommentar von Amaot | 28. Mai. 2009 um 14:39:22

    Nachdem ich mich heute Morgen schon bei Herrn Greman Psycho ausführlicher darüber ausgelassen habe, auch hier noch einmal meinen Meinung inklusive eines Links, der das Thema Nazis und Meinungsfreiheit neu beleuchtet:

    Kopie des Post bei Herrn German Psycho:

    Das perfide an der Sache ist, dass die Faschos eben diese Diskussion um Toleranz und Meinungsfreiheit, die hier geführt wird, für ihre Zwecke ausnutzen. Sie sind zwar Arschl. , aber sie sind keine dummen Arschl., die man unterschätzen sollte. Gerade hier liegt die Gefahr. Denn schon lange haben sie Strategien entwickelt, Foren und andere Social Media Hot Spots zu unterwandern. Für mehr Informationen dazu, ein alter aber immer noch sehr erhellender Beitrag vom Informationsdienst gegen Rechtsextremismus: http://www.trend.infopartisan.net/trd0902/t170902.html (Vorsicht Spucknapf bereithalten: die Zitate aus dem Strategiepapier der braunen Brut erzeugen massiven Brechreiz – u.a. ist von den Toleranz-Trotteln die Rede). Habe schon zwei Mal solche Versuche, Internetforen zu unterwandern und in „befreite Zonen“ zu verwandeln, erlebt. Sie liefen genau nach diesem Schema ab. In beiden Fällen war die Community glücklicherweise stark genug, sie wieder in die braunen Löcher zu jagen, aus denen sie gekrochen kamen. Es geht nicht um Zensur. Der auslösende Tweet für diese Diskussion war nicht mehr als der Aufruf zur virtuellen Straßenblockade, analog zum erfolgeichen Kölner Aufruf die Stadt beim Anti-Islamisierungs-Kongress für Nazis zu blockieren. Es geht auch nicht darum, nach dem Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn“ zu handeln, sondern wachsam zu bleiben und ihnen die Stirn zu bieten, wenn sie sich zeigen. Den Königsweg ihnen zu begegnen, ob blockieren oder diskutieren, den gibt es, so glaube ich, nicht. Es wird eine Mischung aus allem mit viel Ironie gewürzt sein, an dem sich viele beteiligen müssen. Denn nur, wenn sie am Ende in ihrer ganzen Lächerlichkeit nackt dastehen, werden ihnen die Mitläufer den Rücken kehren. Im Grunde sind sie doch Feige, wenn sie ihr Rudel nicht beschützt. T´schuldigung habe mich ein wenig in Rage geschrieben. Grüße Amaot

  11. Kommentar von admin | 28. Mai. 2009 um 14:59:08

    @mspro Natürlich sind Verbote kontraproduktiv. Ich bin nun wirklich kein Experte, hatte aber nach langer Recherche, dass solche Meinungen eben nicht verboten und bestraft werden. Das passiert erst, wenn es mit Aufstachelung und Verhetzung einhergeht. Du wirst kaum Ärger bekommen, wenn Du behauptest, der Holocaust habe gar nicht stattgefunden. Den Ärger bekommst Du erst, wenn Du auf dieser Basis Hasstiraden gegen Juden abfeuerst.

    Es ist immer und überall ein Abwägen. Jedes Verbot trägt den Reiz des Verbotenen in sich. Das kann kein Argument sein, nichts mehr zu verbieten. Das muss für jeden Einzelfall austariert sein. Ich halte es so, wie es jetzt ist, aus meiner liberalen Grundhaltung heraus für ziemlich gut austariert. Eigentlich habe ich Bauchschmerzen, weil noch zu viel erlaubt ist. Aber dafür gibt es gute Gründe, die ich akzeptiere.

    Dass jemand ein Verbot politisch instrumentalisiert, stellt nicht das Verbot in Frage sondern denjenigen, der das tut. Würde man die Verbote aufheben, würden die Nazis sofort schreien: Schaut mal, wir hatten recht, sogar der Staat musste das zugeben? Ihre Strategie wäre ein voller Erfolg. Nein, das geht nicht. Lieber so lassen wie es ist. Und aufklären, aufklären, aufklären.

  12. Kommentar von thomas | 28. Mai. 2009 um 21:30:00

    es tut mir leid. ich kann mir einfach nicht alles durchlesen :(
    was ich aber durchgelesen habe ist der artikel selbst und der erste kommentar. und ja, überraschenderweise bin ich eigentlich exakt der selben meinung. “überraschenderweise” sage ich, weil ich sehr oft auf die meinung stoße, die npd müsse verboten werden, mundtot, etc und alles. ich bin aber ein strikter gegner der antifa (die soweit ich das sehe diese meinung vertritt) genauso wie ich ein strikter gegner der npd und konsorten bin (und die selben standpunkte vertrete wie sie der autor im artikel hervorhebt). ich war aber einer derer, die für die löschung des @npdde accounts waren und fand die reaktion von wegen “die selben die gegen #zensursula sind sind jetzt für @npdde blocken” (wohl aus dem konservativen lager kommend) heuchlerisch – ja schändlich.

    kurze frage: ist das mit mit dem kollektiv-blocken überhaupt wahr, dass dann twitter aufmerksam wird und den account sperren könnte? ich hab mal “zur vorsicht” mitgemacht, aber….

  13. Kommentar von admin | 28. Mai. 2009 um 22:04:49

    @thomas Twitter schmeißt u.a. “Spammer” raus. Dafür gibt es Kriterien, die hier nachgelesen werden können: http://twitter.zendesk.com/forums/26257/entries/18311 eines davon ist: “If a large number of people are blocking you”

    Mir ist kein Fall von Kollektiv-Blocking bekannt, aber möglich sollte es sein.

    Ich habe übrigens nicht dazu aufgerufen und einfach nur für mich selber entschieden, dass ich sie blocke.

  14. Kommentar von Nepomuk | 03. Sep. 2009 um 08:37:47

    mspro hat völlig Recht. Es ist kontraproduktiv Meinungen jeglicher Art zu verbieten. Gerade die Meinungsfreiheit ist was unser System unterscheiden sollte zu dem System des 3. Reiches. Das bedeutet in seiner Konsequenz das die Anhänger des 3. R. auch Ihre Meinungen dazu lückenlos äußern dürfen. Ob das falsch ist oder beleidigend spielt dabei überhaupt keine Rolle. In einem freien Land darf ich Menschen beleidigen. Der verbale Kampf ist der beste Weg Gewalt zu vermeiden. Alles andere staut sich auf und entlädt sich irgendwann. Auch sollte man mal ins Ausland schauen und sehen das es in vielen westlichen Ländern einwandfrei funktioniert Volksverhetzung und Holo. Verleugnung nicht zu bestrafen. Die Deutschen haben sich ja echt lächerlig gemacht als sie den Reporter verhören wollten der diesen netten Nazi Kardinal interviewte. Die Schweden haben sich kaputt gelacht und die Briten ebenfalls keine Untersuchung zugestimmt. Kein Mensch interessiert ob die Deutschen Meinungen verbieten.
    Denn in einer funktionierenden Demokratie gibt es immer genügend Gegenmeinungen und dieser ständige Konflikt ist was die Demokratie am Leben hält. Freiheit ist wie ein Muskel, sie muß ständig trainiert werden. mspro hat völlig Recht wenn er sagt das bei jungen Menschen dies längst nicht mehr stattfindet. Wie denn auch ? Es wird von Tag 1 suggeriert der Staat sei für dieses Problem verantwortlich. Dies ist falsch, die NPD ist ein Volksproblem, der Staat hat sich da nicht einzumischen. Sonst ist in diesem Land niemand frei auch wenn er es glaubt. Zu guter letzt vergisst bitte nicht das die NPD ein Produkt des Verfassungsschutz ist. Die Amerikaner müssen damit Leben wenn Ihnen was von bösen Terroristen erzählt wird aber die Deutschen haben es vom Verfassungsgericht in größtmöglicher Ehrlichkeit angesichts der Geheimhaltungspflicht der Richter bestätigt bekommen von wem die NPD gelenkt wird. In gewissem Sinne sind viele in diesem Blog damit schon wieder die Dummen und drauf reingefallen. Aber Dummheit schützt bekanntlich vor Strafe nicht.


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