sofa die ennomane

Mai 19, 2009

Von der Leyen wird sich durchsetzen

Die Diskussion um Web-Sperren ist längst in eine üble PR-Schlacht ausgeartet. Ich wage mal eine kleine Prognose, wie es weitergeht:

1. Akt

Das Gesetz wird im Bundestag zur Abstimmung gebracht, noch bevor die Petenten angehört werden. Und es wird selbstverständlich mit den Stimmen der großen Koalition angenommen werden. Ich rechne damit, dass es aus den Reihen der CDU/CSU und SPD keine Gegenstimme geben wird. Die Handvoll Abgeordnete, die da Bauchschmerzen haben, werden sich enthalten oder der Abstimmung einfach fern bleiben. Einzelne Abgeordnete der Opposition werden entgegen ihrer Parteilinie mit Ja stimmen.

Die Bevölkerung wird nichts dagegen haben. Selbst wenn wir jetzt fordern, dass effektiver gegen Kindesmissbrauch vorgegangen wird, wird die ganz große Mehrheit nicht einsehen, warum man nicht auch sperren sollte (vor allem, wenn es um ausländische Webserver geht). Eine solche Forderung hätte ganz am Anfang stehen müssen und selbst dann wenig Aussicht auf Erfolg. Das Argument, dass hier eine internationale Zusammenarbeit und diplomatischer Druck nötig sind, wird vermutlich sogar noch in ein Argument für Sperren verkehrt werden, da man ja wenigstens schonmal filtern könne, solange noch Inhalte im Netz sind.

2. Akt

Noch dieses Jahr wird es zu einer Verfassungsbeschwerde kommen. Das Verfassungsgericht wird die Sperren vermutlich aussetzen und nächstes Jahr endgültig entscheiden. Dabei wird es zu dem Schluss kommen, dass die Sperre an sich mit dem GG vereinbar ist, so lange es nur darum geht, strafrechtlich relevante Inhalte zu filtern. Es wird dem Gesetzgeber Auflagen machen, dass es eine bessere Kontrolle der zu sperrenden Inhalte geben soll und die Einhaltung der Gewaltenteilung anmahnen.

Allerdings wird das Gesetz als verfassungswidrig abgelehnt werden, weil polizeiliche und Mediengesetzgebung Ländersache sind.

3. Akt

Sofort nach dem Urteil werden einige Bundesländer entsprechende Landesgesetze erlassen, die die Provider zwingen werden, in den jeweiligen Bundesländern zu filtern. In Deutschland wird ein rechtlicher Flickenteppich entstehen. Als Resultat werden vermutlich die meisten Provider in ganz Deutschland einheitlich filtern, weil eine eigene Infrastruktur mit verschiedenen Listen für jedes einzelne Bundesland für die Provider viel zu umständlich sein wird. Unterm Strich dürfte also beispielsweise Bayern dem Rest der Republik vorschreiben, was wir im Netz sehen dürfen und was nicht.

Risiken und Nebenwirkungen

Während des ganzen Prozesses wird die Zensur von der großen Mehrheit der Bevölkerung nicht als schädlicher Eingriff wahrgenommen werden. Es wird jenseits von “Netzgemeinde” und Bürgerrechtlern keinen nennenswerten Widerstand geben. Den kleinen Parteien wird das Thema nicht wichtig genug sein, um das Scheitern einer Koalitition zu riskieren.

Ich erwarte, dass immer wieder Webseiten zu Unrecht auf die Giftliste gesetzt werden. Wenn das passiert, wird es allenfalls ein folgenloses Skandälchen mit anschließendem “Oh sorry, me culpa, kommt nicht wieder vor” seitens der Behörden geben.

Freiheit und Grundrechte sind in Deutschland kein Thema, schon gar nicht im Wahlkampf. Und es wird erst eines werden, wenn echter Leidensdruck in der Gesellschaft entsteht. Ernsthaften Widerstand gegen die Sperren wird es erst geben, wenn sie längerfristig und im großen Stil für politische o.ä. Zensur missbraucht werden. Und das auch erst, wenn wirklich die ganz große Mehrheit der Bürger im Netz lebt. Ich fürchte, Proteste und PR bringen uns nicht weiter. Nur Taten. Und das wird sehr sehr zäh werden…

Kommentare

  1. Kommentar von Tobias W. | 19. Mai. 2009 um 15:51:36

    Du hast vergessen zu erwähnen, dass die Zensurliste des BKA mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eher früher als später auf einer Seite wie wikileaks auftauchen wird.

  2. Kommentar von mspro | 19. Mai. 2009 um 15:51:41

    sorry, das ist ziemlicher quark.
    1. hat die spd bereits eine anhörung durchgesetzt, die definitiv auch stattfinden wird. wusstest du das nicht?
    2. formiert sich innerhalb der spd relativ offen schon der widerstand. und da trotz fraktionszwang so gut wie nie geschlossen abgestimmt wird, ist der punkt eh illosorisch.
    3. hat die petition tatsächlich einige politiker erschreckt. die sammeln grad noch nach ihren nerven und die pr-schlacht zeugt von deren nervosität.

    das gesetz – jedenfalls in dieser form – wird nicht verabschiedet. und einstimmig schon gar nicht. soviel ist schon jetzt klar.

  3. Kommentar von admin | 19. Mai. 2009 um 15:56:31

    @mspro Ich hoffe sehr, dass Du Recht hast!

  4. Kommentar von Anne-Kathrin | 19. Mai. 2009 um 21:13:03

    Das klingt extrem resigniert… aber ich habe auch schon darüber nachgedacht, wenn auch nicht derart im Detail und bin zu ähnlichen, wenn auch nicht gar so schwarzgemalten Überlegungen gekommen.
    Inzwischen haben sich ja wirklich einige wichtige “Gremien” und Institutionen zu Wort gemeldet, auch viele Intellektuelle und Akademiker (Wichtig!). Es wird sich da schon was bewegen. Auch Politiker brauchen “Rückzugsstrategien”.

    Alles in Allem darf der Protest nicht aufhören. Also wieder etwas mehr Elan bitte ;-)

  5. +++
    Kommentar von +++ | 20. Mai. 2009 um 21:42:54

    Unter welche Gesetzgebung fällt der Spaß eigentlich? ausschließlich Bund, Länder oder abweichende?

    Denn je nachdem sind ja Länderfilter nicht möglich oder eben möglich-

  6. Kommentar von Carsti | 20. Jun. 2009 um 10:46:29

    Tschja, in Sachen “Gesetz verabschieden und Petition erst dann behandeln wenn nach der Bundestagswahl alle politikmüde sind,” hast Du ja schon Mal Recht gehabt.

    Was war eigentlich der letzte Anfug von Basisdemokratie, der Erfolg hatte? Diese Farce erinnert mich ploitisch sehr an die Volksabstimmung zur Rechtschreibreform in Schleswig-Holstein. Damals sagte Landesstiefmutter Simonis sinngemäß: “Ja, das Volk hat anders abgestimmt, aber wir bingen’s dann halt per Gesetzt ein paar Monate später durch.” Und so kam es dann auch.


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