sofa die ennomane

30. August 2015

Links der Woche

  • Entscheide dich endlich, Deutschland [Updates] « SPREEBLICK:

    “Ich schreibe diese unvollständige, subjektive Chronik auf, meine Erinnerungen an einiges, was mein Leben in Berlin und Deutschland im Zusammenhang mit Rechtsextremen beeinflusst hat, um mir selbst vor Augen zu führen, wie verdammt lange dieses Land schon unfähig ist, mit seit Jahrzehnten bekannten Gefahren von Rechts umzugehen. Wie lange schon im Deutschland der Nachkriegszeit rechter Terror verübt wird, der kleingeredet, ignoriert und bagatellisiert wird.“

  • {{articletitle}}:

    “Ich kann mich an Nächte erinnern, in denen wir (Kids, die keine Nazis waren) einfach an den Elbwiesen abhängen wollten, den billigen Tankstellen-Sangria in der Hand, wir uns aber nicht treffen konnten, ohne von Nazis quer durch die Stadt gejagt zu werden. Normalität in Sachsen.”

Flattr this!

Bisher keine Kommentare (sei Erste*r!)
27. August 2015

Generali-Versicherung: Brave new world

tl;dr: Boni für „Wohlverhalten“ in Sozialversicherungen müssen grundsätzlich verboten werden.

medis

Die Generali-Versicherung will sein so genanntes „Vitality-Programm“ in Deutschland starten. Dabei wird individuell überwacht, wer nach Meinung der Versicherung einen gesunden Lebenswandel pflegt. Als Belohnung gibt’s Boni und Rabatte. „Überwachen“ ist hier das richtige Wort: Generali möchte erheben, wie regelmäßig die Versicherten ins Fitnessstudio gehen oder welche Produkte sie im Supermarkt einkaufen. Das ganze sei natürlich nur „freiwillig“ – die Frage ist, wie freiwillig das in Zukunft bleibt, wenn sich das als Trend verstetigt. Klar ist: Die Rabatte auf der einen Seite bedeuten zwangsläufig auch höhere Kosten auf der anderen Seite.

Das läuft dem Grundgedanken einer Sozialversicherung zuwider. Die basiert auf dem Prinzip der Solidarität: Alle müssen einzahlen und denjenigen, die in Not geraten, wird geholfen. Bei reinen Risiko-Versicherungen, die freiwillig abgeschlossen werden, bin ich ohne weiteres bereit, solche Risiko-getriebenen Tarife zu akzeptieren und dort sind sie auch schon lange üblich. Das Problem liegt darin, in der Sozialversicherung eine „Versicherung“ zu sehen. Renten-, Pflege-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung sind keine Versicherungen im klassischen Sinne, sondern solidarisch finanzierte Sozialleistungen, die dazu dienen, die Gesellschaft zusammen zu halten.

Gefährlich ist der Schritt, den Generali geht, auch aus anderen Gründen: Die Korrelationen zwischen Ernährung oder Sport ist eine statistische, das heißt, dass eine Gruppe von Menschen, die Sport treibt oder sich gut ernährt, in ihrer Summe gesünder ist, die Daten aber keinerlei Aufschluss über das einzelne Individuum zulassen. Das Prinzip „Schuld“ funktioniert bei Gesundheit schlicht und ergreifend nicht. Schon alleine weil sich die Ansichten der Medizin darüber, was in welchem Maße gesund oder ungesund ist, alle drei Tage ändert. Aber selbst wenn sich diese individuelle „Schuld“ zweifelsfrei feststellen ließe, zeigt ein Blick auf andere Versicherungen, wie absurd der Gedanke ist. So sind viele Behinderte wie beispielsweise Raul Krauthausen körperlich oft gar nicht in der Lage, ein klassisches Fitnessstudio zu besuchen und würden so diskriminiert.

Das Beispiel zeigt auch, dass es sich hierbei nicht wirklich um eine Frage des Datenschutzes handelt. Die Daten an sich sind nicht das Problem und könnten für die medizinische Forschung sogar ausgesprochen hilfreich sein. Das Problem ist hier die Verwendung der Daten zu Zwecken der Diskriminierung. Für Nerds: Hier handelt es sich um eine Verletzung der Netzneutralität. Träger öffentlicher Aufgaben müssten grundsätzlich einem Diskriminierungsverbot unterliegen – so ist es seit einigen Jahren den privaten Krankenversicherungen verboten, höhere Tarife von Frauen zu verlangen, die statistisch gesehen im Laufe des Lebens höhere Kosten verursachen, weil sie Kinder bekommen könnten und länger leben. Das hieße für die Generali: Sammelt von mir aus, was ihr wollt, solange das freiwillig geschieht, erforscht bitte gerne weiter die medizinischen Zusammenhänge und setzt anhand der Daten gerne Präventionsprogramme auf – aber Rabatte und Boni sind tabu. Ich tendiere selten dazu, nach gesetzlichen Verboten zu rufen, aber hier wäre eines angebracht.

Diese Versuche, eine Mehr-Klassen-Medizin zu schaffen, sind auch nicht neu, und ich meine damit nicht die ohnehin schon schlimme Zwei-Klassen-Medizin wegen der Existenz  der privaten Krankenversicherung: Meine gesetzliche Krankenversicherung wirtschaftet gut. Das heißt, ihr ist in den Schoß gefallen, dass sie überwiegend junge, gesunde und wohlhabende Versicherte hat, und überweist mir deshalb 80 € im Jahr als eine Art „Rendite“. Schon das ist vor dem Hintergrund, dass Menschen manchmal größte Probleme haben, dringend nötige medizinische Hilfe finanziert zu bekommen (Beispiele: Hilfsmittel für Behinderte, Übernahme psychologischer Behandlungen…) für sich schon ein Skandal.

Was Generali tut, ist ein Schritt in Richtung einer ungerechteren Gesellschaft in einem Bereich, der die Grundrechte der Bürger gleich doppelt tangiert: Gesundheit und zunehmender Druck, den eigenen Lebenswandel überwachen zu lassen. Sollte Generalis Strategie ein ökonomischer Erfolg werden, sehe ich schon die ersten Gesundheitspolitiker verschiedener Parteien, derlei Überwachung auch im Rahmen der ewig klammen gesetzlichen Krankenkassen zu fordern. Dann ist schnell auch Schluss mit „freiwillig“.

Flattr this!

3 Kommentare
24. August 2015

Nazis beschimpfen

tl;dr: Nazis sind nicht dumm, fett, psychopathisch, behindert oder autistisch sondern Nazis.

nazikacke

In meiner Timeline auf Facebook und Twitter macht sich Wut breit – Wut auf Nazis, Fremdenfeinde und geistige Brandstifter. Das ist gut. Dabei kommt auch eine bisweilen lustige Ansammlung von Schimpfwörtern zusammen. Das ist aber nur auf den ersten Blick amüsant, denn…

Nazis sind nicht „dumm“. Wahrscheinlich sind viele Nazis wirklich „dumm“, aber die Definition von IQ ist, dass die Hälfte der Menschheit weniger schlau ist als der Durchschnitt. Dafür kann sie nichts. Es gibt auch ausgesprochen intelligente Nazis, genauso wie es sehr viele „dumme“ Menschen gibt, die die Gutmütigkeit selbst sind. „Dumm“ zu nennen, was eigentlich „bösartig“ ist, verharmlost Nazis und macht sie zu ein paar unschuldigen Jungs, die halt „Dummheiten“ begehen.

Nazis sind nicht fett. Kann sein, dass Nazis überdurchschnittlich dick sind – manche Bilder lassen das vermuten – allerdings essen dicke Menschen zuviel, treiben zu wenig Sport, haben eine Essstörung oder einfach nur eine ungünstige genetische Veranlagung. Jedenfalls: auch sie können wenig bis nichts dafür.

Nazis sind nicht psychopathisch. Natürlich habe ich keine Zahlen. Vielleicht ist eine psychische Störung bei einigen Voraussetzung dafür, das nötige Gespinst aus Verschwörungstheorien und Menschenfeindlichkeit zu entwickeln, um Nazi zu sein, aber psychische Störungen sind einfach nur eine Krankheit. Den Begriff ihrer Krankheit als Schimpfwort zu verwenden, hilft nicht gegen Nazis, trägt aber dazu bei, kranke Menschen zu stigmatisieren. (Gegenprobe: Einfach mal schauen, wie das klingt, Nazis als „Diabetiker“, „MS-Patienten“, „Grippale“ oder „Krebskranke“ berschimpfen. Funktioniert nicht? Bingo!)

Nazis sind nicht autistisch. Autismus hat nämlich nichts mit Empathielosigkeit und Menschenfeindlichkeit zu tun. Autisten haben eine Störung in der Reizverarbeitung ihres Gehirns, die unter anderem dazu führt, dass sie oft Schwierigkeiten haben, die Emotionen ihrer Mitmenschen intuitiv zu lesen. Sie zünden aber deshalb keine Flüchtlingsunterkünfte an, unter anderem, weil sie sehr wohl zu Empathie fähig sind und sich dabei auch größte Mühe geben.

Nazis sind auch keine „Spasten“. Spastiker sind Menschen mit neurologisch bedingten Lähmungen oder Störungen, was zu Fehlhaltung, eingeschränkter Beweglichkeit und Problemen unter anderem bei der Artikulation führt. Hat nebenbei übrigens gar nichts mit Intelligenz zu tun. Spastiker gehören zu den Behinderten, die selber gerne von Nazis verjagt werden.

(Übrigens sind Nazis auch keine Sachsen. „Sachse“ wird seit Ulbricht zwar auch ganz gerne benutzt, um sich über andere Menschen lustig zu machen, und sicher haben wir eine prägnante Häufung in Sachsen, was Rechtsradikalismus betrifft, allerdings leben sehr viele Leute in Sachsen, die angesichts der Situation in ihrem Bundesland schier verzweifeln. Für die ist es sicherlich ganz besonders hilfreich, jetzt mit all den Nazis in einen Topf geworfen zu werden.)

Warum ich das schreibe? Zwei Gründe:

All diese Schimpfwörter machen Schubladen auf: Sie bezeichnen Randgruppen, die im Ansehen der Gesellschaft so niedrig stehen, dass es offenbar okay zu gehen scheint, sie als Schimpfwort zu benutzen. Darin liegt schon der Keim des Denkens, sich besser als andere zu fühlen. Und genau das ist schon der erste Schritt in Richtung Nazi: Sie sind Möchtegern-Übermenschen. Sie haben das Ideal des schönen, blonden, nordischen Ariers und ihr Lieblingshobby ist, aggressiv alle anderen scheiße zu finden, die nicht diesem Ideal entsprechen und sie das möglichst auch körperlich fühlen zu lassen – zum Beispiel unter Anwendung von Baseballschlägern. Menschen, die behindert sind, krank, zu dick, insgesamt nicht leistungsfähig oder sonst wie nicht ihren Idealen entprechen, nennen sie „Volksschädlinge“ und wenn sie könnten, würden sie sie gerne vergasen oder wenigstens in Lager sperren. Natürlich ist es lustig, anzusehen, wie wenig der jämmerliche, grölende Haufen mit diesem Ideal des „Herrenmenschen“ gemein hat genauso wie es „lustig“ ist sich anzusehen, wie wenig „arisch“ Hitler und seine Spießgesellen aussahen – trotzdem ist niemand auf die Idee gekommen, sie zum Beispiel als jüdisch zu beschimpfen. Aus Gründen.

Das andere ist: Wer Nazis als „dumm“, „Autist“, „Psychopath“, „fett“ oder „Spast“ beschimpft, stigmatisiert nicht eine Reihe von Menschen, die von gesellschaftlichen Idealen abweichen, sondern verharmlost, dass Nazis vor allem eins sind: Empathiefreie Arschlöcher, Unmenschen, gewalttätige Menschenhasser, sich selbst als Opfer stilisierende Großtuer, Popelgourmets die ihren Mitmenschen nicht das Schwarze unter den Fingernägeln gönnen, respektlose Kleingeister, intolerante Gartenzwergzüchter, für die alle Menschen genau so leben müssen, wie sie selber es für richtig halten, sture, argumentresistente Schwadronierer, von denen wir gar nicht wissen, ob sie zuhören können, weil sie deutlich zeigen, dass sie nicht zuhören wollen, dreiste Wortverdreher, die sich buttersanft „besorgte“ Bürger nennen und ihre Ansichten mit „Ich bin ja kein, Nazis, aber…“ kaschieren, weil sie eben ganz genau wissen, dass sie eigentlich antisoziale Arschlöcher sind – oder eben ganz einfach: Nazis.

Das sind doch viel schönere Schimpfwörter, oder?

Update: Einige stören sich an den Begriff „Unmensch“. Ich würde damit den Nazis die Menschlichkeit absprechen.Vielleicht gibt es verschiedene Auffassungen dieses Begriffs. Abgesehen davon, dass ich seltsam finde, dass Leute ausgerechnet dann solche Feinheitheiten hervorkramen, wenn es um Nazis geht, verweise ich auf den Duden und möchte mich auch so verstanden wissen: „grausam gegen Menschen oder Tiere, ohne (bei einem Menschen zu erwartendes) Mitgefühl“.

Update: Einigen fehlt hier „besorgte Bürger“. Das ist allerdings kein Schimpfwort, obwohl es auf dem besten Wege ist, sich dorthin zu entwickeln.

Flattr this!

15 Kommentare
23. August 2015

Links der Woche

  • Schlagworte und Brandsätze: Die „Asyldebatte“ gestern und heute:

    “1985 verstieg sich CSU-Chef Strauß zu der Aussage, dass ohne eine Änderung des Grundrechtes auf Asyl Deutschland „bald die Kanaken im Land“ haben werde. 1986 forcierten CDU und CSU gezielt die Debatten über die Asylpolitik und kürten diese zum wichtigsten Wahlkampfthema bei den anstehenden Abstimmungen in Bayern sowie im Bund. „Um die Stimmung im Volk rechtzeitig zu den Wahlen anzuheizen, helfen Unionspolitiker mit schreckenerregenden Zahlen nach“, schrieb „Der Spiegel“ damals.”

  • Wenn du behindert bist, schuldet Schäuble dir einen Porsche | VICE | Deutschland:

    “Menschen, die wegen ihrer Behinderung auf staatlich finanzierte Assistenz angewiesen sind, dürfen nicht mehr als 2.600 Euro ansparen. Sie dürfen keinen Bausparvertrag besitzen, keine Lebensversicherung und ein mögliches Erbe wird vom Staat ebenfalls kassiert. Der maximale Monatsverdienst darf 798 Euro nicht überschreiten. (…) Willst du mit deinem Partner zusammenziehen, wird auch dessen Einkommen und Vermögen herangezogen. Eine Heirat ist dabei gar nicht nötig; auch ohne wird das Paar als Bedarfsgemeinschaft verstanden, die zusammen nicht mehr als 3.214 Euro auf die niedrige Kante legen darf.”

  • Science Isn’t Broken:

    “The important lesson here is that a single analysis is not sufficient to find a definitive answer. Every result is a temporary truth, one that’s subject to change when someone else comes along to build, test and analyze anew.“

  • Schlusspunkt: Auch Random House/Bertelsmann (Heyne, Blanvalet, …) kehrt Adobe-DRM den Rücken:

    “Nachdem der schwedische Bonnier-Konzern (Piper, Ullstein, Carlsen, …) Ende Juni die Umstellung seines Kopierschutzes von hart (Adobe) auf weich (Wasserzeichen) verkündete und nicht einmal einen Monat später Holtzbrinck (Rowohlt, Knaur, KiWi, S. Fischer, …) folgte, war Random House in den vergangenen Wochen der einzige große deutsche Verlagskonzern mit weiterhin harter Verschlüsselung.“

  • Karma statt Kopfnoten:

    “Die Waldorfschule gilt im akademischen Bürgertum als sanfte und schöngeistige Alternative zur fiesen, erfolgsorientierten staatlichen Schule. Die Basis der Pädagogik bildet eine völkisch-esoterische Ideologie, die viele Eltern offenbar nicht hinterfragen.“

  • Ein Unwort für Untaten: Asylkritik:

    “Mit der Übertragung auf Individuen und Gruppierungen, die keinerlei sachliche oder in irgendeiner Weise begründete Kritik üben, sondern stattdessen hetzerische Parolen skandieren – im Falle der “Asylkritiker” besonders gern vor den Flüchtlingsunterkünften selbst –, werden die Wörter dann aber zu klassischen politischen Euphemismen, die aus drei Gründen problematisch sind.“

Flattr this!

Bisher keine Kommentare (sei Erste*r!)
18. August 2015

Asylmissbrauch

tl;dr: Ein ekelhaftes Spiel.

asyl

Ich weiß nicht, was die „Zeit“ geritten hat, dem CSU-Scharfmacher Andreas Scheuer Platz für einen eigenen Kommentar einzuräumen (und überhaupt finde ich die Angewohnheit mancher Zeitungen, aktive Politiker Propaganda in ihren Blättern publizieren zu lassen fragwürdig und verbuche das unter „zu faul für ein Interview“) aber nun denn.

Scheuer will so genannten „Asylmissbrauch“ bekämpfen. Der erste Satz lautet: „Zum Grundrecht auf Asyl sage ich uneingeschränkt Ja.“ und das ist natürlich wie das übliche „Ich bin ja kein Nazi, aber…“ zu lesen, auf das unter Garantie Bullshit folgt. Asyl kann nicht missbraucht werden. Asyl ist ein Grundrecht – nicht nur nach dem stark eingeschränkten deutschen Grundgesetz sondern auch in der international festgelegten Charta der Menschenrechte. Wenn ich ein Recht in Anspruch nehmen will, muss ich einen Antrag stellen dürfen. Wenn ich im Sinne der Gesetze keinen Anspruch auf Asyl habe, wird mein Antrag eben abgelehnt. So einfach ist das.

Niemand käme auf die Idee, Zahlen zu veröffentlichen, wieviele Menschen einen Antrag auf Arbeitslosengeld, eine Kur oder einen Studienplatz stellen, der dann abgelehnt wird. Und niemand käme auf die Idee, das Stellen eines solchen Antrages als „Missbrauch“ zu bezeichnen. Dass dies nur bei Geflüchteten so gemacht wird, zeigt das rassistische Denken der geistigen Brandstifter, die Formulierungen wie „Asylmissbrauch“ in die Welt setzen. Wenn ein CSU-Generalsekretär dieses Wort benutzt, muss ja was dran sein, werden viele Menschen denken. Er treibt damit Nazis und Pegidioten vor die Asylbewerberunterkünfte und stellt den echten Brandstiftern schon den Benzinkanistern bereit.

Natürlich versucht Andreas Scheuer, sein ekelhaftes Spiel mit Fakten zu untermauern: Angeblich würden viele Menschen vom Balkan einen Antrag auf Asyl stellen, damit sie in Deutschland für ein paar Monate in Aufnahmelagern leben und 143 € Taschengeld kassieren können. Selbst wenn das so stimmt: Was wären die Alternativen? Asylanträge von Menschen vom Balkan grundsätzlich nicht mehr annehmen? Dann hätten diejenigen, die zu recht Asyl beantragen, keine Chance mehr, ihr Grundrecht wahrzunehmen. Oder ihnen das Leben in den Aufnahmelagern zur Hölle machen? Dann machen wir gleichzeitig auch das Leben derjenigen zur Hölle, die schon eine Hölle hinter sich haben. Gutscheine statt Geld verteilen? Besonders diese Forderung appelliert an die niedersten Instinkte neidbürgerlicher Gartenzwerg-Züchter – und übersieht völlig, dass das Einkaufen, Zusammenstellen und Verteilen von Naturalienpaketen wesentlich teurer ist, als das Geld einfach zu verteilen – ganz abgesehen von der Frage, dass Menschen ganz unterschiedliche Bedürfnisse haben. Siehe auch die unsägliche Diskussion um Smartphones.

Man muss sich klarmachen, dass Andreas Scheuer versucht, das Versagen des deutschen Verwaltungsapparates zu kaschieren, der die Zustände in Erstaufnahmelagern zu verantworten hat. Scheuer tut dies auf dem Rücken geflüchteter, die Bürgerkrieg und Verfolgung hinter sich haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihm nicht völlig klar ist, dass er damit auch Öl ins Feuer der nächsten brennenden Geflüchtetenunterkünfte gießt.

 

Flattr this!

4 Kommentare
16. August 2015

Links der Woche

  • ‚The first person to live to 150 has already been born.‘:

    “Over the last ten years, my lab and many others around the world have shown that it’s not just possible to delay aging, but to reverse aspects of it,” Sinclair says. “The first person to live to 150 has already been born. And, it’s not crazy to say that anymore. It used to be, 10 years ago.”

  • Flucht:

    “Ähnlich oder anders furchtbar sieht es in den anderen Ländern aus,  aus denen Flüchtlinge kommen. Über jedes einzelne Land ließe sich eine Menge sagen, und über jedes einzelne Schicksal sowieso. Und wir, wir alle, sollten da mal ganz ruhig sein, bevor wir andere Menschen, über die wir nichts wissen, nichts über deren Herkunft und ihr bisheriges Leben und die Länder, aus denen sie kommen, vorverurteilen.“

  • Even when told not to, Windows 10 just can’t stop talking to Microsoft:

    “Other traffic looks a little more troublesome. Windows 10 will periodically send data to a Microsoft server named ssw.live.com. This server seems to be used for OneDrive and some other Microsoft services. Windows 10 seems to transmit information to the server even when OneDrive is disabled and logins are using a local account that isn’t connected to a Microsoft Account. The exact nature of the information being sent isn’t clear—it appears to be referencing telemetry settings—and again, it’s not clear why any data is being sent at all.”

  • Apes may be closer to speaking than many scientists think:

    “Koko the gorilla is best known for a lifelong study to teach her a silent form of communication, American Sign Language. But some of the simple sounds she has learned may change the perception that humans are the only primates with the capacity for speech.”

  • Geoengineering gegen den Klimawandel: Sollen wir die Eiskappen an den Polen vergrößern? – Astrodicticum Simplex:

    “In einer kürzlich veröffentlichten Arbeit (“Should we geoengineer larger ice caps?”) hat er überlegt, ob es sich lohnen würde, die Polkappen der Erde zu vergrößern. Eis ist – wenig überraschend – sehr gut darin, Sonnenlicht zu reflektieren. Je größer die Eiskappen, desto mehr Licht wird reflektiert, desto kühler die Erde.”

  • Extremismus extrahieren:

    “Der Unterschied zwischen Rechtsextremen und Linksextremen ist der: die einen sind antidemokratisch, die anderen antikapitalistisch. “

  • „Mainstream-Wahn“ und „Heldin im Selbstdarstellungsmodus“ – Zum Jargon von Roland Tichy und seinen Blog-Autoren « starke-meinungen.de:

    “Mindestens genauso beunruhigend muss sein, dass die Verrohung der Debattenführung zunehmend auch in bestimmten Teilen des Bürgertums zu beobachten ist, die sich selbst zwar nicht zur rechten Szene rechnen, sondern als konservativ, liberal-konservativ oder liberal firmieren, tatsächlich aber längst einige rechte Feindbilder und den zugehörigen Jargon adaptiert haben.“

  • Auch ich bin ein Flüchtling.:

    “Was wäre gewesen, wenn die einzige Möglichkeit eine Schlepperbande gewesen wäre, um mich vor einem Securitate-Schicksal zu bewahren? Und was wäre gewesen, wenn es Diskussionen gegeben hätte: War ich ein politischer Flüchtling? Die Sache mit der Securitate war kein Fakt sondern eine Gefahr. War ich ein Kriegsflüchtling? Der kalte Krieg galt nicht als Krieg. War ich ein Wirtschaftsflüchtling? Meine Mutter wollte, dass es mir gut ging, und ich natürlich auch. Hätte man mich zurück geschickt?”

Flattr this!

Ein Kommentar
9. August 2015

Links der Woche

  • Children Beating Up Robot Inspires New Escape Maneuver System:

    “Now, a new study by a team of Japanese researchers shows that, in certain situations, children may not be as empathetic towards robots as we’d previously thought, with gangs of unsupervised tykes repeatedly punching, kicking, and shaking a robot in a Japanese mall.”

  • Diese leidige Sache mit Adam:

    “Der Kniff, der es der frauenfeindlichen Tradition ermöglicht hat, einen so grundlegenden Bibeltext praktisch in sein Gegenteil zu verkehren, war es, das Wort “Adam”, das hebräisch ist und einfach “Menschenwesen” (ohne geschlechtliche Bestimmung) bedeutet, als männlichen Eigennamen auszugeben und dann zu behaupten, alles, was von “Adam” gesagt wird, würde nur die Männer betreffen und die Frauen nicht.”

  • Bericht: Warum immer mehr Kinder Google „wie Gott“ wahrnehmen – GWB:

    “Selbst die kleinsten Kinder können heute schon unglaublich gut mit einem Tablet oder Smartphone umgehen und sich stundenlang damit beschäftigen. (…) Irgendwann entdecken sie dann auch unweigerlich die Sprachsuche von Google, die auf viele Fragen eine direkte Antwort hat. Egal was die Kinder die Suchmaschine fragen, so lange es sich um Fakten handelt kann diese meist kurz und knackig eine Antwort geben. Dadurch verwandelt sich das Tablet dann plötzlich vom Spielgerät zu einem Spielgefährten, der alle Fragen beantworten kann und das tut, was das Kind möchte.”

  • Begattungsängste und homophobe Etymologie:

    “Zu einem verschämten Euphemismus für den Geschlechtsverkehr, vor allem den zwischen Tieren (und hier besonders – kein Wortspiel – zwischen Vögeln), wurde begatten erst später (genau wie das Wort paaren, das zunächst „zusammenfügen“, dann „als Paar zusammentun“ und dann eben, auch vor allem bei den Tieren, wieder „Sex haben“ bedeutete). Und Tiere denken beim Sex natürlich nicht ans Kinderzeugen, sie tun es einfach, weil ihre Natur es ihnen nahelegt. Das tierisch-spontane, auf nichts als Lustgewinn gerichtete Sexualverhalten dürfte der Grund sein, warum begatten in der Anwendung auf Menschen einen etwas abfälligen, eben triebhaften Beiklang hat. “

Flattr this!

Bisher keine Kommentare (sei Erste*r!)
2. August 2015

Links der Woche

  • The real reason some men still can’t handle the all-female ‚Ghostbusters‘:

    “Part of the problem is, of course, straight-up misogyny (not to mention unfounded fears about Fake Geek Girls co-opting everything nerdy men love), but it’s also the fact that men are genuinely unaccustomed to seeing women in films. In a 2013 interview with NPR, Geena Davis discussed how the under-representation of women both onscreen and off leads men to have a skewed sense of what gender parity looks like. “

  • Maccabi Chai!:

    “Den Teilnehmern der Makkabiade wurde daher ein Katalog mit Verhaltensregeln in die Hände gedrückt. Darin heißt es unter anderem, die Athleten sollten »nicht als jüdische Gruppe erkennbar« durch »sensible Gebiete Berlins« laufen, keine Kippot tragen und am besten das Taxi benutzen.”

  • Raus aus der Defensive | Blätter für deutsche und internationale Politik:

    “Ganz genauso sieht es eine weitere Gruppe von Akteuren, nämlich die Spötter – mehr Männer als Frauen. Sie nutzen den Umstand, dass radikale feministische Positionen quer zum gewohnten Denkrahmen des „gesunden Menschenverstandes“ stehen, um sich darüber lustig zu machen. „Professx, hahaha, Schenkelklopf!“ Meist ist es auch ihnen wichtig, darauf hinzuweisen, dass sie nicht prinzipiell etwas gegen emanzipierte Frauen hätten, ganz im Gegenteil. Aber es ist ihnen ein Anliegen, mal klarzustellen, dass eine Frau, die von ihnen ernst genommen werden will, den Rahmen dessen, was sie persönlich für diskutabel halten, keinesfalls verlassen darf.”

  • Fundstück von 1973: Wie Frauen als Programmiererinnen verschwinden – und der Hinweis darauf gestrichen wird:

    “In der Geschichte der Programmierung von Computern hat sich nach dem zweiten Weltkrieg ein Rollenwandel der Geschlechter vollzogen. Waren zu Kriegszeiten Frauen noch typisch in der Rolle der Programmiererin, übernahmen nach dem Krieg Männer diese Tätigkeit.“

  • Sei negativ oder sei still – Gentechnik in den Medien:

    “Entwarnende Stimmen haben es in den Medien viel schwieriger sich Gehör zu verschaffen, als welche die den Teufel an die Wand malen. Das macht eine vernünftige, öffentliche Diskussion sehr schwierig.”

Flattr this!

Bisher keine Kommentare (sei Erste*r!)
31. Juli 2015

Das Märchen von der Zwangsabgabe

tl;dr: Es passiert auch linken Menschen und ausgewiesenen Anti-Rassisten, auf die Rhetorik-Tricks vom rechten Rand hereinzufallen.

geld

Zunächst möchte ich kurz um Entschuldigung bitten. Das folgende Stück liest sich wie ein Beitrag zur immergleichen Empörungskultur in den sozialen Medien. Das ist nicht meine Absicht. Ich möchte zeigen, wie leicht eins unabsichtlich auf rhetorische Tricks der Neurechten, Pegidioten und Nazis hereinfällt und diese übernimmt. Insbesondere sobald es um Geld und das eigene Portemonnaie geht, hört die Liebe nämlich ganz schnell auf – und rechte Rhetoriker wissen das.

Die Geschichte beginnt mit der wohlmeindenden Äußerung des Schauspielers Walter Sittler, mehr Geld für Geflüchtete bereit zu stellen. (Facebook-Link). Er schlägt unter anderem vor, dass wir alle 0,5 % unseres Jahresgehaltes spenden – der etwas hilflose Versuch, angesichts des braunen Mobs, zu Solidarität aufzurufen. Sofort ist das Wort „Zwangsabgabe“ in der Welt. Darüber regen sich viele Menschen auf, ganz als hätte Angela Merkel höchstselbst die Einführung einer Zwangsabgabe zum 1. August angekündigt – und nicht irgend ein Schauspieler in einer Talkshow. Da frage ich mich natürlich: Wäre diese Empörung genauso groß ausgefallen, wenn Sittler zu – sagen wir mal – Spenden für den Tierschutz aufgerufen und Bilder von Robbenbabies gezeigt hätte?

Traurig an der Geschichte ist, dass auch Menschen, die sich selbst eher links verorten, ausgewiesene Antirassisten sind durchaus für Geflüchtete einsetzen, auf diesen Zug aufspringen. Das polemische Schlagwort einer vermeintlichen „Zwangsabgabe“ aus dem Mund eines Schauspielers scheint auszureichen, dass die Menschen ihre Gehirne ausschalten und ihren Geldbeutelschutzreflexen nachgeben. Die Argumente, die sie äußern, erinnern erschreckend an das, was sich sonst aus der braunen Ecke zu hören ist:

Erstes Argument: „Zwangsabgabe? Dann zahlen wieder nur die kleinen Leute.“ Es ist nur Millimeter entfernt von „Die geben unser Geld für Ausländer aus statt für die wirklich bedürftigen Deutschen“. Geflüchteten soll geholfen werden, aber bitteschön nicht auf meine Kosten.

Wenn jemand dann darauf hinweist, dass von einer Zwangsabgabe nicht die Rede sein kann und jemand gerne zu Spenden aufrufen möchte, folgt Argument 2: „Spenden sind doof, siehe Tafeln und Hartz IV, die helfen nur, dass sich der Staat aus der Verantwortung stehlen kann.“ Da ist sicher was dran. Wenn es um die Tafeln geht. Ansonsten: Ich stelle mir das gerade bildlich vor, wie ab jetzt Woche für Woche Hunderttausende auf die Straße gehen und mehr Geld für Geflüchtete fordern, bis der Staat endlich einlenkt seine Ausländerpolitik ändert. Ich glaube, dass denjenigen, die dieses Argument benutzen, gar nicht bewusst ist, wie zynisch ihre Reaktion klingt.

Im weiteren Verlauf der Diskussion kommt dann Argument Nummer drei: „Die Politiker, Nato und die bösen USA sind Schuld an den Zuständen in Ländern wie Syrien. Ohne diese hätten wir gar kein Flüchtlingsproblem.“ Das Argument kommt gerne auch in der Geschmacksrichtung: „Waffenhandel verbieten, ohne Waffen kein Bürgerkrieg und ergo keine Flüchtlinge.“ Ja, es ist richtig, dass die Konflikte in vielen Ländern auch Folge der westlichen Politik sind und ja, Geld mit Waffenhandel zu verdienen, ist in vielen Fällen unethisch. Das ändert aber nichts daran, dass selbst wenn diese politischen Forderungen eines fernen Tages tatsächlich  umgesetzt ist und der Waffenhandel global zu Erliegen gekommen ist, die Flüchtenden hier und heute vor unserer Tür stehen und Hilfe brauchen. Die Argumentation, „die da oben“ seien Schuld an der Misere, ist gerade auch bei Pegida, AfD und NPD sehr beliebt. Das Argument ist eng verwandt mit der Aussage, die Leute sollten ihr eigenes Land in Ordnung bringen, statt zu uns zu flüchten. Damit versucht die neue Rechte schon lange, ihr völkisches, nationalistisches und ausländerfeindliches Denken in der Mitte der Gesellschaft zu verankern. So zu denken ist ja auch äußerst angenehm: es entlastet einen selbst von jeglicher Verantwortung und kann so jede Forderung, Geflüchteten zu helfen weit von sich weisen: Warum fragt ihr mich, schließlich sind „die Politiker“ schuld!

Kommen wir am Ende noch zurück zur eigentlich gar nicht im Raum stehenden „Zwangsabgabe“ und zu Argument Nummer 4. Eine solche Zwangsabgabe sei unklug, da das die Abwehrhaltung in der Bevölkerung gegenüber Flüchtlingen verschlimmere. Der Haken: Deutschland gibt derzeit fast 3 Milliarden Euro Steuergelder für Geflüchtete und Asylbewerber aus. Die Zwangsabgabe besteht also längst, schließlich können wir uns nicht aussuchen, ob wir unsere Steuern zahlen wollen oder nicht. (Und das ist gut so.) Würde der Staat aus Angst vor Krawall von Rechts und nur um die Demonstranten und Brandstifter vor den Asylbewerberunterkünften diese Steuergelder nicht mehr ausgeben(*) – die Rechten von Pegida bis NPD hätten gewonnen. Mit freundlicher Unterstützung übrigens all derer, die sich gerade über einen Spendenaufruf eines Schauspielers aufregen, den irgendjemand „Zwangsabgabe“ genannt hat.

P.S.: (*) Der Staat versucht übrigens genau das.

Flattr this!

Bisher keine Kommentare (sei Erste*r!)
29. Juli 2015

Deutschland, ein Sommermärchen

tl;dr: „Ich bin ja kein Antisemit, aber…“

stolpersteine

Es waren mal einige Millionen Juden in Deutschland, die wollten gerne Sport treiben. Leider ging das nicht, weil viele deutsche Sportvereine damals Juden ausschlossen. Also gründeten sie ihren eigenen und nannten ihn Makkabi.

Da es Juden nicht nur in Deutschland gab und sie mit Hebräisch eine Kultur und eine Sprache teilten, das Land Israel aber lange noch nicht gegründet war, schlossen sie sich 1921 international zur Makkabi-Weltunion zusammen.

Fast 100 Jahre später und 6 Millionen Juden weniger feiern sie alle vier Jahre in aller Herren Länder ihr Sportfest, die Makkabiade. Und endlich, eines Tages, fanden diese Spiele auch 2011 in Wien und schließlich 2015 sogar in Deutschland statt.

Was für ein wunderschönes Happy End, nein eigentlich sogar ein Triumph: Juden können 2015 die Makkabiade nicht nur im Berliner Olympia-Stadion feiern, sie wollen es sogar! Ein Fest! Lasst uns darauf anstoßen! Shalom!

Deutschland wäre aber nicht Deutschland, wenn nicht ein paar besorgte Bürger ihre Kritik äußern würden, wie dieser freundliche junge Pirat:

pip2

Und diese nette Journalistin hat sogar ein wenig Phantasie über den Ablauf der Makkabiade:

bur1

Einstweilen machen sich schonmal ein paar Neonazis auf den Weg, um den Worten ein paar Taten folgen zu lassen:

bur2

Mittlerweile fühlt sich besagte Journalistin ungerecht behandelt. Messerscharf analysiert sie, dass ja auch Juden zwei Beine, zwei Arme und einen Kopf haben. Wer dieser bestechenden Logik nach sonst noch eine völlig unnötige Extrawurst bekommt: Schwule, Frauen und Behinderte.

Bildschirmfoto 2015-07-29 um 17.42.38

Siehe auch

P.S.: „In den Makkabi-Vereinen ist jeder Sportler willkommen – egal ob jung oder schon etwas älter, erfahren oder noch Anfänger und vor allem ganz egal welcher Religion, Nationalität und Hautfarbe. Bei Makkabi sind alle gleich und vereint in der Freude am Sport.“ Quelle

Flattr this!

Bisher keine Kommentare (sei Erste*r!)