sofa die ennomane

24. Mai 2015

Homophobie, Loyalität und Don Alphonso

tl;dr: Ja, nein, nein.

zeitungen

Ja, die Kolumne “Unsere Töchter schützen” im Westfalenblatt ist homophob. Kinder reagieren, solange sie von ihren Erziehungsberechtigten nicht neurotisiert wurden, ungefähr so.

Nein, es ist nicht O.K., dass die Autorin Barbara Eggert dafür gefeuert wurde. Erstens weil: Meinungsfreiheit (auch wenn ich ihre Meinung unmöglich finde). Zweitens weil alle Menschen Fehler machen und erst wiederholtes Versagen ein Grund sein sollte, jemanden zu feuern. Drittens weil die Verantwortung, was gedruckt wird, beim Chefredakteur liegt. Ein guter Vorgesetzter hat sich im Shitstorm schützend vor seine Untergebenen zu stellen. Ein guter Chefredakteur sollte bestimmte Artikel im Vorfeld verhindern. Beim Westfalenblatt wurde die falsche Person gefeuert.

Nein, deshalb haben die ganzen Don Alphonsos trotzdem nicht recht, die jetzt einem “Mob” die Verantwortung dafür geben. Verantwortlich sind die Personen, die gehandelt haben, und zwar für ihr eigenes handeln. Die Don Alphonsos nutzen die ganze Story nur mal wieder, um Menschen einer bestimmten Geisteshaltung anklagen zu können. Subtil argumentieren sie die Homophobie weg. Weniger subtil benennen sie als Schuldige “den Mob” und alle Leser wissen wer gemeint ist und wen sie als nächstes mal wieder auf Twitter mit Mord- und Vergewaltigungsdrohungen das Leben versüßen können.

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24. Mai 2015

Links der Woche

  • Twitter versetzt Finanzalgorithmen in Panik – Spektrum der Wissenschaft:

    “Eine einzige Twitternachricht vernichtete an diesem Tag vorübergehend Werte in Höhe von 136 Milliarden Dollar, weil sie automatische Handelsprogramme zum Verkaufen von Aktien animierte.“

  • Warum wir Überwachung nicht verhindern werden, wenn wir nicht etwas anderes grundlegend ändern…:

    “Cory Doctorow erklärte – ebenfalls auf der re-publica – warum wir den Kampf gegen Überwachung verlieren werden. Ein wichtiger Punkt (von mehreren): Menschen sind misstrauisch. Sie wollen zwar selbst nicht überwacht werden, aber sie sagen im gleichen Atemzug, dass es leider nötig ist, alle anderen zu überwachen.“

  • Eine neue Netzerzählung – connected:

    “Die Versprechen der Vergangenheit sind nicht eingelöst: Mehr Information hat weder mehr Wohlstand gebracht noch bestehende Macht ernsthaft in Frage gestellt. Im besten Falle wurde ein alter Gatekeeper durch einen neuen ersetzt. Der tief im Digitalen Dualismus verankerte Glaube, das Netz würde die Strukturen der „alten Welt“ hinwegfegen, hat sich ebenso wenig bewahrheitet wie die Chimäre, das Internet wäre kein kapitalistischer Raum und nicht den Mechanismen solcher Räume unterworfen.“

  • Irgendwas stimmt mit Rechtsstaat nicht!:

    “Der Bürger wurde vom geschützten und unterstützten Mitglied der Gesellschaft zum mutmaßlich betrügerischen Bittsteller.”

  • Plattformprivacy:

    “Plattformprivacy ist nach oben offen (Facebook, Staat, Geheimdienste) und zu den Seiten geschlossen (Privacysettings). Das reicht den meisten Menschen, denn im Gegensatz zur Datenschützer-Szene war für sie Privacy nie ein Selbstzweck, sondern immer Tool zur alltäglichen Lebensführung. Deswegen war die Privatsphäre gegenüber der eigenen Mutter schon immer wesentlich wichtiger, als die gegenüber der NSA. Plattformprivacy ist die Zukunft der Privatsphäre und gleichzeitig eine Datenmonopolisierung weit größeren Ausmaßes, als wir es uns haben vorstellen können.”

  • Seit 2013:

    “Warum ich auf YouTube Musik covere: Ich covere gelegentlich Musik. Das passiert unregelmäßig, aber es passiert. Eigentlich würde es mir reichen, die Songs als Audio aufzunehmen und auf Soundcloud oder einem ähnlichen Dienst für Audiodateien hochzuladen, doch das birgt Probleme. Oder eigentlich…”

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22. Mai 2015

Notiz über Plattformen

tl;dr: Was passiert eigentlich mit Plattformen, wenn die Grenzkosten zum Erstellen von Plattformen gegen Null gehen?

plattform

Der Begriff der “Plattform” wird gerade rauf- und runterdiskutiert. Plattformen basieren auf Netzwerken, stellen aber wiederum Netzwerke zur Verfügung. Wer sie kontrolliert, gewinnt staatenähnliche Macht und stellt den Staat in Frage. Der Plattformkapitalismus macht Daten, die über über die Mitglieder gewonnen werden können, zu Geld (sei es durch Einblendung von Werbung oder auch einfach dadurch, seine Dienstleistung besser maßschneidern zu können, wie Netflix das zum Beispiel versucht). Es bilden sich die Begriffe des Plattformkapitalismus bis hin zum Plattform-Monopol heraus (Hallo Facebook!). Also alles dasselbe, wie immer mit dem Kapitalismus, nur eine Umdrehung weiter?

Es besteht einige Einigkeit darüber, dass das Internet Geschäftsmodelle zerstört, weil es die Grenzkosten der Distribution drastisch senkt. Es ist nunmal viel billiger, einen Artikel ins Web zu stellen als ihn zu drucken, und wenn er erstmal drin ist, fallen eigentlich nur noch Fixkosten für Server an, während andere weiter drucken, drucken und drucken müssen – nur ein Beispiel. Plattformen machen sich diesen Effekt durch Entwicklung mal mehr, mal weniger guter Algorithmen zu Nutze.

Die minimalen Grenzkosten führen überhaupt erst in den Plattformkapitalismus und der Weg scheint unausweichlich, mit allem, was gesellschaftlich so dranhängt wie z.B. der Postprivacy. Was aber, wenn die Grenzkosten für Plattformen selber sinken? Wenn es immer billiger wird, durch einmal aufgestellte Frameworks und semi-intelligente Algorithmen immer neue Plattformen zu Grenzkosten gegen Null auf die Beine zu stellen? Dann steht eigentlich nur der Plattform-Effekt (“Alle sind auf der Plattform, wo alle anderen auch sind, die anderen verlieren”) einem Erodieren der Plattformen im Wege. Dass dieser Effekt nicht stabil ist, zeigen zahllose Dienste, die mal der heiße Scheiß waren und heute untergegangen sind.

Fressen die Plattformen am Ende sich selbst? Nur ein loser Gedankengang, von dem ich noch nicht so genau weiß, wohin damit.

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17. Mai 2015

Links der Woche

  • Was, so viele Schulschwänzer im Knast?:

    “Was ist eine gerechte Strafe für chronisches Schulschwänzen? Deutschland hat diese Frage beantwortet: der Knast. In einigen Gefängnissen ist jeder dritte oder vierte Insasse wegen Schulverweigerung hinter Gittern.“

  • Claus | Frau Haessy schreibt.:

    “Denn ich kann nur inständig hoffen und beten, dass ich, wenn ich einmal alt und einsam bin und verzweifelt reden möchte, auch auf Menschen treffe, die mir 33 Minuten ihrer Zeit schenken.“

  • Geworfen 2: Titanenkämpfe | Christoph Kappes:

    “Die Medienwelt in Aufregung zu Facebooks Instant Articles (…) und auch zur sogenannten “Digital News Initiative” von Google. (…) Über “Evilness” durch Biegen grundlegender gesellschaftlicher Vereinbarungen will ich mich hier nicht auslassen. Wenn das Argument gegen solche Partnerschaften moralisch ist, soll man es begründen und gern ausgiebig diskutieren. Hier nur eine sachliche Sicht.”

  • instant articles = gepimptes RSS zu facebook-bedingungen:

    “so richtig neu ist die idee nicht. es gibt eine gut etablierte technologie, die die verlage allerdings nach leibeskräften vermeiden: volltext RSS”

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5. Mai 2015

Mein Talk auf der re:publica 2015

strom

Am Donnerstag um 13:45 Uhr werde ich auf STG-11 der re:publica sprechen. Es wird um Transhumanismus, die Singularität und Cyborgism gehen. Ich werde versuchen einzuordnen, wie relevant all die Themen eigentlich wirklich sind, die gerade unter den genannten Stichworten diskutiert werden und in die Popkultur gesickert sind. Der Titel nimmt einen Teil meines Fazits vorweg: “Vergiss Kurzweil”. Dabei wird es aber natürlich nicht bleiben.

Update: Ich weiß nicht, ob es ein Video davon gibt – habe keine Kamera gesehen. Allerdings gibt es eine Audioaufzeichnung/Podcast, die auch ohne Präse erstaunlich gut funktioniert, und zwar hier.

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3. Mai 2015

Links der Woche

  • Gleichstellungs-Elend in a Nutshell:

    “Isa Sonnenfeld von Twitter Deutschland hat  in einem Interview mit EditionF  in einem Satz exemplarisch anschaulich gemacht, warum das Konzept „Gleichstellung“ meiner Ansicht nach einen falschen symbolischen Ansatz fährt.“

  • Haltungsturnen: Die Härte:

    “Ähnlich ist es bei der – aus meiner Sicht: zutreffenden – Diagnose, dass eine Entsolidarisierung in der Gesellschaft zunimmt. Allerdings kann doch die Alternative nicht sein, dass wir uns voll doll lieb haben – sondern eher, dass Menschen, die der Entsolidarisierung Vorschub leisten, hart und härter angegangen werden.“

  • Erster Mai: „Tag der unsichtbaren Arbeit“:

    “Der erste Mai als Kampftag der Arbeiterbewegung hat traditionell nur die Erwerbsarbeit im Blick, also die bezahlte Arbeit, jene Arbeit also, die den Status des echten Proletariers ausmacht. (…) Mit dieser Unterscheidung hat auch die Tradition der Arbeiterbewegung dazu beigetragen, die – größtenteils von Frauen geleistete – unbezahlte Care-Arbeit (Pflegen, Putzen, Essenkochen, Kinder versorgen und so weiter) auch in Arbeitskämpfen unsichtbar zu machen.”

  • In the basement with transhumanism’s DIY cyberpunks:

    “Maybe it’s in places like Pittsburgh—in the rust belt of America’s fading industrial past—that transhumanism’s real possibilities are being put to the test.”

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30. April 2015

Der Verschwörungstheorie-Reflex

tl;dr: Die Nachrichtenlage der letzten Jahre erzeugt kognitive Dissonanz und ist schwer auszuhalten.

Vorsichtabgrund

In Oberursel wurden Salafisten hops genommen, die ein wenig zu auffällig Bombenrohstoffe einkaufen gewesen waren. Auf Twitter gehen da natürlich sofort die Verschwörungstheorien los: Es wird unterstellt, die ganze Aktion sei ein Fake einer Psyops-Abteilung deines bevorzugten Nachrichtendienstes gewesen, um mal wieder ein wenig Terror-Angst zu schüren. Etwas gute Presse für die Ermittlungsbehörden passt so gesehen auch gut in die aktuelle Nachrichtenlage rund um Vorratsdatenspeicherung, BND und NSA.

Das Problem: Wir wissen nichts. Skepsis ist sicherlich angebracht, aber wir brauchen schon Beweise oder starke Hinweise. Eine Korrelation – nämlich dass Oberursel passiert, während die Ermittlungsbehörden von Skandal zu Skandal hecheln – ist eben nur das: eine Korrelation und weit entfernt von jedem Beweis. Dass wirklich gerade irgendwo in Deutschland Salafisten Waffen horten und Bomben basteln, ist nunmal mindestens genauso wahrscheinlich. Wer ohne weitere Anhaltspunkte skeptisch gegenüber der These ist, dass da Terroristen am Werk waren, muss genauso skeptisch gegenüber der These sein, dass da Geheimdienste am Werk waren. Sonst hat die ganze Skepsis nämlich keinen Sinn.

Und hier bekommen wir ein Problem. Es gibt zahllose echte Affairen, die das Vertrauen in offizielle Stellen nachhaltig erschüttern. Die Überwachung durch die NSA oder der ganze Skandalkomplex rund um den NSU sind nur zwei hervorstechende Beispiele. Auf der anderen Seite stehen die Quatschtheorien, bei denen stimmt, was die offiziellen Stellen und die Medien sagen: Chemtrails, Impfgegnertum, Reichsbürger usw. Rastet das Denken erst einmal in die Spur des völligen Misstrauens ein, wird es schwer für uns, ein neues Ereignis richtig einzuordnen. Wir sind plötzlich bereit, den letzten Blödsinn zu glauben.

Beide Gruppen auseinander zu halten und je nach Lage ständig neu zu entscheiden, ob ich jetzt mit einer vertrauensvollen oder mit einer misstrauischen Einstellung an ein Thema herangehe, ist ausgesprochen schwierig. Ich glaube sogar, dass es zu dem Gefühl führen kann, zwei inkompatible Weltbilder gleichhzeitig mit sich herumtragen zu sollen. Die Folge ist kognitive Dissonanz, die bekanntlich zu psychischen Problemen führt, wenn sie längere Zeit ausgehalten werden muss. Da wundert mich rund um Pegida & Co. langsam auch nicht mehr, warum einige Menschen so … äh, “seltsam” drauf sind.

Die Lösung kann nur sein, immer und unter allen Umständen bereit zu sein, sein Weltbild oder teile davon zu revidieren. Niemals etwas als endgültige Wahrheit hinzunehmen. Immer offen dafür zu sein, dass eine Sache vollständig anders ist, als man sie zunächst beurteilt hat. Egal ob es um Politik, Religion, Arbeit oder – besonders – um die eigenen Mitmenschen geht.

Das ist sauschwer. Ich bin schon froh, wenn mir das wenigstens ab und zu gelingt.

 

 

 

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26. April 2015

Links der Woche

  • Who Doesn’t Want to Live Forever? The Cult of Singularity | Big Think:
  • Kinderfotos im Netz? Ja, bitte.:

    “Diese drei Ereignisse haben nicht viel miteinander zu tun. Und doch sagen sie etwas Wichtiges aus: Kinder finden in unserer Gesellschaft kaum öffentlich statt. Sie werden morgens in den Kindergarten gebracht, nachmittags abgeholt, möglichst auf Spielplätze verfrachtet und – bitte niemanden stören – bestenfalls mit in Eltern-Kind-Cafés mitgenommen.”

  • Ersatz-Personalausweis:

    “Der E. ist ein Euphemismus. Für Terrorverdächtigenausweis.”

  • Was ist Faschismus?:

    “Etwas worüber ich mich regelmässig ärgere ist, wie der Begriff “Faschismus” oft als beliebige Bezeichnung verwendet wird, um Missfallen auszudrücken über etwas, das man politisch als völlig inakzeptabel empfindet. Dies ist einerseits oft verharmlosend was die faschistischen Bewegungen angeht und anderseits oft völlig von Sinn befreit. Der Begriff wird auf eine politische Beleidigung reduziert. Grund genug hier ein wenig über das Konzept nachzudenken.”

  • 23. April 2015:

    techniktagebuch:

    “Ich habe noch fünf Minuten Zeit, am Automaten ein Ticket für den schottischen Zug zu kaufen. Ich komme bis zur Eingabe meiner PIN, dann sagt das Kartenzahlungsdisplay sehr lange “Bitte warten”, dann erscheint auf dem Hauptdisplay des Automaten “Out of service”. Ich gehe ins Bahnhofsgebäude und sage, dass der Automat meine Karte verschluckt hat. Der Bahnmitarbeiter sagt, dass er keinen Zugriff auf den Automaten hat.”

  • Warum wir eine Netzinnenpolitik brauchen:

    “Da von dem weiteren Wachstum des Netzes und der Vielfältigkeit seiner Verbindungen (und damit seiner Konflikte) auszugehen ist, traue ich mir hier ein paar Prognosen zu: die Konflikte der Zukunft finden nicht mehr zwischen Staaten statt, sondern zwischen Weltanschauungen.”

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19. April 2015

Links der Woche

  • Das Gärtner-Prinzip:

    “Der Jongleur Alex Barron hat es 2012 geschafft 11 Bälle für eine Weile in der Luft zu halten und 23 mal hintereinander aufzufangen. (…) Möglicherweise wird dieser Rekord in den nächsten Jahren noch um einen Ball verbessert, aber Alex Baron’s Rekord scheint die Kapazitätsgrenze bei der Balljonglage ganz gut zu markieren: Menschen können maximal 10 bis 11 Bälle jonglieren. Wir kennen auch die Kapazitätsgrenze beim Management von Großprojekten ganz gut. Sie wurde in den letzten Jahren sichtbar, als (wieder mal) diverse Großprojekte scheiterten oder zu scheitern drohten.”

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15. April 2015

Vorratsdatenspeicherung: Hurra, der Pumuckl ist wieder da!

 

tl;dr: Warum die neuen Leitlinien zur Vorratsdatenspeicherung noch schlimmer sind als die Gesetze zuvor.

vds

Manchmal bin ich ein wenig für die Vorratsdatenspeicherung. Wenn beispielsweise Stalker, Mobber oder Trolle einem das Leben zur Hölle machen, wäre es toll, die Identität der Angreifer herausfinden zu können. Wer sich technisch aber ein wenig auskennt, weiß aber dass IP-Adressen keine Beweiskraft haben und ein solches Gesetz im globalen Internet sowieso nichts ausrichtet.

Dennoch versucht eine Regierung nach der anderen (immer unter Beteiligung von SPD und CDU), die Vorratsdatenspeicherung in immer neuen Anläufen durchzusetzen. Was gespeichert werden soll, geht weit über IP-Adressen hinaus und klingt nach dem feuchten Traum von Ermittlungsbehörden: Wer hat wann wem welche E-Mail geschickt, wann mit wem telefoniert und vor allem sich wann wo mit seinem Telefon aufgehalten? Bundesverfassungsgericht und Europäischer Gerichtshof haben diese Ansinnen kassiert, weil sie auf Generalverdacht und Totalüberwachung der Bevölkerung hinauslaufen.

Doch schon der Richterspruch des Verfassungsgerichts ergab, dass eine Vorratsdatenspeicherung unter bestimmten Umständen mit dem Grundgesetz vereinbar sei: Berufsgruppen die Geheimnisträger sind, müssen ausgenommen werden, es muss einen Richtervorbehalt geben, die Abfrage muss auf “schwerste Delikte” (oder “schwere”, da gibt es offenbar mehrere Sprachregelungen) begrenzt sein und die Daten müssen vor “Diebstahl” geschützt werden. Genau das hat sich die Regierung jetzt in die Leitlinien für einen neuen Gesetzesentwurf geschrieben, der dann irgendwann die nächsten Monate durchs Parlament soll.

Dabei sind diese Einschränkungen ausgesprochen fragwürdig, weil Gerichte notorisch überlastet sind, um Fälle hinreichend gut zu prüfen, Straftatenkataloge gerne mal nachträglich angepasst werden und das mit den Geheimnisträgern nicht so einfach ist: Ab wann ist man beispielsweise eigentlich Journalist? Viele Menschen arbeiten wie ich regelmäßig in einem Teil ihrer Zeit journalistisch, ohne einen Presseausweis zu besitzen. Tja und die Datensicherheit. Daten sind unglaublich schwer zu schützen. Man denke nur an die vielen, vielen Leaks und Hacks der letzten Jahre und veröffentlichte Listen mit Millionen von Kreditkartendaten. Wenn ich daran denke, wieviele Behörden-PCs noch mit Windows XP laufen, wird mir ganz anders.

Und jetzt kommt der Teil, der den neuen Anlauf noch schlimmer macht als all die Versuche zuvor: Um die auf Vorrat gespeicherten Daten zu schützen, wird ein neuer Straftatbestand geschaffen: Datenhehlerei. Dazu gibt es noch keinen Gesetzesentwurf, aber ich wette jetzt schon mehrere Kisten Mate, dass sich dieser neue Straftatbestand nicht auf die Vorratsdatenspeicherung beziehen sondern allgemein gehalten sein wird. Damit werden dann Whistleblower in Zukunft nicht stärker geschützt sondern noch weiter kriminalisiert.

Darüber redet die Regierung natürlich nicht. Sie will uns beschwichtigen: Das ganze sei schließlich ein Kompromiss, weil die Daten nach den neuen Leitlinien nur noch 10 Wochen gespeichert werden sollen statt wie in früheren Entwürfen sechs Monate. Das findet Justizminister Heiko Maas so frappierend, dass er seine noch vor vier Monaten in der Süddeutschen hinausposaunte strikte Ablehnung nun revidiert. Aber der Tweet ist ja auch älter als 10 Wochen…


Bleibt die Hoffnung, dass der Europäische Gerichtshof das Gesetz dann in ein paar Jahren kippt. Der hat in dieser Sache bisher nämlich strenger geurteilt als das deutsche Verfassungsgericht. Dann wäre wieder Ruhe, aber nur bis die nächste Regierung unter Beteiligung von CDU und SPD einen neuen Anlauf nimmt.

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