sofa die ennomane

26. April 2015

Links der Woche

  • Who Doesn’t Want to Live Forever? The Cult of Singularity | Big Think:
  • Kinderfotos im Netz? Ja, bitte.:

    “Diese drei Ereignisse haben nicht viel miteinander zu tun. Und doch sagen sie etwas Wichtiges aus: Kinder finden in unserer Gesellschaft kaum öffentlich statt. Sie werden morgens in den Kindergarten gebracht, nachmittags abgeholt, möglichst auf Spielplätze verfrachtet und – bitte niemanden stören – bestenfalls mit in Eltern-Kind-Cafés mitgenommen.”

  • Ersatz-Personalausweis:

    “Der E. ist ein Euphemismus. Für Terrorverdächtigenausweis.”

  • Was ist Faschismus?:

    “Etwas worüber ich mich regelmässig ärgere ist, wie der Begriff “Faschismus” oft als beliebige Bezeichnung verwendet wird, um Missfallen auszudrücken über etwas, das man politisch als völlig inakzeptabel empfindet. Dies ist einerseits oft verharmlosend was die faschistischen Bewegungen angeht und anderseits oft völlig von Sinn befreit. Der Begriff wird auf eine politische Beleidigung reduziert. Grund genug hier ein wenig über das Konzept nachzudenken.”

  • 23. April 2015:

    techniktagebuch:

    “Ich habe noch fünf Minuten Zeit, am Automaten ein Ticket für den schottischen Zug zu kaufen. Ich komme bis zur Eingabe meiner PIN, dann sagt das Kartenzahlungsdisplay sehr lange “Bitte warten”, dann erscheint auf dem Hauptdisplay des Automaten “Out of service”. Ich gehe ins Bahnhofsgebäude und sage, dass der Automat meine Karte verschluckt hat. Der Bahnmitarbeiter sagt, dass er keinen Zugriff auf den Automaten hat.”

  • Warum wir eine Netzinnenpolitik brauchen:

    “Da von dem weiteren Wachstum des Netzes und der Vielfältigkeit seiner Verbindungen (und damit seiner Konflikte) auszugehen ist, traue ich mir hier ein paar Prognosen zu: die Konflikte der Zukunft finden nicht mehr zwischen Staaten statt, sondern zwischen Weltanschauungen.”

Flattr this!

Bisher keine Kommentare (sei Erste*r!)
19. April 2015

Links der Woche

  • Das Gärtner-Prinzip:

    “Der Jongleur Alex Barron hat es 2012 geschafft 11 Bälle für eine Weile in der Luft zu halten und 23 mal hintereinander aufzufangen. (…) Möglicherweise wird dieser Rekord in den nächsten Jahren noch um einen Ball verbessert, aber Alex Baron’s Rekord scheint die Kapazitätsgrenze bei der Balljonglage ganz gut zu markieren: Menschen können maximal 10 bis 11 Bälle jonglieren. Wir kennen auch die Kapazitätsgrenze beim Management von Großprojekten ganz gut. Sie wurde in den letzten Jahren sichtbar, als (wieder mal) diverse Großprojekte scheiterten oder zu scheitern drohten.”

Flattr this!

Bisher keine Kommentare (sei Erste*r!)
15. April 2015

Vorratsdatenspeicherung: Hurra, der Pumuckl ist wieder da!

 

tl;dr: Warum die neuen Leitlinien zur Vorratsdatenspeicherung noch schlimmer sind als die Gesetze zuvor.

vds

Manchmal bin ich ein wenig für die Vorratsdatenspeicherung. Wenn beispielsweise Stalker, Mobber oder Trolle einem das Leben zur Hölle machen, wäre es toll, die Identität der Angreifer herausfinden zu können. Wer sich technisch aber ein wenig auskennt, weiß aber dass IP-Adressen keine Beweiskraft haben und ein solches Gesetz im globalen Internet sowieso nichts ausrichtet.

Dennoch versucht eine Regierung nach der anderen (immer unter Beteiligung von SPD und CDU), die Vorratsdatenspeicherung in immer neuen Anläufen durchzusetzen. Was gespeichert werden soll, geht weit über IP-Adressen hinaus und klingt nach dem feuchten Traum von Ermittlungsbehörden: Wer hat wann wem welche E-Mail geschickt, wann mit wem telefoniert und vor allem sich wann wo mit seinem Telefon aufgehalten? Bundesverfassungsgericht und Europäischer Gerichtshof haben diese Ansinnen kassiert, weil sie auf Generalverdacht und Totalüberwachung der Bevölkerung hinauslaufen.

Doch schon der Richterspruch des Verfassungsgerichts ergab, dass eine Vorratsdatenspeicherung unter bestimmten Umständen mit dem Grundgesetz vereinbar sei: Berufsgruppen die Geheimnisträger sind, müssen ausgenommen werden, es muss einen Richtervorbehalt geben, die Abfrage muss auf “schwerste Delikte” (oder “schwere”, da gibt es offenbar mehrere Sprachregelungen) begrenzt sein und die Daten müssen vor “Diebstahl” geschützt werden. Genau das hat sich die Regierung jetzt in die Leitlinien für einen neuen Gesetzesentwurf geschrieben, der dann irgendwann die nächsten Monate durchs Parlament soll.

Dabei sind diese Einschränkungen ausgesprochen fragwürdig, weil Gerichte notorisch überlastet sind, um Fälle hinreichend gut zu prüfen, Straftatenkataloge gerne mal nachträglich angepasst werden und das mit den Geheimnisträgern nicht so einfach ist: Ab wann ist man beispielsweise eigentlich Journalist? Viele Menschen arbeiten wie ich regelmäßig in einem Teil ihrer Zeit journalistisch, ohne einen Presseausweis zu besitzen. Tja und die Datensicherheit. Daten sind unglaublich schwer zu schützen. Man denke nur an die vielen, vielen Leaks und Hacks der letzten Jahre und veröffentlichte Listen mit Millionen von Kreditkartendaten. Wenn ich daran denke, wieviele Behörden-PCs noch mit Windows XP laufen, wird mir ganz anders.

Und jetzt kommt der Teil, der den neuen Anlauf noch schlimmer macht als all die Versuche zuvor: Um die auf Vorrat gespeicherten Daten zu schützen, wird ein neuer Straftatbestand geschaffen: Datenhehlerei. Dazu gibt es noch keinen Gesetzesentwurf, aber ich wette jetzt schon mehrere Kisten Mate, dass sich dieser neue Straftatbestand nicht auf die Vorratsdatenspeicherung beziehen sondern allgemein gehalten sein wird. Damit werden dann Whistleblower in Zukunft nicht stärker geschützt sondern noch weiter kriminalisiert.

Darüber redet die Regierung natürlich nicht. Sie will uns beschwichtigen: Das ganze sei schließlich ein Kompromiss, weil die Daten nach den neuen Leitlinien nur noch 10 Wochen gespeichert werden sollen statt wie in früheren Entwürfen sechs Monate. Das findet Justizminister Heiko Maas so frappierend, dass er seine noch vor vier Monaten in der Süddeutschen hinausposaunte strikte Ablehnung nun revidiert. Aber der Tweet ist ja auch älter als 10 Wochen…


Bleibt die Hoffnung, dass der Europäische Gerichtshof das Gesetz dann in ein paar Jahren kippt. Der hat in dieser Sache bisher nämlich strenger geurteilt als das deutsche Verfassungsgericht. Dann wäre wieder Ruhe, aber nur bis die nächste Regierung unter Beteiligung von CDU und SPD einen neuen Anlauf nimmt.

Flattr this!

Ein Kommentar
12. April 2015

Links der Woche

Flattr this!

Bisher keine Kommentare (sei Erste*r!)
5. April 2015

Links der Woche

  • Furunkel | Frau Haessy schreibt.:

    “Karfreitag, das Furunkel in der Beziehung des modernen Atheisten zur christlichen Kirche.”

  • Einführung in den Fefismus. | H I E R:

    “Ich lese Fefe nicht und zwar wegen seiner mangelnden journalistischen, moralischen und diskursethischen Integrität. Wer ihn dennoch liest, kann von mir nicht erwarten, dass ich sie oder ihn noch irgendwie ernst nehme.”

  • jungle-world.com – Archiv – 13/2015 – Networld – Die Apple-Watch ist nicht beeindruckend:

Flattr this!

Bisher keine Kommentare (sei Erste*r!)
3. April 2015

Tanzverbot, die Eintausenddrölfzigste

tl;dr: Karfreitag ist ein Gedenktag für Nicht-Christen

karfreitag

Am Karfreitag über das Tanzverbot zu meckern, ist mittlerweile ein Ritual, das viele Menschen nervt. Claudia Häßy hat das auf ihre ganz besonders charmante Art zusammengefasst. Allerdings gibt es da wohl ein paar Missverständnisse:

Missverständnis Nummer 1: Nein, natürlich habe ich heute nicht vor, tanzen zu gehen. Darum geht es auch gar nicht. Es geht darum, dass eine religiöse Gruppe (je nach Lesart eine knappe Mehrheit oder große Minderheit) es schafft, dem Rest der Gesellschaft ihre Regeln aufzudrängen. Der Karfreitag ist per Gesetz zu einer Art Volkstrauertag erklärt worden, und alle müssen sich dran halten, egal wie sie zum Christentum stehen. Wie groß wäre der Aufschrei, wenn wir plötzlich irgendwas nicht mehr tun dürften, weil – sagen wir – ein islamischer Feiertag es verbietet? Natürlich ist das Tanzverbot an Karfreitag eine Lappalie. Es ist aber eine Metapher, die für mehr steht. Für konfessionelle Schulen, die nichtchristliche Migrantenkinder ausgrenzen; für ein Spezialarbeitsrecht, das es kirchlichen Trägern erlaubt, ihre Mitarbeiter auf eine Weise auszubeuten, von der andere Arbeitgeber nur träumen können;  für allerlei kirchliche Einrichtungen bis hin zu Bischofsgehältern, die nicht von der Kirche und auch nicht aus der Kirchensteuer sondern vom Staat bezahlt werden; usw. usw. usw. Es geht darum, dass die beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland Privilegien genießen, die ungerecht gegenüber all denjenigen sind, die damit nichts zu tun haben (wollen).

Missverständnis Nummer 2: Mit Atheismus hat das ganze nur am Rande zu tun. Es ist egal, ob du Atheist bist, Jude, Moslem, Buddhist, Anhänger einer Freikirche, Mormone, Neuheide oder Pantheist: Dein Glaube ist Privatsache und ob die Ausübung deiner Religion zu deinen Arbeitszeiten oder irgendwelchen Gesetzen passt, interessiert (zu recht) kein Schwein. Außer du bist zufällig evangelischer oder katholischer Christ. Der Karfreitag mit seinem Tanzverbotsbeschimpfungsritual ist ungewollt zu einem Gedenktag dafür geworden, dass Deutschland kein säkularer Staat ist – und einer vor dem nicht alle gleich sind.

Eine faire Regelung wäre: Abschaffung all dieser Privilegien und Feiertage. Gebt den Leuten stattdessen ein paar Urlaubstage mehr und das verbriefte Recht, an den Feiertagen ihrer Religion freizunehmen, auch wenn dem Arbeitgeber das nicht passt. Wer’s nicht braucht, hat halt im Sommer ne Woche mehr auf Malle. Ich bin mir sicher, dass eine solche Regelung nicht nur arbeitnehmer- sondern auch arbeitgeberfreundlich wäre, wenn Leute an bestimmten Tagen fehlen, während sie dafür sicher gerne freiwillig an Tagen arbeiten, an denen Christen die Geburt, den Tod oder die Auferstehung Jesu mit Fressorgien und “Die Hard 17″ auf Sat.1 feiern wollen.

P.S.: Menschen für die Inhalte ihrer Religion auszulachen, ist im Rahmen dieser Debatte eher so mittel erfolgversprechend.

P.P.S.: Ach und über den Sonntag reden wir besser ein andermal.

Flattr this!

Ein Kommentar
29. März 2015

Links der Woche

  • Nein. Analog ist nicht das neue Bio.:

    “Gerne würde ich ein Buch mit dem Titel Digitaler Nonsense schreiben. Es enthielte Begriffe, Argumente und Narrative, mit denen die Digitalisierung immer wieder beschrieben wird, die aber nur in die Irre führen, Zusammenhänge verzerren, manipulieren.“

  • Witwenschütteln – Das wollt Ihr alle nicht erleben.:
  • jungle-world.com – Archiv – 13/2015 – Dschungel – Die finnische Punkband Pertti Kurikan Nimipäivät:

    “Kurikka, Drummer Toni Välitalo, Bassist Sami Helle und Sänger Kari Aalto – vier Männer zwischen Anfang 30 und Ende 50 mit vier Diagnosen: Down-Syndrom, Williams-Syndrom, MBD und Intelligenzschwäche.“

  • 1997 oder 1998:

    techniktagebuch:

    Am Hackeschen Markt an der S-Bahn läuft vor mir ein langhaariger Mann telefonierend die Treppe hoch. Handybenutzung im öffentlichen Raum gehört noch nicht zum alltäglichen Stadtbild, deswegen fällt er mir besonders auf. Aber auch weil der Mann sehr aufgebracht zu sein scheint, er spricht laut und…

  • Copyright exceptions and limitations – back to the future – EDRi:

    Wenn es nach der “Content-Mafia” ginge, gäbe so wenige Ausnahmen im Urheberrecht, dass Musikhören mit digitalen Hörgeräten oder Cochlea-Implantaten bereits eine illegale Kopie darstellen würde.

  • Braune Esoterik und Verschwörungsideologien:

    “Abzulehnen ist esoterisches, magisches, mythisches Denken freilich trotzdem: Nicht nur weil es als Kitt für das falsche Ganze dient, sondern auch wegen seiner Nähe zu antiemanzipatorischen bis neonazistischen Vorstellungen. Der Glaube an Schicksal und eine »ewige Ordnung«, die Betonung des Übersinnlichen, Unbewussten oder Naturhaften sind mit dem Versuch einer rationalen Einrichtung der Gesellschaft nicht vereinbar.”

Flattr this!

Bisher keine Kommentare (sei Erste*r!)
22. März 2015

Laberbacke Roadkill

tl;dr: Taucht in einem nichtmedizinischen Text das Wort “Autismus” auf, ist das ein guter Indikator, einfach nicht weiterzulesen.

Lucy

Helene Hegemann hat im Feuilleton der FAZ einen Artikel geschrieben. Was genau sie sagen will, wird nicht so ganz klar, weil sie offenbar nicht in der Lage ist, sich verständlich auszudrücken. Das ist eher tragisch für eine Literatin.

Bemerkenswert ist der Text, weil er mal wieder den Begriff “Autismus” als Schimpfwort benutzt. Zitat:

Bei dieser neuen, glorifizierten Form von Autismus handelt es sich nicht um unberechenbare Asperger-Kids, die schon im Vorschulalter masturbierend am Kronleuchter hängen.

Was wohl los wäre, würde sie mit ähnlichen Formulierungen Menschen mit Down-Syndrom, Gehörlose, Parkinson-Kranke oder Querschnittsgelähmte diffamieren?

Ich glaube ja, dass Helene Hegemann keine Schuld trifft. Als Quasi-(Ex)Kinderstar der Literaturszene mit wegen Plagiatsvorwürfen abgelaufenem Welpenschutz bleibt ihr zum Gelderwerb halt nur die Möglichkeit, ahnungslos wie merkbefreit rumzumeinen. Schlimm ist vor allem, dass die FAZ sie nicht vor sich selbst schützt und den Scheiß auch noch publiziert. Aber wahrscheinlich braucht die FAZ ebenfalls jemanden, der sie vor sich selbst schützt.

(Foto: Eine hegemannsche Autistin beim Lesen der FAZ.)

Flattr this!

3 Kommentare
22. März 2015

Links der Woche

  • Schulen sperren Schulkinder zur Sonnenfinsternis in verdunkelten Räumen ein:

    “Einen Moment lang war ich sprachlos, Mademoiselles Schule habe ich nämlich in den letzten 4 Jahren als unaufgeregte, reflektierte und intelligente Einrichtung kennengelernt. Also frage ich zunächst einmal “warum” mit dem Ergebnis: Man sei von besorgten Eltern angesprochen worden die der Presse entnommen hätten, es bestünde Gefahr, und man wüsste ja nicht wirklich, weshalb es besser wäre, auf der sicheren Seite zu irren.”

  • Behindertenbeauftragte zum Thema Inklusion: “Separierung hat in Deutschland Tradition”:

    “Mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention im März 2009 hat sich die Bundesrepublik zu einem inklusiven Schulsystem bekannt. Das wird von den Ländern aber sehr unterschiedlich umgesetzt, sagt Verena Bentele, die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung.”

  • Ethikproblemumfahrungsalgorithmus:

    “Da es doch eher unangenehm ist doch ständig drauf gewappnet sein zu müssen, dass die Software keinen Bock mehr hat, werden die Hersteller das Problem in Folge outsourcen: anstatt den Passagier zu belästigen wird die Aufgabe des schnellen Einschreitens an Menschen in einem Callcenter ausgegliedert. So wie sie uns jetzt durch die Einrichtung unserer WLAN-Routers leiten, werden sie in Zukunft das unser Auto für uns durch Baustellen fernsteuern, damit wir nicht von unseren Smartphones aufschauen müssen.”

  • The ultimate physical limits of privacy:

    “Does living in a black hole provide privacy? Couldn’t they follow you into the hole?”

  • Alte Leipziger:

    “Ob ich denn zu ‘so einem Feministenverein’ gehören würde, sagte er.”

Flattr this!

Bisher keine Kommentare (sei Erste*r!)
15. März 2015

Datenschutz ist ein seltsames Konzept

tl;dr: Datenschutz als Konzept ist “broken beyond repair” (oder: Warum ich schon länger kein Pirat mehr bin)

datenschutz

Ich weiß, Postprivacy ist seit Snowden out. Trotzdem beobachte ich das Treiben der Datenschützer (längst nicht nur der Piratenpartei) mit Befremden. Je länger ich über Datenschutz im Allgemeinen und den deutschen Datenschutz im Speziellen nachdenke, desto weniger verstehe ich das Denken dahinter.

Datenschutzgesetze sollen vor Diskriminierung schützen. Das tun sie leidlich, aber um den Preis, dass sie auch Verbrechen schützen. Privatsphäre bedeutet halt nicht nur, in Ruhe zu onanieren, sondern auch unsichtbare Gewalt in Familien. Diskriminierung mit Datenschutz zu bekämpfen wird absurd, sobald man darüber nachdenkt, wieviel Diskriminierung aufgrund nicht schützbarer Daten passiert. Wir können weder unser Geschlecht verheimlichen, noch unsere Hautfarbe. Allein dadurch, dass wir vor die Tür gehen, geben wir permanent Daten von uns Preis. Die jüdische Gemeinde verschickt ihr Magazin “Jüdisches Berlin” jetzt in neutralen Umschlägen, aus Angst vor Übergriffen. Ist das wirklich die Antwort, die wir den Juden in Deutschland anbieten wollen, oder wollen wir lieber Antisemitismus bekämpfen? Datenschutz konsequent zu Ende gedacht, würde bedeuten, dass wir alle eine Burka tragen müssten – nicht nur die Frauen.

Vollkommen desillusionierend finde ich, dass sehr viele (ich betone: viele, längst nicht alle!) Datenschützer aus der Nerd-Szene sich nur für sich selbst zu interessieren scheinen. Sexismus, Rassismus und diverse andere Formen der Diskriminierung sind für sie kein Thema. Wer laut “Datenschutz” schreit, ohne gleichzeitig gegen Diskriminierung vorzugehen, will in Wirklichkeit nur seinen eigenen, privaten Datenschutz zur Verteidigung meist männlicher, weißer Privilegien. Sehr viele dieser Nerd-Datenschützer agieren sogar selbst diskriminierend, wenn sie trollend im Netz unterwegs sind, und Datenschutz bietet ihnen dafür einen Schutzraum.

Und dann ist da noch der Kult um die “freiheitlich demokratische Grundordnung”, im Rahmen dessen Menschen schonmal das Grundgesetz heiraten. Als ob das Grundgesetz in Stein gemeißelt wäre. Es enthält in der heutigen Form eine menschenfeindliche Asylgesetzgebung. Das Grundgesetz verhindert weder einen Striptease im Jobcenter noch das Ehegattensplitting und andere Formen sexistischer Diskriminierung. Es verhindert kein Racial Profiling und keine Hausdurchsuchung wegen einer harmlosen Hanfpflanze auf dem Balkon. Die FDGO verhindert sehr vieles nicht, wogegen Datenschutz schützen soll. Ich bin kein Jurist und kann nicht beurteilen, wieviele Gesetze grundgesetzwidrig sind und an welchen Stellen das Grundgesetz selbst repariert werden müsste. Klar ist nur: Zum Götzen sollte man es nicht machen.

Aus dem Grundgesetz abgeleitet ist die “informationelle Selbstbestimmung”. Auch dieser Gedanke ist längst ad absurdum geführt, es sei denn, wir schalten das Internet ab. Sie setzt voraus, dass wir überblicken und kontrollieren könnten, wer wann welche Daten über uns gewinnt. Das ist ein absolut hoffnungsloses Unterfangen. Michael Seemann hat dazu das Wort “Kontrollverlust” geprägt und in seinem Buch “Das neue Spiel” dargelegt, wie wir damit umgehen könnten. Im Rückblick muss ich aber sagen: So etwas wie “informationelle Selbstbestimmung” definieren zu wollen, zeugt selbst für die kaum digitalisierten 80er Jahre von rührender Ahnungslosigkeit. Selbst analog erzeugen wir ständig Informationen über uns und haben wenig Einfluss darauf, was unsere Mitmenschen aus diesen Informationen machen – sprich, wie sie über uns denken oder ob sie uns sogar diskriminieren.

Dementsprechend katastrophal ist es um den Datenschutz in Deutschland bestellt. Wer irgendwo ein Cookie setzt und dabei Opt-Out-Regeln nicht bis aufs i-Tüpfelchen befolgt und als Totem eine von niemandem je gelesene Datenschutzbelehrung unters Impressum tackert, riskiert Ärger mit Behörden und abmahnenden Konkurrenten, während althergebrachte Printverlage das Listenprivileg genießen und einen schwunghaften Handel mit den Daten ihrer Abonnenten treiben dürfen. Ein Handel übrigens, den weder Google noch Facebook betreiben, weil die Daten für ihr Geschäftsmodell viel zu wertvoll sind. Deutsches Datenschutzrecht verhindert weder, dass Jobcenter-Mitarbeiter Zahnbürsten in “Bedarfsgemeinschaften” zählen (was einer Hausdurchsuchung gleichkommt) noch dass “Bild” Menschen an die Öffentlichkeit zerrt. Wer will in einer Gesellschaft leben, in der Datenschutzgesetze dermaßen streng und umfangreich sind, dass keine Information mehr durchtröpfelt, aufgrund derer diskriminiert werden könnte? Leben in der Einzelzelle? Das Sammeln und Auswerten von Daten verhilft uns zu Erkenntnisgewinn. Dass jemand Daten nutzt, um anderen zu schaden, ist nicht die Schuld der Daten sondern dieses Jemand. Datenschutz ist die Anwendung eines Konzeptes aus dem vergangenen Jahrhundert auf eine Welt, zu der er nicht mehr passt und kann nicht die politische Stoßrichtung sein. Sondern die Bekämpfung von Diskriminierung. Nicht Daten schützen – Menschen schützen!

P.S.: Und die NSA? Die NSA, GCHQ und natürlich auch der BND sind ein Problem für sich. Kein Datenschutzgesetz dieser Welt wird sie davon abhalten, das zu tun, was sie tun. Übrigens auch kein Antidiskriminierungsgesetz. Ich weiß nicht, was wir dagegen tun können, ich weiß nur: Die aktuellen Datenschutzdebatten der letzten Jahre helfen hier kein Stück weiter.

 

Flattr this!

2 Kommentare